Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Seit dem Einmarsch des türkischen Militärs in die nordsyrischen Kurdengebiete gibt es eine Eskalation der Gewalt auch in Deutschland, auch in Berlin: Demonstrationen vor dem Brandenburger Tor, Gebetsräume und Moscheen brennen, die Polizei verdächtigt kurdische Extremisten. Der türkisch-kurdische Konflikt prägt zunehmend den Alltag in Berlin: Lehrer berichten von Streit zwischen kurdisch- und türkischstämmigen Schülern, Sozialarbeiter in Berlins multikulturellen Vierteln von eisiger Verachtung zwischen Nachbarn. In deutschen Moscheen predigen Imame für einen Sieg der Türkei in Nordsyrien. Und manche Deutsche fragen sich, auf welcher Seite sie stehen sollen: Auf der des Nato-Partners Türkei? Oder doch auf der Seite der Kurden, mit denen man eben noch den IS bekämpfte?

Wenn Panzer rollen, Moscheen brennen, werden auch Wörter zum Problem. Zum Beispiel »Kurdistan«: so nennen Kurden ihr historisches Siedlungsgebiet, das sich von der Türkei über Syrien und den Irak bis nach Iran erstreckt und das viele gerne als eigenes Land sehen würden. Für viele Türken ist »Kurdistan« daher ein Kampfbegriff von Terroristen, und wer ihn benutzt, ist selbst ein Terrorist!

Das erzählen Volkan Erdin und Dilara Özen in einem Artikel von Hannah Beitzer (Berlin) in der »Süddeutschen Zeitung« vom 20. März: »Auch der Kurdenkonflikt gehört zu Deutschland!« Sie arbeiten für einen sozialen Träger in Berlin, einem kurdischen Verein mit kurdischem Namen. Von deutschen Kooperationspartnern bekämen sie häufiger zu hören: »Ihr macht tolle Arbeit – aber müsst ihr hervorheben, dass ihr aus Kurdistan seid?« Die deutschen Organisationen fürchten, dass sich auf den interkulturellen Veranstaltungen, die es in Berlin häufig gibt, türkischstämmige Menschen im Publikum provoziert fühlen könnten.

Etwa 3 Mio. Menschen mit türkischem Migrationshintergrund leben in Deutschland. Zu den Kurden gibt es nur grobe Schätzungen, etwa eine Million soll es sein. Der jahrzehntealte Konflikt zwischen Türken und Kurden, der sich gerade im türkischen Militäreinsatz im nordsyrischen Afrin manifestiert, ist damit längst auch eine innerdeutsche Angelegenheit geworden.

Der Konflikt prägt auch die Arbeit von Dilara Özen. »Wir wollen uns nicht verstecken«, sagt sie. Deswegen arbeitet ihr Verein entweder unter seinem echten, kurdischen Namen oder gar nicht. Dennoch ist es ihr lieber unter einem anderen Namen aufzutreten und auch den ihres Vereins nicht zu nennen. Gerade weil der Verein sich gar nicht mit dem türkisch-kurdischen Konflikt beschäftigt, will er damit nicht eigens in Verbindung gebracht werden. Es ist ein schwieriges Thema. Das findet auch Kazum Erdogan. Der türkischstämmige Sozialarbeiter leitet im Berliner Stadtteil Neukölln seit elf Jahren eine Vätergruppe, die über die unterschiedlichsten Themen spricht. Da sitzen dann schon einmal glühende Verteidiger der türkischen Regierung neben Anhängern eines freien Kurdistan. Immer wieder springen während des Gesprächs Männer auf und wollen das Zimmer verlassen, erzählt er in seinem Büro. »Die Gespräche sind sehr emotional. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu verletzen.« Nebenan trifft sich gerade eine Gruppe Frauen zum Sprachkurs. Wortfetzen in unterschiedlichen Sprachen dringen bis zu seinem Schreibtisch. Typisch Neukölln eben, das Multikulti-Viertel par excellence. Doch Erdogan winkt ab, wenn die Sprache auf das Miteinander im Viertel kommt. Viel zu viele Menschen leben hier einfach nur nebeneinander her, bleiben unter ihresgleichen: »Dass die Leute intensiv miteinander reden, ist der Ausnahmefall.« Es gebe zwar immer wieder Zeiten, in denen es besser laufe, z.B. zwischen Türken und Kurden.

Zu Beginn seiner Amtszeit hatte der türkische Präsident die Annäherung an die Kurden gesucht, so wie er auch die Annäherung an Europa suchte. Doch dann steuerte er sein Land hin zu mehr Nationalismus, regierte die Türkei immer autoritärer. »Frei gewählte kurdische Parlamentarier der Partei HDP mussten ihre Mandate abgeben«, sagt Kazi Erdogan. Die Kurden wurden wieder zu Feinden. Insgesamt sieht er aber Verbesserungen zu seinen »deutschen Landsleuten«. Sie interessieren sich mehr dafür, was »uns« bewegt. Auch Dilara nimmt das so wahr: »Seit 2014 so viele kurdische Flüchtlinge nach Berlin kamen, sind sie und ihre Themen auf einmal viel präsenter. Meine deutsche Nachbarn, viele ältere Leute, wussten früher nicht so richtig, was das bedeutet: Kurdistan.«

Wie wird es weitergehen, fragt Ihr

Siegfried Sunnus

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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