Das ordinationsgebundene Amt – Teil I
»Obgleich wir alle gleichermaßen Priester sind, können wir doch nicht alle predigen«

Von: Dorothea Wendebourg
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Allgemeines Priestertum aller Getauften und ordinationsgebundenes Amt – das gilt vielen als Widerspruch oder zumindest als ungeklärtes Missverhältnis. Ein Missverständnis, wie Dorothea Wendebourg in ihrem Aufsatz zeigt, der als Vortrag beim diesjährigen Studientag des Pfarrverbandes in Kassel gehalten wurde. Um den gesamten Vortrag dokumentieren zu können, ohne den Rahmen zu sprengen, hat sich die Redaktion des »Deutschen Pfarrerblatts« für einen zweiteiligen Abdruck entschieden.*


Vom Streit um die Buße zum Streit um das Amt

Das ordinationsgebundene Amt ist nicht das Wurzelthema Reformation – weder historisch noch systematisch-theologisch. Um mit dem Historischen zu beginnen: An der Frage des Amtes hat sich die Auseinandersetzung mit der päpstlichen Hierarchie nicht entzündet. Vielmehr war der Streit über das Amt zunächst ein Kollateralschaden der ursprünglichen Kontroverse, der über die Buße. Doch wie die Ekklesiologie überhaupt, so wurde auch das Verständnis des Amtes sehr schnell zu einem Gegenstand, an dem sich die tiefgehenden Implikationen des Streites über die Buße zeigten. In der Confessio Augustana gilt dann der längste aller Artikel dem Amt, der letzte, Art. 28. Freilich ist es ein Artikel, der nach Auskunft des Verfasser-Redaktors Melanchthon in die Rubrik der praktischen, nur der Behebung von Missbräuchen geltenden Punkte gehört. Der dogmatischen, nach derselben Auskunft unstrittigen Erörterung des Themas Amt in Art. 14 sind hingegen nur wenige Zeilen gewidmet – ein Sachverhalt, der sich signifikant von dem Befund in den calvinistischen Bekenntnissen unterscheidet. Wir werden darauf zurückkommen.

Wie wurde aus dem Streit um die Buße ein Streit – auch – um das Amt? Die 95 Thesen sprechen nur vom Amt des Papstes, das sie in der Reichweite seiner Vollmachten beschränkt sehen wollen, aber als solches noch nicht in Frage stellen. Doch die Argumentation der Gegner, die die Frage von Ablass und Buße sogleich zur Frage nach der Autorität in der Kirche machten, brachte Luther dazu, die Autorität der Heiligen Schrift gegen die beanspruchten Vollmachten der Amtshierarchie ins Feld zu führen und ihrer Spitze, dem Papst, schließlich antichristlichen Charakter zu bescheinigen.

Das waren Attacken, die den höheren Rängen des Klerus galten. Die grundsätzliche Frage nach Recht und Aufgaben eines besonderen Amtes in der Kirche wurde dabei allenfalls gestreift. Dass sie auf die Tagesordnung kam, dazu mussten sich die Einsichten, die aus der Autoritätskontroverse hervorgegangen waren, mit den Einsichten verbinden, die Luther hinsichtlich der Rechtfertigung des Menschen vor Gott gewonnen hatte, insbesondere mit dem formelhaft so genannten sola fide – und damit sind wir bei dem systematisch-theologischen Gesichtspunkt.

Der Knoten von Autoritätsfrage und Rechtfertigungsfrage schürzte sich in den reformatorischen Hauptschriften des Jahres 1520, die das Priestertum aller Getauften proklamierten und auf seinem Hintergrund das besondere Amt neu begründeten und bestimmten. Von nun an hatten die Gegner einen weiteren, in ihren Augen einen der schlimmsten Punkte, welche dem der Ketzerei Verdächtigen und alsbald als Ketzer Verurteilten vorzuhalten waren: die angeblich amtlose Ekklesiologie. Die umgehend komponierte große Kampfschrift König Heinrichs VIII. von England gegen Luther, die Assertio septem sacramentorum von 1521, setzte in der Sache wie in der Polemik den Ton. Und in der Liste als häretisch qualifizierter Sätze, die die Exkommunikation des Wittenbergers begründeten, gehörte jener Vorwurf nun selbstverständlich hinzu. Damit waren die Pflöcke eingeschlagen, die, bei mancherlei Modifikation im einzelnen, das amtskirchliche Terrain bis heute festlegen.1


