Versuch über einen denkwürdigen und sinnvollen Kern des Gottesglaubens (Teil I)
Statt Goldenem Kalb und Weihnachtsmann: Nichts als Fülle

Von: Volker Lingnau
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Die kirchliche Rede von Gott steckt aktuell in einer Krise. Das hat sie mit der Institution Kirche gemein. Und der Verdacht liegt nahe, dass beides zusammenhängt. Volker Lingnau versteht seine Überlegungen zu einem Ausweg ausdrücklich nicht als theologische Abhandlung, sondern gibt kritische Fragen eines Nicht-Theologen an die Glaubenslehre und -praxis der Kirchen wieder und sucht Antworten von Theologen auf eben diese Fragen auf. Der erste Teil umschreibt thesenartig das Krisenphänomen, dem sich Volker Lingnau in seinem Beitrag widmet, und unterbreitet einen Vorschlag vernünftigen Redens von Gott. In einem zweiten Teil werden diese Überlegungen auf die Gestalt eines vernünftigen Gottesglaubens hin erweitert.*


1. Von der Volkskirche zur Großsekte

Die Situation beider Kirchen ist vergleichbar, d.h. die Gründe für die aktuelle Krise von Kirche und Glauben können nicht im konfessionellen Unterschied liegen, sondern sind in dem zu suchen, was beide gemeinsam haben, d.h. viel tiefer. Die Volksfrömmigkeit des tradierten Glaubens existiert nicht mehr, die Aussagen der traditionellen kirchlichen Lehre überzeugen nicht mehr (Erkenntnisdimension) und die Erfahrungen der traditionellen kirchlichen Feiern berühren nicht mehr (Erfahrungsdimension).

Zu einer Krise von Kirche in unserer postmodernen Wissensgesellschaft muss es insbesondere dann kommen, wenn die kirchliche Lehre nicht mehr als »denk-würdig« und die kirchliche Praxis nicht mehr als »sinn-voll« wahrgenommen wird. Ihre Denk-Würdigkeit verliert die Lehre, wenn Glaubensaussagen in Konflikt zu Wissen stehen. Das Problem liegt hier im Kern in einer weitgehend auf vorwissenschaftlichem Stand erstarrten Glaubenslehre, die nicht mehr anschlussfähig an die heutige Lebenswirklichkeit ist; eine Glaubenslehre, die im wahrsten Sinne des Wortes »unglaubwürdig« geworden ist.

Glaubensaussagen und Glaubenspraxis müssen aus Sicht der Menschen zusätzlich eine sinn-volle Lebenshilfe darstellen, ihnen mit den Worten des Soziologen Hans Joas (2013) Erfahrungen von Selbsttranszendenz ermöglichen. Der nahezu marginalisierte Gottesdienstbesuch zeigt, dass offensichtlich selbst unter den Kirchenangehörigen nur noch für eine verschwindende Minderheit die überkommenen Gottesdienstformen sinn-volle Erfahrungen von Selbsttranszendenz ermöglichen, sodass die Teilnahme am Gottesdienst damit im wahrsten Sinne des Wortes sinn-los wird. Mit dem doppelten Verlust der gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit mutiert die (ehemalige) Volkskirche aber durch fortschreitende generative Entkirchlichung zur Großsekte.


2. Vom Philosophen-Gott zum Katechismus-Götzen

Durch Dogmatisierung der philosophischen Gottesrede mutierte der Philosophen-Gott zum Katechismus-Götzen. Mit dem Erkenntnisfortschritt seit der Aufklärung geriet die kirchliche Glaubenslehre eines eingreifenden Gottes immer mehr in Konflikt mit dem zunehmendem Wissen und mutierte entweder zum Aberglauben (Stichwort »Kreationismus«) oder wurde vom Wissen verdrängt. »Gott« wurde so zum »Lückenbüßer« (Bonhoeffer 1944, 557) für unerklärliche Vorgänge, dessen Existenz letztlich von den Grenzen unseres menschlichen Wissens abhängt und der mit zunehmendem Wissen immer kleiner wird. Der Astronom und katholische Theologe George V. Coyne (2000, 118) bringt es auf den Punkt: »Wer Gott als den ›großen Gott der Lücken‹ hinzuzieht, um Dinge zu erklären, die er ansonsten nicht erklären kann, hängt einem Götzenbild an, das sich kaum von der Anbetung des Goldenen Kalbs unterscheidet …«.

