Weltmissionskonferenz 2018: Wie sich die missionstheologische Landschaft verändert
»Vom Geist bewegt«

Von: Daniel Lenski
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Über 1000 Vertreter von Kirchen aus aller Welt trafen sich vom 8. bis zum 13. März 2018 zur Weltmissionskonferenz der Kommission für Weltmission und Evangelisation im tansanischen Arusha. Unter dem Titel »Vom Geist bewegt – zu verwandelnder Nachfolge berufen« brachten die Delegierten ihr aktuelles Verständnis von Mission und Evangelisation zum Ausdruck. Besonders das Wachstum der Kirchen im globalen Süden macht sich immer deutlicher bemerkbar. Daniel Lenski berichtet von seinen Eindrücken.


Wer das ostafrikanische Tansania bereist, kann noch heute an vielen Orten die Spuren der deutschen und britischen Kolonialzeit erkennen – so wie in Arusha, etwa 100 km südlich der kenianischen Grenze. Im alten Ortskern erhebt sich am Ende einer langgezogenen Allee die im Jahr 1900 gebaute Festungsanlage der deutschen Besatzer. In der »Boma«, so der Swahili-Ausdruck für das Gebäude, befindet sich heute ein Museum, in dem dargestellt wird, wie die deutschen Kolonialherren neben den Soldaten auch ihre Missionare ins damalige Deutsch-Ostafrika brachten.

Auch die Geschichte der Evang.-Luth. Kirche in Tansania, die heute zu den größten lutherischen Kirchen weltweit zählt, lässt sich bis zur Zeit der deutschen Besatzung zurückverfolgen.1 Ein hörbares Zeugnis dieser Geschichte sind u.a. die vielen Blasorchester, von denen einige die Delegierten zum Konferenzgebäude am Ortsrand von Arusha geleiteten, in dem die diesjährige Weltmissionskonferenz stattfand. Auf Einladung der lutherischen Kirche hatte sich die Kommission für Weltmission und Evangelisation (Commission on World Mission and Evangelism, CWME) des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) für Tansania als Veranstaltungsland entschieden.

In diesem Jahr trafen sich mit über 1000 Teilnehmenden so viele Delegierte, Beobachter und Gäste wie nie zuvor, um über das gegenwärtige Verständnis von Mission und Evangelisation miteinander ins Gespräch zu kommen. Gerade die ethnische Vielfalt der Teilnehmer deutet an, wie sich der Charakter der Weltmissionskonferenzen verändert hat: Beim ersten Treffen in Edinburgh 1910 war es vor allem das Anliegen der europäischen und nordamerikanischen Missionsgesellschaften, die weltweite Missionstätigkeit zu koordinieren, um eine globale Ausbreitung des Christentums sicherzustellen. Die im Gegensatz dazu in Arusha spürbare kulturelle Vielfalt der Konferenzteilnehmer wurde zudem durch eine konfessionelle ergänzt: Mit römisch-katholischen und pentekostalen nahmen neben protestantischen, orthodoxen und anglikanischen Christen auch Vertreter von Kirchen an dem Missionstreffen teil, die nicht Mitglieder des ÖRK sind.


Europa und Afrika als Beispiel globaler Veränderungen

Nachdem die letzte Weltmissionskonferenz auf dem Kontinent 1957/58 im ghanaischen Achimota stattgefunden hatte, entschied sich die CWME bewusst dafür, die diesjährige Konferenz in Afrika auszurichten und der Tatsache Rechnung zu tragen, dass sich die Landkarte des globalen Christentums gegenwärtig grundlegend verändert: Stammten 1910 zwei Drittel aller Christen aus Europa, ist das heute nur noch bei einem Viertel der Fall.2 Während Demographie und Säkularisierung in den kommenden Jahren einen weiteren Rückgang von Kirchenmitgliedern im globalen Norden erwarten lassen, steigt etwa die Zahl der afrikanischen Christen kontinuierlich an. Waren in der Folge der ersten Konferenz in Edinburgh für mehrere Jahrzehnte die meisten Delegierten bei Weltmissionskonferenzen weiße Männer aus Europa und den USA, ist das Bild mittlerweile deutlich vielfältiger geworden.3

Die steigende Bedeutung des afrikanischen Kontinents in globalchristlicher Perspektive wurde in Arusha auch von den Leitern der großen Weltkirchen und Weltbünde zum Ausdruck gebracht. So betonte Papst Franziskus in seinem auf der Konferenz verlesenen Grußwort den großen Anteil von Kindern und Jugendlichen an der afrikanischen Bevölkerung. ÖRK-Generalsekretär Fykse Tveit wies darauf hin, dass die große Vielfalt der kirchlichen Landschaft Afrikas beispielhaft für den Facettenreichtum sei, in dem sich das Christentum heute weltweit präsentiere.

