6. Mai 2018, Kolosser 4,2-4 (5-6)
Rogate (5. Sonntag nach Ostern)

Von: Almuth Koch-Torjuul
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Selbstbewusst auf dem Marktplatz der Welt

I

Das Elternpaar bringt zum Taufgespräch Gebetsvorschläge mit. Bei näherem Hinsehen sind es schlicht gute Wünsche an das Kind, ganz ohne Gottesbezug. Meine Konfirmandinnen und Konfirmanden haben zu Gebetserfahrungen außerhalb des Gottesdienstes kaum etwas zu berichten. Einzelne erzählen von der Oma und von der konfessionellen Schule. Ich erlebe: Trotz kirchlicher Bindung sind Menschen nicht selbstverständlich mit dem Beten vertraut. Intensive Gebetspraxis wird als weltfremd empfunden und mir als Expertin überlassen.


II

Als der Brief an die Gemeinde in Kolossä abgefasst wurde, wird das anders gewesen sein. Dennoch ergeht die Aufforderung zum ausdauernden Gebet an die Gemeinde mit Nachdruck und an prominenter Stelle, nämlich am Ende des Briefes vor den Mitteilungen und Grüßen. Formale Regeln spielen dabei keine Rolle, nur Beharrlichkeit und eine Haltung der Wachheit und der Dankbarkeit schärft der Verfasser als »Basics« ein. Vom Gebet als Innenseite des Glaubens kommt er jedoch schnell wieder auf die Außenseite zu sprechen: Wie stehen Christinnen und Christen eigentlich da in einer Umgebung, der ihre Frömmigkeit ein Mysterium ist?

Ein Rätsel gibt V. 5b mit dem Satz »ton kairon exagorazomenoi« auf. Luthers Übersetzung »kauft die Zeit aus«, erschließt den Sinn nicht wirklich. Dabei bietet das Wort »Kairos« einen Anhaltspunkt. Es lenkt den Blick auf die aktuelle Zeitsituation und ihre Herausforderungen. Im paulinischen Schrifttum sind dem Kairos Attribute der Krise zugeordnet. Die Zeit ist knapp (1. Kor. 7,29). Sie ist schlimm (Eph. 5,16). Wenn – wie hier im Text vorausgesetzt – einer um des Glaubens willen im Gefängnis ist, ist Bedrängnis ganz handfest in Gestalt von Willkür und Gewalt da.


III

Das Wort »auskaufen« führt auf den Markt, den Ort des Handels und Wandels. Öffentlicher geht es nicht. Genau dort bewegen sich auch Christinnen und Christen. Dass die Gemeinde betet, heißt also nicht, dass sie weltfremd ist. Im Gegenteil, so wie sie »offenen Auges« beten, so sollen Christen sich auf ihre Gegenwart einlassen: als Zeitgenossen, als Realistinnen, weise genug zu erkennen, dass es zwar das Perfekte nicht gibt, aber viele Möglichkeiten, die Welt ein Stück besser zu machen. Dabei ist Kommunikation unerlässlich. Verbindlich und »gut gewürzt« mit der nötigen Prise Salz soll sie sein, nicht langweilig.

Obwohl er hauptsächlich aus Ratschlägen besteht, ist Spannung in diesem Text. Die Aspekte Innen und Außen, Geschlossen und Offen oszillieren: Eine Tür soll sich auftun, auch in der Haft. Ein Geheimnis, das anscheinend nur einem »Inner Circle« zugänglich ist, soll enthüllt werden. Christinnen und Christen stellen ein »Drinnen« dar, bewegen sich aber draußen und haben mit anderen zu tun, denen sie Rede und Antwort stehen.


IV

Die Predigt könnte Menschen zum Gebet anleiten, indem sie die drei Basics des Betens aus Kol. 4,2 entfaltet. Anhand der Geschichte des Paulus könnte sie davon erzählen, wie das Gebet frei macht. Frei zur Kommunikation der Hoffnung auch dann, wenn wir in Begrenzungen verhaftet sind. (Vielleicht passt dazu ein Gedichtvers von Ingeborg Bachmann: »Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten, / doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand. / Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten, / dem unbekannten Ausgang zugewandt.« – »Was wahr ist«, aus: Anrufung des Großen Bären, 1956)

Sie sollte zur Sprache bringen, inwiefern wir heute in einer »argen« Zeit leben und anhand von Beispielen erzählen, wie betende Menschen sich selbstbewusst auf dem »Marktplatz der Welt« bewegen, um das Beste aus der Zeit zu machen, innerlich genährt vom Geheimnis Christi. Sie könnte deutlich machen, dass Beten bedeutet, die Welt in den Blick und ins Gebet zu nehmen. Dies sollte im Fürbittengebet schlicht und konkret umgesetzt werden.

Als Textübersetzung favorisiere ich die »BasisBibel«.


Lieder

EG 677 (EKiR) »Die Erde ist des Herrn«
EG 678 (EKiR) »Wir beten für den Frieden«
KAA 024 »Gott hört dein Gebet«

Almuth Koch-Torjuul

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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