Religion und Gewalt

Von: Peter Haigis
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Spätestens seit dem 11. September 2001 und der Attacke islamistischer Terroristen, u.a. auf die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York, ist man sich in soziologischen Kreisen einig, dass Religion (wieder) ein zentrales Thema politischer und gesellschaftlicher Lebensgestaltung ist. Die laizistische These, Religion sei Privatsache, ebenso wie die marktpluralistische, Religion sei ein Konsumgut, das der Einzelne nach seinem persönlichen Gusto wähle (oder eben auch nicht), die noch die religionssoziologischen Diskussionen der 1980er und 1990er dominierten, schienen mit einem Mal widerlegt. Nun rächte sich eine allzu unsensible Kenntnisnahme des Religiösen in der Öffentlichkeit, die die politischen und gesellschaftlichen Wirkungsweisen traditioneller Religionsinstitutionen unterschätzte. Und selbst eingespurt linke Gesellschaftstheoretiker vom Schlage eines Jürgen Habermas, die lange Zeit meinten, Religion erübrige sich im Laufe gesellschaftlicher Evolutionsprozesse, schwenkten auf das neue Thema »Religion und Öffentlichkeit respektive Politik« ein.

Freilich – und leider – geschah dies um einen hohen Preis: Mit der Religion war zugleich ihr Aggressionspotential an Bord der neuen Reflexionsbemühungen. Religion erlebte auf diese Weise zwar eine neuerliche Beachtung, allerdings vor allem hinsichtlich der Gefahren, die einer säkularen Zivilisation durch sie drohten. Doch neben dieser im herkömmlichen Fahrwasser aufgeklärter Religionskritik segelnden Sichtweise machte auch noch eine andere (neu) von sich reden, die der Religion unschätzbare Zivilisationseffekte beim Aufbau der Gesellschaft zubilligte.

Der Dialektik von Religion und Gewalt, die die Geschichte der Religion von Anfang an begleitet, wird freilich auch diese Perspektive nicht gerecht – will heißen: Religion bringt Gewalt ebenso hervor wie sie bändigt. Letzterem hat der französische Kultur- und Religionsphilosoph René Girard sein Lebenswerk gewidmet. Ausgehend von der Beobachtung, dass in menschlichen Kollektiven die natürlich-instinktive Aggressionshemmung ausfällt und Rivalitätsmuster zu Eskalationen der Gewaltspirale führen, sieht Girard die zivilisatorische Leistung der Religion in der Steuerung von Gewalt. Opfer- und Sündenbock-Rituale empfingen von daher ihren gesellschaftlichen Sinn.

Theologisch mag man Girard vorwerfen, auf diese Weise Religion zu reduzieren, ganz zu schweigen von der neutestamentlichen Deutung des Todes Jesu, sofern hier gängige Muster des Verständnisses von Gott und Mensch, Leben und Tod, Opfer und Gewalt durchkreuzt werden.

Wie dem auch sei, die dialektische Geschichte von Religion und Gewalt aufzuarbeiten, wird auch Aufgabe des 75. Deutschen Pfarrer*innentags vom 17. bis 19. September in Augsburg sein. Man darf gespannt sein, welche Perspektiven der Hauptredner, Prof. Dr. Heribert Prantl, Chefredakteur der »Süddeutschen Zeitung«, bei seinem Vortrag auf das komplexe Thema richten wird. Dabei ist allerdings auch klar, dass wer immer aus religiöser Perspektive das Wort zu diesem Thema ergreift, nicht mit dem Finger auf andere wird zeigen können. »Religion und Gewalt« – das ist gerade kein Thema, bei dem wir Christen vorschnell nur Stellungnahme von den Muslimen erwarten sollten. Angesichts der eigenen Gewaltgeschichte verbietet sich solch einseitiger Blick, was zugleich bedeutet, dass in alle Richtungen nach demselben Maß gemessen wird. Selbstkritik und Fremdkritik werden hier nicht auseinanderfallen.

Dass ausgerechnet das Thema »Religion und Gewalt« auf den Pfarrer*innentag in Augsburg trifft, ist indes kein Zufall. Gerade die Stadt Augsburg mit ihrer Geschichte ist prädestiniert dazu, Gastgeberin für diese Veranstaltung zu sein. So sind denn auch an einem Nachmittag des Pfarrer*innentags unter dem Titel »Was dem Frieden dient« Begegnungen mit Religionen und Projekten in der Stadt Augsburg geplant. Dazu gehören Erfahrungen interreligiöser und interkultureller Arbeit einzelner Initiativen ebenso wie die Begegnung mit syrisch-orthodoxen Christen, mit Muslimen und Buddhisten; dazu gehören pädagogische Ansätze zur Gewaltbewältigung an Schulen, soziales Quartiermanagement und der Umgang mit Diversität und Integration in Industrieunternehmen.

Vielleicht treffen wir uns ja beim 75. Deutschen Pfarrer*innentag in Augsburg. Ich würde mich freuen und grüße Sie herzlich bis dahin.

Ihr

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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