Plädoyer für eine Logik geschichtlichen Experimentierens
Noch eine Chance für den Sozialismus?

Von: Eberhard M. Pausch
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Seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Niedergang der sozialistischen Staaten in ­Osteuropa sowie der Sowjetunion scheint der Sozialismus erledigt. Eberhard Pausch legt 200 Jahre nach dem Geburtstag von Karl Marx die Idee des Sozialismus neu auf und fordert einen demokratischen und ethischen Sozialismus als politisches Gestaltungsmodell.1


Im Jahr 2018 sind mindestens drei miteinander zusammenhängende Jubiläen zu begehen: Am 5. Mai 1818 wurde in Trier Karl Marx geboren. Im Jahr 1848 erschien das wesentlich von ihm verfasste Kommunistische Manifest.2 1968, das Jahr der Studentenrevolte im Zeichen des Marxismus, ist fünfzig Jahre her. Aber nicht ein vager Gedenkwunsch, sondern der Blick auf die Frage, wie die politische Zukunft unseres Landes (und unseres Planeten) zu gestalten ist, spricht dafür, sich mit dem Erbe von Karl Marx neu auseinanderzusetzen. Das ist freilich nicht selbstverständlich, denn »der« Sozialismus galt nach dem Ende des Kalten Krieges 1989/90 als erledigt, weil der »real existierende« Sozialismus ganz offensichtlich gescheitert war und über unzählige Menschen schreckliches Leid und Unglück gebracht hatte.

Dabei hatte der wissenschaftliche und politische Sozialismus im 20. Jh. in den evangelischen Kirchen bedeutende Sympathisanten. Hierfür steht exemplarisch eine lange Liste von Namen wie Leonhard Ragaz, Karl Barth, Rudolf Bultmann3, Paul Tillich, Helmut Gollwitzer, Rudi Dutschke bis hin zu Wolfgang Huber und Heinrich Bedford-Strohm. Sie alle verstanden (oder verstehen) sich als Sozialisten und/oder Sozialdemokraten. Mitte der 1970er Jahre kursierte in der öffentlichen Debatte die höchst strittige These, zwischen Christentum und Sozialismus bestehe eine inhaltliche Affinität, und als Christ müsse man »Sozialist« sein.4 Diese These verlor mit dem Scheitern des real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion und der DDR in den »Wendejahren« 1989/90 weithin an Akzeptanz. Ja, man kann sagen, in der bundesdeutschen Öffentlichkeit wurde der Begriff des Sozialismus als Ausdruck für ein Engagement zugunsten der Überwindung ungerechter gesellschaftlicher Strukturen weitgehend verdrängt. Francis Fukuyamas These vom »Ende der Geschichte«5 fand ihre Anhänger.

Wer nicht ganz so weit gehen wollte, verkündete wie Joschka Fischer die »Linke nach dem Sozialismus« (1992) oder sprach wie Anthony Giddens von einem »Jenseits von Links und Rechts« (1997). Der sog. »Neoliberalismus« schien weltweit konkurrenzlos. Der gegenwärtige Niedergang der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) von 40,9% der Wählerstimmen im Jahr 1998 zu 20,5% im Jahr 2017 – die Tendenz ist zu Beginn des Jahres 2018 weiter fallend –, ist nur ein Indiz unter anderen dafür, dass sich für viele Menschen in Deutschland mit dem Projekt des demokratischen Sozialismus kein offensichtliches Hoffnungspotenzial mehr verbindet, ja, dass viele Menschen womöglich nicht einmal mehr wissen, wofür der Begriff »Sozialismus« überhaupt steht.6 Im Folgenden soll daher zunächst eine Rekonstruktion dieses Begriffes versucht werden.

Zu diesem Zweck will ich zunächst drei Ebenen unterscheiden: das philosophische Fundament bzw. den gedanklich-denkerischen Rahmen des »klassischen« Sozialismus (1.), die analytischen Kernelemente bzw. historischen Hypothesen, die sich mit dem Sozialismus verbinden (2.) und schließlich die politischen Kernforderungen bzw. Handlungsempfehlungen, die aus ihm folgen (3.). Am Ende steht der Versuch einer Gesamteinschätzung, der die Leserinnen und Leser zu einer eigenen Positionierung herausfordern möchte (4.).


