Zur Aktualität von Luthers Verständnis der Kirche
Creatura Euangelii

Von: Ulrich Heckel
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500 Jahre Reformation – das bedeutet nicht 500 Jahre evangelische Kirche, sondern 500 Jahre Wiederentdeckung des Evangeliums von der Rechtfertigung des Gottlosen allein aus Gnade. Luther wollte keine neue Kirche gründen, sondern von den Fehlentwicklungen im Mittelalter zur Alten Kirche, d.h. zu den altkirchlichen Bekenntnissen, zurückkehren. Er wollte die Missbräuche im Kirchenwesen seiner Zeit vom Evangelium her reformieren. Was dies konkret für das evangelische Verständnis von Kirche bedeutet, zeigt Ulrich Heckel.*

Die Wiederentdeckung des Evangeliums liefert den Schlüssel zu einem evangeliumsgemäßen Verständnis des Gottesdienstes und damit auch zu einem evangelischen Verständnis der Kirche. Das Evangelium ist konstitutiv für die Kirche. Wo das Evangelium nicht zu hören ist, da gibt es auch keine Kirche. Von dieser Wiederentdeckung des Evangeliums durch Luther hat auch die römisch-katholische Kirche profitiert. Denn auch die katholische Kirche wäre nicht die katholische Kirche, die sie heute ist, wenn es die Reformation nicht gegeben hätte. Einige Beispiele: Gut bekannt ist Luthers Definition des Gottesdienstes aus seiner Predigt zur Einweihung der Torgauer Schlosskirche, »dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang« (WA 49, 588; DDStA 2, 855). Dieses Gottesdienstverständnis hat das II. Vatikanische Konzil 1963 in der Liturgie-Konstitution Sacrosanctum Concilium (SC 133) fast wörtlich aufgenommen: »Denn in der Liturgie spricht Gott zu seinem Volk; in ihr verkündet Christus noch immer die Frohe Botschaft. Das Volk aber antwortet mit Gesang und Gebet« (DH 4033). Bis in den Wortlaut hinein erinnert diese Definition an Luthers Torgauer Formel. So feiert die katholische Kirche seit dem II. Vatikanum die Messe auch nicht mehr auf Latein, sondern in der Landessprache, wie wir es seit der Reformation auf Deutsch tun.

Ohne Luthers Wiederentdeckung des Evangeliums hätte auch die katholische Kirche nach der Liturgiereform des II. Vatikanums kaum so viele neue Altäre gebaut, damit der Priester das Messopfer nicht mehr vor dem Hochaltar Gott darbringen, sondern der Gemeinde zugewandt das Evangelium von der Vergebung direkt zusprechen kann. Hätte Luther den Gesang nicht der Gemeinde zurückgegeben, würde möglicherweise immer noch ein Chor im Chor der Kirche singen, aber nicht die Gemeinde. Dann wäre auch das neue »Gotteslob« wohl kaum so dick geworden und gäbe es erst recht nicht so viele gemeinsame Lieder für ökumenische Gottesdienste. Ohne die Reformation gäbe es vielleicht noch immer keine Kirchenbänke zum Hören der Predigt, wie es in orthodoxen Kirchen noch heute der Fall ist. Ohne die Prägekraft von Luthers Katechismen (1530) hätte es wohl keinen Catechismus Romanus (1566) gegeben und hätte vermutlich auch Kardinal Joseph Ratzinger kaum den Katechismus der Katholischen Kirche (1992) geschrieben.


1. Die Kirche als Kreatur des Evangeliums

Die Kirche ist nach Luther »creatura Euangelii«,1 ein Geschöpf des Wortes Gottes. Sie entsteht aus dem Hören auf Gottes Wort. Grundlage ist das Evangelium von Jesus Christus, seinem Kreuz und seiner Auferstehung, wie es in der Heiligen Schrift gegeben ist. Darum hat es eine hohe symbolische Bedeutung, dass die Bibel im Gottesdienst aufgeschlagen auf dem Altar liegt. Die Bibel soll im Zentrum des Gottesdienstes stehen. Aus ihr wird die Schriftlesung vorgetragen. Und die Predigt soll einen Bibeltext auslegen.

Doch was ist die Kirche? Luther hat einmal vom »blinden, undeutlichen Wort Kirche« ­gesprochen.2 Bis heute wird das Wort recht unterschiedlich gebraucht. Je nach Zusammenhang ist immer wieder etwas anderes gemeint:

– Kirche ist sonntags um 10 Uhr, d.h. der Gottesdienst.

– Kirche ist das Gebäude, in dem der Gottesdienst stattfindet.

– Kirche ist die Gemeinde, die zum Gottesdienst kommt.

– Kirche ist weltweit und zu allen Zeiten, d.h. die gesamte Christenheit auf Erden, vergangener Epochen und kommender Generationen, gestern, heute und morgen.

– Kirche ist die Amtskirche, die Institution, d.h. Papst oder Patriarch, Bischöfe und Priester in der katholischen und orthodoxen Kirche, aber auch Pfarrerschaft und Landesbischof evangelischerseits.

