Neue Chancen für eine alte Idee
»Leben wir noch im ›christlichen Abendland‹?«

Von: Richard Mössinger
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Die Rede vom »christlichen Abendland« scheint wieder politisch salonfähig. Sie ist jedoch irreführend. Richard Mössinger zeigt, dass der Begriff »christliches Abendland« nicht zur Abgrenzung taugt. Wer ihn hingegen positiv verwendet und für identitätsstiftend hält, der sollte auch die christlichen Motive sozialer und politischer Lebensgestaltung stark ­machen.*


Vom Abendland1 ist wieder die Rede. Die Verteidigung abendländischer Werte wird von vielen gefordert. Manche reden dabei auch vom christlichen Abendland. Die Erfahrungen sind widersprüchlich. Menschen wüten auf der einen Seite gegen die Christenheit und rufen gleichzeitig mit Kreuzen auf den Fahnen zur Verteidigung des christlichen Abendlandes. Quer durch unsere Gesellschaft wird das Christentum angefragt, seine Bedeutung bestritten und die Selbstsäkularisierung der Kirchen beklagt.

Leben wir noch im »christlichen Abendland«? Die Begegnung mit Fremden in unserem Land, die Erfahrung anderer Prägungen, Sitten und Gebräuche wecken die Suche nach kultureller Identität. Man will sich des Eigenen vergewissern. Da spielt die zitierte Frage eine Rolle. Leitkultur ist ein anderes Wort für diese Problematik. Schwammig, muffig, ewig gestrig heißen die Kommentare, wenn jemand zur Leitkultur etwas sagt. Trotzdem sind die Fragen da: Was ist denn deutsch? Was macht Europa aus? Wie wollen wir leben? Was erwarten wir von anderen?

Hier taucht die Rede vom Abendland auf. Und das ist nicht zufällig so: Wo man auf der Suche nach dem Eigenen ist, legt sich bei uns der Gedanke an das Abendland nahe.


Abendland und Morgenland

Der Straßburger Reformator Kaspar Hedio hat 1529 zum ersten Mal vom Abendland gesprochen.2 Der Begriff entstand, »weil vorher vom Morgenland die Rede war. Dorther kamen nach Martin Luthers wortschöpferischer Übersetzung die Weisen, die den neugeborenen König der Juden suchten. Ohne das ›Morgenland‹ gäbe es das ›Abendland‹ gar nicht. Ohne die anderen wären wir nicht,«3 hat Wolfgang Huber zum abgrenzenden Gebrauch des Wortes Abendland bemerkt.

So liefert schon die Entstehung der Rede vom Abendland einen ironischen Kommentar zu allen Versuchen, die Rede vom Abendland nur in negativer Abgrenzung zu verwenden. Das Abendland kommt sprachlich schon immer vom Morgenland her. Was aber noch lange nicht dagegen spricht, vom Abendland als einer positiven Größe zu reden.

Nach der Erfahrung des immer machtloser werdenden Heiligen römischen Reiches deutscher Nation und den Niederlagen in den napoleonischen Kriegen begann sich vor mehr als 200 Jahren im deutschen Sprachraum ein Nationalgefühl zu bilden. Auf der Suche nach Identität fragte man in Deutschland schon vor 1800 nach dem Eigenen und Verbindendenden. Es war die Zeit der Romantik.

Damals beschrieb Novalis wie im Traum die ideale Gestalt eines christlichen Europas: »Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte.«4 In dieser idealen Welt hatte niemand Not, allen stand die Zukunft offen, so sah es Novalis.

Von Novalis angeregt entwickelten 1799 die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel einen abendländischen Horizont, der sich auf kulturelle Traditionen stützte. »Europa. Eine Zeitschrift« hieß ihr Projekt. Im Vorwort steht: »Diese Zeitschrift ist bestimmt, an allem Anteil zu nehmen, was die Ausbildung des menschlichen Geistes am nächsten angeht, und das Licht der Schönheit und Wahrheit so weit als möglich zu verbreiten.«5

»Europa«, dabei geht es den Gebrüdern Schlegel um die Ausstrahlung des Abendlands. Zum Abendland gehörten für sie alle Länder, die durch ihr romanisches, germanisches und christliches Erbe den europäischen Kulturraum bildeten. Die Gründungspersönlichkeit des Abendlandes sah Friedrich Schlegel in Karl dem Großen.6 Diese symbolische Vaterfigur Europas ist mit dem Abendlandgedanken eigentümlich verbunden.


