Eine Erinnerung zum 10. Todestag
Bobby Fischer – Nihilist oder Gottsucher?

Von: Eberhard Pausch
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Vor zehn Jahren starb das Schachgenie Bobby Fischer. In der Öffentlichkeit geriet er durch abstruse Behauptungen mehr und mehr ins Abseits. Fischer war ein begnadeter Schachspieler, ein enfant terrible und er litt unter einer schweren Psychose. Doch wie hielt er es mit der Religion? Eine Antwort von Eberhard Pausch.


»Nothing eases suffering like human touch.« (Robert James Fischer )
Bobby Fischers last words, 2008

Vor zehn Jahren, am 17. Januar 2008, starb in Reykjavik (Island) der in den USA geborene Schachgroßmeister Robert James (genannt »Bobby«) Fischer (geb. 9. März 1943), Weltmeister der Jahre 1972 bis 1975. Bobby Fischer wurde 64 Jahre alt – so viele Jahre, wie das Schachbrett Felder hat. Kaum ein Spieler des vergangenen Jahrhunderts war umstrittener gewesen. Dazu trugen vor allem seine antisemitischen Äußerungen bei, aber auch seine unerbittliche Feindschaft gegenüber Russland und seinem Geburtsland, den USA. Sein Nach-Nachfolger auf dem Schachthron, Garri Kasparow (Weltmeister von 1985-2000), schätzte Fischer als den womöglich besten Schachspieler des 20. Jh. ein.1 Abgesehen von dieser hohen schachlichen Wertschätzung übte Kasparow jedoch auch Kritik an seinem Vor-Vorgänger und bezeichnete ihn unter anderem als »Nihilist«: »Es ist dies der seltene Fall, dass ein Nihilist, ein intellektueller Hippie, der die westliche Welt verachtet, sich auch dem sowjetischen System entgegenstellt.«2

Ob Fischer ein »intellektueller Hippie« war, mag hier dahingestellt bleiben, zumal der Begriff »Hippie« sich einer klaren Definition entzieht. Aber war Fischer ein Nihilist? Also ein Mensch, dem Werte, soziale Beziehungen, Weltanschauungen und/oder Glaubenshaltungen nichts bedeuteten? Der beispielsweise Religion und den Glauben an Gott ablehnte? Kasparow begründet seine Meinung damit, dass Fischer »nichts« (!) außerhalb des Schachs liebe: »Man muss etwas hinter den Grenzen seiner Profession lieben, aber Fischer hatte nichts außer Schach.«3 Nun könnte man Kasparow zunächst einmal rein logisch entgegenhalten: Auch wenn er »nichts außer Schach« liebe, so liebe er eben doch das Schachspiel und sei daher kein Nihilist. Aber es gibt daneben auch noch eine ganze Reihe anderer Anzeichen dafür, dass der Mensch Bobby Fischer wertvolle Sozialbeziehungen pflegte und Werte sowie bestimmte Glaubenshaltungen hatte, die eine Kennzeichnung als »Nihilist« ausschließen. Diesen Anzeichen will ich hier nachgehen.

Ich werde daher in diesem Aufsatz die These vertreten, dass der Mensch Bobby Fischer kein Nihilist war, sondern womöglich ein Gottsucher – und darin vergleichbar vielen Menschen der Gegenwart. Ich zeichne zu diesem Zweck zunächst in wenigen Strichen Fischers Leben nach (1.), gehe dann kurz auf seine erstaunliche Leistung im Schachspiel ein (2.) und komme schließlich auf religiöse Aspekte zu sprechen, die im Blick auf sein Leben sichtbar werden (3.).


