15. Juli 2018, Philipper 2,1-4
7. Sonntag nach Trinitatis

Von: Michael Karg
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Christen können sich Demut leisten

I

Paulus schreibt von ferne, aus dem Gefängnis. Er will sehen bzw. erfahren (1,27-30), ob die Philipper weiterhin eines Geistes sind. In 2,1 zählt er in Frageform (»Ist nun…?«) die von ihm präferierten Tugenden auf, um sie in V. 2 mit der Bitte um Vervollkommnung in Einheit zu bestätigen. In V. 3 folgt eine Ermahnung, in der vor Eigennutz und Suchen nach eigener Ehre gewarnt und stattdessen als zentrales Wort dieses Abschnitts die Demut eingeführt und genauer beschrieben wird. Im nicht mehr zum Predigttext gehörenden Abschnitt V. 5-11 wird die christologische und soteriologische Grundlage für die Haltung der Demut aufgezeigt.

Das seit Tagen des neuen US-Präsidenten wie ein Mantra immer wiederholte »America first« scheint eine Politik zu bestärken, die auch in Mitteleuropa gefährliche Nationalismen befördert. Gegen diese alten und neuen Tendenzen des Auf-sich-selbst-Bezogenseins (Luther spricht vom homo incurvatus in se ipsum) schreibt Paulus sehr deutlich in unserem Predigttext. Gegen ein Handeln »aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen« setzt er auf Demut. Ein Wort, das im hellenistischen Sprachraum der damaligen Zeit ein sehr verächtliches Wort war. Es stand für Unterwürfigkeit und soziale Niedrigkeit (Predigtmeditationen, 283). Paulus stellt das Wort auf den Kopf und qualifiziert es zum entscheidenden Merkmal gelungener (christlicher) Gemeinschaft. Wobei die Hochachtung (genauer: die Höher-Achtung) des anderen ebenso dazugehört wie die (Mit!)-Berücksichtigung seiner und der eigenen Interessen. Ist die Rede von der Demut ein alter moralischer Hut oder ­wäre sie die heute angemessene Haltung?


II

Die Kanzlerin rät ihren Parteifreunden nach der Wahl »gemeinsam demütig« zu sein (vgl. Predigtstudien, 89). Ein Bundesliga-Trainerneuling bekennt, seine neue Aufgabe »in ­Demut« angehen zu wollen (ebd.). Demut als eine Form der angemessenen Lebenshaltung auch für Erfolgreiche?

Der Begriff Demut ist ambivalent. Die Forderung nach Demut wurde und wird benutzt, um Kritik oder Aufbegehren zurückzuweisen. Das haben die 68er bei ihrer Kritik an der unwidersprochenen Macht der Autoritäten erfahren; damit haben kritische Geister in Kirchengemeinden, aber auch in politischen Parteien zu kämpfen; dieses Wort hören Gewerkschafter sinngemäß in Tarifverhandlungen.

Menschen stellen wegen dieses Wortes ihre Interessen und Gefühle in Beruf und Privatleben hintenan, weil andere oder sie es von sich selbst fordern, »demütig« zu sein. Frauen, auch in Mitteleuropa, mussten lange »demütig« auf eine eigene Berufskarriere verzichten (Pfarrfrauen gezwungenermaßen noch länger). Fromme Menschen geraten ab und zu in Gefahr, infolge ihrer Demut sich selbst für nichts zu erachten.

Ist das von Paulus mit der Einführung dieses Begriffs intendiert?


III

Der Schlüssel für das paulinische Verständnis von Demut ist das Christusereignis, in V. 5-11 im sog. Christushymnus expliziert. Derjenige, der demütig die extremste Form der Selbsterniedrigung (bis »zum Tode am Kreuz«) auf sich genommen hat, ist (jetzt) der Herr. Und das von Gott, der ihn erhöht hat. Christusnachfolger müssen nicht diesen extremen Weg gehen, aber sie können es sich leisten, andere höher anzusehen als sich selbst. Warum? Weil sie ihren eignen Wert nicht erkämpfen müssen, sondern von Gott her bekommen, im Glauben an Christus bereits empfangen haben. Sie sind vor Gott nicht nichts, sondern wertvoll. Als wertvolle Menschen sehen sie auf das, »was dem anderen dient«, achten aber auch auf ihre eigenen vitalen Bedürfnisse und Interessen.

Und noch eins muss gesagt werden: Der Mensch (homo), aus Erde (humus) gemacht, findet in der Demut (humilitas) die Rückbindung an seinen Ursprung, an seinen Schöpfer, dessen Ebenbild er ist. Daraus resultiert die Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer und die Fähigkeit, diese Würde in die Mitgestaltung des gemeinsamen Lebens einzubringen. Das hilft, zurückstehen zu können, aber auch eigene vitale Interessen zu vertreten. Alle Menschen, ob Kinder, Jugendliche, Frauen oder Männer, mit gleicher Würde ausgestattet, dürfen ihren Weg gehen. Das gilt es zu achten und nötigenfalls darauf zu pochen.


Literatur

Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, Zur Perikopenreihe IV 2017

Predigtstudien, Perikopenreihe IV, Zweiter Halbband 2017/2018


Michael Karg

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

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