Kirche ist ein blindes, undeutliches Wort. Man muss genauer hinschauen, was gemeint ist, wenn jemand von der Kirche redet. Natürlich hängt alles zusammen, aber man muss auch unterscheiden. Grundlegend ist für Luther die Unterscheidung zwischen zweierlei Gemeinschaftsgestalten der Christenheit.


2. Die »zwo Kirchen«

Kirche ist für Luther die Gemeinschaft der Gläubigen. Aber er unterscheidet zwei Gestalten dieser Gemeinschaft, nämlich »die zwo Kirchen«3: die eine ist unsichtbar, geistlich, innerlich, die andere sichtbar, leiblich, äußerlich. Beide hängen zusammen, aber zwischen beiden Arten gilt es zu unterscheiden wie bei einem Menschen zwischen Leib und Seele. Sonst gibt es Verwirrung. Sonst wird unklar, was die Kirche zur Kirche macht. Ist nicht klar, was das Wesen der Kirche ausmacht, dann geht ihre Identität verloren, dann weiß man nicht, wozu die Kirche da ist, wozu sie gut sein und was sie tun soll. Wird ihre Rolle unklar, dann versagt sie in ihren Aufgaben, dann greift Verunsicherung um sich oder es kommt die Versuchung zu Anmaßung und Machtmissbrauch. Deshalb ist für Luther die Unterscheidung wesentlich zwischen der Kirche als einer geistlichen Gemeinschaft einerseits und ihrer äußerlich sichtbaren, leiblichen Gestalt andererseits.


2.1 Kirche als geistliche Gemeinschaft, als Gemeinschaft der Glaubenden

Wenn wir im Gottesdienst das apostolische Glaubensbekenntnis sprechen, dann bekennen wir: »Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.« Die Kirche ist hier eine geistliche Gemeinschaft. Sie steht im dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses und ist eine Wirkung des Heiligen Geistes. Sie besteht in der Gemeinschaft der Heiligen, aus den Gläubigen, denen der Heilige Geist ihren Glauben geschenkt hat. Es ist die Gemeinschaft derer, die durch Glaube, Hoffnung, Liebe miteinander verbunden sind.

Der Glaube aber ist unsichtbar. Ob jemand glaubt und was er glaubt, kann ich nicht sehen. Ich kann hören, was jemand sagt. Und ich kann beobachten, was jemand tut. Daraus mag ich dann meine Schlüsse ziehen. Aber den Glauben kann ich nicht sehen, er ist eine Gabe des Heiligen Geistes. Der Geist weht, wo er will. Ich mag ihn ahnen oder spüren wie einen Luftzug. Aber fassen kann ich den Geist nicht. Darum bleibt auch der Glaube unsichtbar, den der Geist bewirkt, schenkt, hervorbringt. »Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an« (1. Sam. 16,7). Das Herz ist in der Bibel die unsichtbare Mitte des Menschen, der Ort, da er sich für oder gegen Gott entscheidet. Ins Herz kann allein Gott schauen. Darum kann auch der Glaube nur von Gott beurteilt werden. Für uns Menschen bleibt der Glaube unsichtbar.

Darum heißt es im Glaubensbekenntnis: »ich glaube an die heilige christliche Kirche.« Nicht: ich sehe die Kirche. Als geistliche, d.h. vom Heiligen Geist gewirkte Größe ist die Kirche unsichtbar, sie bleibt unseren Augen entzogen. Sie ist ein Gegenstand des Glaubens, nicht des Schauens. Die wahre Kirche ist eine geistliche Größe. »Abscondita est Ecclesia, latent sancti,« sagt Luther in einer bekannten Formulierung: »Verborgen ist die Kirche, verborgen sind die Heiligen.«4 Wer zu dieser Gemeinschaft der Heiligen ­gehört, können wir nicht sagen.

Diese Erkenntnis war für Luther von lebensrettender Bedeutung. Der Papst hatte Luther wegen Ketzerei den Bann angedroht. Damit sollte er zum Ketzer erklärt und aus der Kirche ausgeschlossen werden, sein Leben war in höchster Gefahr. Auf dem Reichstag zu Worms (1521) war er vor den Kaiser geladen. Der Kaiser, die Bischöfe und Fürsten waren versammelt. Vor ihnen sollte Luther seinen Glauben widerrufen. Aber er antwortete: »Mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort.« Und er soll geschlossen haben mit einem Satz: »Hier stehe ich und kann nicht anders. So wahr mir Gott helfe. Amen.« Nun musste der Kirchenbann vollzogen werden. Damit hatte Luther zugleich als Bürger des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation alle Rechte verloren. Die Strafe der Reichsacht war über ihn verhängt. Er hatte keinen Rechtschutz mehr. Er war vogelfrei. Jeder konnte ihn töten, ohne dafür bestraft zu werden.

