Resümee einer halbherzigen Reformationsdekade
Verpufft der Luther-Effekt?

Von: Siegfried Eckert
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Auf dem Weg sein

Während ich vor der Wartburg auf den Einlass zur Ausstellung »Luther und die Deutschen« wartete, flüsterte mir der Audio-Guide Worte des Reformators ins Ohr: »Wir sind immer auf dem Wege und müssen verlassen, was wir kennen und haben, und suchen, was wir noch nicht kennen und haben.« Haben wir im Jahrzehnt der Feierlichkeiten unsere Besitzstände verlassen? Der Bettelmönch Martin riskierte seine ganze Existenz und wagte erstaunlich Neues, wissend: »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.« (Hebr. 13,14) Er war beseelt von einer inneren Unruhe, die sich mit den Gegebenheiten seiner Kirche nicht abfand.

Dieser wilde Mann war kein Heiliger, vielmehr ein Suchender, Bedrängter und Drängender, voller Irrungen und Wirrungen. Seine hohe Ambivalenz führte dazu, dass wir im Vorfeld im Büßergewand durchs Land gingen. Luthers intolerante Ausfälle gegenüber Juden, Türken und Bauernrotten boten reichlich Anlass dazu. Dieser sture Mensch eignet sich nicht, als Held auf einen Sockel gestellt zu werden. Trotzdem wurde Luther eine Art »selektives Vorbild« für einen gewissenhaften Christenmenschen, der Haltung in haltlosen Zeiten zeigte.


Was Christum treibet

Der kraftvolle Luther wurde zum charismatischen Anführer der Reformation. Den Gegenpol dazu bildete der feingeistige Theologe Philipp Melanchthon. Wittenbergs Stadtpfarrer Johannes Bugenhagen hingegen erwies sich als kluger Organisator neuer Kirchenordnungen. Nur gemeinsam waren diese »drei Musketiere der Reformation« stark im Kampf für ein freies Christsein ohne Vermittlungsinstanzen und für eine glaubwürdige Kirche, die auf den Ablasshandel mit den Ängsten der Menschen verzichtet.

500 Jahre später stand ein ausdifferenzierter Protestantismus im Rampenlicht und auf dem Prüfstand wie lange nicht mehr. Haben die EKD und der DEKT, die verfassten Landeskirchen und die freien Radikalen des Protestantisums den »TÜV 2017« bestanden? Kam das Priestertum aller Gläubigen genügend zum Zuge? Wurde der runde Geburtstag als Fest des Kirchenvolkes gefeiert? Ging man fair miteinander um, als der zu erwartende Streit ums Erbe ausbrach? Stand der christliche Glaube im Mittelpunkt oder kirchliches Selbsterhaltungsinteresse? Luthers Kompass lautete: »Was Christum treibet«. Welche Motive haben uns angetrieben?


Unversöhnte Verschiedenheit

Trotz Leuenberger Konkordie sind wir ein fragiles Gebilde. Hinter den Kulissen der Dekade offenbarten sich alte Sollbruchstellen und frische Wunden. Das Zweckbündnis EKD und DEKT im Verein »r2017« konnte die gegenseitigen Vorbehalte ihrer Protagonisten nicht versöhnen. Das Zusammenspiel der EKD mit ihren Landeskirchen blieb in weiten Teilen blutleer. Mit dem Strategiepapier »Kirche der Freiheit« beanspruchte die EKD seit 2006 eine Deutungshoheit über das Jubiläum, welche unnötig Widerstand provozierte. Der schwache Teamgeist zwischen Kirchentag in Berlin und »Kirchentage auf dem Weg« zerbrach, als auf beiden Seiten um höhere Teilnehmerzahlen gebuhlt wurde. Die meisten Landeskirchen waren in der Dekade mit auf sich selbst bezogenen Strukturdebatten beschäftigt. Lange Zeit kam deshalb keine Festtagsstimmung auf. Hohe Reibungsverluste zwischen den einzelnen Ebenen streuten zusätzlich Sand ins Festgetriebe. Das Lehrgeld dafür bezahlten an vorderster Front sog. Reformationsbeauftragte, die wie Pilze aus landeskirchlichen Behördenböden schossen. Ein individualistisch geprägter Protestantismus tat sich insgesamt schwer, an einem Strang zu ziehen. Da fehlte die nötige Demut, vorhandene Eigeninteressen zurückzustellen, um der gemeinsamen Sache zu dienen. Bei uns kocht jeder sein eigenes Süppchen. Wir sind eine Ansammlung vieler bunter Smarties. Der katholische Nachbar ist in diesem Punkt besser aufgestellt.