Allgemeines Priestertum

Die programmatischen amtstheologischen Sätze, die Luther in den Hauptschriften »An den christlichen Adel deutscher Nation«, De captivitate Babylonica und »Von der Freiheit eines Christenmenschen«2 vortrug und die umgehend Furore machten oder Abscheu erregten, sind wohlbekannt: Alle Christen sind gleichermaßen »wahrhaft geistlichen Standes«3. D.h., sie stehen alle gleichermaßen unmittelbar vor Gott und sind, da solche Gottunmittelbarkeit Kennzeichen des Priestertums ist, gleichermaßen Priester: omnes sumus sacerdotes, quotquot Christiani sumus.4 Das gilt für alle Christen ohne Unterschied – »es sind alle Männer Pfaffen, alle Frauen Pfäffinnen, ob jung oder alt, Herr oder Knecht, Herrin oder Magd, gelehrt oder Laie«5.

Freilich ist ihr priesterlicher Status, wie Luther im Anschluss an das Neue Testament schreibt, ein abgeleiteter, abgeleitet von dem Priestertum des einen wahren Priesters vor Gott, Jesus Christus, der, sich ganz mit den Christen verbindend und alles mit ihnen »wechselnd«,6 sie auch in seinen priesterlichen Stand hineinnimmt.7 Diese Verbindung mit Christus und damit die Übertragung des Priesterseins geschieht durch die Taufe8 und den – durch sie mittels des Heiligen Geistes hervorgerufenen – Glauben,9 weshalb gleichermaßen und jeweils pars pro toto vom Priestertum aller Getauften und aller Glaubenden die Rede ist: »was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, daß es schon zum Priester, Bischof oder Papst ­geweiht sei«10, und »durch den Glauben müssen auch alle […] Priester sein mit ­Christus.«11

Den priesterlichen Stand besitzt der Christ freilich nicht nur für sich selbst. Darin eingeschlossen ist eine Verpflichtung im Blick auf andere Menschen: die Aufgabe, anderen zu demselben Stand vor Gott zu verhelfen oder dazu beizutragen, dass sie darin ­bleiben. Wahrzunehmen ist sie durch die Weitergabe jener Mittel, durch die Gott den Glauben schafft, und durch die Fürbitte. Dazu haben sie alle dieselbe priesterliche Vollmacht hinsichtlich des Wortes Gottes in mündlicher und sakramentaler Gestalt – eandem in verbo et sacramento quocunque [habent] potestatem12. D.h., sie besitzen die Vollmacht der Lehre, der Predigt, der Taufe, der Abendmahlsverwaltung, des Bindens und Lösens, der Fürbitte, des Dankopfers und des geistlichen Urteils über Lehren und Geister.13 Mit Christus verbunden und von ihm verpflichtet, steht jeder Christ, wo er priesterlich handelt, seinen Mitmenschen in Christi Namen und mit dessen Autorität gegen­über.14


Öffentliche Verkündigung

So nachdrücklich Luther die Allgemeinheit des dem Christen eignenden Priestertums betont und so umfassend er die damit gegebene Vollmacht bestimmt, fügt er doch oft eine Klausel an: »Obgleich wir alle gleichermaßen Priester sind, können wir doch nicht alle […] predigen«15, oder: Alle Christen seien geistlichen Standes, es gebe unter ihnen »keinen Unterschied außer hinsichtlich des Amtes«16. Unter diesem Gesichtspunkt des Amtes gilt: »Es muß einem allein befohlen werden, und ihn allein muß man predigen, taufen, absolvieren und das Sakrament [sc. das Abendmahl] reichen lassen, die andern alle müssen damit zufrieden sein und einwilligen.«17

Die Einschränkung in der Wahrnehmung der Vollmacht des allgemeinen Priestertums und die damit gegebene Differenz unter den Priestern, die hier angesprochen wird, hat einen einzigen Grund: dass das Wort Gottes nicht nur persönlich »von Bruder zu Bruder« weiterzugeben ist, wozu jeder Christ nicht allein die Vollmacht, vielmehr auch die Verpflichtung hat, sondern dass es auch »öffentlich« (publice) zu verkündigen ist. Gemeint ist mit »Öffentlichkeit«, anders als nach heutigem Sprachgebrauch, der überindividuelle Raum der Kirche, wie er sich insbesondere in der gottesdienstlichen Gemeinschaft an allen Orten und zu allen Zeiten realisiert.

