Zur »Religionsmonitor«-Studie 2017
»Muslime in Europa – Integriert aber nicht akzeptiert?«

Von: Volker Linhard
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Der »Religionsmonitor« ist eine empirische Studie der Bertelmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit Fachleuten verschiedener humanwissenschaftlicher Fachrichtungen. Er erschien 2008, 2013 und 2017. Ein Teilbereich der Studie ist die Befragung von Muslimen und Nicht-Muslimen zum Thema Integration in mehreren europäischen Ländern (Deutschland, Österreich, Schweiz, Vereinigtes Königreich und Frankreich). Gelingende Integration verstehen die Autor*innen dabei als gesellschaftliche und politische Teilhabe, Erwerb der Landessprache, Partizipation durch Bildung und Beteiligung am Erwerbsleben. Ziele der Studie sind es, die Teilhabeaspekte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt näher zu untersuchen – unter den Leitfragen: Welchen Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen haben Muslime? Ist der gesellschaftliche Zusammenhalt durch kulturelle und religiöse Differenz möglicherweise gefährdet? Was ist die langfristige Bedeutung der Religiosität für den Integrationsprozess? Volker Linhard hat sich die Studie angesehen.


Bisher wurden in den empirischen Wissenschaften die religiösen Aspekte der Integration vernachlässigt. Doch ist es durchaus sinnvoll, diesen Bereich miteinzubeziehen, wenn man davon ausgeht, »dass mit dem muslimischen Bekenntnis etwa spezifische Geschlechterrollen, Diskriminierungserfahrungen oder eigenreligiöse soziale Netzwerke verbunden sein können, die Einfluss auf den Integrationsprozess« haben. (11) Auf einer breiten, repräsentativen Datenbasis (2567 Befragte in Deutschland, davon 1114 Muslime) sollen auch religiöse Minderheiten zu Wort kommen. Da es im Gegensatz zur Mitgliedschaft in einer Kirche bei Muslimen keine formale Zugehörigkeit gibt, ist eine Zuteilung zu den verschiedenen Konfessionen schwierig. Die Studie umgeht dies, da hier die Befragten selbst erklären, welcher Religion sie angehören. (Sunniten 61%, Aleviten und Schiiten jeweils 8%, 13% machten keine Angaben.) 59% der Befragten hatten ihre Wurzeln in der Türkei, 11% aus Südosteuropa, aus dem Nahen Osten und Nordafrika waren es 7% bzw. 6%. Mit einem Durchschnittsalter von 38 Jahren sind die Muslime fast 13 Jahre jünger als der Rest der Bevölkerung.


Rahmenbedingungen der Integration

Seit den 2000er Jahren ist der Zugang zur Staatsbürgerschaft erleichtert, so hatte 2008 etwa die Hälfte der Muslime einen deutschen Pass, jedoch weniger als in Frankreich und im Vereinigten Königreich. Im weiteren Vergleich sind die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland besser, die Chancen auf Bildungsgerechtigkeit für die Kinder jedoch geringer und die Islamskepsis wiederum ist ausgeprägter. Bei der konkreten Frage nach Ablehnung von Muslimen als Nachbarn hat Deutschland Werte im Mittelfeld (19%) gegenüber 14% in Frankreich und 28% in der Schweiz. Im Ranking verschiedener Studien erhält Deutschland in Sachen Arbeitsmarkt, Staatsbürgerschaft und Arbeitslosigkeit sehr gute Werte, während es bei religiöser Gleichberechtigung, Offenheit gegenüber Muslimen und einer interkulturellen Öffnung des Schulsystems nur mittlere Werte hat. In Frankreich und im Vereinigten Königreich ist es teils umgekehrt, wobei hier die koloniale Vergangenheit und die lange Einwanderungstradition eine Rolle spielen.

