Eine Erinnerung an Martin Luthers ekklesiologische Grundoptionen
Die Neuentdeckung der Kirche

Von: Wilhelm Christe
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Mit der Reformation verbindet man üblicherweise weniger eine »Neuentdeckung« der ­Kirche als vielmehr die radikale Kritik an ihr. Wilhelm Christe vertritt jedoch die These, dass die reformatorische Neuentdeckung des Glaubens keineswegs in einen religiösen Subjektivismus führen muss, sondern dass sie vielmehr zugleich zu einer Neuentdeckung der Sozial­gestalt des Glaubens führte.1


Mit der Reformation verbindet man vordergründig nicht eine »Neuentdeckung« oder ein neues Aufblühen der Kirche, sondern vielmehr eine grundstürzende, radikale Kritik an der Kirche, wie sie sich damals darstellte. Luther kritisierte den Papst und die Bischöfe, ihre Verweltlichung und ihr bloß auf Sicherung der eigenen Macht konzentriertes Verhalten; er tadelte die Werkgerechtigkeit und Verdienstfrömmigkeit seiner Zeit, die glaubte, mit Gott um das Seelenheil und das ewige Leben wie mit einem Krämer handeln und feilschen zu können, während die innere Buße und Umkehr, der persönliche Glaube an Gottes Gnade und Vergebung dabei zu kurz kamen. Weil die kirchlichen Autoritäten Luthers Kritik damals nicht als Chance, sondern ausschließlich als Gefahr für die Kirche begriffen, führte dies zur Spaltung der abendländischen Christenheit.

Weiter verbinden wir, ob positiv oder negativ eingeschätzt, mit der Reformation eine Herausstellung und Aufwertung des einzelnen Menschen, des Individuums: Der Einzelne stehe, nun befreit von der Umklammerung durch die kirchliche Hierarchie, unmittelbar, unvertretbar vor Gott, sein persönlicher, sein eigener Glaube sei gefragt. Und das wurde in der Folge oft so verstanden oder missverstanden, dass eben die Kirche, die kirchliche Gemeinschaft sowie der sonntägliche Gottesdienst nicht mehr so entscheidend seien; jeder könne im Grunde für sich glauben, was, wie und wo er will. Also auch von hier aus assoziiert man mit der Reformation nicht zuerst eine Neuentdeckung der Kirche als der Gemeinschaft des Glaubens und der Glaubenden, sondern eher die vereinzelte, ungebundene religiöse Subjektivität.

Und doch gibt es Gründe, eines der zentralen Momente der Reformation gerade in der »Neuentdeckung« der Kirche zu erblicken. Einmal verhält es sich bereits ganz allgemein so, dass man eine begründete, tiefgehende Kritik an etwas, also auch am Zustand der Kirche zu einer bestimmten Zeit, nicht üben kann, ohne eine Vorstellung von dem zu besitzen, wie es anders und besser sein sollte. Kritik an der Kirche kann deshalb gar nicht fruchtbar und konstruktiv ausgesprochen werden, ohne eine neues Bild, eine neue Vision von Kirche zu haben, also nicht ohne eine »Neuentdeckung« der Kirche, so wie sie das NT, ja wie sie Jesus Christus selbst gewollt hat.

Zum andern kann durchaus bezweifelt werden, ob die mit der Reformation eingetretene und an sich positiv zu sehende Wertschätzung des Einzelnen und seines persönlichen, individuellen Glaubens automatisch eine Abwertung und Geringschätzung der Kirche und der Gemeinde, also der Sozialgestalt des Glaubens, nach sich ziehe und ob die Reformatoren dies überhaupt gewollt haben. Könnte es nicht vielmehr so sein, dass sie um die Unvertretbarkeit, die Mündigkeit des einzelnen Christen im Glauben wussten, zugleich aber ebenso den notwendigen Gemeinschaftsbezug des Glaubens für unverzichtbar hielten, so dass beides durchaus zusammengehen kann, ja sich gegenseitig bedingt und fordert: die Neuentdeckung des persönlichen Glaubens jedes einzelnen Christenmenschen und die Neuentdeckung der Kirche als der Gemeinschaft des ­Glaubens?

Genau dies ist meine These, und so möchte ich im Folgenden zunächst das durch Martin Luther von neuem freigelegte Verständnis von der Kirche als Gemeinschaft der je persönlich und doch miteinander Glaubenden vorstellen (1), dann einen Blick auf die sich daraus ergebende spezifische Struktur der Kirche werfen (2) und abschließend fragen, welche Einschätzung der Kirche als Gebäude, als Haus der christlichen Gemeinde aus dieser neuen Deutung von Kirche folgt (3).


1. Das neue Verständnis von Kirche

Für Martin Luther ist der Dreh- und Angelpunkt seiner christlichen Existenz, seiner Theologie und der von ihm ausgehenden Reformation der Kirche die Rechtfertigung des sündigen Menschen allein durch Gottes Gnade. »Rechtfertigung« als die Heilung des entfremdeten, vom Menschen schuldhaft verkehrten Gottesverhältnisses, als Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott geschieht für Luther wesentlich in der Korrelation, dem Zusammenspiel von Gottes Wort und dem Glauben des Menschen: Gott richtet an den Menschen sein gutes Wort, das Evangelium von der Vergebung der Sünden und der Eröffnung eines neuen, ewigen ­Lebens. Und dieses Wort ergeht an den ­Menschen allein aus Gottes Gnade, ohne Vorleistung und Vorbedingung auf Seiten des Menschen.

Dieses Wort ist wesentlich das Wort von Jesus Christus, in dem uns Gottes Gnade und Liebe sozusagen in Person begegnen. Der Mensch muss dieses heilvolle Wort, diese Zusage und Verheißung »nur« im Glauben, im Vertrauen auf Gott annehmen, sich gesagt sein lassen, an sich geschehen lassen. Und der Mensch kann und muss dieses Wort allein im Glauben aufnehmen, ausschließlich so kommt er wieder in ein heilvolles, offenes Verhältnis zu Gott; er kann und muss dieses nicht durch sein Tun, seine »Werke« verdienen oder herstellen.