1. Philosophisches Fundament und denkerischer Rahmen des klassischen Sozialismus

Das klassische philosophische und gedankliche Fundament des Sozialismus (im Folgenden synonym mit »Marxismus« verwendet) findet sich nach dem Selbstverständnis von Karl Marx (1818-1883) im Denken Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831). Dessen bekanntlich hoch spekulativer idealistischer Philosophie wird die sog. »dialektische Methode« entnommen, die von Marx und seinen Anhängern in einen grundsätzlich materialistischen Denkrahmen eingespannt wird.7


Bestimmt das Sein das Bewusstsein?

Als Grundthese des philosophischen Materialismus gilt gemeinhin die Aussage: »Das Sein bestimmt das Bewusstsein.« Dieser Satz wird als Negation der idealistischen These gefasst, das Bewusstsein bestimme das Sein. Im dialektischen und historischen Materialismus wird aber nicht nur die These einer einseitigen Abhängigkeit des Bewusstseins vom Sein vertreten, sondern zugleich behauptet, diese These thematisiere die Grundfrage aller Philosophie überhaupt.8

Demgegenüber kann man festhalten, dass nicht nur die sog. »dialektische« Methode philosophisch hoch umstritten ist (und als Behauptung einer »logischen Dialektik« sogar unsinnig), sondern dass auch heute noch eine idealistische Position philosophisch denkmöglich ist, wie auch die These einer Interdependenz von Sein und Bewusstsein durchaus fruchtbar gedacht werden kann. Schließlich und vor allem ist es auch keineswegs ausgemacht, dass die Grundfrage aller Philosophie die Frage nach dem Verhältnis von Materie und Bewusstsein ist.9

Die materialistische Kritik an der erkenntnistheoretischen Position Immanuel Kants als »philosophische Schrulle«, die durch die »[…] Praxis, nämlich das Experiment und die Industrie […]«10 widerlegt würde, erscheint argumentativ als ausgesprochen niveaulos, einmal ganz abgesehen vom Scheitern des real existierenden Sozialismus an und in der Praxis seiner Industrie.


Soziale Freiheit als Idee des Sozialismus

Damit ist aber das traditionelle philosophische Fundament des Marxismus in Frage gestellt. Mit dem dialektischen und historischen Materialismus entfällt jedenfalls der historische Determinismus, demzufolge es notwendig zu einer Revolution und letztendlich zu einer klassenlosen Gesellschaft kommen werde.11 Dagegen gilt: Die Zukunft der Menschheit ist prinzipiell offen12, es gibt also einen weiten Gestaltungsspielraum für die handelnden Menschen.13 Axel Honneth begründet die von ihm dezidiert behauptete Offenheit der Geschichte letztlich mit dem für ihn wesentlichen Gedanken, dass der Sozialismus im Kern »soziale Freiheit« bedeute. Wenn aber soziale Freiheit die Idee des Sozialismus ausmacht, dann schließt dies einen historischen Determinismus schon rein logisch aus. Freiheit aber ist auch schon das Telos des klassischen Sozialismus gewesen14.

Mit dem problematischen philosophischen Fundament des klassischen Marxismus entfällt auch dessen auf Ludwig Feuerbach basierende Religionskritik (»Religion ist das Opium des Volkes«), weshalb etwa die SPD spätestens seit ihrem Godesberger Programm (1959) die christliche Religion zu ihren motivationalen Wurzeln zählen kann.

Eine nicht-klassische Begründung des Sozialismus bietet eine linke Geschichtstheologie. Allerdings blieb eine solche im Rahmen des sog. »religiösen Sozialismus« stets eine Minderheiten-Bewegung innerhalb des Protestantismus. Und sie stand immer in der Gefahr, eine utopische Hoffnung in konkrete optimistische Geschichtsprognosen umzuwandeln, die sehr rasch historisch falsifiziert werden konnten, was auch tatsächlich geschah.

Weder ein klassisch noch ein nicht-klassisch begründeter Determinismus (im Sinne einer zwangsläufigen Entwicklung der Geschichte auf das Ziel des Sozialismus hin) kann aber überzeugen, weil beide Begründungsvarianten letztlich die Freiheit des menschlichen Handelns, die Offenheit der menschlichen Geschichte und den grundsätzlich experimentellen Charakter des Sozialismus bestreiten.