1. Bobby Fischer – Der Mensch

Eine m.E. vorzügliche Biographie Fischers legte im Jahr 2012 Frank Brady vor, der Bobby Fischer persönlich sehr lange gekannt hatte, aber gleichwohl eine kritische Distanz zu seiner Person wahrte und für seine Publikation in beachtlichem Umfang aus den heute vorhandenen Quellen schöpfte.4

Fischer war der Sohn einer jüdischen Mutter, Regina Fischer (1913-1997), und damit seiner Herkunft nach Jude. Umso rätselhafter scheint, dass er diese Herkunft verleugnete und jüdische Menschen über weite Strecken seines Lebens mit Hass verfolgte. Sein biologischer Vater war, wie Anfang der 2000er Jahre aus FBI-Akten rekonstruiert werden konnte, wohl der ebenfalls jüdischstämmige, früh verstorbene Physiker Paul Nemenyi (1895-1952).5 In New York verbrachte Fischer den größten Teil seiner Kindheit, dort fand er durch seine ältere Schwester Joan (1938-1998) schon früh zum Schachspiel und entfaltete aufgrund seiner herausragenden Intelligenz (ihm wurde ein IQ von 180 attestiert) rasch ein hervorragendes Schachtalent.


Verfolgungswahn

Seine Mutter hatte zeitlebens Sympathien für die Ideen des Sozialismus und Kommunismus, lebte zeitweise in der UdSSR, in den 1960er Jahren auch in der DDR und wurde deshalb viele Jahre lang vom FBI überwacht. Ihr Sohn, der diese Überwachung seit den frühen 1950er Jahren (der sog. »McCarthy-Ära«) sehr deutlich wahrnahm, fühlte sich möglicherweise auch deshalb ein Leben lang beobachtet und verfolgt. Hier lag ein realer, ein objektiver biographischer Grund für die Paranoia, die Fischer spätestens seit den 1960er Jahren entwickelte. Man muss einschränkend sagen: Eine klinische Attestierung für eine psychische Erkrankung des Schachgenies liegt nicht vor. Jedoch gibt es viele Zeugnisse auch von Fischer wohlgesinnten Personen, die in diese Richtung weisen. So fühlte er sich stets verfolgt, zunächst von »den Russen«, später von »den Juden«, schließlich auch von »den USA«. Bilder von Werbeplakaten bezog er auf sich, sie »sprachen zu ihm«, was als Anzeichen für eine schizophrene Psychose gelten kann. Andere Verhaltensmuster lassen evtl. auf ein Asperger-Syndrom schließen.6


Asyl in Japan

Wie auch immer, seine beharrliche Leugnung des Holocausts und seine wiederholten Hasstiraden gegen die USA, auch im Umfeld der Terroranschläge des 11. September 2001, führten dazu, dass er – lange nach seinen glorreichen Zeiten als Schachweltmeister – in kaum einem Staat der Welt noch wohlgelitten war. So erklärt sich seine Odyssee in den 1990er und 2000er Jahren von den USA durch Europa, in den Fernen Osten (Japan) und schließlich von 2005 bis zu seinem Tod 2008 nach Island. Das Land, in dem er 1972 Weltmeister geworden war, gewährte ihm nach einem mehrmonatigen Gefängnisaufenthalt in Japan schließlich Asyl.

Im privaten Bereich hatte Fischer einige Beziehungen zu Frauen, von denen die meisten scheiterten. Allerdings heiratete er im August 2004, in einem japanischen Gefängnis befindlich, Miyoko Watao, eine japanische Schachspielerin und -funktionärin. Zu seiner Mutter und zu seiner Schwester hatte er, solange beide lebten, zeitweise durchaus enge Bindungen, wobei das Verhältnis zur Mutter nicht immer spannungsfrei war, auch wegen ihrer politischen Ambitionen. Gleichwohl: Als er im Sterben lag, verlangte er nach einem Foto seiner Mutter.


Nur wenige Freundschaften

Mit einigen wenigen Schachspielern pflegte Fischer Freundschaften. Insbesondere Boris Spasski (geb. 1937), den er 1972 als Weltmeister entthront hatte, schätzte er menschlich sehr und spielte auch deshalb (jedoch auch wegen des mit dem Match verbundenen hohen Preisgeldes) 1992 mit ihm ein umstrittenes »Re-Match«.7 Auch später hatten die beiden noch freundschaftlichen Kontakt, wobei es wohl stets Fischer war, der sich bei Spasski meldete.