Solche Öffentlichkeit folgt aus dem Charakter des Wortes Gottes selbst, das allen Menschen und zu allen Zeiten gilt und bei allen Menschen und zu allen Zeiten Glauben wecken will. Ihr wird nach Luther nur angemessen Rechnung getragen, wenn öffentliche Verkündigung exklusiv durch einzelne, mit dieser Aufgabe betraute Christen erfolgt: »man muß Bischöfe, Pfarrer oder Prediger haben, die öffentlich und spezifisch [Predigt, Taufe, Abendmahl und Absolution] geben, reichen und ausüben«18.

Für die Bindung der öffentlichen Verkündigung an besondere Amtsträger bringt Luther zwei Argumente vor, die einander auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen: Er entwickelt sie aus der inneren Logik von Rechtfertigung »allein im Glauben« und dem Priestertum aller Glaubenden, und er verweist auf die Einsetzung durch Christus. So schreibt er zum einen, gerade weil alle Christen dieselbe Vollmacht zur Verkündigung hätten, müsse diese Verkündigung in der Öffentlichkeit durch einzelne wahrgenommen werden. Wollten in der Gemeinde alle Priester kraft ihrer gleichen Vollmacht gleichermaßen sprechen und handeln, käme überindividuelle Öffentlichkeit gar nicht zustande, sondern nur ein wirres Nebeneinander von einzelnen: »Was sollte sonst werden, wenn jeder reden oder die Sakramente reichen und keiner dem anderen weichen wollte!«19

Ist es in der Öffentlichkeit also unabdingbar, dass nur einer spricht, kann doch keiner sich diese Rolle selber nehmen, weil keiner mehr Vollmacht besitzt als die anderen Priester: cum omnium Christianorum haec sint omnia […] communia, nulli licet in medium prodire autoritate propria et sibi arripere soli, quod omnium est (»weil dies alles … allen Christen gemeinsam ist, ist es niemandem erlaubt, aufgrund eigener Autorität vorzutreten und an sich allein zu reißen, was allen gehört«)20. Durch solches arripere würde beides beschädigt, worum es geht: Gottes Wort käme nicht mehr als – an alle gerichtetes – Wort Gottes zur Sprache, sondern als Wort des einzelnen Sprechers, und das allgemeine Priestertum verlöre seine Allgemeinheit. Sollen beide Schäden vermieden werden, muss die in ihrer Vollmacht gleiche Gesamtheit der priesterlichen Gemeinde die Befugnis zur Wahrnehmung dieser Vollmacht auf jeweils einen beschränken und ihm die Aufgabe übertragen, dass er »redet und das Wort führt auf Befehl und mit Einwilligung der anderen«21.

M.a.W.: Allgemeines Priestertum und besonderes Amt stehen nicht in Gegensatz zueinander, sondern sind organisch aufeinander bezogen: Das Amt setzt das allgemeine Priestertum voraus, weil der Amtsträger keine andere als jene Vollmacht wahrnimmt, die er seinem in Christus gegebenen priesterlichen Stand verdankt – einen höheren Stand, andere geistliche Vollmachten und Fähigkeiten besitzt er nicht. Zugleich wird das Allgemeine Priestertum durch das Amt geschützt, weil das Amt verhindert, dass einzelne Christen ihre priesterliche Vollmacht auf Kosten anderer ausüben und diesen so die ihre streitig machen.


Die Einsetzung durch Christus

Neben diesem Argument, in dem Notwendigkeit und Charakter des Amtes aus der Logik des Priestertums aller Gläubigen entwickelt werden, findet sich bei Luther, wie angedeutet, der Hinweis auf die Einsetzung durch Christus zur Begründung des Amtes. Einmal stellt Luther sogar beides hart nebeneinander: »Man muß« Amtsträger haben, die die öffentliche Verkündigung leisten, »wegen der Kirche und in ihrem Namen, vielmehr aber aufgrund der Einsetzung Christi, wie S. Paulus in Eph. 4 sagt: ›Dedit dona hominibus.‹ Er hat gegeben einige als Apostel, Propheten, Evangelisten, Lehrer, Leiter etc.«22 Wie es scheint, wird hier die von der Logik des allgemeinen Priestertums ausgehende Argumentation überboten durch den biblizistisch-positivistischen Rekurs auf eine Setzung Christi. Doch schauen wir genauer hin!