2. Analytische Kernelemente und historische Hypothesen des Sozialismus

Klammert man geschichtsphilosophisch oder geschichtstheologisch konzipierte deterministische Begründungen für den Sozialismus aus, dann verbleiben einerseits noch einige analytische Kernelemente bzw. historische Hypothesen, andererseits eine Reihe konkreter politischer Kernforderungen bzw. Handlungsempfehlungen. Auf beides soll nun eingegangen werden. Unter den historischen Hypothesen sind von besonderer Wichtigkeit die Globalisierungshypothese, die Krisen- und die Verelendungshypothese sowie die These zur Rolle des Proletariats und zur Bedeutung der Demokratie im Verhältnis zum Sozialismus.


Die Globalisierungshypothese

Der Kapitalismus hat einen grundsätzlich globalen (universalen) Charakter und kann daher auch nur auf globaler Ebene bekämpft und ggf. überwunden werden. »Marx war schon vor langer Zeit der Ansicht, dass der Weltmarkt den natürlichen Raum bilde, in dem sich die Entwicklung des Kapitalismus vollziehe«.15 Diese These bewährt sich insbesondere angesichts des globalisierten Kapitalismus des 21. Jh.16 Ein Gewaltherrscher wie Josef Stalin hat sie freilich bestritten, den Internationalismus im Gegensatz zu seinem Gegenspieler Leo Trotzki abgelehnt und seine Ideologie mit äußerster Gewaltsamkeit durchgesetzt. Er ist dadurch zum Massenmörder geworden und hat den Marxismus als »Stalinismus« schwer diskreditiert.

Dabei sollte unmittelbar einleuchtend sein, dass ein globales und somit internationales Phänomen wie der Kapitalismus nur durch eine globale und somit internationale Bewegung wie den Sozialismus überwunden werden kann.17 Ja, ein Gedanke wie ein »nationaler« (im Sinne von: auf eine Nation oder gar »Rasse«) eingeschränkter Sozialismus ist in sich ebenso widersinnig, wie ein rundes Viereck oder ein hölzernes Eisen.


Die Krisenhypothese

Der Kapitalismus als Wirtschaftssystem wird immer wieder durch Krisen erschüttert werden, die vor allem für die Ärmsten der Armen katastrophale Folgen haben.18 Diese Hypothese hat inzwischen zahlreiche empirische Bestätigungen gefunden und dürfte einen breiten Forschungskonsens darstellen.19 Forschungen zu Ursachen, Verläufen und zu möglichen Krisenbewältigungsstrategien sind ebenfalls in großer Zahl vorhanden. Man wird also nicht fehlgehen, wenn man diesen Theoriesektor des Marxismus/Sozialismus für eine zutreffende Beschreibung der kapitalistischen Wirklichkeit hält.


Die Verelendungshypothese

Die Annahme, es werde notwendig zu einer drastischen Zunahme der Armut und des Elends kommen, konnte jedenfalls für Deutschland durch die bereits im späten 19. Jh. einsetzende Sozialgesetzgebung (zunächst durch Reichskanzler Bismarck, später durch die Parteien der Weimarer, Bonner und Berliner Republiken) abgefedert bzw. widerlegt werden. An diesem Punkt ist auch wieder die Widerlegung des Determinismus zu beachten: Es muss eben nicht notwendig zu einer (weltweiten oder auch nur regional eingeschränkten) Verelendung kommen. Sehr wohl aber kann es zu erschreckenden Armutsentwicklungen kommen, und das ist bis zur Gegenwart empirisch nachweisbar. Insbesondere stellen die Not und das Elend der sog. »Entwicklungsländer« eine erhebliche Herausforderung für die Welt dar. Der westliche Lebensstil und relative Reichtum der USA und auch Europas ist auf Kosten der Armut der sog. »Dritten Welt« möglich geworden. Folglich ist die Verelendungshypothese in Teilen durchaus plausibel. Einige Zahlen sollen hier als Illustration dienen.


