18. März 2018, 4. Mose 21,4-9
Judika

Von: Georg Lämmlin
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Gefahren einer Wüstenwanderung

Die Sonntagsperikope

Die Perikope liegt als atl. Predigttext auf dem Sonntag Judika aufgrund der allegorischen Interpretation der erhöhten Schlange. Sie gilt als christologisches Symbol, das die »Erhöhung« Jesu Christi am Kreuz als Heilsgeschehen interpretiert. Dem entspricht auch der liturgische Skopos des Sonntags, das »Lamm Gottes«.

Die Perikope entfaltet ein spannendes Narrativ der Dynamik zwischen dem Führungshandeln des Mose und dem von ihm geführten Volk, in die als dritter Akteur Gott/JHWH durch das Aufbegehren des Volkes hineingezogen wird. Semantisch wird dieser dritte Akteur in einer feinen Unterscheidung eingeführt: Das Volk redet »wider Gott und wider Mose«. Und daraufhin handelt JHWH. In der darauf folgenden Antwort »Wir haben gesündigt« wird modifiziert »wider den HERRN und wider dich«. Erst aus der semantischen Konkretion des Textes heraus wird die (kommunikative) Beziehung zwischen dem Volk und Gott durch den Namensbezug konkretisiert. Das Handeln JHWHs setzt über die »Bestrafung« eine erzählerische Wendung in Gang, an deren Ende das symbolisch vermittelte Heilungsgeschehen steht.


Das Material der Erzählung

Das Material der Erzählung ist eine Wendung in der bereits 40 Jahre dauernden Wüstenwanderung, in der wiederum eine Gefahr zu einem weiten Umweg zwingt. Anstatt endlich die Richtung zum Ziel des verheißenen Landes direkt einzuschlagen, führt Mose das Volk wieder zurück in die Wüste, um das Land der Edomiter zu umgehen. Der Umweg führt zum Aufbegehren des Volkes, das die Gefahren der Wüste beschwört mit der Aussicht, in der Wüste zu sterben. Die Reaktion JHWHs setzt genau diese Furcht in die Realität um, konkretisiert durch das Auftreten von Wüstenschlangen, an deren Bissen viele sterben. Dieser Umstand bringt das Volk zur Einsicht, gesündigt zu haben, und – über Mose vermittelt – zur Bitte um Hilfe von JHWH. Die Bitte wird mit einem Wort an Mose in modifizierter Form erfüllt, indem nicht die Schlangen entfernt, aber die Gefahr ihres Bisses durch das Symbol der erhöhten Schlange abgewendet wird. In der Folge stabilisiert sich die Wüstenwanderung, ohne dass das Volk aber die Grenze in das verheißene Land überschreiten kann.

Dieses erzählerische Material der Wüstenwanderung kann nun als symbolische Illustration von Veränderungsprozessen verstanden werden. Veränderungen, sei es auf der persönlichen, auf einer organisatorischen oder der gesellschaftlichen Ebene, führen auf »Durststrecken« und »in die Wüste«, sie erfordern Umwege vielleicht gerade dann, wenn das Ziel in greifbarer Nähe scheint. Die daraus resultierende Frustration lässt sich häufig nicht auf konkrete Ursachen beziehen und führt zu einer »Abfuhr«, die sich an unbestimmte Adressaten richtet. Eine Lösung wird dann, der Erzählung zufolge, dadurch möglich, dass die Bedrohung verschärft und mit einem konkreten Adressaten verbunden wird. Im Auftreten der Schlangen und ihrer tödlichen Bisse erscheint das »tödliche Gesicht« der Wüste in – symbolischer – Konkretion. Zudem kann dieses Auftreten der Schlangen einem direkten Akteur zugeschrieben werden, mit dem dann auch die Lösung für eine Abwendung der tödlichen Bedrohung der Wüste möglich wird. Auf diese Weise wird sie kommunikativ bearbeitbar und erfährt am Ende eine symbolische ­Lösung.


Die Predigt

Die Predigt wird dieses Material nutzen können, um die Gefahren der Wüste in persönlichen Veränderungen – wie etwa der Ablösephase von den Eltern oder einer Neuformatierung der Partnerdyade durch Kinder – ebenso wie im organisatorischen Wandel von Unternehmen oder Schulen und in den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit symbolisch zu benennen. Dann kommt es darauf an, die Dynamik zu nutzen, dass sich durch das »Aufbegehren« der Furcht die Bedrohung erst recht manifestiert, aber auch dadurch überhaupt erst tatsächlich bearbeitbar wird. Diese Bearbeitung basiert auf Einsicht und auf der Bitte um Unterstützung. Es wäre eine symbolische Ausdrucksform zu finden, die die Bedrohung nicht zum Verschwinden bringt, sondern unschädlich macht durch die Paradoxie des Sichtbarmachens (in der Erhöhung auf den Stab). Die christologische Projektion sollte darum vor allem auf diesen paradoxen Charakter der Symbolisierung verweisen, in der die Symbolik des Todes auf die Spitze getrieben ist, um sich gerade so in ein Symbol des Lebens (und der Befreiung von der Todesmacht) zu verwandeln.


Lieder

EG 94 »Das Kreuz ist aufgerichtet«

EG 96 »Du schöner Lebensbaum des Paradieses«


Georg Lämmlin

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2018

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