Die Rede von einer »Einsetzung« Christi im Sinne positiver Stiftung ist Luther durchaus geläufig. Besonders häufig und besonders bekannt ist sie im Zusammenhang des Abendmahls, in dem der Wittenberger die von ihm verfochtene Auffassung durchweg mit Rekurs auf die Einsetzung Christi begründet und gegen die römische Kirche wie gegen seine innerreformatorischen Gegner verteidigt. Solche positive Stiftung ist in seinen Augen aber für die Sakramente überhaupt konstitutiv und ebenso für die mündliche Evangeliumsverkündigung, also für alle Mittel und Gegenstände des Glaubens – die Kirche hat sie zu pflegen, weil es ihr Christus ausweislich der Heiligen Schrift befohlen hat.

Doch diese Argumentation ist bei Luther, anders als etwa bei Calvin,23 strikt auf die Heilsmittel (media salutis) beschränkt, nirgends wird das Amt als Setzung Christi danebengestellt. Wenn der Wittenberger in der Ausstattung der Kirche mit Amtsträgern gleichwohl den Gehorsam gegen eine Einsetzung Christi sieht, dann deshalb, weil das, was durch das Amt geschieht, die öffentliche Verkündigung, notwendig in Christi Auftrag zur Verbreitung des Evangeliums mitgegeben ist.24 Darum steht es der Kirche nicht frei, Amtsträger einzusetzen oder nicht, sondern, wie es in dem zitierten Satz heißt, »muß« sie sie haben und ist dieses »Müssen« von Christus selbst gesetzt.25 M.a.W.: Der – im Übrigen selten begegnende – Rekurs auf Christi Befehl verstärkt das erstgenannte, mit der Öffentlichkeitsdimension der allen Christen zugetrauten und zugemuteten Verkündigung operierende Argument.


Folgen für die Praxis

Die konstitutive Zusammengehörigkeit von Amt und Öffentlichkeit hat Folgen für die Praxis. Öffentliche Verkündigung kommt, von Notfällen abgesehen, ausschließlich den dazu eingesetzten Amtsträgern zu. D.h., nur sie haben zu predigen, weil Predigt per definitionem öffentliche Auslegung und Applikation des Evangeliums ist. Ebenso haben auch nur sie das Abendmahl zu leiten; häusliche Abendmahlsfeiern in der Verantwortung des allgemeinen Priestertums lehnt Luther ausdrücklich ab – nicht weil, wie bei einem weihepriesterlichen Verständnis des Amtes argumentiert wird, nur bei Leitung durch einen Amtsträger die sakramentale Gegenwart Christi zustandekäme und das Sakrament gültig und wirksam wäre, sondern weil das Abendmahl seinem Wesen nach öffentliches, auf die Gesamtheit der Gemeinde bezogenes Verkündigungshandeln ist.26 Dasselbe gilt grundsätzlich auch für die Taufe; da Luther sie aber mit der Tradition im Unterschied zum Abendmahl als heilsnotwendigen Vollzug betrachtet, muss hier die Möglichkeit der Nottaufe eingeräumt werden, die von jedem Christen vorgenommen werden kann.27 Die Absolution hingegen ist nicht notwendigerweise, ja, nicht einmal primär ein auf die Gesamtgemeinde bezogener Akt, es gibt sie auch in persönlicher Form »von Bruder zu Bruder«, und dann ist dazu jeder Christ nicht nur bevollmächtigt, sondern auch befugt, ja verpflichtet.

Das gilt, wie gesagt, auch für alle anderen geistlichen Vollzüge, durch die das Evangelium im privaten Bereich weitergegeben wird, für das Christuszeugnis, das jeder Getaufte an seinem Lebensort, in der Familie oder außer Haus, abzulegen hat, wobei Luther die Seelsorge und die Hauskatechese besonders wichtig sind. Dass so das ganze Leben zum Feld der Verkündigung wird, zeigt, dass das allgemeine Priestertum keine Kümmerform des Amtes, sondern die anspruchsvolle Primärgestalt der Weitergabe des Evangeliums ist.