»Die reichsten acht Menschen der Erde besitzen genau so viel wie die finanziell untere Hälfte der Menschheit, das heißt: wie 3,6 Milliarden Menschen.«20
Wegen Hunger, Durst, Kriegen und Klimaveränderungen sind weltweit mehr als 65 Mio. Menschen auf der Flucht. Viele weitere Millionen, vor allem in Afrika, sitzen gleichsam auf gepackten Koffern.21
Aber auch im privilegierten Sozialstaat Deutschland gibt es nachweislich Armut. Der Sozialverband VdK schreibt zu Beginn des Jahres 2018: »An vielen Menschen geht der in Deutschland erwirtschaftete Reichtum vorbei. 16 Millionen Menschen sind von Armut bedroht, darunter viele Ältere: 350.000 Rentner müssen in Suppenküchen essen und sich bei den Tafeln kostenlos mit Lebensmitteln versorgen. Über zwei Millionen Kinder leben dauerhaft in armen Verhältnissen.«22


Im Ergebnis kann man sagen: Die Verelendungshypothese ist teilweise plausibel. Sie gilt nicht in gleichem Maße für alle Teile und Länder der Welt.


Die Hypothese zur revolutionären Rolle des Proletariats

Karl Marx zufolge gibt es eine aufstrebende Klasse (das Proletariat), die die andere, herrschende Klasse (Bourgeoisie) in einer revolutionären Bewegung bekämpfen und überwinden werde. Das ist bis heute nicht passiert. Im Gegenteil hat die Geschichte gezeigt, dass sich auf Dauer weder eine Klassengesellschaft noch ein genuines Klassenbewusstsein entwickelt hat (nicht nur wegen des schon von Marx wahrgenommenen »Lumpenproletariats«23). »Marx konnte noch nicht wissen, dass sich eine breite Mittelschicht entwickeln würde.«24


Die Hypothese zur Irrelevanz demokratischer Strukturen

Wichtig sei, so meinte Marx und mit ihm der klassische Sozialismus, vor allem die Regulierung und letztlich Überwindung der problematischen, Armut und Elend verursachenden kapitalistischen Ökonomie. Eine Demokratisierung in Politik und Gesellschaft sei hingegen nachrangig, überflüssig oder gar kontraproduktiv.

Dagegen ist zu sagen: Sowohl Wirtschaft als auch Politik müssen nach demokratischen Spielregeln gestaltet werden. Sonst entstehen, wie (nicht nur) die Beispiele UdSSR und DDR zeigen, totalitäre Gesellschaftssysteme mit tendenziell menschenverachtendem Charakter.


Zusammenfassend: Einige der von Marx entwickelten historischen Hypothesen und analytischen Kernelemente haben sich bewährt, andere hingegen sollten als widerlegt gelten.


3. Politische Kernforderungen und Handlungsempfehlungen des Sozialismus

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas deutet den Sozialismus auf der Basis abgesicherter analytischer Kernelemente wie Globalisierungs-, Krisen- und Verelendungshypothese als »… einen nach Möglichkeit fallibilistischen, auf Selbstkorrekturen angelegten Versuch […], in kollektiver Anstrengung identifizierbares Leid, identifizierbare Ungerechtigkeit, vermeidbare Repressionen wenigstens zu verringern« und somit »[…] die Zerstörung solidarischer Lebensformen aufzuhalten und neue Formen solidarischen Zusammenlebens zu schaffen […]«25.


Die Logik geschichtlichen Experimentierens

Den Gedanken des Fallibilismus und der Selbstkorrektur nimmt auch Habermas’ Schüler Axel Honneth auf und macht ihn zu einem zentralen Aspekt bei seiner Rekonstruktion der Idee des Sozialismus. Die im Sozialismus angezielte soziale Freiheit müsse durch eine Kette praktischer sozialer Experimente realisiert werden26, ja, es müsse eine »Logik des geschichtlichen Experimentalismus«27 in das politische Handeln implementiert werden.28