Deshalb war es für Luther von existenzieller Bedeutung, dass die Kirche eine geistliche Gemeinschaft ist, die aus den wahrhaft Gläubigen besteht. Wer zu dieser Gemeinschaft gehört, ist eine Frage des Glaubens, keine Frage des Kirchenrechts. Es ist eine geistliche Frage, die allein Gott entscheidet, nicht ein Mensch und auch nicht der Papst. »Der geistliche Mensch beurteilt alles und wird von niemandem beurteilt« (1. Kor. 2,15). Wo die Grenze zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Ketzern und rechten Christen verläuft, weiß Gott allein, weil nur er die Herzen kennt. Er allein kann über den Glauben urteilen. Darum hat der Papst theologisch gesehen kein Recht, den Bann zu verhängen. Und darum hat er auch kirchlich nicht die Vollmacht, aus der Gemeinschaft der Glaubenden auszuschließen, die eine geistliche Größe ist. Deshalb heißt es im Kleinen Katechismus: »Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie der die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben« (EG 834).

Heute spielt die Rechtsform des Bannes keine Rolle mehr. Aber jemandem seinen Glauben streitig zu machen oder gar das Christsein abzusprechen, ist auch heute immer wieder eine Versuchung. Beispiele sind bei uns die Diskussion über die Kindertaufe oder die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Da mag jemand von einem anderen Frömmigkeitsstil geprägt sein, kirchenpolitisch in eine andere Richtung tendieren, einer anderen Konfession angehören, aber allein deshalb darf ich noch nicht seinen Glauben in Zweifel ziehen. Der Glaube ist unsichtbar. Ich kann nicht über den Glauben eines anderen richten. Allein Gott kennt das Herz. Wenn jemand sagt, dass er getauft ist, und als Christ ernst genommen werden will, dann habe ich kein Recht, ihm seinen Glauben streitig zu machen. Dann kann und soll ich sagen, was ich anders sehe, aber »nach dem Maßstab der Liebe«, der von jedem das Beste annimmt,5 muss ich jeden Getauften als Christenmenschen anerkennen. Das gilt im Umgang mit anderen Frömmigkeitsrichtungen oder kirchenpolitischen Gruppierungen innerhalb der eigenen Kirche. Das gilt aber auch in der Ökumene mit Gläubigen aus anderen Konfessionen. Wenn jemand sagt, dass er getauft ist, dann muss ich das respektieren.

Die Kirche ist als Gemeinschaft der Glaubenden aber nicht bloß eine geistliche Größe. Sie hat auch eine sichtbare, leibliche Gestalt.


2.2 Kirche in ihrer sichtbaren, leiblichen Gestalt als Versammlung der Gläubigen

Luther hatte die Kirche als »creatura Euangelii« verstanden, als Geschöpf des Wortes Gottes, als Kreatur des Evangeliums. Deshalb orientiert sich auch die leiblich sichtbare Gestalt der Kirche am Evangelium.

Im apostolischen Glaubensbekenntnis sagen wir: »Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen.« Diese Definition wird auch im Augsburger Bekenntnis (1530) aufgenommen, in Art. 7 dann aber im Blick auf ihre konkrete, leibliche Gestalt präzisiert: »Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss« (wie im apostolischen Glaubensbekenntnis). Diese Wiederaufnahme wird nun ergänzt durch den Zusatz: »die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.« Daher gilt es sorgfältig zu unterscheiden zwischen der Kirche als einer unsichtbaren, geistlichen Gemeinschaft aller Glaubenden, die allein Gott kennt, und der sichtbaren, leiblichen Gestalt in der konkreten gottesdienstlichen Zusammenkunft der Gläubigen als Gemeinde.

In diesem zweiten Sinne ist Kirche die konkrete Versammlung der Gemeinde, die Gemeinschaft derer, die zum Gottesdienst zusammenkommen, dort das Evangelium hören, die Taufe gespendet, das Abendmahl ausgeteilt bekommen. Oder bildhaft ausgedrückt mit Luthers klassischer Definition aus den Schmalkaldischen Artikeln (1537): »Denn es weiß, Gott Lob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche ist: nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören«, d.h. die Stimme des guten Hirten Jesus aus Joh. 10.6 Darum nennt Luther die Gemeinschaft der Getauften mit immer wieder anderen Ausdrücken »Sammlung«, »Haufen christgläubiger Leute«, »Christenheit«, »christliches, heiliges Volk«, »Volk Gottes«, »Gemeinde der Heiligen«.7

Damit haben wir »zwo Kirchen«: eine geistliche Wirklichkeit in der weltweiten Gemeinschaft aller Glaubenden im Sinne des Glaubensbekenntnisses, die als Gegenstand des Glaubens unsichtbar ist, und eine leibliche Gestalt in der äußerlich sichtbaren Versammlung der Gläubigen als Gemeinde im Gottesdienst. Diese leibliche, sichtbare Kirche stellt keine zweite Kirche neben der verborgenen dar. Deshalb stellt sich die Frage, wie beide Gestalten der Kirche zusammenhängen.


