Streifzüge durch die Literatur, Teil I: Ludwig Uhland
Martin Luther und die Dichter

Von: Karl-Josef Kuschel
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Die Persönlichkeit Martin Luthers hat immer wieder Dichter und Schriftsteller dazu angeregt, sein Leben, sein Denken, seine historische Rolle in der Reformationszeit literarisch wiederzugeben und zu gestalten. Karl-Josef Kuschel hat aus der Fülle des Materials drei lite­ra­rische Positionen ausgewählt, die er in einem mehrteiligen Beitrag im Deutschen Pfarrerblatt vorstellt. In einem ersten Teil geht es um ein Gedicht von Ludwig Uhland. Die Teile zwei und drei widmen sich dann dem Lutherbild von Heinrich Heine und Thomas Mann.1


Jede Zeit hat ihr eigenes Lutherbild

Das Gedenkjahr 2017 zu 500 Jahre Reformationsbeginn hat zahlreiche Fragen im Blick auf die Rezeption des Reformationsereignisses selbst sowie Martin Luthers aufgeworfen: Kann man die Reformation einfach unbekümmert wie einen großen Sieg »feiern« oder soll man ihrer bloß gedenken, weil man um ihre Ambivalenz weiß, kirchlich, politisch, gesellschaftlich? Welches Lutherbild gilt es heute dem allgemeinen Publikum zu vermitteln? Was ist 500 Jahre danach zu feiern oder zumindest zu erinnern?

Glaubt man den Luther-Titeln auf dem gegenwärtigen, reichlich gesättigten Buchmarkt so scheint das deutsche Publikum für Luther vor allem unter Begriffen wie Konflikt, Ketzer, Rebellion, Befreiung interessierbar. Gewiss, es gibt auch den einen oder anderen Titel zu Luthers Theologie (O. Bayer) oder zur Luther-Forschung (»Luther Handbuch«: A. Beutel), aber auffällig viele preisen den Reformator an als »Rebell in einer Zeit des Umbruchs« (H. Schilling), als »Mönch«, der die Welt »verändert« (U. Albers/J. Saurer), als »Ketzer« gegenüber Rom, was man als Ehrentitel zu verstehen hat (V. Reinhardt) – oder man erzählt im Fall Luthers die »Biographie eines Befreiten« und preist sein Buch mit einem besonders peinlich sich anbiedernden Titel wie diesem an: »Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten« (C. Nürnberger/P. Gerster). Will sagen: Man spekuliert mit solchen Luther-Titeln beim heutigen Publikum auf Interesse an Geschichte, vor allem als Konflikts-, Rebellions- und Freiheitsgeschichte. Der »SPIEGEL« meinte sogar, eine mehrteilige Luther-Serie 2017 unter dem reißerischen Titel »Luther, der erste Wutbürger« verkaufen zu sollen, deren Inhalt freilich ungleich seriöser ist als dieser absurde Titel.

Jede Zeit hat ihr eigenes Lutherbild. Und daran ist Luther nicht ganz unschuldig. Denn er war vieles: ein begnadeter Theologe nicht nur, sondern auch ein Kämpfer für die »Freiheit eines Christenmenschen«, ein scharfer Kritiker von Missständen in Kirche und Staat, auch mit den Mitteln der Polemik, der Verteuflung seiner Gegner und der spalterischen Sprache, heute verharmlosend »Grobianismus« genannt. Der Papst und die Papisten, die aufständischen Bauern, allen voran Thomas Münzer, die bekehrungsresistenten Juden oder die militärisch gefährlichen Türken – sie alle bekommen das zu spüren.


