7. Januar 2018, 1. Korinther 1,26-31
1. Sonntag nach Epiphanias

Von: Güntzel Schmidt
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Die denkbar größte Provokation


I

»Wir sind alle lauter arme, kleine Würstchen
unter vielen andern armen, kleinen ­Würstchen.
Doch die meisten von uns sind für die ­Erkenntnis blind,
dass sie auch nur lauter arme, kleine ­Würstchen sind«

– dichtet Reinhard Mey (https://www.
youtube.com/watch?v=stqbO10N8mA)

Dieses Lied legt den Finger in eine Wunde, die von Christenmenschen gern verleugnet wird, aber dadurch besonders schwärt: die Eitelkeit. Man darf es nicht laut sagen, aber hat es doch ganz gern, wenn man mit dem Bürgermeister und anderen Honoratioren am Ehrentisch sitzt, sich mit Foto in der Zeitung oder gar im Fernsehen wiederfindet oder ein Selfie mit dem Bundespräsidenten posten kann. Und warum auch nicht? Warum soll man sich nicht auch ein wenig in seinem Erfolg sonnen? Warum soll man nicht zeigen dürfen, was man kann, wen man kennt, wie wichtig man ist? Dieses schamhafte Verstecken der eigenen Leistungen, diese gezwungene Demut, wenn es gilt, sich – und damit doch irgendwie auch den Glauben und die Kirche – von der besten Seite zu zeigen!


II

Paulus geht mit dem Predigttext auf unsere Schwäche, die Eitelkeit, ein. Er nennt sie das »Rühmen«. Die Verse über die Eitelkeit sind ein Exempel für die in 1,18-25 gemachten Ausführungen von der Torheit des Kreuzes. Sie sollen aufweisen, dass das Paradox des Kreuzes auch für Gottes Gnadenwahl gilt: Gott erwählt die, deren man sich gemeinhin schämt (so wie Jesus sich mit Prostituierten, aus der Gemeinde Geworfenen und Kollaborateuren umgab). Die Korinther sollen dabei an eigene Erfahrungen anknüpfen: »Seht euch doch mal an! Ihr seid nicht besser – und das ist gut so!«

Ob Paulus das gelungen ist? Oder ob es nicht den Korinthern damals wie uns heute schwer fiel, sich einzugestehen, dass da nicht Gebildete, Vermögende und Angesehene berufen worden sind, sondern lauter »arme, kleine Würstchen«?

Gottes Vorliebe für die (angeblich) Dummen, Schwachen, Versager und Nichtse hat Methode. Denn wer sich für sich selbst schämt, bildet sich nichts auf sich ein. Dabei geht es nicht um die moralische Haltung der Bescheidenheit, sondern um eine theologische, die Schleiermacher als »schlechthinnige Abhängigkeit« definiert hat: Ich kann und bin nichts, Christus ist alles. Dieser Satz darf keine Attitüde sein, sondern muss zur Erkenntnis werden, die man als rettenden Strohhalm ergreift, weil man die eigenen Grenzen kennen gelernt – und bekannt hat. Nur, wer um die eigenen Schwächen, Fehler und Grenzen weiß, wird sich Gott anvertrauen. Gott »will seine Macht nur verborgen in tiefster Ohnmacht erscheinen … lassen. Dabei kommt dann heraus, ob Menschen Gott wirklich Gott sein lassen« (W. Schrage, EKK VII/I, 212). Das Stehen zur eigenen »Minderwertigkeit«, zu den eigenen Schwächen, wird zum Kriterium der Rechtfertigung.


III

Das, was der Predigttext zu sehen auffordert, ist »etwas sehr Unansehnliches (ist), nämlich der Schatten des Kreuzes auf der Gemeinde« (Schrage, a.a.O., 207f). Die Gemeinde wird da nicht gern hinsehen wollen – wer will das schon? Aber gerade diese Ablehnung zeigt doch, wie nötig es ist, genau in diese Wunde den Finger zu legen. In unserer Leistungsgesellschaft ist die Rede von der Erwählung der Schwachen, Unproduktiven, Versagenden die denkbar größte Provokation. Und sie ist zugleich der Hebel, der an unserem Selbstbild als Pfarrerinnen und Pfarrer ansetzt. So werden wir diesen Text nur glaubhaft predigen können, wenn wir uns der Frage ausgesetzt haben, wie sehr wir uns selbst über unsere Fähigkeiten definieren, und ob wir überhaupt unsere Schwächen zulassen und darin unsere Stärke erkennen können. Die Gemeinde jedenfalls wird es merken, ob wir uns dem Text gestellt haben, oder ob wir unsere eigene Eitelkeit mit dem Mantel der Frömmigkeit verhüllen.


Güntzel Schmidt

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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