Auf der Suche nach nationaler Identität

»Abendland«, allein das Wort ist schön. Es entspricht mit seinem sprachlichen Klang der romantischen Erinnerung. Auf der Suche nach einer nationalen Identität halfen Sagen und Märchen. Man besann sich auf die deutsche Vergangenheit und ihre Geschichten. Restaurativ war die Baukunst: Neugotik, Neuromanik, Neorenaissance nannte man die Baustile. In den Fachwerkstädten Frankens fanden die Romantiker das ideale Deutschland. Auf dem Lichtenstein wurde durch Hauffs Roman angeregt eine mittelalterlich anmutende Burg gebaut, die es so im Mittelalter nie gegeben hatte. In derselben Epoche wurden im Echaztal darunter Eisenbahnschienen verlegt, ein Werkzeug der industriellen Revolution. Daran zeigt sich die innere Spaltung des 19. Jh. Eine rückwärts orientierte innere Haltung und eine sprunghaft sich entwickelnde Industriewelt gingen nebeneinander her.

Berlin vermehrte seine Einwohnerschaft in 100 Jahren von 30.000 Einwohnern auf fast 4 Mio. Deutschlands Wirtschaft wuchs, das Abendland war erfolgreich. Man redete ohne jeden Selbstzweifel von der Sendung Europas.

Und nun erlebte diese doppelgesichtige Kulturentwicklung den Ersten Weltkrieg. Eine Welt, die sich auf dem Weg zur besten aller Welten glaubte, führte einen grausamen Krieg, wie er in dieser Form der Zerstörung durch Giftgas, der bewussten Verwüstung ganzer Landstriche 1917 im Unternehmen »Alberich« und der Mechanisierung der Waffen bisher unbekannt war. In Zeiten des Hochgefühls sind die größten Grausamkeiten möglich: mechanisches Töten, Chemie als Mittel zum Massenmord.

Kaiser Wilhelm sprach bei seiner Kriegsrede 1914 noch vom Schwert7, und dann kamen Panzer und Gasmasken. Vernichtung über Vernichtung und verbrannte Erde, der durch die technische Zerstörung verstümmelte Mensch. So hatte man es sich nicht gedacht.


»Der Untergang des Abendlandes«

Es ist alles andere als zufällig, dass am Ende des Ersten Weltkriegs Oswald Spengler sein kulturphilosophisches Hauptwerk »Der Untergang des Abendlandes« nannte. In diesem Buch beschreibt er den Zerfall der überlegenen abendländischen Kultur, die Europa und Nordamerika repräsentieren. Spengler hat in seinem sehr eigenwilligen Werk ein Zeitgefühl getroffen. Er wurde zu einem viel gelesenen Autor. Das Buch ist eine ganz eigenständig gestaltete allgemeine Philosophie des Lebens, die sich besonders auf Nietzsche und Goethe bezieht. Aktuell war nur der Titel. Durch Spenglers Buch hatte das Bedrohungsgefühl der Deutschen einen Namen: der Untergang des Abendlandes.

Zwischen den Kriegen lebte der Gedanke eines friedvoll zusammenlebenden abendländischen Reiches wieder auf. Der Völkerbund sollte in Europa eine Friedensordnung sichern helfen.