Ein kreationistischer Gottesglaube steht in krassem Gegensatz zu den gut bewährten Erkenntnissen der Evolutionstheorie. Glaubenssätze konkurrieren hier mit Wissen. Der Glaube wird zum Aberglauben. Für den »Intelligent Design«-Ansatz stellt sich das Lückenbüßerproblem sogar noch in verschärfter Form: Was ist, wenn das Entstehen der »Intelligenten Konstruktion« ohne Existenz eines »Intelligenten Konstrukteurs« erklärt werden kann, wie dies aktuell z.B. schon Stephen Hawking mit seinem »Grand Design«-Ansatz oder Lawrence M. Krauss (»Ein Universum aus Nichts«) zeigen? Dann wäre die (einzige und letzte) Lücke für den Lückenbüßer-Gott verschwunden. Hinzu kommt das Unvollkommenheitsproblem der »intelligenten Konstruktion«. Auch dieser Nichtwissen ersetzende Glaube scheidet damit als Basis für ein anschlussfähiges Gottesverständnis aus. Die Konsequenz zur Wiederherstellung der Anschlussfähigkeit der Gottesrede kann damit nur in der eindeutigen Abkehr von »Gott« als »Arbeitshypothese« für die Erklärung von Welt liegen (Bonhoeffer 1944, 557). M.a.W.: »Gott« greift nicht ein.

Folgt man diesen Überlegungen, so bedeutet dies die Abkehr vom theistischen Gottesbild der Kirchen. Der Benediktiner David Steindl-Rast (2003, 326) formuliert diese Konsequenz wie folgt: »Der Theismus bricht von innen her zusammen. Das ist ein Prozeß, den nichts aufhalten kann.« Im englischen Sprachraum wird auch pointiert-polemisch vom Ende der »guy-in-the-sky«-Theologie gesprochen. Steindl-Rast fügt dazu passend hinzu: »Die theistische Gottheit steht nur eine Stufe höher als der Weihnachtsmann …«.


3. Ein Vorschlag für eine anschlussfähige Gottesrede

Damit stellt sich die Frage, ob nach der »Dekonstruktion« des theistischen Gottesbildes, nach dem »Abräumen des Schutts« (Sölle 1971, 19), der (dogmatische) Theismus notwendigerweise durch einen (doktrinären) Atheismus abgelöst werden muss. Oder ob eine post-theistische Rekonstruktion eines Gottesbildes möglich ist; ob nach dem »Tod Gottes« (Nietzsche) der leer gewordene Platz im Leben und Glauben der Menschen neu ausgefüllt werden kann. Dieser Versuch soll hier gewagt werden, indem vorgeschlagen wird, »Gott« als »Fülle der Möglichkeiten« zu rekonstruieren. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass dieser Vorschlag genau das ist: ein Vorschlag; eine Möglichkeit der »Rückkehr zum Göttlichen nach Gott« (so die deutsche Übersetzung des Untertitels von ­Richard Kearneys Buch »Anatheism: Returning to God after God« durch den evangelischen Theologen Stefan Schütze (2012)). Nicht mehr – aber (hoffentlich) auch nicht weniger.