Die zunehmende Anzahl von Christen aus dem globalen Süden führt dazu, dass sich auch die Diskussionen bei internationalen Treffen verändern. So wurde beispielsweise das Thema Säkularisierung als missionstheoretische Herausforderung in Arusha bezeichnenderweise ausschließlich von europäischen und amerikanischen Teilnehmern eingebracht.4


Gottes »bewegender« Geist in Afrika

Viel drängender war für viele Teilnehmer hingegen die Ausbreitung pentekostaler und charismatischer Bewegungen, die sich in Afrika genauso wie in Asien und Lateinamerika beobachten lassen.5 Was dies konkret bedeutet, wurde in Arusha insbesondere in den entsprechenden Workshops zum ersten Teil des Konferenzmottos »Vom Geist bewegt« deutlich. Dort berichteten die Vertreter aus anglo- wie frankophonen Ländern, dass die Anzahl der Pfingstgemeinden in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angewachsen sei.

Sowohl die kybernetische Gestalt als auch die damit verbundene missionarische Ausrichtung der oftmals charismatisch orientierten African Initiated Churches (AIC) variiert dabei stark. Bei den neopentekostalen Gruppen handelt es sich sowohl um größere, international vernetzte Kirchen als auch um zahlreiche einzelne Gemeinden, bei denen es vergleichsweise häufig zu Spaltungen und Neugründungen kommt (»mushroom churches«). Da insbesondere viele der neopentekostalen Gruppen aktiv Christen anderer Kirchen abwerben (»sheep-steeling«), wurde auch in den Workshops in Arusha darüber diskutiert, wie länger etablierte ­Kirchen auf diese Entwicklung reagieren können.

In zahlreichen Konfessionen haben charismatische Elemente das kirchliche Leben in Afrika bereits verändert, wozu die Einführung von separaten Gottesdiensten in traditionellen Gemeinden ebenso zählt wie die Gründung von eigenen kirchlichen Gruppen. Insbesondere in Westafrika werden die zum Teil bereits eingerichteten »Prayer Centers« diskutiert, die als Räume gelten, in denen Elemente charismatischer Frömmigkeit gepflegt werden. Darüber hinaus erkennen immer mehr Kirchenleitungen den Bedarf, den Umgang mit charismatischen Frömmigkeitsformen auch in der pastoralen Ausbildung zu verankern.

Das Erstarken charismatischer Tendenzen in vielen Ländern Afrikas wird von den dortigen Kirchenvertretern missionstheologisch oft als späte Gegenreaktion auf die klassischen missionarischen Bemühungen interpretiert. So untersuchte bereits in den 1960er Jahren die Presbyterian Church of Ghana die zunehmenden »prophetischen Phänomene« im Land. Dazu zählen charismatische Ausdrucksformen wie Zungenrede, Exorzismen, Heilungswunder und ekstatische Zustände, in welche die Gottesdienstbesucher versetzt werden. Teilnehmer aus Arusha berichteten, dass die damalige Untersuchungskommission die Ursachen für das Verlangen nach neuen charismatischen Gruppen auch bei den etablierten Kirchen sah. So sei das Gottesdienstleben zu westlich, freie Gebete und prophetische Elemente fehlten, und die akademisch bzw. in Seminaren ausgebildeten Pfarrer erschienen gegenüber den in Pfingstkirchen tätigen Laienpredigern oftmals als machtlos.

