Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Es wird Frühling – endlich! Nachdem in Berlin der Dezember und Januar im Vergleich mit dem langjährigen Mittel um zwei Grad zu warm waren, verhielt es sich im Februar und März genau umgekehrt: um zwei Grad zu kalt! Die Knospen der Kastanien beginnen sich erst jetzt zögernd zu öffnen, Schneeglöckchen und Krokusse erfreuen schon das Herz.

Für die Obdachlosen beginnt die Zeit, wo sie aus ihren Quartieren der Kältehilfe ausziehen müssen, denn diese Einrichtungen schließen jetzt. Aber wohin? Unter die Brücken? Im Tiergarten hat ein strenges Regiment eingesetzt gegen die wilden Zelte mit dem Ergebnis: In Berlin-Mitte verschwinden sie, in den Außenbezirken wachsen sie! Der Bürgermeister von Berlin-Mitte, Stephan von Dassel, ein Grüner, erklärte im Fernsehen: »Es kommt darauf an, dass wir uns ehrlich machen. Das Aufenthaltsrecht für EU-Bürger gilt nicht unbegrenzt. Wer nach zwei Monaten nicht für sich selbst aufkommen kann, muss in die Sozialsysteme seines Herkunftslandes abgeschoben werden.« Er stimmte aber dem Moderator zu, dass es ein Armutszeugnis für die EU sei, nach vierzig Jahren noch keine befriedigende Lösung für das Problem gefunden zu haben – bei vorhandenem Reichtum!

Jürgen Schaffranek, Mitarbeiter von Gangway e.V., dem größten Träger von Straßensozialarbeit in Deutschland – in Berlin arbeiten 75 Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen in 23 Teams – hat die Fachbegleitung »Streetwork mit Erwachsenen«: »Zwar ist die Mitte jetzt ›sauber‹«, sagte er, »aber das Problem haben jetzt die Außerbezirke mit der Schwierigkeit für uns, die verstreuten Klienten aufzusuchen, die teilweise schlimme körperliche Blessuren haben. Die Rechtslage erlaube es doch, Wohnsitzlose zeitweilig in leere Wohnungen einzuweisen, auch in freie Zimmer im Adlon …« Auf dieses Argument ging der Bürgermeister nicht ein.

Was tun? Eine Möglichkeit zeigen die temporären Bauten für die Flüchtlinge: Wenn sie frei werden, wären sie doch ideal geeignet für die Obdachlosen. Aber bis dahin? Die Notlage ist groß, doch die Einfälle sind rar. Ich fürchte, dass der Zustand fortdauert und bei Winterbeginn die Quartiere der Kältehilfe wieder nötig sein werden. Es ist ein Jammer, dass unser reiches Land keinen Weg findet, um diese Not zu beenden. Es gibt doch andere Großstädte in Deutschland, die vergleichbare Probleme haben. Was tun sie?

Ihr trauriger

Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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