Selbstverständlich heißt dies für Luther nicht, dass ein Christ überhaupt nichts mehr zu tun hätte, sondern dass das Handeln des Christen, seine erneuerte Lebenspraxis als Frucht aus dem Glauben folgt, aber nicht die Bedingung und der Grund seiner neuen Gottes­beziehung ist.


Kirche als Erzähl- und Hörgemeinschaft des Wortes Gottes

Dabei verhält es sich nun so, dass diese entscheidende Beziehung zwischen dem Verheißungswort Gottes und dem Glauben des Menschen durch zweierlei gekennzeichnet ist: einmal stellt sich diese Relation nicht automatisch, mechanisch ein, so dass überall dort, wo Gottes Wort ergeht, auch der Glaube an das Wort da wäre. Sondern es ist der Geist Gottes, der Heilige Geist, der sich des äußeren Wortes bedient und in den Herzen der Menschen den Glauben bewirkt, »wo und wann er will« (CA 5). Der Glaube selbst ist deshalb für Luther das Werk Gottes in uns, er verdankt sich selbst der Gnade Gottes, ist sein Geschenk. Dass einem Menschen das äußerlich Gehörte im Herzen einleuchtet, ihm gewiss wird, er mit seinem ganzen Leben darauf vertraut, das verdankt sich Gott selbst, dem Wirken seines Geistes.2

Zum anderen bedarf es aber, damit der Geist Gottes so wirken kann, des Wirkens, des Redens von Menschen, die das Wort äußerlich ausrichten und verkünden, auf dass andere Menschen es äußerlich hören können, die dann, nachdem der Heilige Geist in ihnen das innere Hören, den Glauben gewirkt hat, ihrerseits zu Redenden werden, die das Wort weitersagen.3

Und genau so entsteht in engem Zusammenhang mit dem je persönlichen, unvertretbaren Hören und Glauben des Einzelnen auch die Gemeinschaft der Glaubenden, eben die Kirche, die Gemeinde. Die Kirche ist eine Rede- bzw. Erzähl- und Hörgemeinschaft des Wortes Gottes, wobei alle an beiden Aspekten dieses Geschehens, am Hören und Reden, gleichermaßen beteiligt sein sollen. Es ist das eine Wort Gottes, das Evangelium von Jesus Christus, das die vielen zur Gemeinschaft, zur Kirche verbindet. Es ist das eine Wort, das bei allen zugleich ist und doch bei jedem ganz.4


Kirche als creatura verbi

Ich denke, dass dadurch bereits der enge Zusammenhang, der zwischen dem Glauben des Einzelnen und der Gemeinschaft der Glaubenden, der Kirche, besteht, deutlich geworden ist. Und deutlich geworden ist auch, wie sehr, ja wie ausschließlich die Kirche nach Luthers Verständnis vom Wort Gottes und seiner Verkündigung her sich aufbaut, wie sie dadurch entsteht und besteht. Luther hat darum immer wieder die Kirche als »Wortgeschöpf«, als »creatura verbi« bzw. »creatura evangelii« bezeichnet (z.B. WA 2, 430,6f; WA 6, 560,33-561,2; WA 12, 191,16ff).

Die Kirche wird gleichsam aus dem Verheißungswort Gottes heraus gezeugt, geboren und ernährt, sie ist ganz von ihm abhängig, steht nicht über ihm, sondern weit unter ihm; sie kann über es nicht verfügen und muss auf dieses Wort stets neu hören, sich an ihm orientieren. Luthers Devise »sola scriptura«, d.h. die Schrift als alleinige Richtschnur der Kirche, hat hier ihren ­Ursprung.

Dieses Verheißungswort Gottes ist für die Kirche »konstruktiv«, »kirchengründend«5, es ist aber auch kritisch, »kirchenkritisch«, damals wie heute.6 Es sagt nämlich ganz unmissverständlich, dass die Kirche letztlich nicht das Werk von Menschen ist, nicht in der Macht und Verfügung von Menschen steht, so sehr wir natürlich für die äußere Verkündigung des Wortes und ihre sachgemäße, zeitgemäße sowie ansprechende Gestalt Verantwortung tragen. Aber ob dies alles Frucht trägt, also Glauben weckt, und ob Kirche entsteht, besteht und erhalten wird: das ist das Werk Gottes allein, damals und heute (vgl. WA 50, 477,1-16). Kirche ist und bleibt »creatura verbi«, »Wortgeschöpf«!


Sichtbare und verborgene Kirche

Von hier aus wird für Luther die alte, auf Augustinus zurückgehende und schon immer von Kirchenreformern7 in Anspruch genommene Unterscheidung zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren bzw. verborgenen Kirche in neuer Weise wichtig: Als geistliche Größe, als Gemeinschaft der Glaubenden, als an Gottes Verheißungswort sich festmachende Gemeinde, ist die Kirche eine unsichtbare Größe, nur dem Glauben selbst zugänglich, dem äußeren Blick ist sie verborgen. Denn nur der Glaube sieht, dass die Kirche mehr ist als eine religiöse Organisation unter vielen anderen, ist doch diese Organisation stets auch durch die Unvollkommenheit, das Versagen, ja die Sündigkeit der Menschen geprägt. Die Kirche will deshalb »nicht ersehen, sondern erglaubt sein« (WA DB 7, 421,3f; vgl. WA 51, 507,31-508,19)! Verborgen ist auch, wer letztlich zur Kirche gehört, also wahrhaft glaubt, weil der Glaube eine zutiefst innere, unsichtbare Sache ist, eine Sache des Herzens, die man bei niemandem äußerlich feststellen, sondern nur in der Liebe vermuten kann (vgl. WA 18, 651,31-652,23).