3.1 Anregungen

Im Folgenden seien kurz die wesentlichen Anregungen skizziert, die zu diesem Vorschlag führten. Ausgangspunkt waren die, auf den ersten Blick jegliche Möglichkeit einer wissenschaftlich anschlussfähigen Gottesrede auszuschließen scheinenden, Überlegungen von Hawking und Krauss. Betrachtet man deren Argumentation, wonach unser Universum »aus dem Nichts« entstanden sei, jedoch genauer, wird deutlich, dass bei beiden Autoren ein bestimmtes Verständnis von »Nichts« existiert. So weist z.B. der Astrophysiker und britische Hofastronom Martin Rees (2008) darauf hin: »Statt ›aus dem Nichts‹ sollte man besser ›eine Welt aus dem Vakuum‹ sagen. Denn der leere Raum ist eben nicht nichts.« Oder der Astrophysiker Alexander Vilenkin (2012), der ausdrücklich auf die (wenn auch verschwindend kleine) Wahrscheinlichkeit des Ereignisses Urknall hinweist: »… there is some probability for the universe to pop out of ›nothing‹ … I say ›nothing‹ in quotations because the nothing that we were referring to here is the absence of matter, space and time. That is as close to nothing as you can get …«. Aus der unübersehbaren (überabzählbar unendlichen?) Vielzahl möglicher Ergebnisse, die diese masse-, raum- und zeitlose Ergebnismenge »Vakuum« bildeten, ist also das (Elementar-)Ereignis »unser Universum« eingetreten.

Diese Überlegungen sind (erstaunlicherweise) auch anschlussfähig in Bezug auf die Frage, die im Mittelpunkt der (abendländischen) Metaphysik steht: »Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?« Die naturwissenschaftlich fundierte Antwort auf diese Grundfrage lautet daher nicht, dass die Frage sinnlos sei, da das Universum rein zufällig aus dem Nichts entstanden sei, sondern – auf den ersten Blick zugegebenermaßen wenig spektakulär, aber wie sich zeigen wird, bedeutungsvoll: Unser Universum ist entstanden, weil es möglich war, dass es entsteht.

Im Anschluss an die auf Aristoteles zurückgehende, grundlegende Unterscheidung von dynamis / potentia / Potenz (Potenzial) / Möglichkeit und energeia / actus / Akt / Verwirklichung können diese Überlegungen wie folgt verallgemeinert werden (wobei allerdings darauf hinzuweisen ist, dass das aristotelische Verständnis von »Gott« als »actus purus« dem hier unterbreiteten Vorschlag genau entgegengesetzt ist): Nicht nur unser Universum, sondern alles was ist, ist die Verwirklichung (Akt) seiner Möglichkeit (Potenz). Und diese »Verwirklichung« ist dann kein statisches, einmaliges Ereignis, sondern ein dynamischer Prozess, weil sich aus jeder Verwirklichung wieder neue Möglichkeiten ergeben und andere, zuvor vorhandene Möglichkeiten nicht mehr bestehen. Dabei gilt es mit Giordano Bruno auch zu berücksichtigen, dass es nicht nur aktive Potenz gibt, die im aristotelischen Verständnis »unterwegs zur Wirklichkeit ist«, sondern auch passive Potenz, für die dies nicht gilt, die also »reine Möglichkeit« ist und »im unendlichen Gott liegt« (Vgl. Lechner 2009, 77f). Damit wird auch deutlich: Es gibt nicht »die« Potenz, die zu »dem« Akt wird, sondern es gibt in jedem Augenblick eine dynamische »Fülle von Möglichkeiten«, von denen (nur) einige Wirklichkeit werden. Die »Fülle der Möglichkeiten« aktualisiert sich also ständig. »Alles was ist« (Wirklichkeit) muss also immer unter seinen Möglichkeiten bleiben, weil es »doch nicht wirklich alles das ist, was es sein kann … es kann immer noch anders sein, als es aktuell ist, da es immer Möglichkeiten hat, die es aktuell noch nicht verwirklicht. Seine Wirklichkeit schöpft seine Möglichkeit nicht aus«, so Hua Li (2013, 151) in Bezug auf die »Possest«-Überlegungen von Nikolaus von Kues.