2.3 Die Verbindung von geistlicher und leiblicher Kirche

Was beide Gestalten der Kirche verbindet, ist: die Verkündigung des Evangeliums. Nur wo das Evangelium von Christus gepredigt wird, kann der Glaube entstehen. Der Glaube ist eine unsichtbare, geistliche Größe. Aber er kommt aus dem Hören auf das Evangelium, das gepredigt wird (Röm. 10,17), wo die Gemeinde sich zum Gottesdienst versammelt. Der Glaube bleibt unsichtbar. Aber er kann nur entstehen, wo die Kirche sichtbar wird, indem die Gemeinde sich versammelt, das Evangelium gepredigt, die Taufe gespendet, das Abendmahl gereicht wird. Davon lebt der Glaube, darauf bleibt er angewiesen.

Das mündliche Evangelium ist das Bindeglied zwischen den »zwo Kirchen«, d.h. zwischen der leiblich sichtbaren Versammlung, die das Evangelium hört, und der Gemeinschaft der Glaubenden, die als eine geistliche Größe unsichtbar bleibt. Darum hat Luther das Evangelium als erstes Kennzeichen bezeichnet, an dem die Kirche erkannt wird. Wo das Evangelium verkündigt wird, da ist Kirche. Wo kein Evangelium gepredigt wird, kann kein Glaube entstehen, kann es darum auch keine Gemeinschaft der Glaubenden geben, kann also auch keine Kirche sein.

Daraus hat Luther dann weiter seine Lehre von den Kennzeichen der Kirche entwickelt.8 Das sind die äußerlichen Erkennungszeichen, an denen man erkennt, ob Kirche drin ist, wo Kirche draufsteht. Die ersten drei Kennzeichen hatte schon das Augsburger Bekenntnis genannt. Sie sind die eigentlichen, eindeutigen Kennzeichen, nach denen Kirche ist, wo 1. das Evangelium gepredigt, 2. die Taufe gespendet und 3. das Abendmahl dargereicht wird.

Luther kann aber noch weitere Kennzeichen der Kirche angeben: 4. den Zuspruch der Vergebung bei der Beichte, 5. das Predigtamt, das die Verkündigung des Evangeliums gewährleistet, 6. den öffentlichen Gottesdienst mit Gebet, Verkündigung und Gesang.9 Als siebtes Kennzeichen erwähnt Luther noch Kreuz und Leiden, wenn jemand um des Glaubens willen Anfeindung und Verfolgung erfährt. In Deutschland ist die Religionsfreiheit durch die Verfassung geschützt. Aber das ist nicht überall der Fall. Vielmehr ist gerade dieses letzte Kennzeichen von einer traurigen, schmerzlichen, grausigen Aktualität, wenn Christen heute derjenigen Religion angehören, die weltweit am meisten verfolgt wird. Diese Erkennungszeichen sind bis heute ein tragfähiges Unterscheidungsmerkmal bis hinein in die ökumenische Bewegung und den interreligiösen Dialog.

Machen wir die Probe aufs Exempel: Nehmen wir als erstes Beispiel die Scientology Church, bei der zwar Kirche drauf steht, es aber kein Evangelium gibt, keine Taufe und kein Abendmahl. Damit ist die Scientology Church nach evangelischem Verständnis auch keine Kirche, sondern eine Weltanschauungsgemeinschaft oder Psychoorganisation.10 Anders verhält es sich bei der katholischen Kirche. Der Vatikan vermag die evangelische Kirche nach der Erklärung »Dominus Jesus« (2000) zwar nicht als Kirche anzuerkennen, sondern nur als kirchliche Gemeinschaft, weil wir den Primatsanspruch des Papstes nicht anerkennen. Umgekehrt können wir Evangelische die katholische Kirche aber durchaus als Kirche anerkennen, weil wir trotz mancher konfessioneller Besonderheiten doch anerkennen, dass dort das Evangelium gepredigt, die Taufe gespendet und die Eucharistie gefeiert wird. Ebenso halten wir es mit den anderen Kirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK), mit Orthodoxen, Mennoniten, Methodisten, Baptisten, Alt­katholiken usw.

Wieder anders verhält es sich mit den sog. Abrahamitischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam sind zwar alle drei monotheistische Religionen mit Abraham als Stammvater. Aber weil die anderen das Evangelium von Jesus Christus nicht anerkennen, keine Taufe und kein Abendmahl haben, können wir sie trotz gemeinsamer historischer Wurzeln nicht als Kirche anerkennen und eigentlich auch nicht von einer abrahamitischen Ökumene reden. Hier handelt es sich um andere Religionen, mit denen wir im interreligiösen Dialog sind mit eigenen Beauftragten für das Gespräch mit ­Juden und Muslimen.

Kehren wir zu Luther zurück, so hat er das blinde, undeutliche Wort »Kirche« weitgehend vermieden, weil es meist mit der Institution der Amtskirche gleichgesetzt wird, d.h. für ihn mit Papst, Bischöfen und Priestern. Aber die Kirche besteht nach dem apostolischen Glaubensbekenntnis nicht aus der Hierarchie der Amtsträger, sondern in der Gemeinschaft der Glaubenden. Deshalb hat er bei der Übersetzung des NT das Wort »Kirche« vermieden und stattdessen lieber von »Gemeinde« gesprochen. Doch müssen wir hinzufügen, dass er darunter nicht immer die Ortsgemeinde versteht (wie im heutigen Sprachgebrauch), sondern vielfach die Christenheit als Gesamtheit der Christen auf Erden. Kirche ist für Luther eben in allererster Linie eine Gemeinschaft von Personen, nicht eine Institution.