Diese unsichtbare Gemeinschaft der Glaubenden, der von Jesus Christus im Heiligen Geist Gerufenen, Versammelten, eben das »christlich, heilig Volk« (WA 50, 624,29), ist die christliche, die katholische Kirche, von der im Dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses die Rede ist, die »Gemeinschaft der Heiligen«, der Menschen, die durch Jesus Christus, durch Gottes Wort in der Sündenvergebung gerechtfertigt und in der Erneuerung des Lebens geheiligt sind. Sie ist als solche die eine, geeinigte Kirche und erstreckt sich über die ganze Welt; sie ist überall da, wo wahre Christen sind. Sie existiert also nicht nur in der römisch-katholischen Kirche, sondern auch außerhalb ihrer in vielen anderen kirchlichen Gemeinschaften. So wie umgekehrt natürlich auch nicht jeder allein dadurch, dass er Mitglied einer sichtbar verfassten Kirche ist, bereits der unsichtbaren Kirche zugehört, weil er ersterer ohne Glauben angehören kann. Wie die letztere ganz einfach und doch höchst genau zu bestimmen ist, bringt Luther eindringlich in den »Schmalkaldischen Artikeln« von 1537 zum Ausdruck: »Es weiß gottlob ein Kind von 7 Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören; denn also beten die Kinder: Ich glaube [an die] eine heilige christliche Kirche.« Diese Heiligkeit bestehe nicht in äußeren unbiblischen Zeremonien, »sondern im Wort Gottes und rechtem Glauben« (BSLK 459,20-460,5).8


Die Sichtbarkeit der verborgenen Kirche

Jedoch ist diese Gemeinschaft der Glaubenden nicht nur unsichtbar, verborgen, sondern, so könnte man paradox formulieren, es gibt eine »Sichtbarkeit der verborgenen Kirche«9, die verborgene Kirche existiert nur als sichtbare. Denn man kann sie an bestimmten äußeren Kennzeichen und Merkmalen erkennen und identifizieren, den sog. »notae ecclesiae«. Überall da, wo diese Kennzeichen gegeben sind, darf man darauf vertrauen, ja gewiss sein, dass hier die verborgene Kirche anwesend ist, dass da eine Gemeinde von Glaubenden besteht. Diese Kennzeichen der Kirche sind für Luther v.a. die Predigt bzw. Verkündigung des Evangeliums, das zentral in der Rechtfertigungsbotschaft gebündelt ist, und Taufe und Abendmahl als sozusagen leibliche, zeichenhafte Unterstreichungen und Verdichtungen, durch welche dem Einzelnen Gottes Verheißungswort konkret zugesprochen wird.10 Dabei sind diese elementaren Identifikationsmerkmale von Kirche zugleich »Heilsmittel« (media salutis): Sie vermitteln Gottes Verheißungswort, aus dem der heilvolle, rechtfertigende Glaube erwächst. Der Glaube kommt eben wesentlich, wie der Apostel Paulus sagt (Röm. 10,17), aus dem Hören, aus dem Hören des äußeren, mündlichen Wortes in der Doppelgestalt von Predigt­wort und Sakrament.

Luther unterscheidet also sehr klar zwischen der sichtbaren Kirche, der Kirche als äußerlich wahrnehmbarer Organisation und Institution um Predigt, Taufe und Abendmahl herum, und der unsichtbaren Glaubensgemeinschaft selbst, ohne beide zu trennen. Sie bestehen vielmehr ineinander und miteinander, sind miteinander verknüpft und verzahnt.11 Wie jeder Mensch so hat auch die Kirche für Luther eine »Seele«, eine innere, geistliche Tiefe, und einen »Leib«, eine äußere, in die Augen fallende Gestalt (vgl. WA 6, 64,1-37; 296,37-297,9), wobei die eine der anderen zu dienen und an ihr ihren kritischen Maßstab hat.12

Weil zwischen beiden Gestalten von Kirche ein unauflösbarer Zusammenhang besteht, darf man sich nicht auf die unsichtbare Kirche zurückziehen, sondern muss die sichtbare Kirche immer wieder nach Maßgabe der unsichtbaren zu reformieren und zu erneuern suchen, wie Luther selbst dies ja auch getan hat.


Kirche als Organisation und Ortsgemeinde

An dieser »Neuentdeckung der Kirche« seien noch zwei Akzentuierungen herausgestellt: Zum einen versteht Luther die Kirche nicht zuerst von der Institution, der Organisation her: also nicht, wie es sich damals nahe legte, von der Kirche als »heiliger Ordnung«, als »Hierarchie« her, die ein eigenes sakrales Recht besaß und sich vor allem im Papst, den Bischöfen, Priestern und Ordensleuten darstellte, d.h. wesentlich Klerikerkirche war. Heute müsste man von Luther her sagen: die Kirche besteht nicht zuerst in den einem Verein ähnlichen Großorganisationen von Landeskirche oder EKD, denen man durch bloß formale Mitgliedschaft angehört, sondern Kirche ist primär die eben verborgene geistliche Gemeinschaft der Glaubenden auf der ganzen Welt, über alle Grenzen von Institutionen und Organisationen hinweg. Sie ist primär Gemeinschaft, Gemeinde, ein »Haufen«, wie Luther sagt, von Menschen, die Jesus Christus im Heiligen Geist gerufen und versammelt hat, eben sein einiges Volk auf der ganzen Erde. Man sollte, so denke ich, das ruhig stehen lassen und nicht sofort apologetisch umdeuten: Luthers Kirchenbegriff hat durchaus eine geistig-geistliche, »spiritualistische« (und aktualistische) Schlagseite!13

Und das Zweite: Was die äußere, sichtbare Gestalt dieser weltweiten unsichtbaren Kirche betrifft, so kristallisiert sie sich zuerst und bleibend in der Gemeinde vor Ort, der Pfarrgemeinde, als Gemeinschaft der Menschen, die um eine Kirche, einen Kirchturm herum leben. Und dies deshalb, weil die Pfarrgemeinde, die Ortsgemeinde zusammen mit ihrem Kirchengebäude der genuine Ort ist, an dem die Predigt des Evangeliums und die Feier von Taufe und Abendmahl geschehen, also jene Vollzüge, die Kirche immer wieder neu entstehen lassen. Dies geschieht eben nicht in den übergeordneten Strukturen etwa des Dekanates, der Landeskirche oder der EKD. Joachim Ringleben formuliert deshalb treffend: »Die Kirche hat da ihr Sein, wo eine Gemeinde (gottesdienstlich) um einen Altar und um eine Kanzel versammelt ist.«14