Provinzposse statt Weltausstellung

»DER LUTHEREFFEKT. 500 JAHRE PROTESTANTISMUS IN DER WELT« lautete der Titel einer Hammer-Ausstellung im Jubeljahr. In Berlin konnte der weltweite Effekt bestaunt werden, den Luthers religiöse Erneuerungsbewegung bis heute erzielt. Mit dem Thesenanschlag fiel ein Stein ins Wasser, der immer noch seine Kreise zieht. An den Beispielen Schweden, Korea, Amerika und Tansania war dies im Martin-Gropius-Bau zu studieren. Wir sind keine Weltkirche geworden, dafür eine Weltbewegung geblieben, die allein im Plural zu haben ist. In der charismatischen Bewegung findet dies gegenwärtig seine augenfälligste Erscheinungsform. Protestantisch bewegte Menschen passen nicht unter einen Hut, unter keine Dachkampagne, selbst nicht unter den Sombrero des Papstes. Die Vielfalt macht unseren Charme aus und hält ihn mit seinen Protestantismen anschlussfähig an die Moderne.

Verglichen mit Berlin wirkte die Weltausstellung in Wittenberg eher wie eine Provinzposse. Das passte zu Luther, der die Provinz liebte und kein weltläufiger Mensch war, obwohl er die Welt wie kaum ein anderer veränderte. Die sieben Torräume der Freiheit in den weitläufigen Wallanlagen Wittenbergs erwiesen sich als Eigentore evangelischer Selbstgenügsamkeit. Dem zu leisen protestantischen Herzschlag draußen vor den Toren der Stadt gelang es nicht einmal, bis zur Tourismusmeile von Wittenberg durchzudringen, geschweige denn die Massen von außerhalb anzulocken. Eine engagierte Margot macht noch keinen Sommer. Geld schießt Tore, aber kreiert nicht automatisch einen Teamgeist. Wenigen Ausstellern gelang es, sich den lokalen Gegebenheiten anzupassen, als die erwarteten Besucherscharen ausblieben. Segensroboter und Lichtkirche aus Hessen-Nassau, die Gastfreundlichkeit der Württemberger in Wittenberg bildeten da die Ausnahmen.


Fassadenprotestantismus

Heinrich Bedford-Strohm als vierter Ratsvorsitzender der Dekade und Margot Käßmann als neu erfundene Reformationsbotschafterin waren Glücksfälle. Beide leisteten einen beherzten Kraftakt, doch sie waren Gefangene im kühlen Gehäuse einer ferngesteuerten EKD-Feststrategie. Weitgehend fehlten zündende Ideen, weil protestantisches Feuer sich nicht von oben entzünden lässt. Yadegar Asisis Panorama und das Konficamp gelangen, weil das Panoramaprinzip von Asisi immer funktioniert und unsere Konfirmanden die letzte Gruppe sind, auf die wir Zugriff haben. Die Massen pilgerten ansonsten zu Luthers Wirkungsstätten. Die Showräume des lieblosen EKD-Protestantismus erwiesen sich eher als Flopp.

Wer die Halbherzigkeit der Kampagnenmacher genauer unter die Lupe nehmen will, studiere die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender. Darin enthalten ist auch das farblose Finale von Wittenberg. In aufwändig restaurierten Gebäuden hielt man am Urknallort der Reformation Hof und feierte einen Gottesdienst mit einem prominenten Luther-Schauspieler, und anschließend gab es einen Staatsakt mit dem Original von Luthers 95 Thesen. Dieser staatstragende Fassadenprotestantismus, der um die Eliten buhlt und seinen eigenen Leuten die kalte Schulter zeigt, konnte die Herzen der Menschen nicht erreichen.