Die behutsame Anknüpfung an traditionelle europäische Gedanken am Ende der Weimarer Republik formte der Nationalsozialismus zu einer spezifischen »abendländischen Identität« um. Diese Ideologie stellte sich als Rettung und Fortsetzung der abendländischen Kultur dar. Mit Leonidas, Hagen von Tronje oder Karl dem Großen wurden vorzugsweise Machtmenschen zu Vorläufern einer paneuropäischen Gesellschaft. Gleichzeitig dienten den Nationalsozialisten die abendländischen Gemeinsamkeiten zur Abgrenzung gegenüber Feindbildern, die von der slawischen, russisch-asiatischen und besonders von der jüdischen Kultur gezeichnet waren. Als Legitimation für Angriffskriege und Deportationen konnten diese Feindbilder einem Selbstbild der Zugehörigkeit zu einer arisch-abendländischen Kultur gegenübergestellt und in die vorherrschenden Ideologien von Rasse, Blut und Boden sowie in nationalsozialistische Europapläne integriert werden.


Ein Plan für Europa

Gegen die Gewaltoption der Nationalsozialisten entwickelte der französische Politiker Robert Schuman einen Plan für Europa, in dem dieser Erdteil den Weltfrieden sichern helfen sollte. Schuman sagte: »Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen. Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die Zivilisation leisten kann, ist unerlässlich für die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen«.8 Das Nachkriegseuropa sollte ein Modell für eine friedliche und völkerverbindende Entwicklung werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann in Westdeutschland die Abendlandidee wieder großen Einfluss. Konservativ-bürgerliche Werte sollten nach der Katastrophe der Hitler-Diktatur hier eine neue Verankerung finden. Man wollte sowohl gegen die als seelenlos und individualistisch empfundene Moderne in Stellung gehen als auch gegen den Kollektivismus und Totalitarismus der Sowjetunion. Auch vom so genannten Ungeist der nihilistischen nationalsozialistischen Vergangenheit grenzte sich die bürgerliche Abendlandideologie ab. »Rettet das Abendland«, plakatierte 1946 die CDU.

Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach in seiner ersten Regierungserklärung am 20. September 1949 ausdrücklich vom Abendland: »Aber im Namen der gesamten Bundesregierung kann ich folgendes sagen: unsere ganze Arbeit wird getragen sein von dem Geist christlich-abendländischer Kultur und von der Achtung vor dem Recht und vor der Würde des Menschen. – (Bravo!) – Wir hoffen – das ist unser Ziel –, dass es uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, das deutsche Volk aufwärtszuführen und beizutragen zum Frieden in Europa und in der Welt.«

Und Bundespräsident Theodor Heuss prägte am 16. September 1950 in einer Rede zur Einweihung neuer Schulgebäude in Heilbronn zur Rechtfertigung der humanistischen Bildung das eindrückliche Bild von den drei Hügeln: »Warum aber auch das Humanistische? Weil, wenn wir darauf verzichten, wir den geistigen Zusammenhang mit unserer eigenen Volks- und Geistesgeschichte verlieren. Weil das ganze geistige Werden nun doch mit davon bestimmt ist, auch im Gespräch mit anderen Völkern. Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muß sie als Einheit sehen.«9

Politisch wurde die Abendlandideologie in der Schulpolitik eingesetzt, etwa beim Kampf für die Erhaltung des dreigliedrigen Schulsystems, für die Bekenntnisschulen, für das humanistische Gymnasium und den altsprachlichen Unterricht.


Westbindungen und neue Ostpolitik

Auch in anderen Bereichen spielte das Abendlandkonzept eine Rolle: Adenauers Außenpolitik mit ihren Schwerpunkten auf Westbindung, NATO-Mitgliedschaft, europäische Einigung, deutsch-französische Freundschaft und Antikommunismus ließ sich in die traditionelle Abendlandidee einbinden. Dadurch konnten auch national-konservative Kreise innerhalb der CDU mit dem Gedanken einer supranationalen Zusammenarbeit der europäischen Staaten versöhnt werden. Wieder erschien das karolingische Reich als vorweggenommene Verwirklichung der europäischen Ideale der Nachkriegszeit. Ausdruck dieser Vorstellungen war die Stiftung des Aachener Karlspreises.10