Fischers Gesundheitszustand verschlechterte sich in Island infolge einer Nierenerkrankung zunächst schleichend, später rasch. Da er 2007/2008 auf eine notwendige Behandlung verzichtete, starb er an den Folgen der Erkrankung in einem Krankenhaus in Reykjavik. Spasski war zu Fischers Beerdigung eingeladen worden, außer ihm nur zwei weitere Schachspieler: Lajos Portisch (geb. 1937) und Andor Lilienthal (1911-2010). Spasski erinnert sich in einem Interview aus dem Jahr 2016:

»Waren Sie auf der Beerdigung von Fischer? – Ich konnte nicht, meine französische Frau war dagegen. Später bin ich nach Reykjavik gefahren und habe Blumen auf sein Grab gelegt. Fischer hat schon im Voraus genau beschrieben, wo man ihn beerdigen soll, was für Musik gespielt wird und wer ihn auf dem letzten Weg begleiten soll. Von den Schachspielern standen drei auf seiner Liste – Andor Lilienthal, Lajos Portisch und ich.«8

Erstaunlicherweise stand mit Lilienthal sogar ein Jude auf Fischers Liste – ein Jude, der Fischer gegenüber sein Judesein explizit betont hatte.9 Bobby Fischer konnte somit Beziehungen pflegen. Es gab Menschen, die ihm am Herzen lagen. Das passt nicht zum Bild eines Nihilisten, dem nichts und niemand etwas bedeutet.


2. Bobby Fischer – das Schachgenie

Im Jahr 1956 schlug der junge Fischer mit gerade 13 Jahren im sog. »Spiel des Jahrhunderts« den Großmeister Donald Byrne in einer faszinierenden Opferpartie. Ein Jahr später wurde er erstmals US-amerikanischer Schachmeister. Diesen Titel sollte er insgesamt neunmal erringen, bei allen seinen Starts in dieser Meisterschaft! In unzähligen Turnieren errang er in den folgenden Jahren hervorragende Plätze, und nach seinem 2. Platz beim 2. Piatigorsky-Cup im Jahr 1966 (wobei er sich knapp hinter dem künftigen Weltmeister Boris Spasski, aber deutlich vor dem amtierenden Weltmeister Tigran Petrosjan platzierte)10 belegte er nur noch 1. Plätze bei Turnieren und marschierte vor allem in den Jahren 1970-1972 mit unglaublicher Überlegenheit zum Weltmeistertitel. Gegen Weltklassespieler wie Mark Taimanov und Bent Larsen triumphierte er 1971 jeweils mit 6:0 Siegen ohne ein einziges Remis, und gegen den früheren Weltmeister Petrosjan setzte er sich mit 5:1 Siegen (bei drei Remis) durch. Schließlich schlug er Spasski im Juli/August 1972 in Reykjavik mit 7:3 Siegen, wobei dieser schon mit 2:0 gegen Fischer geführt hatte.11 Dieser Wettkampf, der schachlich auf damals einsamer Höhe stattfand12, wurde aufgrund seiner Situierung mitten im Kalten Krieg auch politisch als außerordentlich brisant empfunden.13



Kampflos entthront

Nach diesem Triumph, der ihn zu einer für die damalige Zeit gigantischen Elozahl14 von 2785 geführt hatte, spielte Fischer jedoch 20 Jahr lang kein einziges Spiel mehr. Gegen den von der FIDE ermittelten Herausforderer Anatoli Karpow (geb. 1951) trat Fischer nicht an, weil die von ihm gesetzten Bedingungen seitens der Veranstalter nicht erfüllt worden waren. Zu diesen Bedingungen gehörte seine (offensichtlich problematische) Forderung, dass er bei einem Match-Ergebnis von 9:9 in jedem Fall den Titel behalten solle, sein Gegner ihn aber nur mit einem 10:8-Vorsprung (!) »entthronen« könne. Die Weltschachorganisation FIDE akzeptierte dies nicht und forderte Fischer auf, seinen Titel gegen Karpow zu ihren Bedingungen zu verteidigen.15 Weil Fischer dies nicht tat, wurde Karpow 1975 kampflos Weltmeister und verteidigte den Titel mehrfach, bis er ihn im Jahr 1985 an Garri Kasparow abtreten musste. Fischer erkannte jedoch keinen seiner Nachfolger als legitimen Weltmeister an und betrachtete sich selbst weiterhin als den wahren Champion.