Ebenso gibt es seit 2000 verstärkte Bemühungen um die Gleichstellung des Islams mit den etablierten Religionsgemeinschaften. Dennoch konstatieren die Autor*innen der Studie: »Dessen ungeachtet führt die besondere staatskirchenrechtliche Situation in Deutschland noch immer zu Defiziten bei der Anerkennung muslimischer Gemeinschaften.« (18)


Sozialintegration von Muslimen im Vergleich

Das Konzept des Sozialintegration beinhaltet drei wesentliche Dimensionen: Akkulturation (Erwerb von Sprache, Kompetenzen und formaler Bildung), Platzierung oder strukturelle Integration (Erwerb von gesellschaftlicher Position/Status – hier gemessen anhand von Beschäftigung und Einkommen), Interaktion (Kontakt von Eingewanderten zu Einheimischen – hier gemessen anhand der Freizeitkontakte) und Identifikation oder emotionale Integration (Übernahme von Werten/Einstellungen).

Beim deutschen Spracherwerb im Kindesalter zeigt sich die Bedeutung der Zugehörigkeit zur ersten (23%) oder der Nachfolgegenerationen (73%). Angesichts der Erwerbsbeteiligung gibt es zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland kaum Unterschiede bei Arbeitslosigkeit, Nichterwerb, Teil- und Vollzeit. Eine Differenz gibt es bei den berufstätigen Frauen (Nicht-Muslime 41%, Muslime 35%). Beim Einkommen zeigt sich jedoch ein deutlicherer Unterschied.

Die Erwerbsbeteiligung von der ersten zu den nachfolgenden Einwanderungsgenerationen ist von 74% auf 81% gestiegen und zeigt damit eine fortschreitende Sozialintegration. Ebenso sind die interreligiösen Freizeitkontakte (sehr häufig/eher häufig) von 73% auf 84% gestiegen. Und sie gelten für Männer und Frauen! »Das widerspricht der regelmäßig anzutreffenden Behauptung einer besonderen Abschottung muslimischer Frauen von den Mehrheitsgesellschaften. Die häufig zitierte muslimische ›Parallelgesellschaft‹ ist damit die Ausnahme und nicht die Regel.« (32) Das passt auch gut mit den Daten zum Freundeskreis von Muslimen zusammen. 64% der Befragten geben an, dass ihr Freundeskreis mindestens zur Hälfte aus Nicht-Muslimen besteht. Dabei ist im Vergleich mit den anderen Ländern (Österreich, VK) festzustellen, dass dort, wo die Islamablehnung am größten ist, auch seltener Freizeitkontakte stattfinden. Es erscheint plausibel, dass sich diese beiden Faktoren gegenseitig bedingen.

Die Identifikation mit dem Aufnahmeland ist in allen fünf Ländern sehr hoch. Auf die Frage »Wie verbunden fühlen Sie sich mit Deutschland?« antworten 96% mit sehr/eher verbunden. Das gilt für die erste wie für weitere Generationen.


Muslimische Religiosität

Religiosität wird in der Studie nach einem sog. Zentralitätsindex gemessen, der die Werte 1 (niedrig religiös) bist 5 (hoch religiös) umfasst. Die Religiosität der Muslime erhielt einen Durchschnittwert von 3,5 für Deutschland, während er in der christlichen bei 3,1 und der gesamten nicht-muslimischen Bevölkerung bei 2,7 liegt. Die höchsten Zustimmungswerte erhielt die Frage »Wie stark glauben Sie daran, dass Gott oder etwas Göttliches existiert?« (4,4), das Pflichtgebet erhält den Mittelwert 2,9 und das Freitagsgebet 2,3. Im Vergleich der fünf Länder sind die meisten Muslime im Vereinigten Königreich hochreligiös (64%), während es in der Schweiz die wenigsten sind (26%). Deutschland liegt im Mittelfeld mit 40%. Die Zahl der Hochreligiösen unter den Nicht-Muslimen ist in der Schweiz am höchsten (23%), auch hier liegt Deutschland im Mittelfeld (16%).

Die Frage, ob sich die Religiosität in der zweiten und weiteren Generationen abschwächt, muss mit Nein beantwortet werden. Dies hängt wohl zum einen an einer gruppenbezogenen Konformität als auch an einer Abgrenzung zum areligiösen Mainstream im Aufnahmeland. Ebenso gibt es einen Zusammenhang von Religiosität und institutionellen Bedingungen. So hängt die hohe Religiosität im Vereinigten Königreich mit dessen institutioneller Anerkennung des Islams zusammen (Moscheebau, Gebet am Arbeitsplatz).

