27. Mai 2018, Epheser 1,3-14
Trinitatis

Von: Kathinka Kaden
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Perspektivwechsel

Kritische Annäherungen

Vater, Sohn und Heiliger Geist kommen in dem Text schön der Reihe nach vor. Deshalb passt der Text so gut zum Sonntag Trinitatis. Wer diese Zeilen verfasst hat, weiß man nicht genau. Der Brief an die Gemeinde in Ephesus steht in paulinischer Tradition und wendet sich an junge Gemeinden im Raum Kleinasien. Verfasser und Adressat können nicht namentlich genannt werden.

In diesen Versen steckt für mich ein unglaublicher Enthusiasmus. Das »Glas«, in das viele Ausleger*innen sie füllen, wirkt auf mich nicht nur halb voll, sondern am Überfließen – wie Schwaden aus einem Reagenzglas nach einer chemischen Reaktion. Die stupend positive Grundhaltung des Textes lädt analog zu einem einzigen Jubel und Lobpreis des dreieinigen Gottes ein.

Manchmal höre ich eine »Predigt der unheimlich vielen Wörter.« In jeder Phase gibt der oder die Prediger*in ein wortreiches, zu Herzen gehendes, ergreifendes Statement ab. Insbesondere der Schluss gerät oft zu einem Schwall guter Wünsche. »Die Wörter fluten wieder«, denke ich dann und: »Das ist alles gut und schön und – so gewollt.« Dieser Predigttext kann zu einem solchen Pathos verführen. Zur einer »Bewörterung«. Wer sich nach einem klaren, einfachen, kantigen Wort sehnt, findet hier nicht unbedingt heim. Dennoch lässt sich der Wert der einzelnen Sätze erkennen. Begriffe wie Lob, Dank, Erlösung und Gnade wirken heilsam. Wir sind »eingeweiht« in das Geheimnis des Willens Gottes und wissen, wie wir gut und mutig leben können. Wir sind Erb*innen der christlichen Botschaft – das kann und soll uns bestärken, auf das zu sehen, was wir gegenwärtig an Gutem und Schönem und Heilsamem erleben. Und dass wir selbst gut und schön und heilsam sind. Entsprechend können und sollen wir unsere Gegenwart in Familie und Gesellschaft mitgestalten.


Zur Predigt

Da wird ein Siegel aufgedrückt, da wird ein Propfen draufgemacht, da wird ein Knopf drangemacht – normalerweise verbinde ich mit einem solchen »Verschluss« das Ende eines Geschehens. Hier wird es zu einem Anfang, einem »Angeld«, einem Anteil an dem, was ich durch meinen Glauben bekomme. Das Siegel steht als Zeichen für Zugehörigkeit, Authentizität, Unantastbarkeit und Unverletzlichkeit. Jetzt schon auf Erden. Alle Mühe und Plage im täglichen Kampf durch den Tag, die Woche, durchs Jahr – ob bei der Arbeit, bei der Kindererziehung, in meinen Beziehungen – kann mich nicht mehr belasten.

Leidvolle Erfahrungen – wer macht sie nicht? Der Predigttext setzt dem Leid die Liebe entgegen, der Verletzung die Heilung, dem Zwang die Gnade, dem Mangel die Fülle. Unheilvolles – wer sieht es nicht kommen? Der Predigttext setzt pessimistischem Geschwafel die Heiligkeit der Liebe Gottes entgegen, den Verlorenheitsgefühlen das Auserwähltsein durch Christus, den Zukunftsängsten das sichere Gefasst-Sein im Heiligen Geist.

Auch dieser Brieftext lädt zu einem Perspektivenwechsel ein. Er zeigt die Alternative auf, anders zu denken: »Gelobt sei Gott … gesegnet seid ihr … erwählt … heilig.« Selbst Christ*innen, die kritisch denken, können sehen: das Glas ist nicht halbleer, sondern halbvoll. Ja, dieser Satz ist eine Phrase. Doch Begriffe von Wohlgefallen, Gnade, Liebe und Erlösung können auch zu Worthülsen verkommen. Religion kann zur Etikette verkommen, zu einer Tradition, die man nicht mehr versteht. Doch wer die tiefe, unauslöschliche Beziehung spürt, die Beziehung zwischen sich und Gott und anderen, der/die merkt: Da geht es um einen Zusammenhang und Zusammenhalt aus Liebe. Der, die fühlt, was uns verbindet und warum wir zusammengehören, ganz gleich, woher wir kommen, wieviel wir verdienen, wo und wie wir leben, ob wir jung oder alt sind, krank oder gesund.


Sehnsucht nach dem Wort

Ich verliere mich
im Dschungel der Wörter
Finde mich wieder
im Wunder des Worts

(Rose Ausländer)


Kathinka Kaden

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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