Mogelpackung Christusfest

Deshalb bekam der gut gemeinte Gedanke des Christusfestes zunehmend ein strategisches Geschmäckle. Der alt-katholische Bischof Dr. Matthias Rinn kommentierte dazu: »Wir feiern immer Christusfeste an Weihnachten und Ostern.« Das Etikett Christusfest sollte zum Türöffner für reformationsgedenkende Bedenken tragende Katholiken werden. Atmosphärisch mag damit einiges gelungen sein. Vorhandene Differenzen wurden dafür unter den Teppich der guten Laune gekehrt. Heinrichs und Reinhards Geschwisterliebe produzierte schöne Bilder, substanzielle Fortschritte blieben Fehlanzeige. Das ökumenisch sehnsüchtige Kirchenvolk wird weiter mit den ewig gleichen Rufen zur Geduld abgespeist. So lange wir am Tisch des Herrn keinen Millimeter weiterkommen, hat der Begriff des Christusfestes sich den Vorwurf der Mogelpackung gefallen zu lassen.


Ambivalente Symbolpolitik

Würde die EKD es mit der weltweiten Ökumene ernst meinen, hätte am 31.10.2016 das parallel zum kirchenhistorischen Papstbesuch beim lutherischen Weltbund in Lund zelebrierte nationale Hochamt in Berlin abgesagt werden müssen. Solch eigensinniges Verhalten schmälerte auch die Überzeugungskraft des Hildesheimer Healing-Versuches. Die Symbolpolitik der EKD, die in erster Linie auf die Erzeugung medienwirksamer Augenblicke setzte, war äußerst nebulös und fragwürdig. Das gilt auch für die Überreichung des Hildesheimer Versöhnungskreuzes an den Bundespräsidenten in der Schlosskirche am 31.10.2017. Das erinnerte in übler Weise an die früheren Zeiten des landesherrlichen Kirchenregiments und passt zur Symbolik des geplanten Wiederaufbaus des schiefen Turmes der Garnisonskirche zu Potsdam. Einmal mehr offenbarte sich darin, dass es der EKD mehr um die Feier ihrer medialen Bedeutsamkeit ging, als um einen Gottesdienst zur Ehre Gottes.

Der protestantische Geist, der vor 500 Jahren der Flasche entwich, wird so zum Schmieröl im Getriebe der Welt und verliert die Kraft des Salzes, welches wir auf Erden sein sollen. Wo hat die Bürokratie der EKD, wo haben Landeskirchen- und Verwaltungsämter seit der Dekade verlassen, was sie hatten und kannten, um mit leichterem Gepäck unterwegs zu sein? Hochdotierte Besitzstandswahrer verharren in warmen Amtsstuben, während unseren Gemeinden der Wind der Veränderung schon lange kühl ins Gesicht weht. Wenn die letzte Kirche geschlossen und die letzte Pfarrstelle eingespart ist, wird es immer noch Ämter geben, bei denen die Schlüssel abzugeben sind.


Protestanten unerwünscht

Haben wir in der Dekade gesellschaftlich Randständige, kirchlich Enttäuschte, religiös Abgehängte neu erreicht? Durften Querdenker am großen Gastmahl teilnehmen? Wer stand bei den Top-Ten-Veranstaltungen der EKD auf den Gästelisten? Die Beantwortung der letzten Frage gäbe ein aufschlussreiches Bild über den amtierenden Protestantismus. Das Fell des Jubiläums, millionenschwere Fördergelder, war längst verteilt, bevor die ersten Sektkorken knallten.

Friedrich Schiller schreibt: »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Gingen wir spielerisch miteinander um? Hat das Spaß gemacht? Luther wusste: »Wenn Gott keinen Spaß verstünde, so möchte ich nicht in den Himmel.« Wo hätte wohl unser Geburtstagskind gerne mitgefeiert? Die Dachkampagnen-Inszenierungen rissen die Masse nicht gerade vor Begeisterung von ihren Stubenhockern. Ohne Kirchentag und Luther-Oratorium sähe die Bilanz trister aus. Je größer die Bühnen wurden, umso weniger waren darauf protestantische Freigeister erwünscht. In regionalen und lokalen Projekten war mehr kreatives Salz in der Suppe und ging die Party ab. Luther selbst war ja ein echter Rock’n’Roller, der seinen Laden aufmischte und den Rock, auf dem das Papstamt gründet, gründlich bröckeln ließ.