1992 ließ er sich auf ein in Jugoslawien stattfindendes Match mit seinem Gegner von 1972, Boris Spasski, ein, das er nach anfänglichen Schwierigkeiten deutlich mit 10:5 Siegen für sich entschied.16 Dem Schachspiel blieb Fischer auch danach treu, wenngleich er es gerne modifiziert hätte, indem er die Anordnung der Schachfiguren auf der Grundlinie dem Zufallsprinzip überlassen wollte. Er sprach von »Fischer Random«, wenn er diese Modifikation meinte. Seine Idee konnte sich jedoch im allgemeinen Schachuniversum nicht durchsetzen. Zumal er selbst darin nach 1992 nie mehr eine Rolle spielen sollte, außer in der nostalgischen Erinnerung von Schachliebhabern.


Bester Spieler aller Zeiten?

Dennoch: Fischer galt und gilt als einer der besten Spieler aller Zeiten. Dass er sich gegen das mächtige sowjetische Schachimperium der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg durchsetzen konnte, verdient allerhöchsten Respekt, auch wenn er dies durchaus nicht im Alleingang schaffte, sondern im Zusammenspiel mit einem bisher noch wenig beachteten Team.17 In diesem Team war von herausragender Bedeutung der US-amerikanische Großmeister William James Joseph Lombardy (1937-2017)18, der in Reykjavik als Fischers Sekundant und engster Berater fungierte. Lombardy war aber als ehemaliger Jugendweltmeister nicht nur ein hervorragender Schachspieler, sondern von Beruf römisch-katholischer Priester. Das ist immerhin bemerkenswert im Umfeld eines vermeintlichen Nihilisten!

In der Summe lässt sich sagen: Bobby Fischer liebte das Schachspiel von Herzen. Somit gab es einen Bereich, der ihm etwas bedeutete – und nicht etwa nichts, wie selbst Kasparow eingestehen muss.


3. Bobby Fischer – der Gottsucher

Analogien und Zusammenhänge zwischen Schach und Religion gibt es einige, vom Tod als Schachmatt des Lebens über das Schachspiel als Sinnbild des Lebenskampfes bis hin zur Dame als Symbol für die Jungfrau Maria. Die Mystikerin Teresa von Avila wurde gar von Papst Pius XII. zur Schutzpatronin der Schachspielenden ernannt.19 Dass es eine Göttin des Schachs namens Caissa geben soll, mag man demgegenüber mit einem Schmunzeln zur Kenntnis zu nehmen.

Wie viele und welche Schachspieler im engeren Sinne des Wortes religiöse Menschen waren oder sind, ist schwer zu beantworten. Spasski ist sich im Blick auf seinen Freund Bobby Fischer in diesem Zusammenhang keineswegs sicher:

»Glauben Sie an Gott? – Unter den Schachspielern gibt es Atheisten und Gottesgläubige. Alekhine, Bent Larsen und Kortschnoj gehören zu den Atheisten … Was Fischer angeht, bin ich mir nicht sicher, er war zu wider­sprüchlich.«20