Oder er spricht vom Leib Christi, wie es der Apostel Paulus in seinen Briefen getan hat. In 1. Kor. 12 ist der Leib ein anschauliches Bild für das Zusammenleben in der korinthischen Gemeinde. Der Leib besteht aus vielen Gliedern. Jedes Glied gehört dazu und hat seine eigene Aufgabe. Hände und Füße, Augen, Ohren und Nase sind nötig für die Funktionsfähigkeit des Körpers. Ebenso verhält es sich in der Gemeinde: Alle Gemeindeglieder sind aufeinander angewiesen, jede und jeder hat eine andere Aufgabe, niemand soll sich über den anderen erheben. Sonst ist der Organismus nicht lebensfähig.

Im Epheserbrief wird dasselbe Bild vom Leib Christi aufgenommen, nun aber nicht wie in Korinth auf das konkrete Zusammenleben der örtlichen Gemeinde bezogen, sondern als Ausdruck für die weltweite Christenheit gebraucht. Dann werden auch einige Ämter erwähnt wie Apostel und Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer (Eph. 4,11). Aber sogleich wird hinzugefügt: Dieser Leib hat auch einen Kopf, ein Haupt (4,15), doch das ist Christus, der gekreuzigte und auferstandene Herr. Dieser ist das Haupt der Kirche, nicht irgendwelche Oberhirten oder Würdenträger auf Erden. So ist die Rede von Christus als Haupt der Kirche schon im Eph. ein Ausdruck von Herrschaftskritik, ein deutlicher Hinweis auf die Kritik am Herrschaftsanspruch kirchlicher Amtsträger, die bereits im NT beginnt.11 Die Amtsträger sollen dafür sorgen, dass sie das Evangelium treiben und die Gläubigen auf Christus zuwachsen. Darum betont auch Luther immer wieder: Das Oberhaupt der Kirche ist Christus, nicht der Papst und die Bischöfe. Daraus ergibt sich auch Luthers Kritik an der Priesterweihe und dem Stand der Geistlichen.

3. Das Priestertum aller Gläubigen

Vielfach ist vom geistlichen Stand die Rede. Aber diese Ausdrucksweise ist nicht biblisch und auch nicht sachgemäß. Denn geistlich, d.h. vom Heiligen Geist gewirkt, kann nur der Glaube sein, nicht eine gesellschaftliche Gruppe wie Bischöfe und Priester, Mönche oder Nonnen. Geistlich ist für Luther kein Berufsstand, sondern allein die Teilhabe an den geistlichen Gütern der Heilsgemeinschaft, die durch den Glauben geschieht. Damit sind eigentlich alle Gläubigen Geistliche. Diese Einsicht spricht gegen einen eigenen Stand von Geistlichen und gegen die Priesterweihe.

Was einen Christen zum Christen macht, ist die Taufe.12 Mehr kann es nicht geben. Deshalb schreibt Luther 1520 in seiner großen Programmschrift an den christlichen Adel deutscher Nation: »Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht ist« (WA 6, 408,11f; DDStA 3, 13,11-13). Darum macht es für uns Evangelische theologisch keinen Unterschied, zu welchem Stand jemand gehört, ob geistlich oder weltlich, ob Laie, Priester, Fürst oder Bischof, Kaiser oder Papst. Alle sind getauft. Die Taufe ist die eigentliche Priesterweihe. Unter Berufung auf 1. Petr. 2,9: »Ihr seid ein königliches Priestertum« vertritt Luther deshalb programmatisch das Priestertum aller Getauften, das Priestertum aller Gläubigen.13

Doch was bedeutet hier Priestertum? Was tut ein Priester in der Bibel? Er bringt im Tempel Opfer dar, um die Vergebung der Sünden für die Menschen zu erwirken, die zu Gott kommen, ihm nahe sein und im Tempel seine Gegenwart erfahren wollen. Er tut Fürbitte für andere. Er segnet die Gemeinde. Und er lehrt die Tora, ist verantwortlich für die religiöse Unterweisung und Bildung, dass die Menschen Gottes Willen kennen.

Die Wiederentdeckung des Evangeliums führte Luther zu der Erkenntnis, dass Jesus für uns gestorben, dass durch seinen Tod am Kreuz jegliche Form von Opferdienst überflüssig geworden ist. In ihm hat Gott die Welt mit sich selber versöhnt, ein für alle Mal. Nun sind zur Gestaltung der persönlichen Gottesbeziehung keine Opfer mehr nötig. Will jemand vor Gott treten, so braucht er keinen Priester mehr, der für ihn opfern, für ihn Messe halten oder für ihn beten müsste. Vielmehr kann jeder und jede sich direkt an Gott wenden, kann Gott selber um Vergebung bitten, ja, soll auch seinen Nächsten um Vergebung bitten, wie es Jesus im Vaterunser gelehrt hat. Das kann jeder Getaufte tun, dazu braucht es keine Priester mehr, auch keine Klöster und Stifte, keine Nonnen oder Mönche. Diese Erkenntnis hat Luther im Priestertum aller Getauften zum Kampfbegriff gegen das hierarchische Verständnis der Weihe und des geistlichen Standes in der römisch-katholischen Kirche gemacht.