Eine weitere Anregung stammt aus der Diskussion über die Bedeutung der »Gottesoffenbarung« vor Moses am brennenden Dornbusch in Ex. 3,14: »’Ehyeh ’asher ’ehyeh«, die Rupert Lay (2012) als »Anfang des nichtgegenständlichen Bildes des Göttlichen« ansieht. Walter Kasper (2012, 90) betont nachdrücklich die Bedeutung der Dornbuschszene, wenn er schreibt, dass sie »(d)er Ausgangspunkt der Gotteslehre war und bis heute [ist].« Christliche Autoren haben in hellenistischer Tradition überwiegend das »Sein« Gottes aus der hebräischen Formulierung abgeleitet. In diesem Sinne z.B. auch Joseph Ratzinger (1968/2005, 127): »wenn wir Gott sagen [meinen wir] … allein das Sein selbst, das, was die Philosophen als den Grund alles Seins … herausgestellt haben.« Wichtig sei dabei allerdings, Folgendes zu berücksichtigen: »Das Verb ›sein‹, das in ›ich bin‹ steckt, meint im Hebräischen im Unterschied zum Griechischen kein ruhendes sondern ein dynamisches Sein« (Kasper 2012, 90). Dieser ­dynamische Aspekt wird insbesondere von nicht-christlich-hellenistischen Autoren betont (zu einer kritischen Würdigung dieser beiden Interpretationslinien s. z.B. Kearney 2001, 20-38). »’Ehyeh ’asher ’ehyeh könnte dem entsprechend gelesen werden als Signatur des Gottes des Möglichen.« (Kearney 2001, 22) Kearney (2001, 29) betont, dass dieses göttliche Potential durch die Empfänger der Offenbarung verwirklicht werden muss und kommt zu dem Schluss: »Sein [Gottes] ›esse‹ offenbart sich selbst, überraschend und dramatisch, als ›posse‹.« (37) Alle Wirklichkeit ist damit Verwirklichung »Gottes«.

Die letzte wesentliche Anregung besteht in der Formulierung in Joh. 10,10b: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.« »Leben in Fülle« ist ein Leben in der »Fülle der Möglichkeiten«, das, wie oben angesprochen, hier nicht vollständig verwirklicht werden kann. Es ist »Reich Gottes«, ist »Ewiges Leben« (Sölle 1983). Der ehemalige anglikanische Bischof John Shelby Spong (2001, 70-73) sieht dieses Streben nach einem erfüllten Leben – wenn man sein volles Potenzial lebt, indem man den Mut hat, all das zu sein, was man sein kann – sogar als »Anbetung« in einem post-theistischen Verständnis an.


3.2 Anknüpfungspunkte

Anknüpfungspunkte eines Verständnisses von »Gott« als »Fülle der Möglichkeiten« bieten sich beispielhaft wie folgt: Theologisch finden sich ähnliche Überlegungen z.B. in der Prozesstheologie von Alfred North Whitehead, wonach »Gott« sowohl transzendent ist als die Gesamtheit der Möglichkeiten als auch immanent als Teilhabe am Prozess der Wirklichkeit. Entsprechend ist »Gott« dynamisch durch Reaktion auf die Wirklichkeit bzw. die realisierte Auswahl der Möglichkeiten (vgl. Hampe 1998, 126).