Dazu gehört auch, dass an einem Punkt die geistliche Vollmacht bei allen Christen unverzichtbar mit einer öffentlichkeitsbezogenen Befugnis verbunden bleibt – am Scharnier von allgemeinem Priestertum und Amt, d.h. bei der Übertragung des Amtes. Dass hier bereits in diesem Dienst stehende und damit die Öffentlichkeit repräsentierende Amtsträger tätig sind, macht es nicht überflüssig, dass auch Vertreter der allgemeinen Priesterschaft, aus deren Mitte nun ein Einzelner mit der besonderen Wahrnehmung der gemeinsamen Vollmacht betraut wird, an diesem Akt beteiligt sind; ja, im Notfall sind sie befugt, mehr noch: verpflichtet, hier selbständig und allein in Aktion zu treten, wie Luther in der Adelsschrift28 und in der Schrift an die Böhmen De instituendis ministris29 darlegt. Und diese wurzelhafte Beziehung des Amtes zur gesamten Priesterschaft beschränkt sich nicht auf den Akt der Übertragung. Luther spricht den Gemeindegliedern auch das dauerhafte Recht und die dauerhafte Pflicht zu, die Verkündigung der Amtsträger auf ihre Evangeliumsgemäßheit hin zu überprüfen.30 An diesem Punkt zeigt sich noch einmal in zugespitzter Form, was mit dem allgemeinen Priestertum den Christen zugetraut und zugemutet ist. Beim älteren Luther, der am allgemeinen Priestertum immer festgehalten hat, ist von dessen Bewährung im Urteil der Gemeinde über die Amtsträger allerdings nicht mehr die Rede. Erst der Pietismus sollte sie wieder betonen.


Ordination als Berufung zur öffentlichen Verkündigung

Luther nennt den Akt der Übertragung des besonderen Amtes an einzelne Priester mit der Tradition »Ordination« (ordo). Das aber heißt, er bestimmt das, was »Ordination« ist, nun ganz von dem skizzierten Verständnis jenes Aktes her: sacramentum ordinis aliud esse non [potest] quam ritus quidam eligendi Concionatoris in Ecclesia.31 M.a.W.: Die Ordination ist keine besondere Vollmachten über die Taufe hinaus verleihende Weihe, sondern sie ist »Berufung« (vocatio) zur Verkündigung in der Öffentlichkeit.32 Sie hat auch keine anderen geistlichen Voraussetzungen als die mit der Taufe verliehene, im Glauben gelebte Priesterschaft. Was nicht bedeutet, dass es keine spezifischen Voraussetzungen für das Amt gebe, doch diese sind instrumenteller Art, bezogen auf die spezifischen Anforderungen der Öffentlichkeit – Luther spricht von der für die Ausübung des Amtes wie bei jedem Beruf notwendigen »Geschicklichkeit«.33 Gemeint ist damit einerseits das – im allgemeinen durch ein Theologiestudium erworbene – theologische Rüstzeug, insbesondere die Fähigkeit zur Bibelauslegung; gemeint sind aber auch physische Voraussetzungen wie die für die Predigt notwendige tragfähige Stimme. Deshalb kommen nach Luther Frauen mit ihrer gegenüber Männern schwächeren Stimme unter normalen Umständen für das Amt nicht in Frage34 – ein Argument, das uns merkwürdig erscheint und in Zeiten des Mikrophons ohnehin überholt ist, das aber eine befreiende Kehrseite hat, die Kehrseite, dass es grundsätzliche theologische Gründe gegen die Wahrnehmung des ordinationsgebundenen Amtes durch weibliche Inhaber des allgemeinen Priestertums für Luther nicht gibt.35

Da die Ordination nicht mehr und nicht weniger als die Übertragung des Amtes der öffentlichen Verkündigung ist, wird mit ihr alles übertragen, was zu dieser Verkündigung gehört. Die Beschränkung auf einzelne Vollzüge wie die mündliche ohne die sakramentale Verkündigung oder umgekehrt ist mit diesem Verständnis ebensowenig vereinbar wie eine gestufte Ordination nach Art der Weihegrade der mittelalterlichen und späteren römisch-katholischen Theologie und Praxis des Amtes, wonach in der Ordination besondere, steigerbare geistliche Fähigkeiten verliehen werden. Das gilt »nach unten« hin in dem Sinne, dass es keine Minderformen der Ordination unterhalb der Übertragung des Predigtamtes gibt – analog dem römisch-katholischen Diakonat. Der Dienst des Diakons, von dem noch die Rede sein wird, ist nach Wittenberger Verständnis keine Vorstufe des Predigtamtes, sondern ein Dienst eigenen Rechtes.36 Dass es keine Stufung der Ordination gibt, gilt aber auch »nach oben« hin, die Ordination zum Amt der öffentlichen Verkündigung ist nicht steigerbar, wie das der römisch-katholischen Bischofsweihe zugeschrieben wird, die gegenüber der Priesterweihe eine größere, ja erst die volle Amtsgnade verleihe.37 Wie ebenfalls noch anzusprechen sein wird, hält die Wittenberger Reformation prinzipiell am übergemeindlichen Bischofsamt fest. Doch ist damit kein höheres Amt gegeben, als es der Gemeindepfarrer innehat, sondern eine bestimmte Spezialisierung des einen Amtes der öffentlichen Verkündigung.