Im Projekt des Sozialismus geht es dabei jedoch nicht um realitätsferne theoretische Gedankenexperimente, sondern vielmehr um die politische Beantwortung ganz elementarer, konkreter Fragen: »Wie sorgt man dafür, dass alle genug zu essen haben? Wie sorgt man dafür, dass alle die notwendige Ausbildung bekommen? Wie sorgt man dafür, dass alle Kranken Medikamente bekommen? Wie sorgt man dafür, dass alle ungestört von einem Ort zum anderen reisen können? Alle diese Dinge werden nicht als Instrumente des Profits betrachtet, mit deren Hilfe sich kleine Gruppen bereichern können, sondern als notwendige Lebensanforderungen aller Menschen, die sie im Übrigen selbst bestimmen.«29

Es sollte sich von selbst verstehen, dass laufende Experimente evaluiert und gescheiterte Experimente kritisch ausgewertet werden müssen.

Der sog. »real existierende Sozialismus« in der DDR scheiterte u.a. an folgenden Faktoren:

– schlechte Planung, Misswirtschaft und Korruption;
– erhebliche Verletzung von Menschenrechten und Beschneidung persönlicher Freiheiten wie etwa der Meinungs- und Reisefreiheit;
– Ausübung brutaler Gewalt gegen die eigenen Bürgerinnen und Bürger (man denke an die Opfer an Mauer und Zonengrenze);
– Inkompetenz und Starrsinn von Leitungspersonen (Herrschaft einer Clique unfähiger und uneinsichtiger Greisinnen und Greise);
– massenweises Spitzel- und Denunziantentum (»Stasi«) als systematische Unterhöhlung eines innergesellschaftlichen Vertrauensverhältnisses.30

Nichts davon ist entschuldbar. Nichts davon ist aber zwangsläufig mit der Idee des Sozialismus als experimentelle Realisierung sozialer Freiheit verbunden. Im Gegenteil.

Vor diesem Hintergrund ergeben sich vor allem folgende zehn Forderungen (bescheidener gesagt: Handlungsempfehlungen)31 als ethischer Kern des Sozialismus:

Wer diese politischen Handlungsempfehlungen ganz oder überwiegend unterstützen kann, der ist als »Sozialist/in« anzusprechen. Dabei dürften die Forderungen 1. und 2. unbestreitbare Minimalforderungen darstellen, die jedenfalls für demokratische Sozialisten, aber auch für Demokraten anderer politischer Richtungen gelten. Die Forderungen 3.-7. sollten ebenfalls relativ konsensfähig für demokratische Sozialisten sein, dürften aber auch für viele Vertreter*innen anderer politischer Richtungen teilweise akzeptabel sein. Die Forderungen 8.-10. darf man sicherlich zu Recht als Maximalforderungen ansehen, die aus der Sicht konservativer oder wirtschaftsliberaler Demokrat*innen eher abgelehnt werden dürften, aber in der Zielrichtung des Sozialismus liegen.



Sozialismus und Ökologie

Es fällt auf: Der außerordentlich wichtige Aspekt der Ökologie bzw. der Nachhaltigkeit fehlt im klassischen Tableau sozialistischer Kernforderungen. Dieser Gedanke ist traditionell im Sozialismus unterbelichtet gewesen.34 Jedoch widerspricht er in keiner Weise der Substanz sozialistischer Politik bzw. den dargestellten Forderungen oder Handlungsempfehlungen und ist mit einigen von ihnen unmittelbar und problemlos vereinbar, wie exemplarisch der Gedanke der »Ökosteuer« zeigt. Es ist daher keineswegs erstaunlich, dass Deutschland in den Jahren 1998 bis 2005 von einer »rot-grünen« Bundesregierung geführt wurde und diese Regierung ihre Politik als ein »linkes Projekt« verstehen konnte. Sozialistische und ökologische Ideen widerstreiten einander nicht grundsätzlich, sondern können sich ergänzen, ohne deswegen auch schon auseinander abgeleitet werden zu können.


4. Versuch einer Gesamteinschätzung des Projekts »Sozialismus«

Weil es dabei nicht um Nebensächlichkeiten, sondern um tatsächliche Überlebensfragen geht, scheint mir der Diskurs für oder wider eine Neubelebung des Begriffs und Projekts »Sozialismus« von wesentlicher Bedeutung für die Zukunft unseres Landes (und unseres Planeten) zu sein. In der Abwägung für oder gegen das sozialistische Projekt sehe ich folgende sechs Gesichtspunkte als bedeutsam an; sie nicht zu erwägen, erschiene mir dagegen als verantwortungslos und ­zynisch:


(1) Der moderne Sozialismus sollte sich nicht aus geschichtsphilosophischen oder geschichtstheologischen Prämissen ableiten, weil er sonst in die Gefahr gerät, in heilloser Weise utopisch zu werden.