Priesterweihe und Klöster hat Luther darum abgeschafft. Die priesterlichen Aufgaben und die Tagzeitengebete der Mönche aber wollte er erhalten. Darum hat Luther diese in die Familie verlagert: Nach Luthers Katechismen soll der Hausvater mit der ganzen Familie, mit Frau und Kindern, mit Mägden und Knechten morgens und abends beten, d.h. konkret Luthers Morgen- bzw. Abendsegen sprechen und ihnen den Katechismus beibringen (BSELK 890f; 956; vgl. 862; 912; 926; 1154f).

Das macht bis heute Sinn. Auch bei uns ist es in vielen Familien eine gute Praxis gelebten Priestertums aller Gläubigen, wenn Eltern ihre Kinder abends ins Bett bringen, mit ihnen ein Lied singen und beten, die Hand auf ihren Kopf legen und ein Segenswort zusprechen. Ein solches Abendritual gibt Geborgenheit, nimmt Sorgen auf, lässt Ruhe einkehren und strahlt auf die ganze Nacht aus, dass die Kinder ruhig in Frieden schlafen können. Das ist gelebtes Priestertum aller Getauften.

So machte Luther das Priestertum aller Gläubigen zum Markenzeichen des Protestantismus. Aber er spricht wohlgemerkt nicht vom Pfarrertum aller Getauften. Darum müssen wir fragen, warum das Pfarramt nötig ist.

4. Die Notwendigkeit des Pfarramts als Predigtamt

»Es ist wahr, alle Christen sind Priester, aber nicht alle Pfarrer. Denn über das hinaus, dass er Christ und Priester ist, muss er auch ein Amt und befohlen Kirchspiel haben. Die Berufung macht Pfarrer und Prediger.«14 Schon in der Freiheitsschrift (1520) erklärt Luther: »Die heilige Schrift kennt keinen anderen Unterschied, als dass sie die Gelehrten und Geweihten ministri, servi, oeconomi nennt, das heißt Diener, Knechte, Haushalter, die den anderen Christus, den Glauben und die christliche Freiheit predigen sollen. Denn obwohl wir doch alle Priester sind, so könnten wir doch nicht alle … predigen« (WA 7, 28,30-35; DDStA 1, 297,18-23). Darum betont er auch in der Adelsschrift: »Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und es ist zwischen ihnen kein Unterschied außer allein wegen des Amtes« (WA 6, 407,14f; DDStA 3, 11,11-13).

Damit unterscheidet Luther zwischen sacerdos und minister, zwischen dem allgemeinen Priestertum aller Getauften und dem öffentlichen Amt des Pfarrers in der Wortverkündigung. Was alle tun können, darf niemand eigenmächtig ohne die Einwilligung der Gemeinde ausüben. Wer ins Pfarramt berufen wird, bekommt keine besondere geistliche Würde verliehen, sondern die Aufgabe der Verkündigung übertragen, damit er sie »öffentlich« ausübt »im Auftrag und Namen der Kirche«: »Es muss einem allein aufgetragen werden, den man allein predigen, taufen, absolvieren, das Sakrament reichen lässt, während alle anderen damit zufrieden und einverstanden sind.«15

Der Grund liegt in der Notwendigkeit der Evangeliumsverkündigung. Wir erinnern uns: die Kirche ist eine »creatura Euangelii«, ein Geschöpf des Wortes. Das Evangelium will gepredigt, es muss zugesprochen sein. Dazu braucht es jemanden, der das Evangelium verkündigt. Zu diesem Zweck wurde das Predigtamt eingesetzt (vgl. CA 5), für dessen Einsetzung durch Christus Luther Eph. 4,11 anführt: »Er selbst gab den Heiligen die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer.« »Darum,« so folgert Luther, »muss es weiter Apostel, Evangelisten, Propheten geben, die Gottes Wort und Werk treiben, wie auch immer sie heißen mögen.«16 Die Amtsbezeichnungen mögen wechseln. Ob sie Pfarrer, Pastoren oder Prediger genannt werden, ist egal. »Evangelisten« sollen sie sein, verantwortlich dafür, dass das Evangelium in der Gemeinde verkündigt wird. Für diese unverzichtbare Aufgabe werden die Pfarrerinnen und Pfarrer durch das Theologiestudium ausgebildet.

Dieses Amt wird in der Ordination übertragen, durch die jemand auf Lebenszeit ins Predigtamt berufen wird. Die Einsetzung in ein konkretes Pfarramt erfolgt dann durch die Investitur. Das ist eine verantwortliche Aufgabe, für die jemand durch Theologiestudium und Vikariat ausgebildet und dann durch das Bewerbungsverfahren ordentlich berufen ist. Die Ordination ist keine Weihe, der Pfarrer oder die Pfarrerin kein höherer geistlicher Stand, sondern getauft wie alle anderen auch und hat nur den Auftrag, die Funktion der öffentlichen Verkündigung übertragen bekommen.

