21. Mai 2018, Epheser 4,11-15(16)
Pfingstmontag

Von: Dieter Kümmel
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»Das geht sich eh aus«

I

Haben wir Zukunft? Wenn man in Wien nicht recht weiß, wie alles weitergehen soll, sagt man ganz gern einen Spruch. Irgendeine Möglichkeit tut sich auf, damit rechnet man. Der Spruch, der den Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit überbrückt, lautet: »Das geht sich eh aus.«


II

Vieles liegt im Dunkeln bei diesem kurzen Brief an die Gemeinde in Ephesus. Wer ist Absender? Wer Empfänger? Aufbau und Inhalt des Briefes sind aber klar: Auf eine Grundlegung des Glaubens (Kap. 1-3) folgen die Konsequenzen, geht es in den restlichen Kapiteln (4-6) um das neue Leben aus der Gnade. Das Handeln der einzelnen Christen und das Leben der Gemeinde soll im Alltag von Christus her durchdrungen, ihm konform sein. Ein Traum von einer Gemeinde scheint auf (4,1-16). Sie ist eine lebendige, vielfältige Einheit unterschiedlicher Menschen, die sich respektieren, ergänzen, auf einem gemeinsamen Fundament, der Einheit im Geiste, gründen und auf ihr Haupt Christus hinleben. »Eia, wär’n wir da« kommt einem da in den Sinn. Der Graben zwischen dieser Gemeinde-Vision und der Wirklichkeit ist meist tief und weit – heute, damals aber auch schon.


III

Sicherlich gibt es in einer Gemeinde auch erhebende, pfingstliche Momente. Aber persönliche Empfindlichkeiten, kleinlicher Streit, gleichgültige Gemeindeglieder, die Kirche als Dienstleistungsunternehmen sehen, Kirchengemeinderäte, die sich als Aufsichtsräte gebärden, dämpfen oft die Begeisterung. Dazu kommt noch das ewigwährende Zirkulieren um das Eigene, um Identität, um Zukunft von Gemeinde und Pfarrberuf. Fließt nicht ein Großteil unserer Energie in dieses Drumherum, ein Bruchteil nur in wesentliche Aufgaben? Können wir vielleicht mit dem Inhalt unseres Glaubens, der »erlösenden und rettenden Gnade« (1,3ff) nur noch wenig anfangen? Rührt uns das eigentlich nicht mehr an, ist es nur noch eine Chiffre? Nimmt uns deshalb das unwesentliche Drumherum so gefangen?


IV

Ein kleiner Trost: Gemeinde war von Anfang an keine Wohlfühloase. Irrungen und Wirrungen scheinen irgendwie dazuzugehören. Schon die ersten Jünger streiten um den besten Platz neben Jesus. Petrus erweist sich als Maulheld. Der Rest ist weg, als es ernst wird. Gleichwohl entstehen nach Ostern Gemeinden. Idealtypisch ausgeformt in den Erzählungen der Apg.. Aber sogar diese Ideal-Gemeinde bekommt bald Risse. Was ist wichtiger? Gottesdienst oder diakonische Arbeit? Wer hat die höchste Autorität? Was definiert das Christ-Sein? »Seid demütig, sanftmütig, geduldig«, wird den Adressaten des Eph. geraten, und: »ertragt einer den anderen in Liebe« (4,3). Auch bei ihnen scheint es Spannungen zu geben, sonst wären diese mahnenden Worte nicht nötig.


V

Was nun? Zum einen ist dieses Wort von »in Liebe (er-)tragen« eigentlich eine gute, realistische Basis für ein gedeihliches Zusammenleben. Wir Menschen lassen uns nur schwerlich ändern. Liebende lernen, einander auch mit den nervenden Seiten zu ertragen und bei allen Differenzen verbunden zu bleiben. Genau das ist auch in einer Gemeinde unabdingbar. Ein weiteres Mittel zum besseren Miteinander ist, die Aufgaben klar zu beschreiben und zu verteilen (4,11). Und »last not least«: ernst nehmen, was wir an Pfingsten feiern: »viele Gaben, aber ein Geist, viele Glieder, aber ein Leib« (4,3). Gemeinde stirbt, wenn kein einigender »Spirit« mehr vorhanden ist, wenn alle bis zum Schwindel um sich selber kreisen.

IV

Hat Gemeinde Zukunft? Nein, wenn wir nur auf die gegenwärtige Wirklichkeit schauen. Ja, wenn wir uns am Möglichkeitssinn orientieren, der mit dem Geist Gottes rechnet. Zukunft ist nicht nur Verlängerung der Gegenwart, Gott sei Dank. Sie kommt immer auch aus Gottes Schöpferkraft auf uns zu. Der Wiener Spruch, der Wirklichkeit mit Möglichkeit verbindet, hat somit auch eine pfingstliche Grundierung. Er ist vielleicht sogar eine gute Überschrift für ein entkrampftes, gelassenes Gemeinde-Sein: »Das geht sich eh aus.«


Dieter Kümmel

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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