Inwiefern beeinflusst empfundene Diskriminierung den Integrationsprozess? 63% der Muslime in Deutschland berichten, in den vergangenen zwölf Monaten keine Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben, während der Wert in Österreich bei nur 32% liegt.

Was die räumliche Konzentration des Wohnumfeldes betrifft, hat Deutschland die niedrigsten Werte. Auf die Frage »Wie schätzen sie die Zusammensetzung in Ihrer Wohngegend ein?« nennen nur 15% »fast keine/die Minderheit Einheimische« (Schweiz 22%, Frankreich 21). Dem stehen 59% gegenüber die sagen, dass »fast alle/die Mehrheit« Einheimische sind (Schweiz 48%, VK 51%). Dass eine hohe räumliche Konzentration eigen­eth­nischer Nachbarn den Erwerb der deutschen Sprache erschwert, steht außer Frage. Außerdem kann es durch »eine Überschneidung von ethnischer Konzentration und prekären Lebenslagen in Stadtteilen […] auch zu einer Angleichung insbesondere junger Zuwanderer an sozial benachteiligte Milieus der Mehrheitsgesellschaft kommen …« (38/39).


Was entscheidet über den Integrationserfolg?

Hier stellen die Autor*innen fest: »Die Muslime der Nachfolgegeneration pflegen breit mehrheitlich Kontakte zu Nichtmuslimen, und dies unabhängig von anderen Aspekten der Sozialintegration. Dies ist kein neuer […] aber angesichts fortdauernder gesellschaftlicher Debatten um muslimische ›Parallelgesellschaften‹ ein bemerkenswerter Befund. Integrationsherausforderungen liegen nicht in erster Linie in einer ›Abschottung‹ der Muslime.« (41)

Vor allem bei den Nachfolgegenerationen bedingen sich die drei Aspekte Akkulturation, Interaktion und Platzierung. Der zunehmende Erwerb von Wissen und Kompetenzen, die vermehrten Kontakte zu Einheimischen führen zu einem deutlich ausgeprägteren gesellschaftlichen Status. Demgegenüber vermindert hohe oder mittelstarke Religiosität eher eine stärkere Platzierung. Weniger Einfluss haben hingegen das subjektive Diskriminierungsempfinden, das Sozialkapital oder die Wohngegend. Kontakte zu Nicht-Muslimen können scheinbar nur vereinzelt zu einer besseren Arbeitsmarktteilhabe führen. Bestätigt werden in der Umfrage Befunde zur geringeren Teilhabe von Frauen am Arbeitsleben. Das hat zum großen Teil sicher subjektive Gründe, darunter auch religiöse. Mit steigender Religiosität nimmt die Wahrscheinlichkeit einer hohen Platzierung ab. Im Vereinigten Königreich scheint dies anders zu sein. Die fortgeschrittene institutionelle Gleichberechtigung des Islams nutzt der Sozialintegration und so haben auch religiöse Muslime die Chance, eine höhere gesellschaftliche Position zu erreichen.

In ihrem Fazit geben die Autor*innen wichtige Hinweise:

Die institutionelle Öffnung und rechtliche Gleichstellung des Islams erweist sich als grundlegend für eine gelingende Integration.
Durchlässige, spät sortierende Bildungssysteme begünstigen die Sozialintegration.
Fehlende Beteiligung am Erwerbsleben ist ein weibliches Phänomen, das vermutlich mit traditionellen Rollenerwartungen zusammenhängt.
Gerade das deutsche Beispiel zeigt, dass sich eine Öffnung des Arbeitsmarktes für Einwanderer und die aktive Förderung der Erwerbsbeteiligung positiv auf die gesellschaftliche Teilhabe auswirken.
Superdiverse Einwanderungsgesellschaften sind darauf angewiesen, sich gemeinsam geteilter demokratischer Spielregeln zu versichern und Einwanderer – insbesondere auch Muslime – hierbei wirksam einzubeziehen.


Literatur

Muslime in Europa – Integriert aber nicht akzeptiert?
Dirk Halm und Martina Sauer
BertelsmannStiftung, Gütersloh 2017


Volker Linhard

 

Über den Autor

M.A. Volker Linhard, Religionspädagoge und langjähriges Mitglied im Landesarbeitskreis der Evang. Männerarbeit in Bayern.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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