Selbst wenn die Gründe für die Ausbreitung der Pfingstbewegung vielfältiger sind und der soziale Kontext, globale Migrationsströme und kirchentheoretische Elemente zur Erklärung des Phänomens ebenso hinzugenommen werden müssen, hat sich das Narrativ in vielen Ländern durchgesetzt, dass charismatisches Christentum als Ausdrucksform einer afrikanischen Spiritualität verstanden werden kann. Hinter den Auseinandersetzungen um Geistesgaben steht damit also oftmals auch hier die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Kultur.6


Mission an den Rändern

Die Diskussion über charismatische Frömmigkeitsformen lässt sich als ein Beispiel für die grundsätzliche Frage begreifen, wie im vermeintlich postkolonialen Zeitalter der Missionsbegriff überhaupt verstanden werden kann. Die dafür in Arusha angebotenen Lösungen waren vielfältig: So wies die lutherische Erzbischöfin Grönlands, Sofia Peterson, darauf hin, dass der Missionsbegriff in vielen Regionen der Welt noch immer derart negativ konnotiert ist, dass zu überlegen sei, ihn künftig überhaupt nicht mehr zu verwenden. Im Gegensatz dazu schlug die Moderatorin des ÖRK-Zentralausschusses, die kenianische Anglikanerin Agnes Aboum, vor, den Missionsbegriff beizubehalten, aber dabei den jeweiligen kulturellen Besonderheiten im Sinne einer interkulturellen Horizontöffnung in Theologie und Liturgie stärker Rechnung zu tragen. Als Beispiel nannte sie die Möglichkeit, in Afrika dem traditionellen Gedächtnis der Ahnen mehr Raum in den oftmals stark westlich geprägten Liturgien zu geben.

Diese Beispiele machen deutlich, wie sehr sich der Missionsdiskurs gegenüber der ersten Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910 verändert hat. Gehörte damals das Verständnis einer von Europa in die Welt hinauszutragenden Mission zum common sense,7 betrachten es unter dem Stichwort der »reverse mission« gerade immer mehr evangelikale Gruppen des globalen Südens als ­ihre Aufgabe, den Glauben in ein Europa »zurückzutragen«, das in ihrer Wahrnehmung durch den Verfall christlicher Werte, eine liberale biblische Hermeneutik sowie umstrittene sexualethische Entscheidungen immer mehr zur Missionsregion werde.8 In diesem Sinn werden afrikanische Migrationsgemeinden in Europa als Beitrag zur Erneuerung des christlichen Glaubens verstanden.9

In Abgrenzung zu Modellen einseitiger globaler Missionsströme bemühten sich die Repräsentanten des ÖRK, das Konzept der »Mission von den Rändern her« zu betonen, das ein zentraler Bestandteil der Erklärung »Gemeinsam für das Leben« (»Together towards Life« – TTL) war.10 Diese Erklärung, die auf der ÖRK-Vollversammlung in Busan 2013 präsentiert wurde, setzt theologisch auf die Vorstellung der »missio Dei« und betont damit die Rolle Gottes als zentralem Akteur der Mission.11 In Abkehr zu früheren Missionskonzepten werden die christlichen Missbräuche unter früheren Kolonialherrschaften kritisiert.12 Auch wird betont, dass in jeder Kultur lebensspendende Weisheit zu erkennen ist13 und Religionen bereits vor den Missionaren anwesend waren. Wurde die Kirche in früheren Missionserklärungen als eine beschrieben, die sich den Armen zuzuwenden habe, wird nun die Wirkungs­weise Gottes von den »Rändern« aus hervorgehoben.

Um der Gruppe der Marginalisierten auch auf der Konferenz eine Stimme zu geben, wurde in Arusha die Bedeutung des »Story-Telling« besonders betont. Durch den Bezug auf die eigene Biographie soll nicht nur die vorgebrachte theologische Haltung kontextualisiert werden. Auch habe dieser Ansatz einen egalisierenden Effekt, da jeder Diskursteilnehmer seine eigene Geschichte habe, betonte etwa Theologiedozent Néstor Miguez aus Buenos Aires, der selbst von seiner Prägung durch die argentinische Militärdiktatur berichtete. Diese Geschichte sei im hermeneutischen Dreieck aus erlebter Erfahrung, interpretativer Traditionen und den biblischen Texten zu reflektieren.