Luther lehnt indessen solche übergemeindlichen Einheiten und Dienste nicht rundweg ab, sie sind ihm aber sekundär, müssen der Grundgestalt der sichtbaren Kirche, der Ortsgemeinde, sowie ihrem Grundgeschehen dienen und sind nach diesem Maßstab jeweils pragmatisch (»de jure humano«), fern aller theologischen Überhöhung, ein­zurichten.15


Katholizität und Ökumene

Dass Luther damit nicht einem kirchlichen Provinzialismus oder beschränkten »Kirchturmdenken« zum Opfer fällt, wird durch den ersten Aspekt grundlegend verhindert: Dem in Hinsicht auf die sichtbare Kirche auf die Ortsgemeinde konzentrierten Blick korrespondiert das Wissen um die Universalität und in diesem Sinne »Katholizität« der unsichtbaren Kirche aller wahrhaft Glaubenden, was allem Tun und Lassen der jeweiligen Einzelgemeinden eine ökumenische Weite und Ausrichtung verleiht. Wie übrigens aus Luthers Ansatz bei der unsichtbaren Kirche eine zentrale ökumenische Leitlinie folgt: Die grundlegende Einheit aller Christen, aller Glaubenden ist immer schon da, sie muss nicht erst durch Menschen, etwa durch die Aktivität von Kirchenführern, hergestellt und bewirkt werden. Nein, der Heilige Geist hat sie in der Kraft des alle einenden, weil durch eben diesen Geist ihnen gewiss gemachten Evangeliums (vgl. Röm. 1,16) stets schon gewirkt und wirkt sie jeden Tag neu!16

Kirchliche Ökumene und Einigungsbemühungen auf der Ebene der sichtbaren Kirche haben diese Einheit nur darzustellen, nachzuvollziehen, zu bezeugen (natürlich nicht durch Schaffung einer institutionellen »Superkirche«, sondern als »Einheit der Christen in der Gemeinschaft der Kirchen«17), wobei Maßstab und Kriterium ist, dass es, wie die Leuenberger Konkordie von 1973 ausführt, möglich ist, »das gemeinsame Verständnis des Evangeliums« zwischen den jeweiligen Kirchen festzustellen. Für Kirchengemeinschaft ist dies notwendig, aber auch zureichend!


2. Die neue Struktur der Kirche

Luthers Neuentdeckung der Kirche von ihrem »Grundgeschehen« her, der Rechtfertigung allein aus Glauben, führt, wie könnte es anders sein, auch zu einer neuen Struktur der Kirche, für die er natürlich auf das ntl. Bild von Kirche zurückgreift. Die »Neuentdeckung« der Kirche bedeutet nicht ihre Neuerfindung! Genauer gesagt kommt es zu einer neuen Verhältnisbestimmung zwischen den Christenmenschen und den ordinierten Amtsträgern unter ihnen.

Allgemeines Priestertum

Durch die Rechtfertigung »allein aus Gnade«, »allein durch den Glauben« haben alle Christen einen unmittelbaren, freien Zugang zu Gott, der darin gründet, dass Jesus Christus in seinem Heilswerk diesen Zugang zu Gott allen Glaubenden erschlossen hat. Deshalb bedarf es auch keiner Heilsvermittlung mehr durch die Kirche als einer sakralrechtlichen Institution bzw. durch geweihte Priester und durch sie vollzogene Sakramente, sondern Gott bzw. Gottes Wort vermittelt sich selbst durch den Verkündigungsdienst von Menschen anderen Menschen.18 Da es hierbei aber entscheidend auf die Beziehung, das Miteinander von göttlichem Wort als Zusage der Sündenvergebung und des ewigen Lebens und dem darauf vertrauenden menschlichen Glauben ankommt (und das heißt nicht auf eine spezifische Qualität des Verkünders: vgl. WA 2, 716,25-717,5), ist jeder Christ grundsätzlich berufen und befähigt, diesen Verkündigungsdienst zu versehen. Durch die Taufe, die selbstverständlich nicht ohne den Glauben zu denken ist, sind, so sagt Luther, alle Christen zu Priestern, Bischöfen und Päpsten geworden. »Was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht ist, obwohl es nicht jedem ziemt, solches Amt auszuüben.« (WA 6, 408,11ff; vgl. WA 12, 178,21-33).

Alle sind »Geistliche«, d.h. sie alle haben diesen freien, offenen Zugang zu Gott und bedürfen dazu nicht mehr der traditionellen Priester, Bischöfe und Päpste. Das ist Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum, vom Priestertum aller Glaubenden, für die er sich besonders auf 1. Petr. 2,5.9 und Offb. 1,6; 5,10; 20,9 als biblische Belege stützt. Er wendet sich damit vehement gegen die die katholische Kirche prägende Unterscheidung von Klerikern und Laien als den zwei Ständen innerhalb der einen Kirche, die in diese sozusagen zwei Stufen, zwei Klassen des Christseins einzieht; die Kirche ist hier streng von oben nach unten, von den Klerikern zu den Laien hin aufgebaut.

