10. Juni 2018, 1. Korinther 14,1-3.20-25
2. Sonntag nach Trinitatis

Von: Anja Wessel
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Baustelle Gemeinde

Liebe ohne romantische Verklärung

Wenn wir nach der Liebe streben sollen, dann heißt das nicht, dass Liebe machbar ist. Wir können sie ersehnen und erbitten. Die Liebe ist der »Gott in uns«. In dem Maße, in dem Gott sich Raum im Menschen nimmt, ergreift die Liebe vom Menschen Besitz. Liebe ist nicht mit Anbiederung, Anpassung an den Zeitgeist und einem nach Harmonie strebenden Wohlfühl-Christentum zu verwechseln. Liebe lebt von der Rückbindung an Gott. Sie deckt nicht zu, sondern auf – zum Heil des Menschen.

Ich erlebe bei vielen Jugendlichen, die sich konfirmieren lassen, ein differenziertes Gespür für das, was Paulus unter Agape versteht. Ein tiefes Wissen um den Mangel an dieser Liebe in unserer Welt und eine große Erwartung an diese göttliche Liebe, die Menschenherzen verändern kann.


»Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit«

Dies ist der Titel des neuesten Buches von Manfred Spitzer, dem Ulmer Hirnforscher und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Die Vereinzelung des Menschen schreitet in unserer Gesellschaft unaufhaltsam voran. Die viel gepriesene Selbstbestimmung und Unabhängigkeit hat eine traurige Kehrseite. Einsamkeit ist ein Empfinden, unter dem viele Menschen in unseren westlichen Gesellschaften leiden. Einsamkeit schmerzt. Einsamkeit macht krank. Einsamkeit mindert die Lebensfreude nachhaltig. Wer sich einsam fühlt, erlebt sich außerhalb einer Gemeinschaft. Einsamkeit betrifft längst nicht mehr nur Randgruppen. Aber wer bekennt sich schon zu seiner Einsamkeit? Immer wieder begegne ich einsamen Menschen. Solche Begegnungen machen mich traurig. Einsamkeit müsste nicht sein, wo Menschen zusammenleben. Wer sich geliebt weiß, ist nicht einsam.


Ein Bauwerk gelingt nur gemeinsam

Die christliche Gemeinde als Gemeinschaft ist nichts anderes als ein Bauwerk, das aus Menschen besteht. Eine Dauerbaustelle, die erst in Gottes Ewigkeit vollendet wird, durch Gott selbst. Oikodome ist ein ekklesiologischer Begriff, der von der konkreten Bautätigkeit an Bauwerken abgeleitet ist, wobei das Augenmerk auf dem Prozess und nicht dem Ergebnis liegt.

Das Bild eines konkreten Bauprojekts bietet sich für die Predigt an: Was bedeutet es z.B. in eine Baugemeinschaft für den Bau eines Mehrgenerationenhauses einzutreten? Das Hineindenken in die Bedürfnisse anderer ist notwendig, die Abstimmung, das Finden von Kompromissen. Dabei muss das Ziel immer im Auge behalten werden – wie bei einer Seilschaft (ein weiteres mögliches Bild). Ein gemeinsames Bauprojekt schweißt zusammen. Unwägbarkeiten werden nicht ausbleiben.

In der Übertragung dieses Bildes auf die Gemeinde ist zu bedenken, dass hier Gott der Bauherr ist und die Gemeindeglieder sowohl Vertreter dieses Bauherrn als auch Bestandteil des Bauwerks sind. Gemeindebau stellt einen heilsamen Kontrast zur Individualisierung der Gesellschaft dar. Oikodome ist nicht allein an Zahlen orientiert – ein kritischer Blick auf kirchliche Aktionen, Argumente und Qualitätsmanagement ist angebracht! – sondern qualifiziert durch die Rückbindung an die Liebe und die weitere Ausdifferenzierung in Ermahnung und Zuspruch/Tröstung/Ermutigung.

Wie kann in der Gemeinde ein Kommunikationssystem aufgebaut werden, das die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit mit ihren jeweiligen Bedürfnissen berücksichtigt und dabei auf die Kraft des Wortes Gottes setzt? Es lohnt sich Beispiele für solch eine prophetische Rede zu suchen: klare Rede, die auch herausfordert und stört. Eine Rede, die ihre Kraft aus dem Hören im Gebet nimmt. Dazu ist jeder Christenmensch berufen.

Oikodome funktioniert nur mit aktiver Beteiligung, nicht vom Sofa aus. So kommt die Vielfalt der Begabungen zum Tragen. Dann können diejenigen, denen tatsächlich die Kraft ausgeht, getrost und getröstet rasten und ruhen. Nicht einsam, sondern getragen von einer verlässlichen Gemeinschaft, dem Leib Christi mitten in der Welt.


Lieder

EG 133, 1.7.8 »Zieh ein zu deinen Toren«
EG 268, 1-5 »Strahlen brechen viele aus einem Licht«
EG 265, 1-5 »Nun singe Lob, du Christenheit«
»Nimm du mich, Heiliger Atem« (Liederheft »Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder«, Nr. 72)

Anja Wessel

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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