Auch wenn die Vorstellung eines an den Rändern anwesenden Gottes die klassische Nord-Süd-Dichotomie anfragte, betonten mehrere Konferenzteilnehmer, dass sie sich nicht selbst an den Rändern verorten wollen und diese Perspektive noch immer für eine des Nordens halten.14 Auch wurde der Terminus »margins« in den Debatten vor allem geographisch konturiert, es ging kaum um die sozialen Ränder der Wohlfahrtsstaaten oder etwa Menschen die sich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung an den Rand gedrängt sehen.


Mission als gemeinsame Weltverantwortung

Auch wenn die CWME mit dem Titel der Konferenz »Vom Geist bewegt – zu verwandelnder Nachfolge berufen« (»Moving in the Spirit: Called to Transforming Discipleship«) bemüht war, die verschiedenen Aspekte von Mission und Evangelisation gleichermaßen zu berücksichtigen,15 zeigte sich auf der Konferenz doch ein deutliches Schwergewicht auf dem Themenfeld »Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung«. Die Veranstalter der Konferenz haben diesen Themen der Weltverantwortung als »Zeichen der Zeit« schon bei der Vorbereitung einen breiten Raum einräumen wollen.16

Als »Zeichen der Zeit« kann in diesem Sinn die Klage über die zunehmende Tendenz zur Nationalisierung wahrgenommen werden, die Vertreter ganz unterschiedlicher Erdteile vorbrachten. Stellvertretend dafür trugen die Vertreter der United Church of Christ (USA) ihren Unmut über eine Regierung vor, die sich immer stärker rassistisch, militaristisch und kapitalistisch geriere. Aber auch Vertreter aus anderen Ländern teilten den Eindruck eines zunehmenden politischen Rückzugs auf die eigenen nationalstaatlichen Interessen, dem die Kirchen nur durch gemeinsames Handeln entgegentreten könnten. Als wahrnehmbare Folge einer sozial immer stärker polarisierten Welt beschrieben Vertreter verschiedener Kontinente die Ausbreitung des »Wohlstandsevangeliums« (»prosperity gospel«)17 sowie die Zunahme religiöser Radikalisierung. So wies beispielsweise Richard Nnyombi vom Zentrum Johannes Paul II. in Kampala (Uganda) darauf hin, dass gerade junge Menschen in seinem Land immer stärker fundamentalistischen Tendenzen ausgesetzt seien.

Insbesondere umweltpolitischen Fragen wurde in Arusha verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Dazu trugen nicht zuletzt zwei Referenten der Fidschi-Inseln bei. So wies die römisch-katholische Theologiestudentin Adi Mariana Waqa auf die fatalistischen religiösen Interpretationen der gegenwärtigen Umweltkrise hin: Immer mehr Menschen in ihrer Heimat glaubten, dass die Welt ohnehin unterginge. Aufgabe der Christen sei es daher, diesen Szenarien Hoffnung entgegenzusetzen und der Wertschätzung der Schöpfung in übernationalen Netzwerken Ausdruck zu verleihen. Upolu Luma Vaai, Dozent an der South Pacific University, warnte davor, spirituelle und sozio-ökonomische Transformationsprozesse voneinander zu trennen. Die auch auf seinem Kontinent noch vorherrschende anthropozentrische Theologie müsse durch eine abgelöst werden, welche die ganze Welt einbezöge. Er betonte die Notwendigkeit, die bereits in TTL verankerte »Ökogerechtigkeit«18 auch in der theologischen Ausbildung stärker zu verankern. Als konkretes Beispiel wurde eine vom ÖRK zu initiierende Dekade zur Klimagerechtigkeit vorgeschlagen. Diese könnte möglicherweise auf den Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens, zu dem auf der ÖRK-Vollversammlung 2013 aufgerufen wurde, folgen.19


Global zunehmende Migrationsströme

Als weitere »Zeichen der Zeit« wurden in den Kleingruppen die global zunehmenden Migrationsströme gewertet. Diese führten weltweit zu zunehmender Urbanisierung und entwickelten sich auch international zu einer kirchlichen wie gesellschaftlichen Herausforderung. In Arusha saßen Vertreter von Kirchen, die aufgrund von Flucht einen deutlichen Rückgang an Mitgliedern zu verzeichnen haben (wie beispielsweise in manchen Regionen des Nahen Ostens), solchen gegenüber, die in vielfältiger Form Migranten diakonisch unterstützen und mitunter in ihre Gemeinden einzubinden suchen. Bei den Diskussionen wurde deutlich, dass etwa Kirchen mit einer zunehmenden Anzahl an Migranten, wie im südlichen Afrika, in einigen Staaten Lateinamerikas und in Europa, vor ähnlichen Herausforderungen bei der Integration unterschiedlicher kultureller und spiritueller Prägungen stehen.

