Offenbarung 21,6
Jahreslosung 2018

Von: Andreas Kahnt
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Gott sagt: »Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst!«

Zeiten großer Verunsicherung

Die Jahreslosung trifft in eine Zeit großer Verunsicherung: Mächtige in Moskau, Washington, Ankara oder Pjöngjang halten die Menschheit in Atem. Deutschland findet keine Regierungskoalition. Die AfD sitzt im Bundestag. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Der Klimagipfel lässt die arme Weltbevölkerung ratlos zurück, die reiche geht zur Tageordnung über. Krieg und Vertreibung hören nicht auf. Visionen von Frieden, von Gerechtigkeit, von Bewahrung der Schöpfung? Fehlanzeige!

Verunsicherung im politischen und gesellschaftlichen Leben prägt auch die Kirche im späten 1. Jh. Christliche Gemeinden sehen sich den Zumutungen eines Staates gegenüber, die sich im Kaiserkult zuspitzen. Dem stellt die Offb. eine großartige Thronvision entgegen. Im 21. Kapitel erreicht sie ihren Höhepunkt: »Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; (…) denn das Erste ist vergangen!«


Gott wirkt zugleich machtvoll und seelsorglich

Neben der mit dieser großartigen Schau verbundenen Selbstabgrenzung gegenüber dem Kaiserkult geht vor allem bitter nötiger Trost einher: Das Gegenwärtige dauert nicht ewig, sondern ist überwunden in Christus. »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein!« Gott wirkt zugleich machtvoll und seelsorglich.

»Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last.« Was Bonhoeffer übers alte Jahr dichtet, verdichtet sich zur Beschreibung menschlicher Existenz angesichts der Zumutungen des Lebens, des aktuell Bedrängenden und der belastenden Unfähigkeit, sich den allgegenwärtigen Verführungen materieller, populistischer oder anders schädlicher Einflüsterungen zu entziehen. Bonhoeffer: »Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.« Dieses Heil wird umfassend in Offb. 21,1-7 erzählt und findet ihren seelsorglichen Höhepunkt in der Jahreslosung.


Symbolik des Wassers

Es liegt nahe, gedanklich der Symbolik des Wassers zu folgen. Das entspricht der Tatsache, dass die Offb. Motive aus den hebräischen Schriften aufgreift. Der Durst nach dem verheißenen Heil kommt breit zum Ausdruck, ebenso die mit dem Heil verbundene Kraft lebendigen Wassers. Die Wassersymbolik ist jedoch ambivalent, während Offb. 21,6 eindeutig Heilsansage ist. Zudem drängt die Jahreslosung dazu, vom Durst, also von der Bedürftigkeit und von der Sehnsucht des Menschen nach Erfüllung, nach »Heil und Leben« zur »Quelle« zu kommen, zum »lebendigen Wasser«, nämlich Christus (vgl. Joh. 4). Die Predigt mag die Ewigkeit in den Blick nehmen (Taufe, Bestattung) oder, geleitet vom Wort »umsonst«, von reformatorischer Weite erzählen.


Etwas für Leute mit Visionen

Grundsätzlich ist die Jahreslosung etwas für Leute mit Visionen. Menschen, die nicht aufhören sich vorzustellen, dass bessere Zeiten kommen können. Menschen mit Demut und Gottvertrauen, die sich und ihre eigenen Möglichkeiten realistisch einschätzen und ansonsten Gott zutrauen, dass ihr Leben und alles an ein gutes Ende gelangt. Leute wie meine Großmutter: 45 Jahre lang war sie Witwe. Als sie 31 Jahre alt war, verlor sie ihr erstes Kind, mit 65 ihr zweites. Mehr hatte sie nicht. Dennoch – oder gerade deswegen, wer weiß das schon – ging sie mit ihren Enkelkindern im Sommer gern an einen entlegenen Ort, »Gottes Brünnlein« genannt. Mir war der Weg dorthin immer zu weit, es war immer zu heiß, die Beine immer schnell müde, der Durst groß. Müdigkeit und Durst haben sich mir mehr eingeprägt als die kleine lebendige Quelle und das erfrischende Wasser. Aber noch mehr eingeprägt haben sich die Erzählungen der Großmutter am Wege: von trostlosen Jahren als Kind, von glücklichen Jahren mit ihrem Mann, von der Freude an den Kindern. Sie erzählte vom Leben, vom Lieben, vom Gewinnen und vom Verlieren und von der Verantwortung, die sie für uns Enkelkinder hatte: vom Lernen, von Bildung, von Selbständigkeit, von Gottvertrauen und von Zukunft. Da war ein großer Durst in ihr, und ich bin sicher, das Leben ihrer Enkel war Teil ihres Durstes. »Gottes Brünnlein« fand sie im Glauben und in der Kraft, trotz allem und für andere zu leben. »Wer überwindet, der wird es alles ererben!«


Andreas Kahnt

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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