Das allgemeine Priestertum bedeutet dagegen, dass alle Christen (in der Teilhabe am Priestertum Christi) die gleiche Würde, Befugnis und Befähigung haben, die grundlegenden Dienste von Priestern zu versehen. Diese geschehen in einer doppelten Richtung (vgl. WA 7, 57,24-32): von den Menschen zu Gott hin, d.h. in Gebet und Fürbitte für andere vor Gott zu treten – und von Gott her zu den Menschen, in der Verkündigung des Wortes Gottes, also des Evangeliums, und der Sakramentsdarreichung.19


Öffentliche Verkündigung

Jedoch folgt daraus für Luther nicht, dass auch alle diese Befugnis öffentlich ausüben können und sollen (dazu WA 6, 408,8-25; 566,26-34; WA 7, 58,12-22; WA 12, 189,17-27). Dies ist rein praktisch gar nicht möglich, aber auch von der Sache her nicht sinnvoll. Allein diejenigen sollen die öffentliche Wortverkündigung, das öffentliche Gebet und die Sakramentsverwaltung vollziehen, die dazu von der Gemeinde und in ihrem Namen berufen und beauftragt sind. Die Gemeinde bestimmt also einen bzw. einige aus ihrer Mitte, das, was eigentlich alle können, in ihrem Auftrag zu tun. Was natürlich eine theologische Kompetenz sowie gewisse sprachliche und kommunikative Fähigkeiten voraussetzt.

Das sieht nun ganz danach aus, als ob Luther damit seine umwälzende, die Kirche demokratisierende Einsicht in das allgemeine Priestertum in inkonsequenter Weise widerrufe oder zumindest einschränkte, ist aber von ihm nicht so gemeint. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen schützt, erhält und wahrt gerade das durch Gemeindeberufung übertragene Amt das Priestertum aller Gläubigen, indem genau diese Verfahrensweise es verhindert, dass sich bei der öffentlichen Wortverkündigung die durchsetzen, die sich am besten »verkaufen« und »inszenieren« können. Sie würden so die anderen dominieren und ihr Priesterrecht auf Kosten der anderen ausüben, ja es ihnen streitig machen.20 Zum anderen sollen die nichtordinierten Christen natürlich ihr Priestertum weiterhin »nichtöffentlich« praktizieren (dazu will das ordinierte Amt gerade befähigen und kompetent machen!) – und zwar in der Bezeugung des Evangeliums in der Familie, im Alltag, am Arbeitsplatz, im persönlichen Gebet, im Zuspruch der Vergebung Gottes an einen Mitchristen sowie nicht zuletzt im »Opfer«, in der Hingabe, dem Einsatz des Lebens für die anderen und – dann »quasi-amtlich« – im Fall der Nottaufe oder »Notpredigt« (also bei Fehlen oder Versagen der »ordentlichen« Amtsträger).

Nicht übersehen werden darf auch, dass die Christen einer Gemeinde ihr gemeinsames Priestertum ausüben in der Berufung des Pfarrers (bzw. der Pfarrerin). Hierbei besteht für Luther das wichtigste Erfordernis darin, dass die Gemeinde über die Lehre und Verkündigung der Kandidaten urteilt, darüber also, ob sie sich durch deren Rede so angesprochen fühlt, dass ihnen darin Gottes Wort begegnet.21


Ordination von Frauen

Mit seiner Lehre vom allgemeinen Priestertum hat Luther die damalige Kirche revolutioniert, und er meinte dies von der Mitte des christlichen Glaubens, der Botschaft von der Rechtfertigung, aber auch vom Bild der Kirche her, wie es das NT entwirft, tun zu müssen. Luther hat damit die Würde eines jeden Christen, die er von seiner Taufe her hat, herausgestellt, aber auch die Verantwortung und Verpflichtung klar gemacht, die jedem einzelnen für die Gemeinde und die Weiterbezeugung des Evangeliums auferlegt ist. Wenn Luther sich auch noch keine ordinierten Pfarrerinnen vorstellen konnte, so schließt seine Lehre vom Priestertum aller Glaubenden doch eine ungeheure Aufwertung der Frau ein, der ebenso uneingeschränkt dieses Priestertum wie dem Mann zukommt (vgl. WA 8, 497,19-498,14; WA 12, 181,23-32; 182,31-183,5; WA 50, 633,12-24).

Dass genau dieses allgemeine Priestertum sich in der evangelischen Kirche, vielleicht vom Pietismus abgesehen, weithin nicht durchgesetzt hat (es wird z.B. schon nicht mehr im Augsburger Bekenntnis erwähnt), sondern vielmehr die an den Staat eng gebundene Pastorenkirche, widerlegt Luthers Neuansatz nicht, sondern belegt nur, dass wir an dieser Stelle ein auch bis heute nicht vollständig angetretenes Erbe der Reformation vorliegen haben.

Alle Gläubigen sind Priester, und zwar füreinander, gegenseitig22, aber nicht alle Gläubigen sind Pfarrer, und die Pfarrer sind keine Priester im traditionellen Sinn, sondern Diener, Verkünder des Wortes. Das ist Herausforderung auch noch heute! Nicht zuletzt auch darin, dass der Pfarrer/die Pfarrerin nicht zuerst Manager und Organisator der Gemeinde, sondern »Diener des Wortes«, also theologisch gebildete und sich weiterbildende Predigerin und Seelsorger sind, die als solche auch wertzuschätzen und zu achten sind! »Wem das Predigtamt aufgetragen wird, dem wird das höchste Amt aufgetragen in der Christenheit.« (WA 11, 415,31f)


3. Der neue Blick auf das Kirchengebäude

Es konnte gezeigt werden, wie eng und der landläufigen Auffassung entgegen das Kernanliegen der Reformation nicht nur mit der Kritik der damals real existierenden Kirche, sondern auch mit einer Neuentdeckung, einer neuen Vision der Kirche zusammenhängt. Ja, dieses Kernanliegen der Reformation lässt sich als das einer nach Gottes Wort erneuerten, »reformierten« Kirche bezeichnen. Bleibt noch zu fragen – und dies stellt eine Bewährung und Konkretion der neuen Ekklesiologie dar –, wie Luther in sie die Kirche als Haus, als Gebäude einbeziehen und einordnen kann. Hat Kirche in diesem Sinn bei ihm noch eine Bedeutung, eine Funktion?