(2) Das Thema des Projekts Sozialismus muss von ethisch elementarer Art sein und u.a. die Fragen zu beantworten suchen, wie Armut, Elend und Unfriede auf der Welt verringert und nach Möglichkeit überwunden werden können.35

(3) Die Idee des Sozialismus ist als »soziale Freiheit« zu begreifen, und die Realisierung dieser Idee muss dazu beitragen, den Freiheitsspielraum der Menschen zu vergrößern und nicht zu verkleinern.

(4) Der Sozialismus muss sich als prinzipiell experimentelle Politik in einem demokratischen Rahmen verstehen. Er darf sich selbst nicht als »infallibel« betrachten, sondern als auf falliblen Prämissen beruhendes politisches Handeln, das jederzeit der Selbstkorrektur fähig ist.

(5) Laufende Experimente müssen stetig evaluiert, gescheiterte Experimente kritisch und wahrhaftig bilanziert werden.

(6) Es ist schließlich mit Nachdruck zu fragen, ob Kapitalismus und Sozialismus eine sich ausschließende politische Alternative bilden oder ob es einen dritten demokratischen Weg zwischen oder neben beiden geben kann. Wenn zweifelsfrei gelten sollte »tertium non datur«, dann sollten m.E. Christen*­innen dem Sozialismus den Vorzug geben.



Anmerkungen:

1 Als im Jahr 1971 der Politiker und Journalist Karl-Hermann Flach (1929-1973) sein Manifest »Noch eine Chance für die Liberalen« veröffentlichte, hoffte er auf eine Erneuerung des politischen Liberalismus durch die Implementierung sozialliberaler Ideen in das Parteiprogramm der FDP. An seine Formulierung und seine Absicht knüpfen die hier vorgetragenen Überlegungen an – allerdings im Blick auf das Projekt des demokratischen Sozialismus.

2 Karl Marx/Friedrich Engels: Das Kommunistische Manifest. [1848] Eine moderne Edition, mit einer Einleitung von Eric Hobsbawm, Hamburg 1999.

3 Im Falle Rudolf Bultmanns ist dies weniger bekannt. Vgl. aber (im Anschluss an Harry Oelke) Konrad Hammann: Rudolf Bultmann – Eine Biographie, Tübingen 2. Aufl. 2009, 97f.

4 Claudia Lepp: »Einleitung«, in: Die Politisierung des Protestantismus: Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland während der 1960er und 70er Jahre, hg. von Klaus Fitschen, Siegfried Hermle, Katharina Kunter, Claudia Lepp und Antje Roggenkamp-Kaufmann, Göttingen 2011, 11-24, dort 20.

5 Francis Fukuyama: »The End of History?« (1989), in: http://www.wesjones.com/eoh.htm. Zur Debatte vgl. den präzise informierenden Wikipedia-Artikel zum Thema: https://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Geschichte.

6 Um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich lässt sich das Projekt des demokratischen Sozialismus nicht auf einzelne politische Parteien wie die SPD, »Bündnis 90/Die Grünen« oder »Die Linke« reduzieren. Es handelt sich vielmehr um eine politische Bewegung, um ein fokussiertes und auch theoretisch ambitioniertes Engagement, das u.a. in den genannten Parteien politische Unterstützung hat. Wenn von diesen Parteien die Rede ist, so geschieht dies daher in exemplarischer Weise (und ohne die historischen und aktuellen Unterschiede etwa in den Parteiprogrammen abzustreiten oder das Projekt nur durch diese Parteien vertreten zu sehen).