Holocaustleugner

Dass Fischer widersprüchlich war, ist unbestritten. Dies hat vermutlich in Teilen seinen Grund auch in der undiagnostizierten psychischen Erkrankung, an der er mit großer Wahrscheinlichkeit litt. Vielleicht ließen sich seine Verfolgungsphantasien und sein Hass auf die »jüdische Rasse« in großen Teilen auf seine Krankheit zurückführen. Dies sei nicht gesagt, um ihn zu entschuldigen oder seine Äußerungen relativieren zu wollen. Es ist und bleibt schrecklich und unentschuldbar, wenn ein hochintelligenter Mensch unserer Zeit den Holocaust leugnet und Hunderttausenden jüdischen Menschen den Tod wünscht. Es ist umso entsetzlicher aus religiöser (und insbesondere protestantischer) Perspektive, wenn dieser Mensch sich dabei auch noch auf Martin Luthers (1483-1546) Judenfeindschaft und dessen späte Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« aus dem Jahr 1543 beruft.21

Bernhard Lohse konnte in seinem 1995 erschienenen Luther-Buch die antijudaistische Haltung des Reformators noch als einen die Systematik des Werkes Luthers störenden Exkurs behandeln.22 Demgegenüber führte das Reformationsjubiläum in der Dekade von 2008 bis 2017 evangelische Theologen wie Thomas Kaufmann zu einer wesentlich kritischeren Perspektive auf den Reformator.23 Und es ist nicht das unwichtigste Resultat der in vielen Debatten gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten der Reformationsdekade, dass die evangelische Kirche bei aller gebotenen und bleibenden Wertschätzung ­Luthers sich von seiner Haltung den Juden gegenüber in aller Deutlichkeit abgrenzt.24


Bobby Fischers Verhältnis zur Religion

Wie steht es aber mit Fischer und seinem Verhältnis zur Religion? Die Frage ist in der Tat nicht einfach zu beantworten. Folgende Gesichtspunkte sollten jedoch hierbei berücksichtigt werden:

– Vom jüdischen Glauben seiner Herkunft grenzte Fischer sich stets in heftiger Weise ab, fand jedoch später Zugang zu einer protestantischen Sekte, die unter anderem den Sabbat hielt.

– Fischer bezeichnete die Bibel zumindest zeitweise als das »vernünftigste, bodenständig klügste Buch, das je geschrieben wurde«25 und betete täglich mindestens eine Stunde lang.26

– Seit den 1960er Jahren und nachweislich bis zum Jahr 1977 war Fischer zumindest zahlendes Mitglied einer protestantischen Sekte, der »Worldwide Church of God«, die von einem gewissen Herbert W. Armstrong geleitet wurde.27 Er wandte sich von dieser Sekte ab, weil Armstrongs Theologie ihm nicht logisch erschien, die prüde Sexualmoral dieser Gemeinschaft ihn abstieß und die Prophezeiung eines Weltuntergangs im Jahr 1975 unerfüllt blieb und somit Armstrongs religiöses Gerüst sich als Irrtum oder sogar Lügengespinst erwies.

– Als sein Lebensmotto bezeichnete Fischer nach seinem Ausscheiden aus dem Umfeld der protestantischen Sekte die religiös inspirierte Lebensphilosophie des Gedichts »Desiderata« aus dem Jahr 1927.28 Zu den Kernaussagen dieses Gedichts gehören die folgenden Zeilen:

»You are a child of the universe, / no less than the trees and the stars / you have a right to be here. / And whether or not it is clear to you, / no doubt the universe is unfolding as it should.

Therefore be at peace with God, / whatever you conceive Him to be, / and whatever your labors and aspirations, / in the noisy confusion of life keep peace with your soul.

With all its sham, drudgery, and broken dreams, / it is still a beautiful world. / Be cheerful.
Strive to be happy.«
29

– Ohne Zweifel handelt es sich dabei um ein zutiefst religiöses, friedfertiges und tolerantes Motto, das in vielen Hinsichten nicht zur sonst durchaus feindseligen Lebensphilosophie Fischers passte.

– Einer seiner besten Freunde und bedeutendsten Sekundanten war über viele Jahre der römisch-katholische Priester William Lombardy.

– In seinen letzten Lebensjahren in Reykjavik (2005-2008) führte Fischer einige intensive religiöse Gespräche mit Geistlichen und bezeichnete dabei unter anderem einmal den Katholizismus als »die einzige Hoffnung der Welt«30.