Im Zeitalter der neuen Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel, der Entspannung in Europa und der deutschen Wiedervereinigung trat das Thema Abendland in den Hintergrund. 1990 glaubte man an den Sieg der westlich geprägten demokratischen Tradition. Man fragte nicht nach einer Identität, wozu auch: der Erfolg des freiheitlich westlichen Denkens schien auf allen Ebenen sichtbar, die Blöcke lösten sich auf, Demokratisierung in vielen Ländern, die früheren Probleme schienen überwunden, Landesverteidigung war nicht mehr wichtig – bis es durch die Flüchtlingskrise wieder zum Thema wurde. Dadurch ist die Frage »Leben wir noch im christlichen Abendland?« neu aktuell. Sie macht unsere unsicher gewordene Lage sichtbar. Die ungelösten sozialen Probleme dieser Welt, die Unterversorgung und Armut sind nicht mehr so einfach wegzuschieben, sie bedrängen uns: Menschen kommen aus allen Teilen der Erde. Räumliche Ferne ist derzeit schnell zu überwinden.


Abendland, Europa und das Christentum

Was hilft dabei die christliche abendländische Identität? Eine einfache Antwort kann es nicht geben. Die Parole allein führt nicht weiter. Ist doch die Rezeption des Christentums in Europa sehr verschieden.11 Das laizistische Frankreich und die von einem ausgesprochenen Nützlichkeitsdenken geprägten Staaten der Niederlande und Belgiens gehören zu Europa, aber auch Deutschland, ein Staat, in dem die Rechtsentwicklung nach 1945 wesentlich vom christlichen Menschenbild geprägt ist und naturrechtliche Elemente in der Verfassung einem funktionalen Menschenbild noch im Wege stehen, oder Polen, wo die römisch katholische Kirche ein großes Gewicht hat. In Rumänien versucht die orthodoxe Kirche die sittlichen Maßstäbe des Landes durch ein Referendum zur Ehe zu festigen. Innerhalb des Abendlandes hat das Christliche ein unterschiedliches Gewicht. Schon das macht die Antwort nicht einfach.

Die Grundlagen allerdings sprechen eine klare Sprache: Man kann schwerlich bestreiten, dass die aus der Diakonie erwachsene sozialstaatliche Prägung Europas eine christliche Wurzel hat. Die Christen haben sich in Klöstern und Spitälern der Kranken angenommen, was es vorher so nie gab. Die öffentliche Fürsorge für Kranke ist etwas originär Christliches. Der allgemeine Bildungsanspruch verdankt sich der Reformation. Philipp Melanchthon war nicht nur praeceptor Germaniae, er prägte mit seinen Bildungsideen die westliche Welt. Die philosophische Aufarbeitung des christlichen Glaubens führte schon vorher zur Gründung der ersten Universität in Paris.

Europa ist mit seinem Interesse an einer vernünftigen Klärung der Lebensfragen ohne das Christentum nicht denkbar. Das zeigt sich auch an der Gestaltung des zivilen Rechts. In der Bundesrepublik haben christliche Werte bei der Gestaltung des Rechts eine maßgebliche Renaissance erfahren. Man sieht das besonders im Süden. Im Schulgesetz heißt es in Baden-Württemberg bis heute, es gehe vorrangig um die »Verantwortung vor Gott« und den »Geist christlicher Nächstenliebe«.

Auch das Grundgesetz ist wesentlich durch den christlichen Glauben geprägt. Der geistesgeschichtliche Vorgang, der dazu geführt hat, ist allerdings komplex. Man versteht ihn nur, wenn man die jahrhundertelange Vorgeschichte im Blick hat.


Christentum und Politik

Knapp 300 Jahre waren die Christenmenschen Bürger zweiter Klasse. Sie konnten sich an der Gestaltung des öffentlichen Lebens nicht beteiligen. Erst durch Konstantin und Theodosius änderte sich das spürbar. Auf einmal übernahmen Christen politische Verantwortung.12 Im Lauf der Zeit kamen die Kirchen in Konflikt mit den christlichen Herrschern, die sich politisch die Christenheit dienstbar machen wollten. Das zeigen die fränkischen Eigenkirchen. Die Mächtigen errichteten auf ihrem eigenen Grund eine Kirche und beanspruchten alle kirchlichen Rechte wie Pfarrbesetzung und den Zehnten für sich. Der Bischof hatte hier nichts zu sagen.