Für deutsche Ohren ebenfalls noch vergleichsweise unbekannt ist die besonders von angelsächsischen Theologen vorgetragene Kritik an den teuflischen Mächten des »Empire«. In relativ großer Allgemeinheit werden dabei sowohl sozio-ökonomische als auch politische Entwicklungen bezeichnet, die sich als gottfeindlich generierten. Geevarghese Coorilos, Bischof der syrisch-orthodoxen Kirche in Indien und Vorsitzender der CWME, zog den Vergleich von der Alten Kirche, die bereits durch das Römische Imperium herausgefordert worden sei, zu gegenwärtigen diktatorischen und kapitalistischen Systemen. Mit Verweis auf die Tempelreinigung in Mt. 21 warnte er, dass auch Kirchen in der Gefahr stünden, sich immer stärker an ökonomischen Prinzipien zu orientieren.


Der Stellenwert persönlicher Nachfolge

Die starke Betonung der Weltverantwortung wurde nicht von allen Teilnehmern begrüßt. Insbesondere evangelikale Vertreter, die auch in der Lausanner Bewegung organisiert sind, hatten sich statt eines ausgeprägten »politischen« Fokus eine stärkere Betonung persönlicher Jüngerschaft gewünscht. Im Gegenüber zur CWME entstand die Lausanner Bewegung im Zuge des von Billy Graham ausgerichteten Internationalen Kongresses für Weltevangelisation 1974. Sie ist bei ebenfalls globalem Anspruch weniger auf ökologische und sozialpolitische Fragen als auf das Thema Evangelisation ausgerichtet. Tatsächlich lag auch bei den Workshops in Arusha kein Schwerpunkt auf der Frage der zeitgemäßen Evangelisierung. Konkrete Beispiele zur Umsetzung, wie sie z.B. von der Anglikanischen Gemeinschaft in Form ihres Konzepts von »Intentional Discipleship«20 vorgelegt wurden, waren selten.

Auch von orthodoxer Seite wurde mehrfach betont, dass Mission nicht auf Weltverantwortung zu reduzieren sei. So betonte der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. in seiner Grußbotschaft, dass orthodoxen Vertretern oft vorgeworfen werde, zu viel Liturgie und zu wenig Aktion zu betreiben. Dabei verkenne man jedoch, dass es gerade in der Eucharistie zur Begegnung mit Christus komme. Auch andere orthodoxe Vertreter betonten auf der Konferenz, dass etwa die persönliche Konversion, die der gesellschaftlichen vorgelagert sei, in der Liturgie und nicht an den Rändern beginnen müsse.

Tatsächlich hatte sich die CWME bemüht, mit dem ersten Teil des Mottos »Vom Geist bewegt« die pneumatologische Tradition des ÖRK aufzunehmen, die sich spätestens seit der ÖRK-Vollversammlung 1991 in Canberra beobachten lässt.21 Diese eher katabatische Dimension von Mission gab insbesondere orthodoxen und pentekostalen Gruppen die Möglichkeit, ihr Missionsverständnis in die Konferenz einzubringen.

Theologisch relativ unverbunden blieb daneben die Forderung nach mehr verwandelnder Nachfolge stehen. Während die Vertreter des Evang. Missionswerks in Deutschland (EMW) bei der Vorbereitung vor allem auf Dietrich Bonhoeffers »Nachfolge« Bezug nahmen,22 erinnerten zahlreiche internationale Vertreter die Konferenzteilnehmer an den Preis von Nachfolge, den verfolgte Christen und unterdrückte Kirchen weltweit noch heute zahlen. So berichtete der Menschenrechtsbeauftragte des Nationalen Kirchenrates auf den Philippinen, Mervin Toquero, dass der kirchliche Einsatz für politisch Gefangene schnell dazu führen könne, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Auch die Vertreter der Cookinseln machten die Anwesenden auf die große Zahl von Regionen mit politischer Repression aufmerksam, die normalerweise nicht im Licht der medialen Öffent­lich­keit stehen.