– Beerdigt wurde das rätselhafte Schachgenie im Januar 2008 seinem Wunsch gemäß in einem kleinen protestantischen Friedhof von einem katholischen Priester französischer Herkunft.31


Ein Gott-Sucher

Nimmt man all diese Gesichtspunkte zusammen, so wird man in Bobby Fischers Leben sicherlich eine religiöse Dimension wahrnehmen können, ohne deren Widersprüchlichkeiten abstreiten und deren Tiefen wirklich ausloten zu können. Er hatte eine Nähe zum christlichen Glauben, ohne sich selbst jedoch kirchlich oder konfessionell zuordnen zu können oder zu wollen. Zu einem Nihilisten passen die hier aufgezeigten Aspekte aber kaum. Insofern ist Garri Kasparows Urteil an diesem Punkt entschieden zu widersprechen. Hier irrt ein Schachgenie im Blick auf ein anderes Schachgenie!

Zusammenfassend lässt sich sagen: Fischer liebte das Schachspiel glühend. Er hatte und pflegte aber auch Beziehungen zu Menschen wie seiner Mutter, seiner Schwester, seiner Frau und einigen wenigen Freunden. Religiöse Fragen trieben ihn sein Leben lang um. Er war, soweit würde ich mit meiner Aussage gehen, ein Gott-Sucher. Ein Nihilist war er sicherlich nicht.

Fischers Suche nach Gott ähnelt der vieler Menschen unserer Zeit. An sie anzuknüpfen, auf sie einzugehen, liebevoll und mit lockenden Argumenten, das scheint mir heute eine vorrangige Aufgabe für Christenmenschen zu sein. In einer Welt, in der reichlich Nihilisten leben mögen. Aber womöglich noch mehr Menschen, die auf ihre je individuelle Weise Gott aufrichtig suchen. Als Kinder des Universums, die ein Recht darauf haben, auf dieser Welt zu sein. Einer Welt, die immer noch schön ist – trotz aller Täuschungen, Mühen und zerbrochenen Träume.


Anmerkungen:

1 Garri Kasparow: Meine großen Vorkämpfer: Die herausragenden Partien der Schachweltmeister, Bd. 6: Robert James Fischer, Zürich 2007, dort 498 (im Folgenden zitiert: Kasparow, 2007).

2 Kasparow, 2007, 226.

3 Kasparow, 2007, 498.

4 Frank Brady: Endspiel: Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer, München 2012 (im Folgenden zitiert: Brady, 2012). Vgl. meine Rezension dieses Buches in: Hess. Pfarrblatt 5 (2014), 136f.

5 Vgl. zu diesen und weiteren biographischen Zusammenhängen: Dave Edmonds/John Eidinow: Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann: Die ungewöhnlichste Schachpartie aller Zeiten, Frankfurt/M. 2007, 397 sowie 412-424 (im Folgenden zitiert als Edmonds/Eidinow, 2007).

6 Vgl. zahlreiche Nachweise bei Brady, 2012, 266, 303, 305, 316, 318, 353.

7 Umstritten deshalb, weil er es als »Revanche für Reykjavik 1972« und als erneutes Match um die Weltmeisterschaft bezeichnete. Dabei hatte er seit 1972 keine offizielle Partie mehr gespielt, war deshalb des Titels 1975 verlustig gegangen, und sein Gegner befand sich 1992 schon nicht mehr unter den »Top 100« der Schachwelt. Es war demnach ein inoffizielles Freundschaftsmatch, das zudem im damals kriegserschütterten Jugoslawien stattfand.

8 http://de.chessbase.com/post/interview-mit-boris-spassky-teil-1.

9 Brady, 2012, 307.

10 Zu diesem Turnier, in dem zehn Großmeister der Extraklasse um den Sieg stritten, vgl. den liebevoll rekonstruierenden Artikel von Michael Ehn: »Der endlose Sommer von 1966«, in: Karl. Das Kulturelle Schachmagazin 3 (2016), 30-37.

