17. Juni 2018, 1. Johannes 1,5-2,6
3. Sonntag nach Trinitatis

Von: Johannes Wachowski
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Die Gott lieben, werden sein wie die Sonne

Kinder des Lichts beichten

Glanz und Glamour der Welt leuchten diesen Sonntag nicht aus. Der Wochenspruch (Lk. 19,10), das Wochenlied (EG 353) und das Evangelium (Lk. 15,1-3.11b-32) dimmen den Schein. Und viel zu kritisch (2,15ff; 3,1; 3,13f; 4,4f u.ö.) ist die Johannisgemeinde auch gegenüber dem Kosmos und seinem Glänzen.

Der Soter des Kosmos (4,14) bringt ein ganz anderes Licht. Mit Gott steht die Gemeinde auf der Lichtung der Gnade und der Wahrheit (1,5; vgl. 4,8.16; siehe Joh. 1,1-18; 8,12; 12,36). Deshalb können deren Mitglieder auch die Sünden bekennen. Der Retter der Welt ist der Fürsprecher vor Gott, der Paraklet der Kinder Gottes (2,1.28; 3,1; 4,4; 5,21!). So ist die Sündenerkenntnis (1,6-2,2), das Sündenbekenntnis (1,9) und die Vergebung der Sünden (1,7.9; 2,1.2; vgl. Lev. 16) das Lebenselixier dieser Gemeinschaft der Christinnen und Christen.

Heute wären der Ort und die Zeit für das Gemeindeleben einer joh. Koinonia (1,3.6) in der Beichte. Für die Reformatoren war das einsichtig (vgl. Confessio Augustana 12). Vielleicht steigt die Unzufriedenheit in der Kirche auch mit der steigendenden Marginalisierung der Beichte? Vielleicht wäre die Erneuerung der Beichte ein Programm für eine nach Orientierung suchenden Kirche? Vielleicht stiftet ein Leben aus der Beichtpraxis heraus eine ganz andere Freiheit als die Freiheit der Kinder öffentlicher Theologie? Und dass Posten und Twittern zu wichtigen Grundformen christlicher Kommunikation gehören müssen, ist vielleicht mehr eingebildet als theologisch bedacht. Auch hier ist die joh. Gemeinde überlegen: »Kinder, ihr seid von Gott und habt jene überwunden; denn der in euch ist, ist größer als der, der in der Welt ist. Sie sind von der Welt; darum reden sie, wie die Welt redet, und die Welt hört sie.« (4,4f)

Im Licht Christi stehen, bedeutet zuerst das eigene Dunkel zu erkennen, den Weg der Buße zu gehen und zu erleben, wie wunderbar es ist, in der Lichtung der Gnade frei zu leben. Das kann auch bedeuten, dass man zur Welt auf Abstand geht: geistlich, lokal, sozial, beredet, kommunikativ …


Kinder des Lichts lieben

Die joh. Gemeinde ist zuerst keine »Kirche für andere«, wenngleich Christus auch für die Versöhnung der ganzen Welt gekommen ist (2,2). Diese Einsicht tut vielleicht mancher Gemeinde gut, wenn sie für viel zu viele oder für viel zu viel da sein will und gar nicht mehr weiß, was ihr Lebenselixier ist. Das Wandeln im Licht Gottes (1,6ff) schafft Gemeinschaft, so die Grundüberzeugung des Briefes. Für diesen christlichen Lebenswandel findet sich eine Fülle von konkreten Anweisungen (1,8-10; 2,3-6; 4,7ff u.ö.).

Dass so eine Gemeindeexistenz Gottes Beistand und Fürsprache notwendig hat, macht die Rede vom Parakleten deutlich (2,1-2; Joh. 14,16.26 u.ö.) und schließlich von Gottes Geist (4,1-6). Wenn man das mit einer Applikation versehen darf, so möchte ich sagen, nicht die steigende Episkopalisierung der Kirche (Raschzok) und die mediale Präsenz von Kirchenglamour und kirchlichen Promis machen die Kirche aus, sondern ganz einfach die Bruderliebe (1,5; 2,7; 3,11.23f; 4,7ff; 4,21!) und die Praxis der Beichte.

»Kinder, hütet euch vor den Abgöttern!«, heißt es am Schluss der Epistel. Und ich wurde bei der Organisation einer großen kirchlichen Veranstaltung von kirchenleitenden Kreisen zuerst gefragt, welche Promis ich dafür aufbieten kann. Wenn man das mit dem Text so sagen darf: »Parakleten aus dem Reich der Pompa diaboli«. Unsere katholischen Geschwister sind zu Beginn ihres geistlichen Lebens kritisch, bis auf den heutigen Tag, wenn sie »diabolo et pompae et angelis eius renuntiare«.


Kinder des Lichtes leben

»In der Welt, nicht von der Welt!« lautete ein geistliches Motto christlicher Selbstbestimmung. Das kritische Verhältnis zur Welt ermöglichte erst ein freies christliches Leben. In unseren Tagen kritisiert man die »Selbstsäkularisierung der Kirche« (Huber). Und ein Student hat im homiletischen Seminar sarkastisch zu mir gesagt: »Die Evangelischen sind die, die auch in der Scheiße noch Transzendenz entdecken.«

Unsere Kirche hat sich so wunderbar in der Welt eingerichtet, dass dieser Sonntag ein Anlass sein könnte über die Weltlichkeit der Kirche vor Ort bußfertig zu predigen (vgl. Rusam, 8.22). Wenn die Kirche geistlich anders lebt, dann wird sie auch anders gegenüber der Welt leben.

Die Kinder des Lichts leben/bleiben (2,26f; 3,6.9 u.ö.) in der von Gott gestifteten Liebe, sie leben als Kinder der Ewigkeit mitten in der Vergänglichkeit der Welt vom Wort des Lebens (1,1-2; siehe Rusam, 9.150) in der Kraft der Beichte.


Literatur

Huber, Wolfgang, Mein Glaube ist ganzheitlicher geworden. Gespräch mit dem scheidenden EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, in: Zeitzeichen 10/2009, 31-34
Levine, Amy-Jill/Brettler, Marc Zvi (Editors), The Jewish Annotated New Testament. New Revised Standard Version Bible Translation, Oxford 2011
Raschzok, Klaus, Gefragt, nötig, präsent – Zur Diskussion um den Pfarrberuf, in: Korrespondenzblatt 6/2008, 81-91
Rusam, Dietrich, Der erste, zweite und dritte Johannesbrief, Göttingen 2018

Johannes Wachowski

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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