Luther – Poet und Publizist

Aber eines war er auch: Ein begnadeter Sprachkünstler und ein Poet eigenen Rechts. Seine Bibelübersetzungen dokumentieren das, ohne welche die neuzeitliche deutsche Sprache nicht die wäre, die sie geworden ist, aber auch seine Dichtungen und Lieder. Kein Zufall, dass er die Sprachkünstler auch unserer Zeit immer wieder fasziniert hat. Ich erinnere an einen brillanten Essay von Walter Jens über Luther als Prediger, Poet und Publizist 1983 zum 500. Geburtstag von Martin Luther: »Kein deutscher Schriftsteller hat es so wie Luther verstanden, ein Maximum von Seelen-Erforschung, Ich-Analyse, Gemüts- und Affekt-Beherrschung mit einem Höchstmaß an Welt-Erfahrung, dem Einbringen von Alltag, Realität und konkretem Leben zu vereinen. Luther – der Schriftsteller: Das ist zugleich der unermüdliche Ich-Erzähler, der, wenn er David, Jesaja, den Psalmisten, Paulus (und, natürlich, den Teufel) auftreten lässt, von sich selbst, den eigenen Anfechtungen, dem eigenen Pfahl im Fleische spricht, und es ist auch der wortgewaltige Verfasser einer comédie humaine des sechzehnten Jahrhunderts.« (171)

Oder ich denke an einen Essay der Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff über die Wortgewalt Luthers von 2015: »Natürlich war der Mann ein Naturereignis, ein Sprachfex, der ordentlich zulangen, gleichsam mit kräftigen Händen in der Sprache herumrühren und sie mit einer nicht gerade scheuen Zunge unter die Leute bringen konnte. Landauf, landab gelang diesem entlaufenen Mönch zum Nutzen und Frommen des deutschen Sprachzusammenschlusses ein großer Wurf, an der Volkssprache schmausend und diese zugleich veredelnd, dabei Hoch und Niedrig, würzige Ausdrücke und Subtilitäten vereinend. Dafür können wir ihm dankbar sein, und zwar nicht nur der schrumpfierte Teil unserer Gesellschaft, der bis heute bibelhörig geblieben ist.« (Von der Wortgewalt, in: Denn wir haben Deutsch. Luthers Sprache aus dem Geist der Übersetzung, hrsg. v. M.L. Knott u.a., Berlin 2015, 19).

Aber auch umgekehrt gilt: Luther ist nicht nur als Poet und Publizist, als Schriftsteller und Prediger eigenen Rechtes gewürdigt worden, sondern auch Gegenstand der Auseinandersetzung bei großen Schriftstellern deutscher Sprache. Hier – bei den Dichtern – hat er Wirkungen hinterlassen, denen sich nachzugehen lohnt und die in den reformationsfeiernden Arbeiten so gut wie abwesend sind. Wer wissen will, welche Bedeutung Mann und Werk in jeweils wechselnden Zeiten zukommt, wer an der Frage interessiert ist, was jeweils bleibt von Luther, wenn die Zeiten wechseln, der frage die Dichter. Sie, ohne Rücksichten auf kirchliche Interessen nehmen zu müssen, haben die Freiheit, den »Mann der Freiheit eines Christenmenschen« auch schonungsloser Analyse zu unterziehen, ohne seine epochale Bedeutung klein zu machen. Wir machen uns auf Spurensuche.


Ein Luther-Gedicht auf der Grenze von Aufklärung und Romantik

Wer jemals in unseren Landen unweit von Calw, der Geburtsstadt von Hermann Hesse, die gewaltigen Ruinen des alten Klosters Hirsau besucht haben sollte, hat in der Regel ein Doppeltes erfahren. Erstens: dieses im Frühmittelalter erbaute Benediktinerkloster war eines der größten und bedeutendsten im deutschsprachigen Raum. Nach der Reformation war es 1536 aufgelöst und in eine evangelische Klosterschule umgewandelt worden, bevor gegen Ende des 16. Jh. Württembergs Herzöge die Anlage zu Jagdzwecken nutzten und anstelle des Abthauses ein dreiflügeliges Schloss im Renaissance-Stil erbauen ließen. Gut 100 Jahre später wird Hirsau im Verlauf des Pfälzischen Erbfolgekriegs durch französische Truppen belagert und geht 1692 in Flammen auf. Seither sind nur noch Ruinen sichtbar.