11 Eine sich auf das Schachliche beschränkende Darstellung von Fischers Schachlaufbahn findet sich bei Jerzy Konikowski/Pit Schulenburg: Fischers Vermächtnis, Hollfeld 2. Aufl. 2003, 9-20. Ebenfalls knapp, aber das historische Umfeld berücksichtigend informiert neuerdings André Schulz: Das große Buch der Schachweltmeisterschaften: 46 Titelkämpfe – von Steinitz bis Carlsen, Alkmaar 2015, 172-185 (im Folgenden zitiert: Schulz, 2015).

12 Vgl. immer noch die »klassischen« Turnierbücher von Svetozar Gligoric: Fischer – Spasski: Schachmatch des Jahrhunderts, Zürich 1972, sowie Rudolf Teschner: Fischer gegen Spasski: Die vollständigen Partien der Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik, München 1972. Dazu mögen Schachliebhaber die computergestützten Analysen einiger Partien des 1972er Wettkampfs bei Kasparow, 2007, 439-475, vergleichen.

13 Vgl. Edmonds/Eidinow, 2007, sowie: Zug um Zug: Schach, Gesellschaft, Politik, Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, 1.11.2006-11.02.2007, Bonn 2. Aufl. 2007, 48f. Eine zumindest teilweise gelungene Nachzeichnung der Persönlichkeit Fischers und des Duells mit Boris Spasski im Kontext des Kalten Krieges findet sich zudem im Kinofilm »Pawn Sacrifice« (Bauernopfer) des Regisseurs Edward Zwick aus dem Jahr 2014.

14 Die Elozahl ist ein nach dem amerikanischen Mathematiker ungarischer Herkunft Arpad Elo benannter Messwert, der die relative Stärke eines Schachspielers im Vergleich zu anderen zum Ausdruck bringt. Seit Anfang der 1970er Jahre berechnet sich so die Weltrangliste im Schach. Fischer führte diese Liste seinerzeit mit weitem Abstand vor Spasski an.

15 Vgl. dazu aus der Sicht Karpows: Alexander Rosal/Anatolij Karpow: Schach mit Karpow – Leben und Spiele des Weltmeisters, München 1977, 14 sowie 125-134.

16 Nur der Vollständigkeit halber sei hier hinzugefügt, dass Fischers Auftritt im seinerzeit krisengeschüttelten Jugoslawien in der Folge zum Bruch zwischen ihm und den USA führen sollte. Die amtliche Aufforderung der amerikanischen Administration, das Match wegen des vom US-Präsidenten verhängten Wirtschaftsembargos gegen Jugoslawien nicht zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort zu spielen, missachtete Fischer nicht nur, sondern spuckte vor laufenden Kameras auf das ihm zugesandte Schreiben und provozierte sein Heimatland somit auf schwer erträgliche Art und Weise. Nach dem 11. September 2001 begrüßte er die Terroranschläge in verschiedenen Interviews und wünschte den USA Tod und Zerstörung. Sein Hass war kaum zu bremsen und wohl nicht nur irrationalen, sondern krankhaften Ursprungs.

17 Darauf weist zu Recht Schulz, 2015, 173f, hin.

18 https://de.wikipedia.org/wiki/William_Lombardy.

19 Zu diesen Zusammenhängen vgl. exemplarisch den knappen Überblick bei Josef Seifert: Schachphilosophie: Ein Buch für Schachspieler, Philosophen und »normale« Leute, Darmstadt 1989, 116-123.

20 http://de.chessbase.com/post/interview-mit-boris-spassky-4-und-letzter-teil (Das Interview wurde 2016 geführt).

21 Brady, 2012, 311.

22 Bernhard Lohse: Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung und in ihrem systematischen Zusammenhang, Göttingen 1995, 356-367.