Elfmeter verschossen

Die Luft war raus, als zum ökumenischen Fest Mitte September in Bochum die EKD, die Deutsche Bischofskonferenz, der Katholikentag und der DEKT nur 750 meist dienstverpflichtete Gäste mobilisieren konnten. Bundestagspräsident Lammert rockte dennoch den Laden, als er in puncto Ökumene allen die Leviten las. In der ersten Reihe fand dies niemand lustig, während schon ab der zweiten heftig geklatscht wurde. Wer mit den Wölfen heult, mit Vorliebe als Big-Player am Tisch der Reichen und Mächtigen lagert, sitzt bei ARD und ZDF noch in der ersten Reihe, das kritische Kirchenvolk schaltet ab.

Dieser Protestantismus ist auf bestem Wege, zu einer Volkskirche ohne Volk zu werden. Luther berief sich auf Schrift und Gewissen und zeigte vor Kaiser und Papst Haltung. Wer millionenschwere Drittmittel einsammelt, pflegt eher die Praxis: »wes Brot ich ess, des Lied ich sing.«

Jan von Campenhausen, Rektor der EKD in Wittenberg, sagte mir einmal: »Das Jubiläum ist ein Elfmeter, der nur zu verwandeln wäre.« Er schien nicht bemerkt zu haben, dass das Strategiepapier der neoliberalen Freiheit die Torhüter von Hannover längst ins Abseits der Bewegung gespielt hatte. Darin war nie von einer Reformation an Haupt und Gliedern die Rede, sondern vom Ausbau der Organisation Kirche auf Kosten der Gemeinden. Die Versorgung des »christlichen Haufens« in der Fläche sollten Ehrenamtliche gewährleisten, um Finanzmittel für regionale Leuchtturmprojekte frei zu haben. An diesem strategischen Leuchtturmwesen der EKD sollte die säkulare Welt genesen und unsere Kirche gegen den Trend wachsen. Der Geburtsfehler dieser Huber-Gundlach-Barrenstein-Blaupause war der ungute Geist, der über den Wassern einer halbherzigen Dekade schwebte. Auch deshalb ging dieser Elfmeter an den Pfosten. Tore und Sieger sehen anders aus. Das konnte man auf der EKD-Synode in Bonn beobachten.


Draußen vor der Tür

Haus- und Hoftheologen der protestantischen Beletage spielten diesen Murks mit. Gremien und Kommissionen wurden so besetzt, dass Risiken überschaubar blieben und Kontroversen vermieden wurden. Die Propheten und Querdenker im eigenen Land waren unerwünscht. Systemische Abwehrmechanismen ließen sie draußen vor der Kirchentür stehen. Kircheneigene Hauspostillen maßregelten eine Professorenschaft als Spielverderber, die theologische Schwachstellen ihrer Agenda schonungslos benannten. Was hätte Luther dazu gesagt? An welchen Tischen hätte er gesessen? Zu welchen Banketten wäre dieser unansehnliche Mann überhaupt vorgelassen worden? Wie viel Playmobilfiguren hätte er seinen Kindern geschenkt? Und welche Thesen würde er heute an die Tür einer Kirche nageln, die zur Hüterin seiner Asche geworden ist? Wie wäre er mit der gestörten Selbst- und Fremdwahrnehmung einer EKD-Synode umgegangen, die mit angelegten Scheuklappen beratungsresistent Rückblick hielt?


Projektionsfläche Luther

500 Jahre später dient der Reformator weiterhin als große Projektionsfläche für unterschiedliche Sehnsüchte. Ein interessefreies Jubiläum wird es nie geben. Jede Zeit kreiert ihre Bilder. Selbst die Politik konnte im Superwahljahr 2017 die Finger nicht vom standhaften Nationalhelden lassen. Am auffälligsten betrieb der Kirchentag Wahlwerbung mit Obama und Merkel vor dem Brandenburger Tor und Landesbischof Dröge mit einer AfD-Funktionärin in einer Kirche.