7 Zur Hegelschen Philosophie und zur sog. »Dialektik« als Denkmethode vgl. die vernichtende Kritik Karl Poppers in: ders.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Der Aufstieg der orakelnden Philosophien, München 6. Aufl. 1980, 36-101. Popper zeigt überzeugend Hegels wissenschaftliche Unredlichkeit auf und entlarvt dessen Absicht, die Ideen von 1789 in ihr Gegenteil zu verdrehen. Zum Unterschied von Realdialektik und logischer Dialektik vgl. knapp und präzise Wilfried Härle, Artikel »Dialektische Theologie«, in: TRE 8, 1981, 683-696, dort 693f.

8 Vgl. etwa die Aussage in einem Oberstufen-Lehrbuch der DDR: Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus, Berlin 1982, 36f.

9 Es gibt dazu eine ganze Reihe denkerischer Alternativen, etwa ein ontologischer/fundamentalontologischer, ein erkenntnistheoretisch/transzendentalphilosophischer, ein semiotisch/sprachanalytischer Ansatz (usw.). Ja, es ist sogar denkmöglich, dass es gar nicht die eine Grundfrage der Philosophie gibt, sondern ein Bündel gleichberechtigter Fragen am Anfang des philosophischen Denkens steht.

10 Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus, a.a.O., 45.

11 »Wie in der Natur, so wirken auch in der Gesellschaft Gesetze, die ihre Entwicklung bestimmen. Marx und Engels haben die Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung entdeckt […].«, in: Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus, a.a.O., 10. Und: »Das allmähliche Hinüberwachsen des Sozialismus in den Kommunismus ist eine objektive Gesetzmäßigkeit.« (ebd., 16).

12 Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, München 6. Aufl. 1980, 23: »Die Zukunft hängt von uns selbst ab, und wir sind von keiner historischen Notwendigkeit abhängig.« Man wird nicht fehlgehen, wenn man in dieser Aussage das zentrale Gedankenmotiv Poppers erkennt.

13 Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus: Versuch einer Aktualisierung, erw. Auflage Berlin 2017, 74-83.

14 »An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist.« Zit. nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Das Kommunistische Manifest, a.a.O., 71.

15 Alain Badiou: Für eine Politik des Gemeinwohls: Im Gespräch mit Peter Engelmann, Passagen Gespräche 6, Wien 2017, 19. Vgl. bereits Helmut Gollwitzer: »Entsprechend dem Global-Stadium der menschlichen Geschichte, das z.B. den Begriffen Weltmarkt und Welthandel heute eine besondere Präzision verleiht, wird diese Frage [...] sich nicht auf einzelne Länder beschränken oder die einzelnen Länder isoliert voneinander betrachten dürfen« (Helmut Gollwitzer: Die kapitalistische Revolution, München 1974, 21).

16 »Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. […] An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. […] Die Bourgeoisie […] zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.« Zit. nach: Karl Marx/Friedrich Engels, a.a.O., 48f.

17 So argumentiert völlig überzeugend Alain Badiou: Für eine Politik des Gemeinwohls, a.a.O., 23, 25, 30f (u.ö.).

18 »Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert. […] Die wachsende Konkurrenz der Bourgeois unter sich und die daraus hervorgehenden Handelskrisen machen den Lohn der Arbeiter immer schwankender; die immer rascher sich entwickelnde, unaufhörliche Verbesserung der Maschinerie macht ihre ganze Lebensstellung immer unsicherer […].« Zit. nach: Karl Marx/Friedrich Engels, a.a.O., 51.54. Ob aus dieser immer unsicherer werdenden Lebensstellung jedoch unvermeidlich eine Kollision der Klassen erwachsen muss, wie Marx meint, ist keineswegs sicher, ja, scheint historisch geradezu widerlegt zu sein.

19 Hans-Werner Sinn: »Was uns Marx heute noch zu sagen hat«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte: Das Kapital, 67. Jahrgang, Nr. 19-20 (2017) vom 8. Mai 2017, 23-28, dort 25.

20 Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig: Die Autobiographie, Berlin 2017, 568. Den Hinweis auf diesen Beleg verdanke ich meinem Sohn Vincent Pausch.

21 Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten. Berlin 4. Aufl. 2017, 13-39, 187-189.

22 So in einer Pressemitteilung vom 20. Februar 2018: https://www.vdk.de/deutschland/pages/ presse/pressemitteilung/74525/vdk_politik_ muss_soziale_spaltung_stoppen_armut.