23 Thomas Kaufmann: Luthers Juden, Stuttgart 2014, vgl. zu »Luthers bösen Schriften« besonders 106-140. Interessant scheinen mir an Kaufmanns Ausführungen besonders die Hinweise darauf, dass die »Lügen-Schrift« wie so viele andere Texte Luthers anlassbezogen entstanden war und sich gegen zwei Fronten richtete: »gegen die Juden und gegen eine christliche Hebraistik, die das Alte Testament nicht in der Luther gebührend erscheinenden Weise christlich interpretierte« (a.a.O., 121). Schließlich ist Kaufmann auch dahingehend zuzustimmen, dass Luthers Kenntnis »der Juden« und ihres theologischen Denkens sich großenteils aus sehr trüben Quellen speiste, jedenfalls weder mit Sach- noch mit Personenkenntnis punkten konnte.

24 Vgl. die Kundgebung der EKD-Synode in Bremen vom November 2015: http://www.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html. Bereits ein Jahr zuvor, am 21.11.2014, hatte sich die Synode der Evang. Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) mit aller Klarheit von Luthers judenfeindlichen Äußerungen distanziert. Vgl. hierzu http://gott-neu-entdecken.facettnet.ekhn.de/das-feiern-wir/luthers-judenschriften.html.

25 Brady, 2012, 148.

26 Ebd., 251.

27 Ebd., 147-149 sowie 172-174.

28 Ebd., 254. Allerdings irrt Brady, wenn er das Gedicht dem Sänger Les Crane zuordnet. Crane hatte das Gedicht in der Tat Anfang der 1970er Jahre vertont. Es stammt jedoch aus der Feder des deutschstämmigen Juristen und Dichters Max Ehrmann (1872-1945), der es – wie man begründet vermuten darf – inspiriert von Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers epochalem Werk »Über die Religion – Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern« (erstmals erschienen 1799) geschrieben hatte. Dafür spricht unter anderem die terminologisch zentrale Rede vom »Universum« in seiner spezifisch religiösen Konnotation.

29 http://mwkworks.com/desiderata.html. Etwas frei ins Deutsche übersetzt: »Du bist ein Kind des Universums, / so wie die Bäume und Sterne. / Du hast ein Recht, auf der Welt zu sein, / nicht weniger als sie. / Und ob du es verstehst oder nicht, / das Universum entfaltet sich so, wie es ihm bestimmt ist. / Lebe daher in Frieden mit Gott, / was immer er für dich auch bedeutet, / und was immer deine Sehnsüchte und Mühen in der lärmenden Verworrenheit des Lebens sein mögen – bewahre den Frieden in deiner Seele. / Bei allen Täuschungen, Mühen und zerbrochenen Träumen / ist diese Welt immer noch schön. / Sei frohen Muts. Strebe danach, glücklich zu sein.«

30 Brady, 2012, 360.

31 Ebd., 365-368.

Über den Autor

Pfarrer Dr. Eberhard Pausch, Jahrgang 1961, 1993 Promotion an der Universität Marburg, 1992-2000 Gemeindepfarrer in Frankfurt/M., 2000-2012 Oberkirchenrat im Amt der EKD in Hannover, anschließend theol. Referent in der Kirchenverwaltung der EKHN in Darmstadt, seit 2016 Studienleiter an der Evang. Akademie Frankfurt/M.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

2. Sonntag nach Trinitatis
10. Juni 2018, 1. Korinther 14,1-3.20-25
Artikel lesen
Geistliche Musik aus der Opernküche
Zu Gioachino Rossinis »Petite Messe Solennelle« und Charles Gounods »Cäcilienmesse«
Artikel lesen
5. Sonntag nach Trinitatis
1. Juli 2018, 1. Mose 12,1-4a
Artikel lesen
Kirche im Zeitalter des Neoliberalismus
Zu den Wirkungen des neoliberalistischen Gesellschaftskonstrukts auf die evangelische Kirche
Artikel lesen
3. Sonntag nach Trinitatis
17. Juni 2018, 1. Johannes 1,5-2,6
Artikel lesen
4. Sonntag nach Trinitatis
24. Juni 2018, 1. Petrus 3,8-15a
Artikel lesen
Religion und Gewalt

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!