Das Bauen von Kirchen ist nicht von Gott geboten

Luther hat vehement beklagt, dass die Menschen zu seiner Zeit die Kirche v.a. als sakrale Institution verstehen, die insbesondere im Papst, den Bischöfen, Priestern und Ordensleuten sich manifestiert. Demgegenüber stellte er die Kirche als die Gemeinschaft, die Versammlung aller Glaubenden, als Gottes Volk, durch Christus im Heiligen Geist gerufen, in den Mittelpunkt. Ebenso bedauerte Luther freilich, dass dieses wahre Verständnis von Kirche bei uns verdunkelt wird, insofern wir im Deutschen bei dem – wie er sagt – »blinden, undeutlichen Wort (Kirche)« meist zuerst an die Kirche als das »steinerne Haus« denken (WA 50, 625,5.17). Im Großen Katechismus heißt es daher: »Wir sind aber des Wörtleins ›Kirche‹ gewohnt, welches die Einfältigen nicht von einem versammelten Haufen, sondern von dem geweiheten Haus oder Gebäude verstehen.« (BSLK 656,6-10)

Und Luther missfiel sehr, dass zu seiner Zeit unzählige Kirchen und Kapellen durch fromme Spenden gebaut und erhalten wurden, weil man glaubte, damit vor Gott ein gutes, verdienstliches Werk zu tun, das einem das ewige Leben und den Himmel aufschließen könnte. Das Bauen von Kirchen sei aber, so der Reformator demgegenüber, keineswegs von Gott geboten und auch für Gott von keinerlei Nutzen, und man vergäße darüber den Glauben und die Werke der Nächstenliebe. Auch führe es häufig zu einer unguten Prachtentfaltung und Selbstdarstellung der Kirche.

Jedoch wird Luther gerade durch solche Kritik der positiven Bedeutung und Funktion eines Kirchengebäudes ansichtig: »Denn kein andere Ursach ist Kirchen zu bauen, so je ein Ursach ist, denn nur, dass die Christen können zusammenkommen, beten, Predigt hören und Sakrament empfangen. Und wo dieselbe Ursach aufhörte, sollt man dieselben Kirchen abbrechen, wie man allen andern Häusern tut, wenn sie nimmer nütze sind. [...] Denn Gott hat nichts von Kirchen, sondern allein von den Seelen geboten, welche seine rechte eigentliche Kirche sind.« (WA 10 I/1, 252,16-253,8)


Kirchengebäude als Gottesdiensträume

Drastische, aber doch wegweisende Worte: Kirchen zu bauen stellt, wie gesagt, kein von Gott gebotenes, heilsverdienstliches Werk dar, sie sind auch nicht an sich oder durch ihre Weihe schon heilige Orte, an denen uns Gott besonders nahe wäre. Ihre einzige, aber nicht gering zu schätzende Funktion besteht darin, dass sie der Gemeinde einen Ort, einen Raum für das bieten, was die Gemeinde immer wieder neu entstehen lässt und erhält, für das, was der tiefste Sinn der Gemeinde ist: dass sie Gottes Wort hört, die Taufe und das Abendmahl feiert und ihre und der ganzen Welt Anliegen betend vor Gott bringt. Genau auf diese Weise entsteht immer wieder der Glaube, das Vertrauen auf den guten, gnädigen Gott und wirkt sich in der Liebe helfend und zupackend im Alltag der Welt aus. Dafür sind Kirchen da, von daher erhalten sie ihren Sinn und ihre Berechtigung!

Luther hat das in seiner Predigt bei der Einweihung der Schlosskirche in Torgau am 5. Oktober 1544 auf den Punkt gebracht: In dem neuen Gotteshaus soll nichts anderes geschehen, »denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang« (WA 49, 588,16ff).23 An der bereits erwähnten Stelle im Großen Katechismus fährt der Reformator fort: »Das Haus sollte nicht eine Kirche heißen, außer allein deswegen, weil der Haufe darin zusammenkommt. Denn wir, die wir zusammenkommen, machen und nehmen uns einen besonderen Raum und geben dem Haus einen Namen nach dem Haufen.« (BSLK 656,11-16)

Das Haus der Kirche trägt also seinen Namen von der Kirche als Gemeinde her! Es erhält seine Funktion, seine Berechtigung und Würde allein daher, dass die Gemeinde in ihm zusammenkommt zu dem, was ihr innerstes Wesen und ihre ureigene Bestimmung ausmacht: Gottes Wort im Predigtwort und den Sakramenten im Glauben aufzunehmen und Gott in Gebet und Lobgesang dafür zu danken, was selbstverständlich nicht ohne Folgen für den Alltag bleibt, sondern auf ihn ausstrahlt.

Das heißt freilich im Umkehrschluss, und hier zeigt sich wieder die (eine Reduktion auf das Elementare vornehmende) Radikalität von Luthers Kirchenverständnis: Überall, wo Gottes Wort verkündet und gehört wird, und sei es an den »profansten« Orten (im Krankenzimmer, am Sterbebett, im »Untergrund« verfolgter Christen, aber auch im Freien, in der Natur: »unter einer grünen Linde oder Weide«), da ist Gottes Haus, da wohnt er, da ist Gemeinde im Vollsinn des Wortes!24


Die Seelen sind Gottes eigentliche Kirche

Luthers harte, vielleicht schockierende Konsequenz, Kirchen müssten dann abgerissen oder anders genutzt werden, wenn sie ihre ureigene Funktion nicht mehr erfüllen, die Gemeinde in ihnen also nicht mehr zum Gottesdienst zusammenkommt, kann für uns heute Anlass und Ansporn sein, uns neu auf diese Funktion des Gotteshauses zu besinnen. Also den Gottesdienst, v.a. am Sonntag, in der Kirche (wieder) wertzuschätzen und ihn als den Grund, die Mitte und das Ziel allen Tuns der Gemeinde zu begreifen. Ja, Luther deutet es an, das Gebäude der Kirche will uns immer daran erinnern, darauf stoßen, dass wir, die glaubenden Menschen, die Gemeinde eigentlich die Kirche Gottes sind, das wahre Haus, der wahre Tempel, in dem Gott in dieser Welt und für diese Welt wohnen will. Die »Seelen« sind Gottes rechte, eigentliche Kirche (vgl. 1. Kor. 3,16f; 6,19)!