Es ergeben sich aber auch Anknüpfungspunkte an Überlegungen der feministischen Theologie. So greift Ina Praetorius (2005) den Gedanken der Fülle auf: »Jedes Denken schöpft aus der Fülle des Vorausgedachten« (23). »Jeder menschlichen Aktivität liegt eine geschenkte Fülle voraus.« (32) »[I]ndem sie von der gegebenen Fülle Gebrauch machen, schaffen die Menschen, was wir ›Kultur‹ nennen.« (38) »Am Anfang des guten Handelns steht immer wieder neu das Staunen über die geschenkte Fülle … Gut zu handeln bedeutet, … aus der Fülle der eigenen Möglichkeiten mitzuteilen« (48). Leonardo Boff (2016) betont, dass das »Quanten-Vakuum« »weniger ein Vakuum ist als die Fülle aller Möglichkeiten. Dieser bodenlosen Tiefe entstammen alle Wesen und das gesamte Universum. … [Sie trägt] tausend verschiedene Namen […]: Tao, JHWH, Allah, Olorum, Gott … Wenn das nicht Gott ist, so ist es seine beste Metapher und Darstellung.« Und in einer Interpretation eines Ausspruchs von Ignatius von Loyola formuliert der Jesuit Bernd Hagenkord (2017), Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan: »was ich tue, macht Gott erst möglich«.

Philosophisch ergeben sich Anknüpfungspunkte z.B. an die Platonische Liebestheorie, wie sie etwa im Kugelmenschen-Mythos entfaltet wird. Danach kann (menschliche) Liebe als ein Streben nach der (verlorenen) Fülle angesehen werden. M.a.W.: »Wir sind unterwegs auf einer Pilgerreise zum Leben in Fülle« (Papst Franziskus).

Biblische Anknüpfungspunkte finden sich im Gebrauch des Wortes dynamis, das »mitunter als Zentralbegriff der gesamten neutestamentlichen Botschaft« angesehen wird (Luther 2010; zu einem Überblick über das Bedeutungsspektrum von dynamis s. ebd.). »Jesus sah sie an und sagte: … für Gott ist alles möglich (dynata).« (Mk. 10,27 par) Und Jesus kann den Gottesnamen »wie im Alten Testament gebräuchlich« (Luther 2010) als dynamis umschreiben: »Jesus sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der ›dynamis‹ sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen.« (Mk. 14,62) Eine Entsprechung finden diese Überlegungen auch im Verständnis des in Joh. 13,15ff zugesagten göttlichen Beistandes, der »ein Geist der Möglichkeiten und Potentiale [ist]«, so der Neutestamentler Udo Schnelle (2016, 507).

Anknüpfungspunkte ergeben sich auch zum Kernanliegen Jesu, welches nach übereinstimmender Meinung von Exegeten (vgl. z.B. Stegemann 2010, 299f, 309f; Publik Forum 9/2012, 30; Jesus Seminar Phase 1 2013), die konkret erfahrbare Nähe Gottes bei den Menschen gewesen sei, das »Reich Gottes«. Dabei sei zu berücksichtigen, dass der in der aramäischen Muttersprache Jesu zugrundeliegende Begriff malkut nicht etwa ein Herrschaftsgebiet meint. So auch die Antwort Jesu in Lk. 17,20f auf die Frage, wann denn das »Reich Gottes« komme (»Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch.« Oder es sei vielmehr schon »innerhalb von euch«, wie nach dem katholischen Neutestamentler Paul-Gerhard Müller (2009, 528) die Formulierung in Lk. 17,21 wörtlich zu übersetzen sei). Die Betonung des dynamischen Aspektes von »Reich Gottes«/malkut knüpft also an den dynamischen Aspekt der Gottesoffenbarung in Ex. 3,14 an.

Eine weitere Entsprechung finden diese Interpretationen zum einen in der Kabbala, wo malkut die Wurzel der im »Baum des Lebens« versinnbildlichten zehn göttlichen Attribute/Emanationen ist. Zum anderen gibt es Parallelen zum buddhistischen Verständnis der »Leerheit« (Shunyata) als »Quelle der unendlichen Möglichkeiten« (Phat Hue 2008), was wiederum dem kabbalistischen Verständnis des Ain Soph, des »großen Nichts« entspricht (vgl. Lapide 2011, 17f). Shunyata/Ain Soph meint also nicht das absolute »Nichts«, sondern beinhaltet gleichzeitig das Potential der Entstehung von Phänomenen. Das Verständnis von »Gott« als »Fülle der Möglichkeiten« bietet damit auch (neue) Anknüpfungspunkte für den interreligiösen Dialog.