Starkes Plädoyer für Frauen

Waren in Edinburgh 1910 nur wenige Frauen anwesend, lag der Frauenanteil der Teilnehmenden bei rund 40%. Zudem wurde in Arusha mit Verve die Forderung artikuliert, die Rechte von Frauen in den Kirchen zu stärken. In seiner Eröffnungsansprache wies der ÖRK-Generalsekretär Olav Fykse Tveit darauf hin, dass es ein wichtiges Zeichen sei, dass der Beginn der Konferenz mit dem Weltfrauentag zusammenfalle. Dem wurde dadurch Rechnung getragen, dass man zahlreiche Frauen um ihre Mitwirkung als Referentinnen und Podiumsteilnehmerinnen bat. So forderte die südafrikanische Theologin Mutale Mulenga Kaunda (University of KwaZulu-Natal) in ihrem Hauptvortrag die Anwesenden dazu auf, besonders junge Frauen aus Afrika stärker bei ihrem Kampf gegen patriarchale Strukturen zu unterstützen. In vielen Kirchen seien Führungsstrukturen noch immer männliche Strukturen.

Vor dem Beginn der Weltmissionskonferenz hatte in Arusha eine Vorkonferenz der Frauen unter dem Titel »Mentorenschaft für Transformation« stattgefunden. In ihrem Abschlussstatement kritisierten die Teilnehmerinnen vor allem das ungenügende kirchliche Engagement gegen sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt. Außerdem bemängelten sie, dass in der theologischen Ausbildung weltweit Studentinnen und Dozentinnen noch immer in der Minderheit seien. Oft entsprächen die Arbeitsbedingungen für Frauen nicht denen ihrer männ­lichen Kollegen.23

Die Forderung nach verstärkten Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit fällt in eine Zeit, in der in zahlreichen christlichen Kirchen nicht nur die Einführung der Frauenordination kontrovers diskutiert, sondern auch die bereits eingeführte Gleichberechtigung von Frauen im ordinierten Amt in Frage gestellt wird. So hat die Abschaffung der Frauenordination in der Evang.-Luth. Kirche Lettlands zu einer grundsätzlichen Diskussion im baltischen Luthertum geführt. Die Ordination der anglikanischen Bischöfin Elizabeth Awut Ngor im Südsudan,24 hat kürzlich unter den konservativen Anglikanern für Verstimmung gesorgt und damit erneut die völlig unterschiedliche Handhabung der Frage innerhalb der Anglikanischen Gemeinschaft zum Ausdruck gebracht. Und auch die pentekostalen Vertreter machten in Arusha deutlich, wie unterschiedlich die Meinungen ihrer Kirchen zu dieser Thematik sind.


Eher Kaleidoskop als kraftvoller Ruf

Obwohl die Teilnehmer der Weltmissionskonferenz die gegenwärtigen Herausforderungen in ihren jeweiligen Kontexten durchaus scharf wahrnahmen und artikulierten, gab es auf der Weltmissionskonferenz nur begrenzt die Möglichkeit, diese vielschichtigen Perspektiven in der Öffentlichkeit zur Geltung zu bringen. Stellvertretend dafür steht das allgemein gehaltene, nicht einmal zweiseitige Abschlussdokument »Aufruf zur Nachfolge«,25 das zwar die Weltverantwortung der Christen betont, aber auf die Aufnahme der kirchenkritischen Impulse sowie auf eine Zusammenfassung der kontroversen Debatte über den Missionsbegriff verzichtet.

Zudem blieben drängende Fragen auf der Konferenz unterbelichtet. Dazu gehört der Umgang mit anderen Religionen, für den 2011 vom ÖRK, von der Weltweiten Evangelischen Allianz und vom Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog das »Christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt«26 vorgelegt wurde. Genauso gehört dazu die Verknüpfung mit Themen, die gegenwärtig in der Kommission für »Glauben und Kirchenverfassung« behandelt werden. So ließ der anwesende römisch-katholische Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Brian Farrell, anklingen, dass eine Verknüpfung mit der Debatte um den Kirchenbegriff27 sowie mit den Zwischenergebnissen des Studienprojekts zur moralischen Urteilsbildung28 hilfreich gewesen wäre.