In diesem politischem Machtkampf musste sich die Kirche positionieren, wenn sie die Anliegen des Glaubens nicht der Politik unterordnen wollte. Dabei wurde die römische Kirche selber zu einem politischen Akteur, in der das Machtbewusstsein zeitweise mehr Raum hatte als das christliche Bekenntnis.

Allerdings trugen die Christen diese Entwicklungen nicht einfach mit. Der kritische Impuls des NT und insbesondere der Bergpredigt sowie die persönliche Herausforderung durch Jesus führten regelmäßig zu Gegenreaktionen, ob es die Armenorden waren, die Waldenser, Martin Luther, die zwölf Artikel der oberschwäbischen Bauernschaft, Roger Schütz oder die Gemeinde San Egidio in Rom – angeregt durch Jesus und das NT sind die kritischen Stimmen nie verstummt.

So war die christliche Kirche in Europa als Organisation gewiss nicht der Motor einer freiheitlichen Entwicklung des Rechtsstaats, aber das Leben christlichen Geistes innerhalb der organisierten Kirche führte zu einer Rechtsentwicklung, ohne die zum Beispiel unser Grundgesetz so nie geworden wäre, wie es ist.13

Eine Kirche, die die Bibel tradiert, überliefert das Dokument der dauernden Kritik ihrer selbst. Der widerständige Kern des christlichen Glaubens hat die abendländische Entwicklung geprägt.


Biblisches Menschenbild und demokratische Rechte

Das Grundrecht der allgemeinen Menschenwürde ist ohne den Glauben an den Menschen als Ebenbild Gottes nicht vorstellbar. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wurde 1776 das politische Recht des Einzelnen christlich begründet und als allgemein verbindlich in die Rechtsordnung eingeführt. Dort wurde die Freiheit des Einzelnen mit der Gleichheit des Menschen vor Gott begründet und eine demokratische Verfassung von unten geformt. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung heißt es: »Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wenn immer irgendeine Regierungsform sich als diesen Zielen abträglich erweist, es Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und diese auf solchen Grundsätzen aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie es ihm zur Gewährleistung seiner Sicherheit und seines Glückes geboten zu sein scheint.«

Nun ist nicht mehr der Fürst von Gottes Gnaden, sondern der Mensch das Rechtssubjekt, das über das Wohl eines Landes in Abstimmung mit seinen Landsleuten entscheidet. Zu seinen Rechten gehört auch die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Jetzt entscheidet nicht mehr die Obrigkeit über das Bekenntnis des »Landeskindes«, der Einzelne ist in seiner Glaubensauffassung frei. Die Länder öffnen sich für Menschen anderen Glaubens. Die Glaubensfreiheit des Einzelnen ist eine entscheidende Grundlage für die Veränderung der Verfassung, die jetzt von unten nach oben aufgebaut ist. »Mit der Freiheit des Glaubens- und des Gewissens beginnt das neuzeitliche Rechtsdenken. Von hier aus entfalten sich Menschen- und Grundrechte.«14

Das sehen nicht nur Christen so. Navid Kermani sagt: »Die letzten Tage haben uns daran erinnert, dass wir bei allen politischen Rechten und gesetzlichen Regeln immer auch das Moment der Brüderlichkeit im Blick haben müssen, der Empathie, des Einstehens für den Schwächeren, der Gastfreundschaft gegenüber dem Fremden, der Solidarität mit dem Verfolgten. Das war der entscheidende zivilisatorische Durchbruch, der 1789 sicher noch nicht gelungen war, aber doch begonnen wurde, die Übertragung des biblischen Gebotes der Nächstenliebe auf die gesellschaftliche Wirklichkeit. Nicht wir Franzosen und wir Deutschen, nicht wir Weißen über den Schwarzen, nicht wir Einheimischen über den Fremden, nicht die Männer über den Frauen, nicht wir Adligen und wir Bürger, nicht wir Kapitalisten und wir Arbeiter, nicht wir Christen, wir Juden und wir Muslime, nicht wir Europäer, wir Asiaten und wir Afrikaner – nein, wir Menschen.«15 Ist es unverständlich, dass bei dieser Sicht der Dinge ein frommer Muslim uns auffordert, die westlichen Werte bewusster zu vertreten?16

