4. März 2017, 1. Petrus 1,(13-17)18-21
Okuli

Von: Barbara Weichert
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»Doppelte Staatsbürgerschaft«

I

Wie mag das wohl gewesen sein, als Leser und Hörer die traditionelle, geprägte Sprache dieses Ende des 1. Jh. verfassten Briefes noch problemlos verstanden? Heute regt sich beim Lesen und Hören innerer Widerstand, den Jahrhunderte der Bevormundung durch die Kirchen dem heutigen Menschen so sehr in die Keimbahn eingepflanzt hat, dass er sich diesen Worten im Normalfall kaum mehr aussetzt … Kein Prediger wird sie auswählen, wenn eine öffentliche Kasualie (Vereinsjubiläum, Einweihung o.ä.) doch mal zahlreichen Gottesdienstbesuch erwarten lässt. Wie also die armen KonfirmandInnen und die treue ältere Sonntagsgemeinde damit so in Berührung bringen, dass es im Herzen warm wird?


II

Damals ging es darum, wie christliches Leben in einer ganz anders denkenden Umwelt möglich sein kann – unversehens wird es doch topaktuell: Sich bereithalten für Momente, in denen es darauf ankommt, ohne zu wissen, wann das sein wird. Den Verstand stärken, damit man im Wirrwarr von Informationen und »alternativen Fakten« den Kopf oben behält und eine eigene, flexible und doch nicht beliebige Spur hält. Nüchtern bleiben, wenn Gruppen im eigenen Land und selbst Regierungschefs weltweit sich im Rauschzustand zu befinden scheinen. Und sich nicht irre machen lassen von Versprechungen für eine bessere Gesellschaft, deren Halbwertszeiten immer kürzer werden.

Die Paränese-Verse, die zunächst moralisch wirken (14-16), sind eingerahmt von der Kerygma-Basis, auf der die christliche Gemeinde fest und sicher stehen und unabhängig agieren kann. Darum sollte der ganze Text Predigtgrundlage sein. Dieser Boden unter den Füßen ist immer wieder neu zu über­setzen.


III

Ein Versuch: Jesus Christus, das Muster des »menschlichen Menschen«, war weder eine bloße Idee noch eine er-dachte Roman- oder Filmfigur mit größtmöglichem Identifikationspotential für ein Massenpublikum. Er hat tatsächlich gelebt in einem historischen Rahmen von Zeit, Ort und Umständen. Er hat vorgelebt, wie Menschsein gelingen kann – in Standby-Kontakt zu Gott, den er als liebenden wie respektierten Vater sah, und in liebevoller Zuwendung zu den Mitmenschen. Für die Wahrheit seines Gottes-, Welt- und Menschenbildes hat er mit dem vollen Einsatz des eigenen Lebens gebürgt. Er hat dabei mehrfach als unverrückbar geltende Grenzen überschritten, was ihm die Feindschaft derer einbrachte, die diese Grenzen zu ihrer Sicherheit brauchten – konkret wie mental.

Nach seinem gewaltsamen Tod erlebten seine Anhänger, dass auch die Grenze des Todes ihn nicht festhalten konnte. Diese eigentlich unsagbare Erfahrung, die ihr Leben radikal verändert hat, nannten sie »Auferweckung«. Das ist die immer wieder neu sprudelnde Quelle für die »Ressource Hoffnung«1, die es möglich macht, die je aktuellen Anforderungen des Lebens nicht zu verteufeln, sich ihnen nicht zu entziehen, sondern hier und heute quasi mit »doppelter Staatsbürgerschaft« Christsein zu leben. Bruchstückhaft und unvollkommen – und doch »heilig« im Sinn von besonders, herausgenommen aus dem Alltäglichen und Allgemeingültigen.


IV

Fremd sein und Heimat haben – das müssen Menschen, die der Arbeit nachziehen müssen, ebenso dialektisch und ambivalent durchbuchstabieren wie Geflüchtete. Das kann auch Bild sein für die tägliche Herausforderung, als Christ mit einer Hoffnung und nach Maßstäben zu leben, die der Umgebung nicht einleuchten mögen, die aber die christliche Identität stiften und nach innen und außen erkennbar machen – weniger in starren Regeln, als in einer Grundhaltung.

Ein anderes Bild dieser Dialektik könnte die Situation eines Scheidungskindes sein, das zwischen zwei Welten balancieren muss, die es beide für seine Identität, sein Ganzsein braucht. Dieses Bild hinkt natürlich, weil es den qualitativen Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf nicht abbilden kann. Dafür wird in ihm deutlich, dass keine »Heimat« verlassen werden kann, ohne Schaden zu nehmen, und dass Versöhnung »hier« nur punktuell gelingen kann, dass aber die Heilung aller Verletzungen »dort« in Aussicht steht.

Im Blick auf Konfirmanden könnte auch die Position Jugendlicher zwischen Elternhaus und Peergroup entfaltet werden. Hier ist das oben angesprochene Gefälle deutlicher.


Lieder

EG 342, 1.6-9 »Es ist das Heil uns kommen her«

EG 351, 1-3.7.13 »Ist Gott für mich, so trete«

EG 360 »Die ganze Welt hast du uns überlassen«

ELKB Liederheft »Kommt, atmet auf« 059 »Die Gott lieben, sollen sein wie die Sonne«

ELKB Liederheft »Kommt, atmet auf« 062 »Kommt, atmet auf«


Anmerkung:

1 Mündlicher Bericht des Rates der EKD »Von der Freiheit der Kinder Gottes«, 4. Tagung der 12. Synode der EKD, November 2017 in Bonn, 9.


Barbara Weichert

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2018

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