Es bleibt daher eine drängende Frage, welch konkrete Konsequenzen sich aus den Veränderungen der globalen Landkarte des Christentums für Mission und Evangelisation ergeben werden. Die Weltmissionskonferenz in Arusha hat jedenfalls deutlich gezeigt, dass der Geist in Bewegung ist – mitunter auch ganz anders, als wir es in unserem deutschsprachigen Kontext oft wahrnehmen.


Anmerkungen:

1 Vgl. Ludwig, Frieder: Kirche und Mission in der Kolonialzeit, in: Vom Geist bewegt – zu verwandelnder Nachfolge berufen. Zur Weltmissionskonferenz in Tansania, hrsg. v. Evangelischen Missionswerk in Deutschland, Hamburg 2018, 77-81.

2 Vgl. http://www.pewforum.org/2011/12/19global- christianity-exec/ (15.5.2018).

3 Vgl. Biehl, Michael: »Moving in the Spirit«. Die Weltmissionskonferenz in Arusha im Kontext gegenwärtiger missionstheologischer Debatten, in: MdKI 69. Jg. (2018), Nr. 1, 12-16, 12.

4 Vgl. Anders, Christoph/Biehl, Michael: Nachfolge in säkularisierte Kontexten, in: Evangelisches Missionswerk (Hrsg.): Nachfolge, die verwandelt. Zur Weltmissionskonferenz 2018 in Arusha. Jahresbericht 2016/2017, Hamburg 2017, 41-48; vgl. auch den Text einiger Mitglieder der Europäischen Ökumenischen Missionsräte »Called to Transforming Discipleship in North-Western Europe«: Some Reflections on Witnessing in Secular Contexts, in: Resource Book. Conference on World Mission and Evangelism, »Moving in the Spirit – Called to transforming Discipleship«, 8-13 March 2018, Arusha, Tanzania, hrsg. v. Jooseop Keum, Genf 2018, 84-101.

5 Vgl. Andrée, Uta (Hrsg.): Einschätzungen zur Pfingstbewegung, Hamburg 2016, 125-149.

6 Zum Verhältnis von Evangelium und Kultur gab es bereits einen von der CWME initiierten Studienprozess, der 1996 mit der Weltmissionskonferenz in Salvador de Bahía zum Abschluss kam, vgl. Lunkwitz, Diana: Constructing mission(s) – Mission und »Afrika-Bilder« in der Geschichte des Ökumenischen Rates der Kirchen, in: MdKI 69. Jg.(2018), Heft 1, 17-20, 19.

7 Bei der letzten afrikanischen Weltmissionskonferenz in Achimota führten die deutschen Beobachter noch klassische Kolonialstereotype fort, vgl. Lunkwitz 2018 (Anm. 6), 17.

8 Vgl. Interview mit Andreas Feldtkeller v. 4.3.2018, http://www.deutschlandfunkkultur.de/andreas-feldtkeller-zur-weltmissionskonferenz- kommen.1278.de.html?dram:article_id=412171 (15.5.2018); vgl. Biehl 2018 (Anm. 3), 14.

9 Vgl. Biehl 2018 (Anm. 3), 14.

10 Abzurufen unter https://www.oikoumene.org/de/ resources/documents/commissions/mission-
and-evangelism/together-towards-life-mission-and-evangelism-in-changing-landscapes?set_language=de (15.5.2018).

11 Vgl. TTL 11.

12 Vgl. TTL 27.98.

13 TTL 27.

14 Reichel, Jürgen: Über die verändernde Kraft der Nachfolge (2018): https://ems-online.org/
aktuelles/2018/14-03-2018-kommentar-zur-weltmissionskonferenz-in-arusha-kopie-1/ (15.5.2018).

15 Zum Motto und zur Problematik der Übersetzung: Anders, Christoph/Biehl, Michael (2017): Transforming discipleship – Nachfolge, die verwandelt, in: EMW 2017 (Anm. 4), 10-18.

