29. Juli 2018, Jeremia 1,4-10
9. Sonntag nach Trinitatis

Von: Dörte Kraft
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Spannungsvolle Gotteserfahrung


Jeremia – der weinende Prophet

Als solchen stellt ihn Chagall im Prophetenfenster des Zürcher Fraumünsters dar: auf rotem Grund, in blauem Gewand, sitzend, den Kopf in die Hand gestützt, die Augen niedergeschlagen. Man hört ihn förmlich seufzen.

Der Predigttext enthält die Berufung des Propheten, noch ohne die historischen Konkretionen durch die Vision (V. 11ff). Dennoch klingt in diesen Versen an, wofür dieser Prophet bekannt ist – und was auch unabhängig von der historischen Situation aktuell ist. Es sind zwei Erfahrungsebenen, die der Text zur Sprache bringt: die der Berufung und die der Sendung, und der Schmerz, der aus der Spannung zwischen beiden resultiert.


Berufung und Sendung

Das Wort »Berufung«, das die meisten Bibelübersetzungen dieser Perikope als Überschrift geben, kommt im Text nicht vor. Dennoch ist m.E. davon die Rede: in dem als vorgeburtlich beschriebenen Geschehen des »Erkennens« und »Heiligens« (V. 5) liegt ein Handeln Gottes am Menschen, das allem vorausliegt, voraussetzungslos erwählend. Ein Geschehen, das – in jdà klingt es an – eine enge, intime, unauflösliche Bindung hervorbringt. Aus dieser Bindung löst Jeremia sich auch nicht, als es unerträglich wird. Diese tief im Herzen verankerte Bindung an Gott liegt jeder Beauftragung voraus und ist ihr bleibender Grund. Gott hat erwählt, erkannt, ausgesondert, geheiligt. Berufen ist der Mensch in eine Beziehung zu Gott, eine intime, persönliche, ganzheitliche, lebenslängliche Beziehung.

Danach kommt die Sendung. In den Worten dieses Textes: bestimmen (ntn), senden (shlh), auftragen (zwh), bestellen (pqd). Diese Sendung nimmt in unserer Perikope und überhaupt im Buch Jeremia viel Raum ein – das ist es, was man beschreiben, erzählen, berichten kann; das ist der sichtbare Teil, der aber ohne die Grundlegung in der Berufung kaum auszuhalten wäre. Wo der Zuspruch steht: »Fürchte dich nicht …«, gibt es Grund zur Furcht! Es ist allein die Nähe Gottes, die ein Weitergehen möglich macht. Und wer »die« sind, vor deren Gesichtern Jeremia sich nicht fürchten soll, davon ist das Buch Jeremia voll.


Hadern – Klagen – Anklagen

Dass sein Auftrag ihn so ins Leiden führt, bringt den Propheten nicht nur in einen heiligen Zorn gegen seine Gegner, sondern auch ins Hadern und Klagen und Anklagen gegen seinen Gott, der ihm doch sein Herz abgewonnen hat und ihn jetzt solche Wege gehen lässt.

Es klingt die Frage an: »Warum geht es dem Gottlosen so gut?« (12,1) und geht danach noch tiefer: wie kannst du, Gott, so trügerisch sein? (20,7ff) Wie soll ich das zusammenbekommen – mein Herz in deinen Händen und meine (beinahe) Vernichtung auch aus deinen Händen?

Hier leidet ein Mensch nicht nur unter den Anfeindungen der Menschen, sondern an der erlebten Widersprüchlichkeit, die er nicht auflösen kann. Der in Kap. 20 verwendete Begriff des »Betörens« (pth) bringt die ganze Ambivalenz zur Sprache, die das Leben des Propheten zu zerreißen droht. Hier schwingt Gewinnendes und Trügerisches, Werbendes und gefühlter Hinterhalt mit.


Spannungen aushalten

Das Glück der Gottesnähe blitzt bei Jeremia immer wieder durch, ebenso wie das Vertrauen, bei Gott in guten und gerechten Händen zu sein (11,20; 15,15f; 17,14ff; 20,11). Dennoch bleibt die Situation, wie sie ist.

Eine Spannung, die es auszuhalten gilt, eine Zu-Mutung. Niemand sucht einen solchen Weg, das wäre auch makaber. Aber da, wo es zum Lebensweg eines Menschen gehört, diese Spannung aus zugesagter Gottesnähe und unerträglichem Lebensweg auszuhalten, braucht es die Ermutigung, diesen Weg nicht als Versagen oder Gottesferne zu verstehen, sondern immer wieder das Mitsein Gottes glauben zu können.

Die wunderbaren Worte Jeremias, dem Gottes Worte zur Speise, zur Wonne und Freude des Herzens geworden sind (15,16) stehen vor dem Hintergrund des Prophetenschicksals, das sich in der Verschleppung verliert. Oder ist es umgekehrt? Ruht das Schicksal auf der tief empfundenen Geborgenheit bei dem Gott, der seinen berufenen Menschen immer schon erkannt – geliebt – hat?

DU WEISST

WO DU MICH FINDEST

Ich fing Feuer an DIR
Dein Name sprang auf wie ein Quell

Wusste ich wie mir geschah
als ich fortgerissen von deiner Glut
Dich wiederfand in der Nacht?

Herr
ich bin angekommen bei DIR
Ich bin Dein
Du mein Herr und mein Gott

Sr. Christamaria Schröter CCB

Text zur Faltkarte »Du weißt wo du mich findest«, © Christusbruderschaft, Buch- & Kunstverlag, www.verlag-christusbruderschaft.de


Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Show des Glaubens
Religionsunterhaltung mit Joyce Meyer
Artikel lesen
Der letzte Prophet der Gewaltfreiheit
Martin Luther King nach 50 Jahren
Artikel lesen
Glaube und Gewalt
Ein Diskussionsbeitrag zum Thema des diesjährigen Deutschen Pfarrertags »Religion und Gewalt« in Augsburg
Artikel lesen
22. Sonntag nach Trinitatis
28. Oktober 2018, Römer 7,14-25 (8,2)
Artikel lesen
Die neue Weltunordnung nach Ukraine und Aleppo
Herausforderung für Kirche und Friedensethik
Artikel lesen
Zukunft braucht Entwicklung
Kirchlicher Entwicklungsdienst wird 50
Artikel lesen
Brief aus der Bundeshauptstadt

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!