Nur nebenbei und anachronistisch sei aus gegebenem Anlass gesagt: Dass die Ordination ihrer Substanz nach nicht mehr und nicht weniger ist als die Berufung in das Amt der öffentlichen Verkündigung, schließt nicht nur ein mittelalterliches und römisch-katholisches Verständnis der gestuften Übertragung geistlicher Fähigkeiten aus. Es schließt auch aus, dass die Ordination als Überbietung einer anders bezeichneten, etwa »Beauftragung« genannten Berufung in das Amt der öffentlichen Verkündigung bestimmt wird.38 Damit wird gerade das verfehlt, was das Entscheidende des Lutherschen Amts- und Ordinationsverständnisses ist. Denn damit wird zum Specificum des ordinationsgebundenen Amtes etwas anderes als die öffent­liche Verkündigung selbst.39

Was die Form der Amtsübertragung betrifft, so stand für Luther nur eines unverhandelbar fest: Es handelt sich um einen Akt der Berufung. Deshalb war notwendige Voraussetzung auf jeden Fall, dass dem zu Berufenden die Kompetenz dafür bescheinigt wurde, der Berufung gerecht zu werden. Und es war unverzichtbare Konkretion der Berufung, dass feststand, für welche Gemeinde von Priestern er die öffentliche Verkündigung wahrnehmen würde – »absolute Ordinationen«, die Amtsvollmachten an sich verleihen sollten, waren damit ausgeschlossen. Ob sich der Berufungsakt darüber hinaus mit liturgischen Vollzügen verband, war offen. Die Ordinationen, die Luther selbst seit 1525 gelegentlich durchführte,40 vollzog er – unter Beteiligung von Amtsbrüdern und Gemeindevertretern und in Gegenwart der ganzen Gemeinde – in überlieferter Form mit Gebet und Handauflegung, und diese Form sah auch die 1536 in Wittenberg eingeführte Ordinationsordnung vor. Doch in den Jahren zuvor hatte es auch Berufungen ins Amt ohne diese liturgischen Elemente gegeben, und in anderen sich zur lutherischen Reformation bekennenden Gegenden gab es sie weiterhin, ohne dass die Wittenberger widersprochen und das so übertragene Amt für defizitär gehalten hätten.41


(Fortsetzung und Schluss im nächsten Heft)

Anmerkungen:

* Vortrag gehalten am 19.1.2018 vor der »Fuldaer Runde« der Vorsitzenden der Pfarrvereine und Pfarrvertretungen. Es handelt sich um eine an verschiedenen Stellen variierte und erweiterte Fassung des Beitrags von Dorothea Wendebourg: Das ordinationsgebundene Amt, in: Martin Luther als Praktischer Theologe, hrsg. von Peter Zimmerling, Wolfgang Ratzmann und Armin Kohnle, Leipzig 2017, 463-476.

1 Das gilt heute in unseren Breiten für den Großteil des landeskirchlichen Protestantismus, während die oben skizzierten Weichenstellungen zunächst einmal spezifisch lutherisch-wittenbergisch waren und, wie an manchen Punkten angedeutet werden wird, Calvin und die von ihm begründete Tradition amtstheologisch etwas andere Wege gingen, insofern es hier die Konzeption des allgemeinen Priestertums und ihres Verhältnisses zum Amt, wie Luther sie entwickelte, nicht gab.

2 WA 6, 404-469; 497-573; 7, 20-38/ 42-73. Im Folgenden werden bei WA-Bänden nur die Bandnummern genannt. Bei der ersten Nennung einer Schrift werden, wenn sie nicht aus dem Text hervorgehen, Titel und Erscheinungsjahr angeführt. Frühneuhochdeutsche Zitate werden modernisiert.

3 6, 407,13f.