16 Vgl. Biehl 2018 (Anm. 3), 13.

17 Soteriologisch wird hier eine enge Verbindung zwischen dem Glauben und Handeln eines Menschen und seinem geistlichen wie körperlichen Wohlergehen gezogen. Erfahrener materieller Wohlstand wird dabei als Segen Gottes und sichtbares Resultat gelebter Frömmigkeit gewertet. Vor allem in sozial prekären Milieus stößt die Verheißung, von Gott durch die rechte Lebensführung auch materiell und gesundheitlich belohnt zu werden, auf zunehmendes Interesse. Insbesondere aus den USA stammende evangelikale Gruppen haben durch ihre Missionsbemühungen das »Wohlstandsevangelium« auch in den sozialen Süden gebracht. Die rechte religiöse Verhaltensweise wird dabei auch kirchlich in dem Sinn durch die Verheißung ausgenutzt, als dass sich regelmäßige hohe Spenden an die Kirchen und leitende Amtsträger auch in Form von Segen auswirkten. Zur Situation in Tansania vgl. exemplarisch Brighton, Juel Katabaro: Erfolgsevangelium in Tansania. Herausforderung für die lutherische Kirche, in: Andrée 2016 (Anm. 5), 125-149.

18 Vgl. TTL 23.

19 Vgl. Enns, Fernando: Arusha 2018 – eine »Station« auf dem ökumenischen Pilgerweg, in: EMW 2018 (Anm. 1), 133-142.

20 Anglican Consultative Council (Hrsg.): Intentional Discipleship and Disciple-Making. An Anglican Guide for Christian Life and Formation, London 2016.

21 Vgl. Lunkwitz 2018 (Anm. 6), 18; Lim, Timothy: The Holy Spirit in EG, TTL, and CTC: The Pneumatological Impulse for Christian Mission, in: EMW 2018 (Anm. 1), 91-104.

22 Anders, Christoph (2017): Nachfolge in Deutschland. Dietrich Bonhoeffer, in: Evangelisches Missionswerk (Hrsg.): Nachfolge, die verwandelt. Zur Weltmissionskonferenz 2018 in Arusha. Jahresbericht 2016/2017, Hamburg, 31-32.

23 Vgl. die Botschaft der Vorkonferenz unter: https://www.oikoumene.org/en/mission2018/Womenpreconferencemessage_updated.pdf (15.5.2018).

24 http://anglican.ink/article/first-woman-bishop-gafcon-province (15.5.2018).

25 https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/commissions/mission-and-evangelism/the-arusha-call-to-discipleship (15.5.2018).

26 Das Dokument bezeichnet sich selbst nicht als theologische Erklärung, sondern als Handreichung zur Beschäftigung mit praktischen Fragen. Es verurteilt die Absicht, Menschen durch materielle Anreize gewinnen zu wollen, Heilungsdienste auszunutzen, Gewalt und Machtmissbrauch zu betreiben. Es fordert auf, andere Kul­turen mit Respekt zu behandeln, interreligiöse Kontakte zu vertiefen, das Wissen über andere Religionen zu vermehren und sich gemeinsam mit anderen Religionsgemeinschaften für Gerechtigkeit und das Gemeinwohl einsetzen. Vgl. Evangelisches Missionswerk in Deutschland/Internationales Katholisches Missionswerk missio/Deutsche Evangelische Allianz (Hrsg.): MissionRespekt. Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt. Arbeitshilfe, Hamburg 2015.

27 Vgl. https://www.oikoumene.org/de/resources/ documents/commissions/faith-and-order/i-unity-the-church-and-its-mission/the-church-towards-a-common-vision?set_language=de (15.5.2017).

28 Vgl. https://www.oikoumene.org/en/press-centre/news/study-group-focuses-on-moral-discernment-in-churches (15.5.2018).

 

Über den Autor

Pfarrer i.E. Daniel Lenski, seit 2017 Wiss. Referent am Konfessionskundlichen Institut in Bensheim für Anglikanismus und für Ökumene auf Weltebene, Forschungsarbeit an der LMU München zur Geschichte der Evang.-Luth. Kirche in Chile.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

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