3.3 Potential für eine Relecture biblischer Texte

Beispielhaft soll abschließend für dieses Kapitel aufgezeigt werden, inwieweit das Verständnis von »Gott« als »Fülle der Möglichkeiten« auch als Basis einer »Relecture« biblischer Texte dienen könnte.

In der Schöpfungserzählung in Gen. 1 korrespondieren die Tage 1 und 4 (Licht), 2 und 5 (Wasser) sowie 3 und 6 (Land) miteinander: »Zunächst entstehen aus dem Chaos »Lebensräume«, die dann mit Leben erfüllt werden.« (Glonner, o. Jg.). M.a.W.: Die »Lebensräume« bieten die Möglichkeit, dass Leben entsteht/sich verwirklicht.

In diesem Sinne kann z.B. auch Jesu Anrede Gottes als »Vater« im Sinne einer Metapher für »Gott« als den Ermöglichungsgrund von allem, was ist, gesehen werden. Insbesondere, wenn man die antike Vorstellung von Zeugung berücksichtigt, »wonach die Frau nur Gefäß ist, das empfängt, während die Zeugung des Kindes allein auf den Mann zurückgeführt wird.« (Gemünden 2011, 151). Der männliche Samen wird danach in völliger Analogie zum Pflanzensamen als »menschlicher« Samen gesehen, der »Lebenspotential« darstellt und nur noch ein geeignetes Gefäß zur Reifung/Verwirklichung braucht. So, wie der biologische Vater – in diesem Verständnis (!) – der (alleinige) »Ermöglichungsgrund« seiner Kinder ist, ist der göttliche Vater der (alleinige) Ermöglichungsgrund von allem, was ist.


(Teil II in der Ausgabe Januar 2018)


Zitierte Literatur

Boff, L. (2016): Der kosmische Christus: eine Spiritualität des Kosmos https://leonardoboff.wordpress. com/2016/10/22/der-kosmische-christus-eine- spiritualitat-des-kosmos/

Bonhoeffer, D. (1944): Entwurf für eine Arbeit August 1944. In: Bethge, E. (Hrsg.): Widerstand und Ergebung: Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Gütersloh 2011

Gemünden, P. v. (2011): Affekt und Glaube: Studien zur Historischen Psychologie des Frühjudentums und Urchristentums. Göttingen 2011

Hagenkord, B.: (2017): Gebet, Gott und Beter. http:// blog.radiovatikan.de/gebet-gott-und-beter/

Hampe, M. (1998): Alfred North Whitehead. München 1998

Hawking, S.W./Mlodinow, L. (2011): Der große Entwurf. 4. Aufl., Reinbek 2011

Jesus Seminar Phase 1 (2013): The Sayings of Jesus. http://www.westarinstitute.org/projects/the-
jesus-seminar/jesus-seminar-phase-1-sayings-
of-jesus/

Joas, H. (2013): Diese Erfahrung ist universell. In: ZEIT Wissen Nr. 1/2013

Kasper, W. (2012): Barmherzigkeit: Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens. Freiburg/Basel/Wien 2012

Kearney, R. (2001). The God Who May Be. A Hermeneutics of Religion. Bloomington (IN) 2001

Krauss, L.M. (2013): Ein Universum aus dem Nichts. München 2013

Lapide, Y. (2011): Das Herz der Kabbala. Mystische Weisheiten für jeden Tag des Jahres. München 2011

Lay, R. (2012): »Gott« neu denken. Vortrag Frankfurt/M., 8.9.2012

Lechner, G.: Transzendenz und Immanenz Gottes bei Giordano Bruno. Diss. Uni Wien, 2009

Li, H. (2013): Der Possest-Gedanke von Nikolaus von Kues. In: Müller, T./Vollet, M. (Hrsg.): Die Modernitäten des Nikolaus von Kues: Debatten und Rezeptionen. Bielefeld 2013, 143-159