Das wird gegenwärtig nicht von allen geteilt. Statistisch verlieren die christlichen Kirchen dauernd Mitglieder. Die Zahl der religiös ungebundenen Bewohner nimmt zu. Zuwanderer sind mehrheitlich keine Christen. Traditionelle Schutzbestimmungen christlicher Prägung wie das Sonn- und Feiertagsgesetz werden ausgehöhlt. Ein gelebtes Christentum ist Sache einer Minderheit. Die starke Stellung der Kirchen und christlicher Argumente in der Nachkriegszeit ist so nicht mehr gegeben.


Eine zwiespältige Situation

Die Lage ist zwiespältig. Einmal ist das Abendland unzweifelhaft christlich geprägt. Das wird aber bestritten, dass man nicht mehr ungebrochen sagen kann: Wir leben im christlichen Abendland. Aber diese Diagnose beschreibt einen Zwischenzustand, vieles ist im Fluss.

Die prägenden Kräfte unserer Kultur sind kaum mehr bekannt, das fördert eine neue Suche nach Identität, die von vielen Menschen zuerst einmal individuell vollzogen wird. Die individuelle Suche aber sehnt sich irgendwann nach einer kollektiven Beheimatung. So reden die Heiden von Dresden vom christlichen Abendland, das sie verteidigen wollten. Und Menschen, die noch nie Mitglied einer christlichen Kirche waren, schwenken Fahnen mit dem Kreuz.

Wir sind als Christen mehr denn je im Gespräch gefordert und haben, wenn sie uns wichtig ist, die abendländische Kultur zu verteidigen. Nicht rückwärtsgewandt an die gute alte Zeit denken, sondern uns fragen, wie wir unsere Zeit gestalten und wie wir leben wollen. Es geht um unsere Zukunft und um Erfahrungen, die das Zusammenleben fördern. Die Gestaltung des christlichen Abendlands ist eine christliche Aufgabe.

Dabei darf das Thema Religion wird nicht ungestraft übergangen oder ausgeblendet werden. Novalis hat in seiner romantischen Vorstellung des idealen christlichen Europa auch den hellsichtigen Satz gesagt: »Wo keine Götter sind, walten Gespenster«.17 Jeder Mensch hat Religion. Alle leben auf eine offene Zukunft hin, die sie nicht kennen, und alle versuchen alle mit irgendeiner Idee in diese Zukunft zu gehen. Jeder hat ein Vertrauen, mit dem er auf den nächsten Tag zugeht, und keiner weiß, was morgen sein wird. In dieser Spannung leben alle. Sie ist nur in irgendeiner Form des Vertrauens auszuhalten. Wer sich weigert, über Religion zu reden, verschweigt sein letztes Lebensmotiv. Das ist für einen fruchtbaren Dialog nicht gut. Auch für ein Staatswesen ist es wichtig, dass es sich für den Gottesgedanken öffnet. Menschliche Interessen sind dann nicht das Letzte, sie bleiben von Gott, vom Unverfügbaren, von der offenen Zukunft her kritisierbar. Im Leiden an der gottlosen Diktatur schrieb der jüdische Sozialist Rudolf Hilferding an Heinrich Brüning, »dass es getrennt von einer starken religiösen Tradition überhaupt keine soziologische Grundlage für eine Nation und einen Staat geben könnte«.18


Christliche Gestaltung sozialen und öffentlichen Lebens

Ein wichtiges Symbol dafür ist der Sonntag. Feiertag der Auferstehung Jesu. Er symbolisiert jede Woche: das Leben geht weiter, als wir wahrnehmen – welche positive Utopie. Am Ende der Schöpfung steht der Tag der Freiheit. Einen Tag lang haben die Zwänge ausgedient. Der christliche Sonntag ist eine kollektive Zeit für eine freiheitliche Kreativität.