Luthers radikales Wort, wonach funktionslos und deshalb »profan« gewordene Kirchen abzureißen seien, mag uns heute besonders irritieren in Zeiten, wo wegen abnehmender Gottesdienstbesucherzahlen und kleiner werdender Gemeinden über Umwidmung, Verkauf oder gar Abriss von Kirchen offen diskutiert wird und dies viele im Innersten trifft und verletzt. Gewiss sind Luthers scharfe Äußerungen auf dem Hintergrund seines leidenschaftlichen Kampfes gegen die Verdienst- und Werkgerechtigkeit seiner Zeit und die damit verbundene Geringschätzung des allein rechtfertigenden Glaubens zu verstehen. Und vielleicht sind wir heute beim angedachten »Abreißen« von auch sonntags fast leer bleibenden Kirchen vorsichtiger und zögerlicher, eben pietätvoller geworden, weil uns in einer säkularen Welt schon die Existenz des Kirchengebäudes und des Kirchturms als solche eine letzte Erinnerung an eine transzendente Dimension des Lebens, an Gott und sein Wort darstellt. Das ist gegenüber Luther in der Tat eine völlig neue Situation! In ihr, die geprägt ist von dem oft als zaghaft und kraftlos empfundenen oder ungehört verhallenden Glaubenszeugnis der Christen, gewinnt das Jesus-Wort eine ungeahnt neue Bedeutung: »Ich sage euch: Wenn diese [die Jünger] schweigen, so werden die Steine schreien« (Lk. 19,40), nämlich die Steine unserer oft altehrwürdigen Kirchenmauern. Aber dies kann uns doch nicht davon entbinden, uns gerade heute auf das Wesen und den Sinn einer christlichen Gemeinde zu besinnen, dies als Gabe und Aufgabe zu begreifen und von daher auch unser Kirchengebäude zu verstehen und zu nutzen!


Anmerkungen:

1 Leicht veränderter Vortrag beim 250. Jahrestag der Einweihung der evang. Kirche in Merzhausen (Usingen) am 8.11.2017.

2 So sehr Luther damit nicht das personale Beteiligtsein des Menschen beim Glauben bestreitet, stellen sich an dieser Stelle doch gravierende Fragen hinsichtlich der freien Einstimmung des Menschen in das, was Gott an ihm tut. Verhält sich doch Luther zufolge der Mensch bei der Entstehung des Glaubens bzw. im Geschehen der Rechtfertigung »mere passive«! Jedoch lässt Luther vielfach erkennen, dass auch er faktisch nicht ohne dieses Moment freier Einstimmung des Menschen innerhalb des Gnadengeschehens auskommt, wie z.B. die durch ihn herausgestellte und eingeforderte personale Unvertretbarkeit und Mündigkeit des Glaubens indizieren.

3 Dazu Dietrich Korsch: Martin Luther. Eine Einführung, Tübingen ²2007, 108.

4 So Joachim Ringleben: Gott im Wort. Luthers Theologie von der Sprache her, Tübingen 2010, bes. 170ff, 190f.

5 Vgl. WA 12, 173,6f: »Cum sine verbo nihil constet in Ecclesia, et per solum verbum omnia constent«; WA 39 II, 176,8f: »Ubi est verbum, ibi est Ecclesia.«

6 Vgl. Korsch: Martin Luther, a.a.O., 103.

7 Sie spürten: Die Kirche Jesu Christi kann nicht mit der unvollkommenen empirischen Kirche identisch sein!

8 Vgl. auch Luthers »Definition« von Kirche in WA 6, 292,37-293,12; WA 26, 506,30-507,6; WA 50, 624,13-20; BSLK 655,44-658,2. – Peter Neuner: Martin Luthers Reformation. Eine katholische Würdigung, Freiburg 2017, 177, bemerkt zur Wesensbestimmung von »Kirche« in den Schmalkaldischen Artikeln: »Seither haben viele Theologen geäußert, sie wünschten, sie wären dieses Kind. So eindeutig war das, was Kirche ist und wer zu ihr gehört, zu Luthers Zeiten nicht und ist es auch im Konzil von Trient und im Gefolge der Reformation nicht geworden.« Indessen stellt Luthers »Definition« keine naiv-kindliche Simplifizierung dar: Vielmehr verhält es sich für ihn so radikal einfach und »kinderleicht« mit der Kirche: Sie ist die (verborgene) Gemeinschaft aller an Christus Glaubenden, und zu ihrer »Sichtbarkeit« bedarf es eines Minimums an äußerer Struktur: der Predigt des Wortes und der Feier von Taufe und Abendmahl. »Satis est!« (CA 7)

9 Korsch: Martin Luther, a.a.O., 112, 117.

10 Vgl. z.B. WA 6, 301,3-6. In der Schrift »Von den Konziliis und Kirchen« [1539] hat Luther die »notae ecclesiae« auf sieben erweitert: Gottes Wort, Taufe, Abendmahl, Schlüsselvollmacht, öffentliches Amt, Zusammenkunft zu Gebet, Gesang und katechetischer Unterweisung, Christusnachfolge in Kreuz und Leiden (WA 50, 628-643). »Wider Hans Worst« (1541) benennt elf Kriterien für die »rechte alte Kirche« (WA 51, 478-487). Generell gilt von Luthers Erweiterungen der »notae ecclesiae«: Deren »Trennschärfe« nimmt mit aufsteigender Ordnungszahl ab, weil sie zunehmend auf das Handeln der Christen rekurrieren, das stets zweideutig bleibt. Dazu Oswald Bayer: Martin Luthers Theologie. Eine Vergegenwärtigung, Tübingen 22004, 237f.