Erschwert wurde die Stimmung durch Jubiläumsmacher, die mit allzu dicker Hose durch lutherisches Ursprungsland trampelten. Im entkirchlichten Osten herrschte Skepsis, wie ein staatlich mitfinanziertes Kirchenfest sich anfühlen würde? Schöne Begegnungen gelangen, vor allem rund um Wittenberg. Aber die Vorbehalte wurden dadurch nicht geringer, und eine Kircheneintrittswelle ist ausgeblieben. 250 Mio. Euro soll die Party gekostet haben. Runde Geburtstage sind teuer und sollten uns einiges wert sein. Doch wer mit unternehmerischem Geist in den Jubiläumwald seit 2006 hineinrief, muss sich nicht wundern, wenn es jetzt zurückschallt, ob diese Sause sich rentiert hat, und welche Defizite zu vermelden sind? Die zahlende Masse blieb auch deshalb weg, weil sie ein feines Gespür hatte, wo sie als Kulisse erwünscht war, um eindrucksvolle Kirchenbilder zu produzieren. Die Herde folgte ihren Hirten nicht, nachdem diese mit überdimensionierten Zahlen hohe Mittel eingesammelt hatten. Und nun trifft die alte Wahrheit zu: abgerechnet wird zum Schluss.


Sich ehrlich machen

»Machen wir uns ehrlich«, forderte der Bundespräsident am Tag der deutschen Einheit. Die Aufarbeitung des Jubiläums erinnert auf EKD-Ebene an Trumps Umgang mit der Berichterstattung nach seiner Amtseinführung. Doch nur ein ehrlicher Umgang mit dem was war, macht uns frei, über alles zu reden. In der Dekade ist sehr viel Schönes gelungenen, unser Reformationsglas ist weit mehr als halbvoll. Vor Ort und in den Regionen hat das Jubiläum vieles und viele bewegt. Weil der Protestantismus von unten nach oben wächst, war unten mehr los. Die Zivilgesellschaft zeigte sich offener als die kirchliche Stammkundschaft. Luther funktionierte wunderbar als Katalysator, der die Menschen zusammenführte, den Tourismus belebte und protestantische Selbstvergewisserung ermöglicht. Wer sich ehrlich macht, kann auch gelassener mit kritischen Journalisten umgehen. Und wer fragt, warum VW Hauptsponsor sein musste, ist kein Querulant, sondern ein protestantischer Geist.

Es ist o.k., wenn Erwartungen enttäuscht wurden. Wir Protestanten sind keine unfehlbare Heilsanstalt. Auf halber Treppe dürfen wir uns fröhlich niederlassen. Keiner muss bei uns obenauf sitzen. Unzählige schöne Momente und spirituelle Glanzlichter geschahen, die sich in keine Bilanz einpreisen lassen. Beim Abschlussgottesdienst der Weltausstellung auf dem Wittenberger Marktplatz wehte uns viel protestantischer Geist um die Nase: weltoffen, weiblich, graswurzelig, gesellschaftsrelevant, musikalisch, interkulturell und partizipativ. Wir saßen alle auf Bierbänken und es gab keine Obergrenze bei den Einladungskarten.

Am 29.10.2016 titelte der »SPIEGEL«: »Luther. Der erste Wutbürger«. Von Luther ist überliefert: »Der erste Zorn ist immer der beste.« Und Georg Diez stellte in »Christ & Welt« am 14.10.2016 fest: »Und genau darin fühle ich mich Luther verbunden: in der Wut, im Furor, in der Freude am Streit. Denn sie ist Ausdruck von Engagement. Von dieser Wut ist im institutionalisierten Protestantismus unserer Tage nicht mehr viel zu spüren. Wenn sich heute Vertreter der evangelischen Kirche öffentlich äußern, ist diese Wut in einem Kokon von demonstrativer Christlichkeit gefangen.« Mit viel Wut im Bauch schrieb ich mir seit 2013 eine Streitschrift von der Seele mit dem Titel »2017. Reformation statt Reförmchen«. Und es erging mir in den zurückliegenden Jahren wie einst Luther: »Ich arbeite nie besser als durch Zorn inspiriert. Wenn ich zornig bin, kann ich besser schreiben, beten, predigen, da mein Geist schneller arbeitet, mein Verstand geschärft ist und alle weltlichen Sorgen und Versuchungen dahingefahren sind.«