Wir haben an die Bedeutung Ehe zwischen Mann und Frau zu erinnern. Sie ist ein Modell der Verlässlichkeit, die das werdende Leben als Geschenk der Liebe und Gabe Gottes begreift, für das wir dankbar Verantwortung übernehmen und nicht als etwas, was wir selber machen, um, wie die Leute von Babel, nicht verloren zu gehen. »Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau« (1. Mos. 1,27) darf nicht einfach als überholte Ordnungstheologie dargestellt werden. Der Satz ist nach biblischer Sicht Grundlage des Humanum und die fundamentale Voraussetzung der allgemeinen Menschenwürde. Zuerst ist alles eine Gabe, sagt der Schöpfungsbericht, das ist eine dauernde Kritik auch an kirchlichen Machern.

Die Betonung des Sozialen: Wir sind ja derzeit Gefangene des Konsumismus. Wir sollen einkaufen und als Produktivkräfte funktionieren, dann haben wir ein gutes Bruttosozialprodukt – das ist das Credo der Gesellschaft der Bundesrepublik im Wahljahr. Menschliche Beziehungen, Familie, Pflege spielen ganz im Gegensatz zu den öffentlichen Äußerungen eine nachgeordnete Rolle. Sie stören das Funktionieren. Den barmherzigen Samariter und Martha gibt es nur noch als öffentliche Organisation. »Wenn die Pflegekraft da ist«, was für eine sachliche Sprache für den Dienst der Liebe, »wenn die Pflegekraft da ist, hilft sie mir fünf Minuten, zehn Minuten braucht sie für die Dokumentation«, sagt die Bettlägerige. Der Staat muss besonders das Soziale kontrollieren, es geht um große Summen. Das wissen auch Kriminelle. Diese Kontrolle nimmt der Fürsorge Zeit und die Kontrolle grenzt die Fürsorge ein; Apparate und Labor sind viel höher bewertet als die menschliche Zuwendung oder ein Gespräch. Wir hätten als Kirche für eine Sozialpolitik einzutreten, die die persönliche Verantwortung aller Beteiligten transparent macht und die Rede vom Geschäftsmodell als technische Sicht entlarvt.

Nicht zu vergessen sind die Kriegserfahrungen, die Europa machen musste, und die europäischen Lösungsversuche. Die Reformation machte aus dem im Westen durch die römische Kirche relativ homogenen Kontinent eine in drei Konfessionen gespaltene Raumschaft. Im 30jährigen Krieg wurden die Konfessionen als Kriegsgrund ins Feld geführt. Es waren zwar nachgereichte Gründe, aber sie waren da – bis man 1648 im Westfälischen Frieden eine Lösung fand, dass die drei christlichen Konfessionen koexistieren können. Unter dem Dach des Reichsrechtes bildeten sich Landesrechte, die im Blick auf die christliche Konfession im deutschen Reich plural waren. Die dreifache Gestalt der Kirche als katholisch, lutherisch und reformiert wurde als strittig akzeptiert und den drei christlichen Konfessionen ihr relatives Recht zugestanden.

Im Westfälischen Frieden wurde die konfessionelle Unterschiedenheit rechtlich so geregelt, dass man allmählich begann, in versöhnter Verschiedenheit miteinander auszukommen. So liegt im Frieden von Münster und Osnabrück eine wichtige Wurzel der Toleranz und gleichzeitig zeigt sich hier der Verzicht des Reiches, die religiösen Fragen als Gesamtstaat entscheiden zu wollen. Nach 1945 lernte man allmählich, den Nationalgedanken zurückzustellen und eine länderübergreifende politische Zusammenarbeit zu organisieren. Der von Kriegen gezeichnete Kontinent will künftig ein Raum des ­Friedens sein.


Werbung für ein »christliches Abendland«

Wollen wir das christliche Abendland? Finden wir die Menschenwürde und unsere gemeinsame Verantwortung dafür so gut, dass wir uns dafür einsetzen? Ich kann für mich selber nur sagen: Ja. Ich freue mich am Sonntag. Ich danke Gott für mein Leben. Ich bin meinen Eltern dankbar und glücklich über meine Frau und Familie. Ich bin froh an der humanen und sozialen Gestalt unserer Rechtsordnung und will sie mit Gründen verteidigen und verbessern helfen. Ich möchte, dass der Friede in Europa politisch gesichert bleibt.