5. Die Ökumene

Wenn die Kirche für Luther die Gemeinschaft der Glaubenden weltweit und zu allen Zeiten ist, dann können wir die Bedeutung der Reformation für die Kirche nicht bedenken ohne die Ökumene. Die ökumenische Bewegung ist ein Kind des 20. Jh. Der Ökumenische Rat der Kirchen wurde nach dem II. Weltkrieg 1948 gegründet. In vielen Fragen hat die ökumenische Annäherung große Fortschritte gebracht: die ökumenische Öffnung der katholischen Kirche durch das II. Vatikanische Konzil, die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre mit dem Lutherischen Weltbund (LWB) aus dem Jahr 1999 und zuletzt das ökumenische Miteinander beim Reformationsjubiläum 2017, aber auch die Dialogprozesse mit den orthodoxen Kirchen.

Damit stellt sich die Frage nach der Einheit der Kirche. Es wird gerne übersehen, dass diese Frage nicht erst in der ökumenischen Bewegung im 20. Jh. aufbrach, sondern bereits Philipp Melanchthon im Augsburger Bekenntnis (Art. 7) wesentliche Kriterien benannt hat: »Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden … Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden, wie Paulus sagt: ›Ein Leib und ein Geist, wie ihr berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe‹ (Eph 4,4.5).«

Dieser Abschnitt aus dem Eph. gehört zu den meistzitierten Bibelstellen in ökumenischen Konsensdokumenten, denn hier werden sieben Kennzeichen für die Einheit der Kirche genannt: ein Leib und ein Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller.17 Auf diesen sieben Kennzeichen beruht die Einheit der Kirche. Vom Papst ist hier nicht die Rede, weil das Papsttum erst später entstanden ist. Aber es ist auch keine Rede von dem einen Amt, das die Einheit der Kirche repräsentiert. Wo vom Amt die Rede ist, da wird von Evangelisten, Hirten und Lehrern in der Mehrzahl gesprochen. Diese sollen nicht die Einheit repräsentieren, sondern die Gläubigen zurüsten, dass sie zu Christus hinwachsen, den einen Herrn, das Haupt der Kirche (4,11-15). Die sieben Kennzeichen aus Eph. 4 sind nach CA 7 genug zur wahren Einheit der christlichen Kirche. Das gilt auch für die weltweite Ökumene. Was uns verbindet, ist nicht zuletzt die »eine Hoffnung« (4,4), zu der wir berufen sind.


6. Die Zukunft der Kirche – ein Ausblick

Uns alle beschäftigt die Frage, wie es weitergehen wird mit der Kirche, ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz, dem Verhältnis zum Staat, dem Körperschaftsstatus, dem Religionsunterricht und den theologischen Fakultäten, Gottesdienstformaten und Musikstilen, Gemeindeformen und Gemeindeleben, Gruppen und Kreisen, Mitarbeitern und Ehrenamtlichen, Diakonie, Nachbarschaftshilfe usw. Wir leben in einem Zeitalter der Zahlen. Zahlen bestimmen bei uns auch die kirchliche Arbeit: Kirchensteueraufkommen, Mitgliederstatistik, demographische Entwicklung, Personalstrukturplanung, Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen etc.

Viele Zahlen gehen zurück. Doch mit den Zahlen allein ist nicht alles gesagt zur Zukunft unserer Kirche. Wir können zählen und hochrechnen, wir können Statistiken erheben und Prognosen aufstellen, die eintreffen oder auch nicht. Bei alledem kommen wir über Mutmaßungen kaum hinaus. Die Verhältnisse mögen sich immer rascher wandeln, die Rechtsform mag sich ändern, Mitglieder und Finanzen können zu- oder abnehmen, der Personal- und Gebäudebestand wird sich danach richten müssen.

Aber wie auch immer die Entwicklung weitergeht: Kirche wird bleiben. Damit ist nicht gesagt, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Körperschaftsstatus, Kirchensteuersystem und Beamtenstatus der Pfarrerschaft sind bewährte Organisationsformen, aber keine Kennzeichen der Kirche nach dem NT. In Amerika, Afrika oder Asien kann Kirche auch ganz anders organisiert werden. Vieles können wir uns vielleicht nicht vorstellen. Aber eines ist gewiss: Kirche wird bleiben. Kirche wird vielleicht nicht so bleiben, wie wir sie kennen. Aber es wird eine Kirche geben. Das Augsburger Bekenntnis (Art. 7) hat uns »gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss.« Denn die Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden, eine Kreatur des Evangeliums. Wo das Evangelium von der Freiheit eines Christenmenschen gepredigt wird, da kann Glaube entstehen, da gibt es eine Gemeinschaft der Gläubigen, da wird auch die ­Kirche fortbestehen.