4 6, 564,11; 6, 408,29; s.a. 12, 178,28f (De instituendis ministris, 1523); 41, 207,9/37f (Predigt vom 9. Juni 1535).

5 6,370,25-27. Vgl. a. 12, 309,13-17 (Predigt über 1. Petr., 1523).

6 Vgl. 7,25,26-26,12.

7 Vgl. 7, 27,17-19; 41, 207,2-4/ 24-26.

8 6, 407,22f; 41, 206,16-207,1/ 207,26f.

9 17/2, 6,12f.17.34 (Fastenpostille 1525); 10/3,395,5f (Predigt vom 26. Okt. 1522).

10 6, 408,11f.

11 7, 27,19.

12 6, 566,27f.

13 12, 180,2-4; 10/3, 395,31f.38f.

14 49, 139,3-7 (Predigt vom 4. April 1540); 10/3,394,32; 395,10-20.

15 7, 28, 34f.

16 6, 407,14f.

17 50, 633,8-10 (Von den Konziliis und Kirchen, 1539).

18 50, 632,36-633,2.

19 50, 633,6-8; s.a.12,189,23f.

20 12, 189,18-20.

21 49, 600,13f.; s.a. 12, 189,19-23.

22 50, 632,36-633,5.

23 Vgl. Dorothea Wendebourg, Der Schriftgebrauch in der Amtstheologie der Reformatoren (in: Bereits erreichte Gemeinschaft. 20 Jahre nach der Meissener Erklärung / Communion Already Shared and Further Steps. 20 Years after the Meissen Declaration. Hgg. Christopher Hill, Christoph Schwöbel u.a., Frankfurt/M. 2010, 286-307/308-330), 292-294/315f.

24 So sind bei Luther, anders als bei Calvin, der ein ganzes Arsenal von Schriftstellen hat, die die Einsetzung des Amtes belegen sollen, an der Spitze Eph. 4,11, solche Stellen spärlich; wenn überhaupt, dann führt er vornehmlich Schriftworte an, die von der Notwendigkeit der Verkündigung sprechen; dasselbe gilt für die lutherischen im Verhältnis zu den reformierten Bekenntnisschriften (a.a.O., 301f/323f).

25 Den prominentesten Ausdruck dieser Begründung des ordinationsgebundenen Amtes als Implikation des von Christus gegebenen Auftrag der Verkündigung selbst, insofern sie öffentliche Weitergabe des Evangeliums ist, bietet CA XIV in seinem Verhältnis zu CA V: Spricht CA V als Teil der von CA IV bis CA VI reichenden rechtfertigungstheologischen Überlegungen noch ohne Angabe einer spezifischen Realisierungsform von der »Einsetzung« des Dienstes (ministerium), die für den – im Artikel zuvor behandelten – rechtfertigenden Glauben notwendigen Heilsmittel weiterzugeben (vgl. die Vorformen Schwab 7 und Na 4 im Zeichen von Röm. 10,17; der einen thematischen Neueinsatz suggerierende Titel über CA V ist im Übrigen, wie durchweg im ersten Teil der CA, sekundär), so konkretisiert CA XIV dies im Anschluss an die Artikel über die Kirche und die Sakramente (CA VII-XIII) für die Gestalt der öffentlichen Weitergabe der Heilsmittel: Sie sei Sache des ordinationsgebundenen Amtes.

26 WA TR 5, Nr.6361; 12, 171,20f.

27 6, 408,1f; vgl. 12, 171,17-21. Anders die reformierte Tradition; was auch Konsequenzen für die Beteiligung von Frauen hatte (vgl. u. Anm. 43).

28 6, 407,34ff.

29 12, 191,16-27; 193,22-194,3.

30 11, 409,20-411,21 (Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen, 1523).

31 6, 564,16f.

32 38, 228,27-29 (Von der Winkelmesse und Pfaffenweihe, 1533).

33 8, 497,27.37 (Vom Mißbrauch der Messe, 1521).

34 8, 497,31-37 (gegen die Ablehnung des allgemeinen Priestertums durch Rom, weil damit auch den Frauen die Vollmacht des Amtes gegeben wäre – eine Implikation, die Luther bestätigt und bejaht). Vgl. Dorothea Wendebourg, Reformation und Gottesdienst (in: ZThK 113, 2016, 323-365), 360.