Kirche als Ereignis

Mit solchem Zorn startete ich auch vor vier Jahren den Versuch, ein großes Volksfest von unten nach oben für die Region Bonn am Abend des 31.10.2017 zu planen. Gegen viele Widerstände gelang am Ende ein Mut machendes Pfingstwunder, welches den WDR dazu veranlasste, seine siebzigminütige Sendezeit um 20 Minuten zu überziehen. 5000 Menschen, davon 700 Mitwirkende, kamen im Bonner »Telekom Dome« zusammen; ausverkauftes Haus. 320.000 folgten am Fernseher. Zehntausende studierten bisher die Feier in der Mediathek nach (s. »Reformationsgala aus Bonn – Luther, teuflisch gut« (1/2); verfügbar bis 31.10.2018. WDR).

Im Abgesang zur Dekade war zuletzt viel von Eventisierung als Vorwurf zu hören. Ich mag es, wenn Kirche zum Ereignis wird. Meist ist da mehr Leben in der Bude und Spirit spürbar. Umso mehr bedauere ich, dass Hartwig Bodmann, der Ideengeber von »r2017«, der mit seiner langen Kirchentagserfahrung uns einen großartigen Reformationssommer bescheren wollte, nun gescholten wird. Wenn nicht jetzt, wann dann hätten wir groß feiern sollen? Meine Frage ist eher, was wurde da inszeniert? Welche Art von Protestantismus wurde da in Szene gesetzt? Ärgerlich fand ich, dass wir traditionsvergessen beim Schlussgottesdienst in Wittenberg nicht »Ein feste Burg« sangen, sondern »We shall overcome« trällerten.


Vereinigt euch!

Ein letztes Mal Luther: »Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser – das ist eine Vorschrift für Fische.« Bruder Martin hätte sicher gerne mit uns angestoßen; nicht auf die Kollateralschäden seiner Nachwirkungen, aber auf die gewachsene Freiheit unter Christenmenschen. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber schrieb: »Aber der Gegenpol von Zwang ist nicht Freiheit, sondern Verbundenheit. Zwang ist eine negative Wirklichkeit, und Verbundenheit ist die positive.« Mir sind während der Dekade viele Menschen begegnet, mit denen ich mich neu verbunden fühle. Mir träumt davon, dass wir in Verbindung bleiben und sich fernab von EKD und DEKT die reformatorischen Kräfte im Land vereinigen zu einem »r2017+«-Verein. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Tragisch wäre es doch, wenn der Luther-Effekt verpuffen würde und wir nicht auf seinem Weg weitergehen würden. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt. Luthers Wirken hat die Agenda bis mindestens 2030 gesetzt, wenn wir 500 Jahre Confessio Augustana feiern werden. »Das Reformationsjubiläum war da stark, wo die evangelische Kirche stark ist: auf der Ebene der Gemeinden. Da ist viel passiert – von gemeinsamer Bibel- und Lutherlektüre bis hin zu Konzerten. Wir sind eine Kirche, wo das Leben unten stattfindet. Je höher die Ebene war, auf der das Reformationsjubiläum gefeiert wurde, desto weniger gelungen fand ich es.« (Dorothea Wendebourg, Publik Forum Nr. 21., 10 November 2017, 29)


Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Siegfried Eckert, Gemeindepfarrer in Bonn, Landessynodaler der EKiR, Mitwirkender des DEKT, Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Bonn; Bücher zur Dekade: »2017. Reformation statt Reförmchen« (Gütersloh), »Demut. Was uns gelassener leben lässt« (chrismon), »Mehr Ökumene wagen« (chrismon).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2017

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19.12.2017
Ein Kommentar von Johannes Müller


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