23 »Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen« (Karl Marx/Friedrich Engels, a.a.O., 57).

24 Ulrike Herrmann: »›Das Kapital‹ und seine Bedeutung«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte: Das Kapital, 67. Jahrgang, Nr. 19-20 (2017) vom 8. Mai 2017, 17-22, dort 19. Vgl. auch Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus, a.a.O., 69.

25 Jürgen Habermas: Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine politische Schriften V, Frankfurt/M. 1985, 73. Habermas versteht den Sozialismus somit im Einklang mit Karl Marx – und offensichtlich anders als der 1985 noch immer »real existierende Sozialismus« – als eine auf Befreiung und Freiheit zielende politische Option.

26 Axel Honneth, a.a.O., 78, 95f.

27 Axel Honneth, a.a.O., 112.

28 Im Grunde stellt dieser programmatische Gedanke die kontradiktorische Negation des einstigen Adenauer’schen Wahlkampfmottos »Keine Experimente!« (1957) dar.

29 Alain Badiou: Für eine Politik des Gemeinwohls, a.a.O., 91.

30 Diesen Aspekt habe ich untersucht in meinem Beitrag: »›Neuland‹ für die evangelische Kirche in Deutschland«, in: Wolbert K. Smidt, Ulrike Poppe (Hg.): Fehlbare Staatsgewalt: Sicherheit im Widerstreit mit Ethik und Bürgerfreiheit, Berlin 2009, 321-327, dort 327.

31 Im »Kommunistischen Manifest« ist von »Maßregeln« die Rede, die je nach den verschiedenen Ländern verschieden sein könnten und die ggf. despotisch umgesetzt werden müssten (Karl Marx/Friedrich Engels, a.a.O., 70). Demgegenüber sei hier angemerkt, dass die hier als Kernforderungen 1. und 2. genannten Handlungsempfehlungen eine despotische Umsetzung ausschließen. Das eben ist die Pointe des demokratischen Sozialismus, für den Marx noch nicht stand.

32 Die Bedeutung der Geschlechtergerechtigkeit für den Sozialismus hat im 19. Jh. besonders August Bebel durch sein Werk »Die Frau und der Sozialismus« (1879) hervorgehoben. Es ist eigentlich ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass es bis zum Jahr 2018 dauerte, also anderthalb Jahrhunderte, bis erstmals eine Frau Partei-Vorsitzende der SPD werden konnte. Auch waren in Großbritannien und Deutschland konservative Politikerinnen wie Margaret Thatcher (1979-1990) und Angela Merkel (seit 2005) weit früher Regierungschefinnen als ihre sozialdemokratischen/sozialistischen Pendants dies werden können. Das ist wahrlich schwer zu verstehen.

33 »Kapital hat, wer Kapital erbt. Das ist seit dem 19. Jahrhundert die Regel, alles andere sind Ausnahmen. […] Auch eine Heirat bietet sich als Einstieg in eine Karriere als Kapitaleigentümer an.« So (im Anschluss an die Analysen von Thomas Piketty) Sahra Wagenknecht: Reichtum ohne Gier: Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten, Frankfurt/New York 2016, 72f. Vgl. dazu Axel Honneth, a.a.O., 110.

34 Niko Paech: »Postwachstumsökonomik: Wachstumskritische Alternativen zu Karl Marx«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte: Das Kapital, 67. Jahrgang, Nr. 19-20 (2017) vom 8. Mai 2017, 41-46.

35 Dass diese Fragen ethisch elementar sind, heißt nicht, dass sie auch praktisch auf eine einfache und unkomplizierte Weise gelöst werden könnten. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Wer aber diese Fragen nicht einmal sieht oder stellt, kann sicherlich in keiner Weise einen Beitrag zu ihrer Lösung leisten.

 

Über den Autor

Studienleiter Dr. Eberhard Martin Pausch, Jahrgang 1961, 1993 Promotion an der Universität Marburg, 1992-2000 Gemeindepfarrer in Frankfurt/M., 2000-2012 Oberkirchenrat im Amt der EKD in Hannover, anschließend theol. Referent in der Kirchenverwaltung der EKHN in Darmstadt, seit 2016 Studienleiter an der Evang. Akademie Frankfurt/M.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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