Luther, S. (2010): Dynamis. In: Das Bibellexikon. https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/ 56098/

Müller, P.-G. (2009): Das Lukasevangelium. In: ders. (Hrsg.): Stuttgarter Kleiner Kommentar zu den Evangelien. Stuttgart 2009

Phat Hue (2008): Die Leerheit als Quelle der unendlichen Möglichkeiten … http://www.phathue.de/ allgemeines/leerheit1_tts/

Praetorius, I. (2005): Handeln aus der Fülle: Postpatriarchale Ethik in biblischer Tradition. Gütersloh 2005

Ratzinger, J. (1968/2005): Einführung in das Christentum. Augsburg 2005

Rees, M. (2008): Wir sind alle Sternenstaub. In: ZEIT Magazin 31/2008

Schnelle, U. (2016): Die ersten 100 Jahre des Christentums: 30 - 130 n. Chr. 2. Aufl., Göttingen 2016

Sölle, D. (1971): Das entprivatisierte Gebet. In: Seidel, U./Zils, D. (Hrsg.): Aktion Politisches Nachtgebet: Analysen, Arbeitsweisen und Politische Gottesdienste aus Augsburg, Berlin, Bonn-Bad Godesberg, Dinslaken, Düsseldorf, Köln, Osnabrück, Rheinhausen, Stuttgart, Trier und Utrecht. Wuppertal 1971

Sölle, D. (1983): Wege zum Leben in seiner Fülle. In: Die ZEIT Nr. 34, 1983

Spong, J.S. (2001): A New Christianity for a New World. New York 2001

Stegemann, W. (2010): Jesus und seine Zeit. Stuttgart 2010

Steindl-Rast, D. (1993) in Capra, F./Steindl-Rast, D. (Hrsg.): Wendezeit im Christentum: Perspektiven für eine aufgeklärte Theologie. München 1993

Steindl-Rast, D. (2003): Von Eis zu Wasser zu Dampf. Im Wandel der Gottesvorstellungen: Was schätze ich am Christentum? In: CIG 55 (2003), Nr. 39, S. 325-326

Tillich, P. (1987): Systematische Theologie I/II, 8. Aufl., Berlin/New York 1987

Vilenkin, A. (2012): In the Beginning Was the Beginning. http://now.tufts.edu/articles/beginning-was-beginning


Anmerkung:

* Dieser Text ist die mehrfach überarbeitete und erweiterte Fassung einer Predigt mit dem Titel »›Ich möchte meinen Verstand nicht an der Kirchentür abgeben‹ – Zum schwierigen Verhältnis von Glaube und Wissenschaft« in einem protestantischen Sonntagsgottesdienst sowie daraus hervorgegangener Vorträge und Veröffentlichungen (Lingnau, V. (2013): Ich möchte meinen Verstand nicht an der Kirchentür abgeben – Zum schwierigen Verhältnis von Glaube und Wissenschaft, in: Stief, E. (Hrsg.): Kaiserslauterer Universitätspredigten 2011-2012, Pädagogische Materialien der Technischen Universität Kaiserslautern, Heft Nr. 45, 15-25; vgl. Lingnau, V. (2015): Abschied von Goldenem Kalb und Weihnachtsmann: Versuch über einen denk-würdigen und sinn-vollen Kern (m)eines christlichen Glaubens. In: Tà katoptrizómena. Magazin für Kunst, Kultur, Theologie, Ästhetik, H. 94).

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Volker Lingnau, Jahrgang 1963, Studium des Wirtschaftsingenieurswesens an der TU Berlin, 1994 Promotion zum Dr. rer. oec. in Berlin, 2000 Habilitation an der Uni Mannheim, seit 2001 Inhaber des Lehrstuhls »Unternehmensrechnung und Controlling« an der TU Kaiserlautern.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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