Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Es erinnert mich ein wenig an die Neubesetzung einer Pfarrstelle: Da geht nach 15 Jahren einer überaus erfolgreichen Arbeit der Pfarrer in den Ruhestand – und sein Nachfolger fährt in kurzer Zeit die ­Karre an die Wand!

Natürlich sind die Dimensionen schon gewaltiger beim Scheitern von Chris Dercon als Nachfolger von Frank Castorf als Intendant der Berliner Volksbühne. Aber vergleichbar ist durchaus der damalige Leichtsinn von Kultursenator Michael Müller – heute Regierender Bürgermeister – und seinem Staatssekretär Tim Renner, das »Eigengewächs« der von Castorf geprägten Volksbühne für ein Theater wie allen anderen zu halten, wo man seine Inhalte nach Belieben hin- und herschieben, tauschen, umwerten kann, wie es der Markt der Stadt eben verlangt. Das ist gründlich schief gegangen.

Dabei hätte ein Bewusstsein von der Geschichte dieses Theaters hilfreich sein können: Von 1913 bis 1914 wurde es durch Spenden, der berühmte »Arbeitergroschen«, nach Plänen von Oskar Kaufmann im »Scheunenviertel« am Bülowplatz errichtet, der zweite Intendant war Max Reinhardt, unter seinem Nachfolger Fritz Holl arbeitete der Theaterreformer Erwin Piscator und wurde von 1924 bis 1927 der Begründer des politischen Theaters, wenn er Satireabende, Sprechchorwerke und politische Revuen im Auftrag der KPD in Szene setzte. Im Herbst 1989 beteiligten sich Schauspieler und Studenten aktiv an den Massenprotesten in der DDR wie auch an der Berliner Großdemonstration am 4. November, die zur friedlichen Revolution und zum Mauerfall führten. Frank Castorf war der neunzehnte Intendant und sorgte immer wieder für Schlagzeilen. Neben Castorf waren Regisseure tätig wie Christoph Marthaler, Christoph Schlingensief u.v.a.; berühmte Schauspieler waren Henry Hübchen und Corinna Harfouch. Zweimal kürten Theaterkritiker die Volksbühne zum deutschsprachigen Theater des Jahres, 2016 und 2017. Es hatte auch wirtschaftlichen Erfolg, wenn man bei Kultur davon reden kann: 2014 gab es 143.000 zahlende Besucher, eine Auslastung von 71%. Freilich: Es erhielt auch die höchste Subvention unter den Sprechtheatern: 2009 wurde jede Karte mit 189 Euro bezuschusst …

Nun hat Dercon aufgegeben. Die wirtschaftlichen Zahlen waren bestürzend negativ geworden. Der jetzige kommissarische Intendant Klaus Dörr erklärte: »Wenn man wenig einnimmt, kann man nicht produzieren, wenn man nicht produziert, kann man nicht spielen, und wenn man nicht spielt, kann man weniger einnehmen.« Deshalb hat er zwei für den Herbst angesetzte Produktionen aufs nächste Jahr geschoben und damit in der Planung eine schwarze Null erreicht.

Es ist den Verantwortlichen Zeit zu wünschen für einen glücklicheren Vorschlag zum neuen Intendanten. Mal sehen – qui vivra, verra!


Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

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