Hirsau wäre als Ruine vermutlich vergessen, hätte nicht zweitens ein Dichter die Erinnerung an dieses Kloster im Volk wachgehalten: der 1787 in Tübingen geborene Ludwig Uhland. Er kennt Hirsau und das Nagoldtal gut, stammt doch seine Frau Emilie Vischer (1799-1881) aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Calw. Auf seinen Streifzügen hatte Uhland in der Ruine des alten Jagdschlosses ein merkwürdiges Natur-Phänomen entdeckt: Ein mächtiger Baum, eine Ulme, war hier derart emporgewachsen, dass seine Krone die hohen Mauern überragt und so etwas wie ein Naturdach über dem Gemäuer bildet. Von außen drängt sich dem Betrachter der Eindruck eines mächtigen Gewächses auf, das durch die Mauern wie eingehegt und geschützt erscheint und sie dennoch sprengt, als könnten die Mauern es nicht fassen. Dessen Wurzeln? Tief in den Boden gebohrt. Dessen Krone? Sie ragt aufwärts in den Himmel.

Ein faszinierendes Naturphänomen, keine Frage, so anziehend, dass diese Erscheinung den protestantischen Schwaben Uhland 1829 zu einem eigenen Gedicht inspiriert: »Die Ulme zu Hirsau«. Es wäre aber für unser Thema bedeutungslos, hätte Uhland seinem Poem nicht eine überraschende Pointe abgewonnen. Zunächst zum Phänomen der Natur:

Die Ulme zu Hirsau

Zu Hirsau in den Trümmern
Da wiegt ein Ulmenbaum
Frischgrünend seine Krone
Hoch über’m Giebelsaum.

Er wurzelt tief im Grunde
Vom alten Klosterbau,
Er wölbt sich statt des Daches
Hinaus in Himmelblau.

Weil des Gemäuers Enge
Ihm Luft und Sonne nahm,
So trieb’s ihn hoch und höher,
Bis er zum Lichte kam.

Es ragten die vier Wände,
Als ob sie nur bestimmt,
Den kühnen Wuchs zu schirmen,
Der zu den Wolken klimmt.

Wenn dort im grünen Tale
Ich einsam mich erging,
Die Ulme war’s, die hehre,
Woran mein Sinnen hing.

Wenn in dem dumpfen, stummen
Getrümmer ich gelauscht
Da hat ihr reger Wipfel
Im Windesflug gerauscht.

Ich sah ihn oft erglühen
Im ersten Morgenstrahl;
Ich sah ihn noch erleuchtet,
Wann schattig rings das Tal.

Soweit das Naturphänomen, dem der Sprecher des Gedichtes sich nachdenkend überlässt, fasziniert von dem Zugleich von verfallenen Trümmern des »alten Klosterbaus« und dem vor Kraft strotzenden Baum mit seiner »frischgrünenden« Krone, von dem »dumpfen, stummen Getrümmer« und dem lebendigen Wipfel der Ulme, in dem der Wind spielt. Gebannt also vom Kontrast zwischen Enge und Weite, von Verfall und Blüte, von Totem und Lebendigem, von Erstarrtem und kraftstrotzend Bewegtem.

Und doch: Das Naturphänomen allein genügt Uhland offensichtlich nicht, denn er fügt noch zwei Schlussstrophen hinzu und macht dieses Naturphänomen zu einem Symbol für etwas geschichtlich Einzigartiges:

Zu Wittenberg im Kloster
Wuchs auch ein solcher Strauß

Und brach mit Riesenästen

Zum Klosterdach hinaus.

O Strahl des Lichts! Du dringest
Hinab in jede Gruft.
O Geist der Welt! Du ringest
Hinauf in Licht und Luft.