35 Damit unterscheidet sich Luthers Argumentation nicht nur von der der römisch-katholischen Kirche, sondern auch von der der reformierten Tradition, die wie durchweg, so auch an diesem Punkt mit dem Hinweis auf als solche verbindliche Vorschriften des NT argumentiert (vgl. Anm.45); s. Wendebourg, Schriftgebrauch (wie Anm. 23), 305f. Das gilt auch für die andere Begründung, die Luther dafür gibt, dass Frauen, wiewohl Inhaberinnen des allgemeinen Priestertums, nicht »in der Gemeinde reden«, also predigen sollen: nicht etwa, weil sie keine Amtsvollmacht (»gewalt«) hätten, sondern wegen der als Strafe für den des Sündenfall angeordneten, den äußeren Wandel betreffenden »Ordnung« ihrer Untertänigkeit unter die Männer (WA 12, 342,16-19, Predigt über 1. Petr., 1523) – weshalb dort, wo keine Männer seien, so in Nonnenklöstern, nichts gegen das Predigen von Frauen spreche (a.a.O., 309,13-23,); ja, wenn kein Mann predige, gelte grundsätzlich, dass Frauen predigen müssten (8, 498, 13f). So ist es zwar unzutreffend, dass die Frauenordination, wie gelegentlich im Überschwang des Reformationsjubiläums gesagt wurde, auf Luther zurückgehe. Doch hat er mit seiner Argumentation den Weg dorthin eröffnet. Zur entsprechend offenen Haltung der Theologen der lutherischen Orthodoxie vgl. Kenneth Appold, Frauen im frühneuzeitlichen Luthertum: Kirchliche Ämter und die Frage der Ordination (ZThK 103, 2006, 253-279).

36 Vgl. den EKD-Text (Nr. 58) »Der evangelische Diakonat als geordnetes Amt der Kirche«, Hannover 1996; s.a. Hans M. Müller, Evangelischer Diakonat als kirchliches Amt (in: Ders., Bekenntnis – Kirche – Recht. Ges. Aufsätze zum Verhältnis von Theologie und Kirchenrecht, Tübingen 2005, 401-415), wo die Wittenberger Auffassung des Diakonates als eines Amtes, das eine gegenüber dem Pfarramt eigene Aufgabe hat und somit selbständig begründet ist, näher ausgeführt wird (bes. 406f).

37 Diese amtstheologische Lehre wurde allerdings erst durch das Zweite Vatikanische Konzil festgeschrieben – ein Punkt, in dem die neuere Zeit keine ökumenische Annäherung, sondern einen stärkeren Gegensatz zwischen den Kirchen gebracht hat.

38 So in der »Empfehlung der Bischofskonferenz der VELKD« Allgemeines Priestertum, Ordination und Beauftragung nach evangelischem Verständnis von 2004 (Texte aus der VELKD 130/2004). S. dazu mein Sondervotum, ibd. Vgl. auch Dorothea Wendebourg – Gunter Wenz, Nur ein Streit um Worte? Wer in der evangelischen Kirche den Gottesdienst leiten darf. In: Zeitzeichen 2005/8, 54f.

39 De facto werden damit beamtenrechtliche und jurisdiktionelle Besonderheiten wie eine bestimmte berufliche Eingruppierung oder das Recht zur Siegelführung zur Eigentümlichkeit der Ordinierten und deren Übertragung zur Eigentümlichkeit der Ordination.

40 S. Dorothea Wendebourg, Martin Luthers frühe Ordinationen. In: Wege der Neuzeit. FS Heinz Schilling 2007. Hg. Stefan Ehrenpreis u.a., Berlin 2007, 97-115.

41 Vgl. zu diesem Komplex die grundlegende Studie von Martin Krarup, Ordination in Wittenberg. Die Einsetzung in das kirchliche Amt in Kursachsen zur Zeit der Reformation, Tübingen 2007.

Über den Autor

Prof. Dr. Dorothea Wendebourg, Kirchenhistorikerin in Erlangen, Göttingen, Tübingen und bis 2017 an der Humboldt-Universität Berlin, 1995-2009 Vorsitzende des Theol. Ausschusses der VELKD und Ko-Vorsitzende der Theol. Kammer der EKD, 1986-2005 Mitglied in verschiedenen internationalen bilateralen und multilateralen ökumenischen Kommissionen; letzte Buchveröffentlichung: So viele Luthers. Die Reformationsjubiläen des 19. und 20. Jahrhunderts (Leipzig 2017).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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