Lauter gute Vorsätze

Von: Peter Haigis
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»Im nächsten Jahr wird alles anders.« Zum Jahreswechsel ist Gelegenheit, das Gute in sich zu beschwören und Besserung zu geloben. Da sind den Versprechungen keine Grenzen gesetzt. So ähneln Silvester oder Neujahrstag der Zeit vor einer politischen Wahl. Ehrwürdige Absichtserklärungen haben in solchen Zeiten Konjunktur.

Vielleicht ist es die Frist, die das möglich macht. Da steht ein konkretes Datum vor Augen. Von da an soll alles besser werden – auch und gerade wenn es mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. Das Schöne an den guten Vorsätzen zum Jahreswechsel ist ihre Halbwertszeit: Heute schlägt sozusagen noch die alte Stunde. Und so bin ich glücklicherweise – im Augenblick zumindest – davon entbunden, auf große Worte auch annähernd große Taten folgen zu lassen. Morgen aber und in den Tagen und Wochen danach werden sich dann schon genug starke Argumente finden lassen, die zeigen, dass die ganzen guten Vorhaben zwar wirklich »ganz gut«, aber insgesamt doch leider auch etwas unrealistisch sind. Und dass man natürlich immer in kleinen Schritten vorgehen muss und überhaupt … – man ist ja auch nur ein Mensch.

Recht besehen sind die guten Vorsätze sogar eine arge Plage. Denn sie zwingen mich zu allerlei Erklärungen und Entschuldigungen, wenn andere feststellen sollten, dass ich rückfällig geworden bin. Und trotzdem: Die guten Vorsätze, die uns ins neue Jahr begleiten, haben etwas geradezu Rührendes. Sie bringen sich mit einer solchen Beharrlichkeit in uns zur Geltung, dass wir immer noch an sie glauben. Dabei sind sie im Grunde nichts weiter als eine Art wiederkehrende Selbstvertröstung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Am besten also: Wir nehmen uns dabei nicht allzu ernst.

Menschlich ist es, lauter gute Vorsätze aufzustellen, und menschlich ist es auch, sie nacheinander wieder über den Haufen zu werfen. Also dann – auf ein Neues!

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2018

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