Eine unerwartete Pointe. Sein Gedicht auf eine »Ulme zu Hirsau« gerät Uhland zum Lob des Mannes, der einst auf seine Weise die engen Dimensionen eines Klosters gesprengt hatte und mit Riesenkräften ausgebrochen war: Martin Luther. So jedenfalls sieht es der Protestant Uhland 300 Jahre nach der Reformation. Bewusst wählt er für den Vorgang der Reformation Aufklärungs- und Aufbruchs-Bilder: »Strahl des Lichts«, »Geist der Welt«, Hinauf in die Höhe, wo »Licht und Luft« ist. Luthers Werk – ein kämpferischer Aufbruchs-Vorgang: »Geist der Welt! Du ringest | Hinauf in Licht und Luft«. Ausbruch und Aufbruch zugleich, aber nicht ohne Kampf, ohne Konflikt, ohne »Ringen« gegen die beharrenden Kräfte. So also hat man 1829 noch in der deutschen Dichtung von Luther und der Reformation reden können: romantisch verklärend, ungebrochen stolz auf den Mann mit den angeblichen Riesenkräften, dem Geist der Aufklärung verpflichtet, die sich bei Uhland auch in der politischen Arbeit für eine demokratische Verfassung in Württemberg niedergeschlagen hat.

In Uhlands Luther-Bild mischen sich Romantik und Aufklärung wie bei einem anderen Dichter, einem Zeitgenossen Uhlands, der ihn allerdings an Sprachkraft und poetischer Brillanz weit überragt und der sich am intensivsten und folgenreichsten unter den Schriftstellern des 19. Jh. mit Luther und der Reformation auseinandergesetzt hat: bei Heinrich Heine. Bei aller Kritik, die Heine an Uhlands Dichtungen im Kontext der Abrechnung mit der »Romantischen Schule« in Deutschland übt, gewürdigt hat er dessen »demokratische und protestantische Gesinnung« als »echt und lauter« (5, 487). Uhland sei ein »eifriger Vertreter der Volksrechte, ein kühner Sprecher für Bürgergleichheit und Geistesfreiheit« gewesen (5, 487), nicht obwohl, sondern weil er von »protestantischer Gesinnung« gewesen sei.

Diesen Tönen werden wir bei Heines Auseinandersetzung mit Luther wieder begegnen. Von ihm her schlagen wir dann eine Brücke zu dem Autor, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jh. so intensiv und kritisch wie kein anderer mit Luther auseinander gesetzt hat: zu Thomas Mann.


(Fortsetzung im nächsten Heft)



Herangezogene Literatur

I. Quellen:

Ludwig Uhland (1787-1862): Die Ulme von Hirsau. Gedicht (1829)


II. Sekundärliteratur:

H. Bornkamm, Luther im Spiegel der deutschen Geistesgeschichte, Göttingen 2. Aufl. 1970

K. Aland, Martin Luther in der modernen Literatur. Ein kritischer Dokumentarbericht, Witten-Berlin 1973

Ders., Martin Luther in der modernen Literatur, in: Luthers Sendung für Katholiken und Protestanten, hrsg. v. K. Lehmann, München-Zürich 1982, 116-146

H. Lehmann, Luthergedächtnis 1817 bis 2017, Göttingen 2012


Anmerkung:

1 Der Beitrag gibt den Hauptvortrag am Tag der Evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer in Württemberg in Aalen am 9. Oktober 2017 wieder und erschien im Druck als Sonderbeilage zu »Pfarrverein aktuell« (3/2017).

 

Über den Autor

Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel, von 1995-2013 als Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Fakultät für Kath. Theologie der Universität Tübingen; Ko-Direktor des Instituts für ökumenische und interreligiöse Forschung; seit 2015 Mitglied in der Jury zur Verleihung des jährlichen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und Präsident der Internationalen Hermann Hesse Gesellschaft e.V.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 3/2018

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