Das sind Beispiele, mit denen ich aus christlicher Verantwortung für eine Gestaltung der öffentlichen Ordnung eintrete. Ich werbe damit für das christliche Abendland, nicht als romantische Idee, sondern als Möglichkeit eines gelingenden gemeinschaftlichen Lebens. Ich will dafür etwas tun, dass wir die Tradition des christlichen Abendlandes bewahren, und möchte so argumentativ dafür eintreten, dass viele zustimmen können. Es wäre gut und schön, das hat Novalis mit seiner romantischen Brille recht gesehen, wenn wir im christlichen Abendland leben könnten!


Anmerkungen:

* Gemeindevortrag, gehalten in Kernen, Crailsheim und Heilbronn. Die Themenstellung des für den Druck gekürzten Vortrags entspricht dem Wunsch der Gemeinden.

1 E. Wolf, Abendland, RGG3, I, Sp. 9f; J. Mehlhausen, Abendland, RGG4, I, Sp. 9f.

2 Chronica. Das ist: Wahrhaftige Beschreibung aller alten christlichen Kirchen, 1529, 240; die Abendländer kommen dort als Sammelbeschreibung für die Bewohner der westlichen Reichshälfte Roms vor.

3 W. Huber, Das »Völkische« kommt zurück, Zeitzeichen 11/2016, 45.

4 Die Christenheit oder Europa, 1799, in: Schriften 2, 732; dazu Hirsch IV, 432ff.

5 Vorrede zum ersten Band, 1803, 3.

6 »Wie es scheint, hat erstmals Friedrich Schlegel, der deutsche Romantiker, das Bild von Karl dem Europäer, dem ›Gesetzgeber für das ganze abendländische Europa‹, in seinen Wiener Vorlesungen von 1810 ›Über die neuere Geschichte‹ skizziert« (J. Fried, Karl, der große Europäer, Spiegel 3/2002).

7 »So muss denn das Schwert entscheiden …«, Kriegserklärung vom 6.8.1914.

8 Zitiert nach B. Irlenborn, Europäischer Friede, christlicher Glaube, FAZ, 27.12.2016, 7.

9 350 Jahre Gymnasium in Heilbronn, 1971, 47; kritisch dazu O. Höffe, Vom Aufgang des Abendlands, FAZ 23.1.2017, 13.

10 »Karl der Europäer überstand den Zusammenbruch von 1945 unbeschadet. Ja, er trat glänzender denn je in Erscheinung. Die berühmt gewordene Aachener Karls-Ausstellung von 1965, die zehnte Ausstellung des Europarates, galt, so ihr Organisator, der Kunsthistoriker Wolfgang Braunfels, ›dem ersten Kaiser, der Europa zu vereinen wusste‹« (Fried, Karl, der große Europäer, Spiegel 3/2002).

11 Vgl. Heute glauben in Europa, EZW Texte 247, Berlin 2017.

12 Es gab sofort eine Gegenbewegung: die Wüstenväter. Sie wollten als wahre Christenmenschen sich nicht durch politische Zwänge und den Kampf um die Macht korrumpieren lassen und zogen sich als Asketen aus den Zentren des öffentlichen Lebens zurück.

13 Vgl. R. Mössinger, Wandelt sich die Religionsfreiheit, Jahresbericht 2009, in: Evangelium und Kirche, Informationen 1/2010, 31ff.

14 U. di Fabio, Gewissen, Glaube, Religion: Wandelt sich die Religionsfreiheit, 9 u. 15.

15 N. Kermani, Wir Menschen, in: Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime, 180.

16 A.a.O., 176.

17 Novalis, a.a.O., 746.

18 H. Brüning, Memoiren, 122.


 

Über den Autor

Pfarrer i.R. Dr. Richard Mössinger, Vikariat in der Württ. Landeskirche, 1977-1981 Repetent am Evang. Stift Tübingen, 1981 Promotion, 1981-2017 Gemeindepfarrer in Brackenheim und Heilbronn, 1999-2014 Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft »Evangelium und Kirche«.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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