Zu den Kennzeichen für die Einheit der Kirche nach Eph. 4,4 gehört die »eine Hoffnung«, zu der wir berufen sind. Diese Hoffnung basiert nicht auf statistischen Hochrechnungen, sondern hat einen anderen Grund. Deshalb möchte ich schließen mit einer Einsicht, die Martin Luther geleitet hat: »Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten. Unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen. Unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein; sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird’s sein, der da sagt: ›Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende‹« (Mt. 28,20).18


Anmerkungen:

* Vortrag »Reformation und Kirche« in Beutelsbach am 23.2.2017 und bei der Theologischen Konferenz »500 Jahre Reformation« vor der Generalsynode der Evang.-luth. Kirche in Russland (ELKR) in der St. Peter-und-Paul-Kathedrale in Moskau am 31.5.2017 (der Vortragsstil wurde weitgehend beibehalten, eine russische Übersetzung ist bereits im Tagungsband erschienen).

1 M. Luther, Resolutiones super propositionibus Lipsiae disputatis, 1519, WA 2, 430,6f: »Ecclesia enim creatura est Euangelii.«

2 M. Luther, Von den Konziliis und Kirchen, 1539, WA 50, 625,5; DDStA 2, 745,7.

3 M. Luther, Vom Papsttum zu Rom, 1520, WA 6, 296,38; DDStA 2, 95,40; vgl. zum Ganzen R. Schwarz, Martin Luther. Lehrer der christlichen Religion, Tübingen 22016, 443-467; M. Heckel, Martin Luthers Reformation und das Recht (JusEccl 114), Tübingen 2016, 148-152.225-244.282-307.

4 M. Luther, Vom unfreien Willen, 1525, WA 18, 652,23; LDStA 1, 322,27.

5 M. Luther, Vom unfreien Willen, 1525, WA 18, 652,1; LDStA 1, 322,3: »canone charitatis«.

6 M. Luther, Schmalkaldische Artikel, 1537, BSELK 776 (Schreibweise angepasst).

7 D. Wendebourg, Kirche, in: A. Beutel (Hg.), Luther Handbuch, Tübingen 32017, 451-462, hier 452.

8 M. Luther, Von den Konziliis und Kirchen, 1539, WA 50, 628-642; DDStA 2, 753-779.

9 Luther hat den Gesang der Gemeinde zurückgegeben, selber Lieder gedichtet und mit den Psalm- und Katechismusliedern neue Liedgattungen geschaffen; vgl. U. Heckel, »… da klingt Freiheit«. Martin Luther und die Musik in der Kirche, in: ders., Wozu Kirche gut ist. Beiträge aus neutestamentlicher und kirchenleitender Sicht. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Huber, Göttingen 2017, 165-169.

10 Vgl. Handbuch Weltanschauungen, religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, im Auftrag der Kirchenleitung der VELKD hg. v. M. Pöhlmann/Ch. Jahn, Gütersloh 2015, 800-819.

11 Vgl. zu Eph. 4 U. Heckel, Hirtenamt und Herrschaftskritik. Die urchristlichen Ämter aus johanneischer Sicht (BThSt 65), Neukirchen-Vluyn 2004, 69-81.128-133.

12 Vgl. U. Heckel, »Wasser tut’s freilich nicht« – Taufe und Glaube bei Luther, in: U. Heckel/J. Kampmann/V. Leppin/Ch. Schwöbel (Hg.), Luther heute. Ausstrahlungen der Wittenberger Reformation (UTB 4792), Tübingen 2017, 127-148, wieder abgedruckt in: U. Heckel, Wozu Kirche gut ist (s. Anm. 9), 110-127.

13 Vgl. V. Leppin, Priestertum aller Gläubigen. Amt und Ehrenamt in der lutherischen Kirche, in: U. Heckel u.a. (Hg.), Luther heute (s. Anm. 12), 149-169.

14 M. Luther, Der 82. Psalm ausgelegt, 1530, WA 31, I, 211,17-20 (sprachlich geglättet).

15 M. Luther, Von den Konziliis und Kirchen, 1539, WA 50, 633,1-3.8-10; DDStA 2, 761,10f.18-20.

16 Ebd., WA 50, 634,13-15; DDStA 2, 763,20-22.

17 Vgl. U. Heckel, Die sieben Kennzeichen für die Einheit der Kirche nach Eph 4,1-6. Grußwort 40 Jahre Leuenberger Konkordie, in: ders., Wozu Kirche gut ist (s. Anm. 9), 235-238, urspr. in: M. Bünker/B. Jäger (Hg.), 1973-2013. 40 Jahre Leuenberger Konkordie. Dokumentationsband zum Jubiläumsjahr 2013 der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, Wien 2014, 132-136.

18 M. Luther, Wider die Antinomer, WA 50, 476,31-35.

Über die Autorin / den Autor:

OKR Prof. Dr. Ulrich Heckel, Oberkirchenrat für »Theologie und weltweite Kirche« in der Evang. Landeskirche in Württemberg sowie apl. Professor für Neues Testament an der Evang.-Theol. Fakultät in Tübingen, ­Autor zahlreicher wissenschaftlicher und allgemeinverständlicher Publikationen, z.B. »Wozu Kirche gut ist. Beiträge aus neutestamentlicher und kirchenleitender Sicht« ­(Göttingen 2017).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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