11 Dies gilt unbeschadet der Tatsache, dass Luther von »zwo Kirchen« spricht (WA 6, 296,38). – Zwischen zwei Kirchen differenziert Luther auch in der Gegenüberstellung von wahrer und falscher Kirche (was nicht identisch ist mit der Unterscheidung von zwei Aspekten bzw. Dimensionen an der einen Kirche): Die wahre Kirche, die Kirche Abels, ist klein und unscheinbar, wird der Ketzerei und Häresie angeklagt und ist unter Verfolgung und Leiden verborgen, während die falsche Kirche, die Kirche Kains, groß und mächtig ist und sich des Titels der alleinigen Kirche rühmt. Siehe WA 18, 650,6-652,11; WA 42, 187,13-189,13; 332,26-335,8; WA 51, 477,28-479,19. Daraus ergibt sich für Luther prinzipiell, »quod multitudo non constituat Ecclesiam« (WA 42, 333,41).

12 Reinhard Schwarz: Martin Luther – Lehrer der christlichen Religion, Tübingen 2015, 443, 453, spricht von den »zwei Gemeinschaftsgestalten der Christenheit«, der »geistlichen« und der »öffentlichen«, der »Heilsgemeinschaft« und der »Dienstgemeinschaft«.

13 Jeder ernstzunehmende, wenngleich widerlegbare Einwand enthält ein Körnchen Wahrheit. So auch der bald gegen Luther von altkirchlicher Seite vorgebrachte Einwurf, bei ihm gerate die Kirche zur »civitas Platonica«, mit dem Luther übrigens selbstbewusst und offensiv umgeht. Vgl. WA 7, 683,8-687,5; ApolCA VII,20 (BSLK 238,17-23).

14 Ringleben: Gott im Wort, a.a.O., 191; vgl. ebd., 188: »Das hat zur unmittelbaren Konsequenz, dass der für die Kirche konstitutive Grundvorgang der öffentliche Gottesdienst als Wort-Ereignis und Wort-Wechsel ist.«

15 Z.B. das Bischofsamt als Visitationsamt. Dazu WA 12, 194,14-18; WA 26, 196,1-32; 197, 12-19. Vgl. Bernhard Lohse: Martin Luther. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk, München 21983, 185: »Das Bischofsamt gehört nicht zum ›esse‹, wohl aber zum ›bene esse‹ der Kirche.« – Der Neuansatz Luthers bei der Ortsgemeinde wird daran deutlich, dass das kirchliche Amt für ihn zuerst das Gemeindepfarramt ist, was er auch damit begründet, dass nach dem NT Pfarrer und Bischof zumeist dasselbe meinen. Vgl. WA 8, 500,10-505,39; WA 12, 194,14f; BSLK 430,5-13.

16 Vgl. WA 26, 506,35-40: Die eine Christenheit ist unter vielen Völkern (und in viele kirchlichen Gemeinschaften) »zerstreuet [...] leiblich, aber versammlet geistlich in einem Evangelium und Glauben unter einem Haupt, das Jesus Christus ist«.

17 Vgl. Eilert Herms: Einheit der Christen in der Gemeinschaft der Kirchen. Die ökumenische Bewegung der römischen Kirche im Lichte der reformatorischen Theologie, Göttingen 1984.

18 So Korsch: Martin Luther, a.a.O., 105.

19 WA 12, 179-189 fächert das allgemeine Priestertum zu sieben Ämtern auf: Dienst am Wort sowie bei Taufe und Abendmahl, Schlüsselamt, Lebensopfer, Gebet und Urteil über die Lehre.

20 Vgl. Wilfried Härle: Christlicher Glaube in unserer Lebenswelt. Studien zur Ekklesiologie und Ethik, Leipzig 2007, 101.

21 Siehe dazu im Ganzen WA 11, 408-416 (»Dass eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen« [1523]). – Vom Gesamtbefund bei Luther und dem NT, aber schon von der Sache her legt es sich nahe, zwischen der Übertragung des Amtes und der Begründung seiner Funktion zu unterscheiden, wie Korsch: Martin Luther, a.a.O., 110, dies tut. Die Funktion des ordinierten Amtes ist in der Struktur der Kirche (als durch das Wort Gottes begründeter) fundiert und nicht aus dem allgemeinen Priestertum abzuleiten. Insofern ist es durch Gott bzw. Jesus Christus selbst eingesetzt (WA 6, 441,24ff; WA 8, 500,10-505,39; WA 26, 504,30-35; WA 50, 632,35-633,11; 647,6-11; dazu 2. Kor. 5,19f; Eph. 4,11f). Kraft ihres allgemeinen Priestertums hat die Gemeinde jedoch das Recht und die Pflicht, bestimmte Christen mit diesem Amt zu beauftragen. Zum Ganzen siehe Bernhard ­Lohse: Luthers Theologie, Göttingen 1995, 313.

22 Vgl. Hans-Martin Barth: Die Theologie Martin Luthers, Gütersloh 2009, 395f; Dietrich Korsch: Von der Freiheit eines Christenmenschen, Leipzig 2016, 132ff.

23 N.B.: Gott redet (und zwar er selbst, wenngleich durch menschliches Zeugnis vermittelt) im Gottesdienst nicht nur zu uns, er hört uns auch, ermutigt uns, ihn unsererseits anzusprechen; Gottesdienst ist Gespräch, »Dialog« zwischen Gott und uns Menschen!

24 Vgl. WA 14, 386,28ff: »Wo Gott redet, da wohnt er. Wo das Wort klingt, da ist Gott, da ist sein Haus, und wenn er aufhört zu reden, so ist auch nicht mehr sein Haus da«; 384,31-34; WA 16, 105,19ff: »Und wenn es [Gottes Wort] auch gleich unter einer grünen Linde oder Weide gepredigt würde, so hieße doch derselbige Ort Gottes Wohnung und Stätte, denn Gottes Wort regiert daselbst«; WA 31 I, 179,5-10.

Über den Autor

PD Pfarrer Dr. Wilhelm Christe, Jahrgang 1959, Pfarrer in Frankfurt/M., 2015-2017 Durchführung des Projekts »Grundthemen und Grundoptionen der Reformation« für die Propstei Rhein-Main, Privatdozent für Syst. Theologie an der Evang.-theol. Fakultät der Universität Tübingen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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