Der Ball ist rund

Von: Peter Haigis
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Und wieder einmal rollt das Leder. Für wenige Wochen geht die Aufmerksamkeit der Fußball-Welt zur WM nach Russland – und es ist immer wieder erstaunlich, wer alles dann, »wenn es darauf ankommt«, sich zu dieser »Fußball-Welt« zählt: Das sind weit mehr als die eingefleischten Fans dieses Sports, die auch sonst einmal Stadien besuchen oder die Bundesliga im Fernsehen verfolgen. Mehr auch als die (oftmals selbst ernannten) Experten, die gerne und kundig Spielzüge analysieren, Taktiken debattieren und Traineraufstellungen kommentieren. Es sind weit mehr als die Historiker des Fußballgeschehens, die mühelos Auskunft geben können darüber, mit welchem Ergebnis selbst ein Fußballaußenseiter wie der Iran bei welcher WM-Begegnung auch immer ­Anno Dannemals vom Platz ging.

Immer wieder erfasst das Fußballfieber anlässlich einer WM oder auch EM weite Bevölkerungskreise, bannt sie vor TV-Bildschirme oder Leinwände eines Public-Viewing-Events – auch wenn sie sonst dem Run ums schnöde Leder wenig abgewinnen können. Vom Fußballgroßereignis eines solchen Formats, wie es eine WM darstellt, geht eine enorme Faszination aus. Ich schreibe hier durchaus als »Mitbetroffener« und »Infizierter«.

Vergessen sind in diesen Tagen und Wochen alle noch so berechtigten kritischen Debatten um Austragungsorte wie dieses Jahr in Russland. Zum Verstummen gelangt sind die kritischen Rückfragen, ob man angesichts der politischen Unrechtszustände in und angesichts der Konfliktkonstellationen mit Russland nicht einen Boykottbogen um die Spiele machen sollte. Beiseite gewischt sind auch alle ebenso berechtigten nimmermüden Diskussionen um Dopingverdachtsfälle – obwohl gerade die unsportlichen Medizinspritzen abtöten, was den Reiz eines Leistungssports ausmacht. Da ist doch eigentlich Geschick, Talent, Training, ehrlicher Wettbewerb, ja Ballzauber gefragt – und nicht Fake und Fiktion. Verziehen – zumindest vorübergehend – sind auch so manche Ausfallserscheinungen einiger Spielerpersönlichkeiten, die sich von der Wahlkampfmaschinerie undemokratischer Potentaten einspannen lassen und den Charakter ihrer sportlichen Mission vergessen haben. Und selbst von der bis unter die Haarspitzen der Spitzenfunktionäre korrupten Geldmaschine FIFA mag man in Zeiten, da das Leder rollt, lieber nicht sprechen, um sich den Spaß an dem Ganzen nicht verderben zu lassen.

Doch ist es wirklich nur der Spaß, der alles andere vergessen lässt? Bestätigt sich einmal mehr die alte Devise von »Brot und ­Spielen«, die gesellschaftlich sedierend wirken? Fußball – auch ein Opium des Volkes? Mir ist das zu ideologiekritisch und zu eindimensional. Bei aller Ambivalenz, die im hochprofessionellen Ballsport liegt, wenn man die erwähnte kritische Gegenrechnung aufmacht, gibt es doch auch noch eine Symbolkraft, von der wir sprechen müssen, wenn wir derlei Fußballgroßereignisse wie eine WM und ihre Wirkungen angemessen interpretieren wollen.

Da kommen Nationen mit ihren besten Ballkünstlern zusammen, um in einem Wettbewerb gegeneinander anzutreten, der zumindest auf Ehrlichkeit, Fairness, sportliche Leistung im Gewinnen wie Verlieren, auf Teamgeist und anderes mehr angelegt ist. So gesehen ist eine Fußball-WM ein nicht geringes Versprechen spezifischer Werte, die allgemein in zwischenmenschlichen Begegnungen gelten sollten. Von Spielern und Teams geht ein hohes Identifikations­poten­tial aus, das es zugleich ermöglicht, gege­bene Unterschiede auszuhalten und – eben sportlich – zu verarbeiten. Zugleich überwiegt in der Begegnung nicht ein unversöhnlicher Kampfgeist, sondern ein fairer und respektvoller Sportsgeist. Das Geheimnis gelungener sportlicher Wettkämpfe besteht eben darin, dass in den Begegnungen nicht das Gegeneinander, sondern das Miteinander vorherrscht und dass am Ende zwar Sieger und Verlierer vom Platz gehen, nicht aber »Macker« und »Looser«.

Ein Fest soll es werden – und das in möglichst weiter weltumspannender Weise. Da schmilzt der Globus zusammen auf die ­Größe eines Balls. Und der Ball ist rund – so rund wie der Planet Erde.

Spannende Fußballunterhaltung wünscht Ihnen

Ihr
Peter Haigis 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

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