Ein Gruß des Bayerischen Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins zum 75. Deutschen Pfarrer*innentag 2018 in Augsburg
Die Wurzel der Demokratie in der Landeskirche

Von: Corinna Hektor/Daniel Tenberg
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Vom 17.-19. September 2018 findet in Augsburg der 75. Deutsche Pfarrerinnen- und Pfarrertag statt. Das Thema ist brisant und aktuell: »Religion und Gewalt«. Hauptreferent wird Prof. Dr. Heribert Prantl, Chefredakteur der »Süddeutschen Zeitung«, München, sein. Zu den Kooperationspartnern für die Vorbereitung und Durchführung des diesjährigen Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertags gehört vor allem der Bayerische Pfarrer- und Pfarrerinnenverein, den dessen Vorsitzende, Corinna Hektor und Daniel Tenberg, hier vorstellen.

Der Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in Bayern hat derzeit etwas über 3000 Mitglieder. Seit seiner Gründung vor 127 Jahren prägen die Arbeit einige grundlegende Entscheidungen. Die wesentliche Frage war von Anfang an: Was ist die Kirche und welche Rolle haben die Pfarrer darin? Man entschied sich damals für das lutherische Bekenntnis und gleichzeitig für den Anspruch, für die gesamte Pfarrerschaft zu sprechen. Außerdem war man sich einig, dass gerade die Theologen für die Kirche als solche zu denken ­haben.


Was ist die Kirche und welche Rolle haben die Pfarrer darin?

Diese Grundhaltung hatte ein breites Spektrum an Aufgaben und Themen zur Folge. Man kümmerte sich um die »Wahrung und die Geltendmachung aller idealen Standesinteressen« und erwirkte eine Beteiligung an den Entscheidungsgremien. In großem Umfang ging es um die Linderung der materiellen Not durch ein genossenschaftsorientiertes Sozialengagement: Studienhilfe, Pfarrtöchterhilfskasse, Sterbekasse, Krankenzuschusskasse, Wohnungsbau für Emeriti und ein Wirtschaftsverband, der später zur Bank wurde. Ziel war es, diese Dinge zu Pflichtaufgaben des Dienstgebers zu machen. Die Notwendigkeit einer kirchen- und standespolitischen Vertretung durch den Verein war darum immer Konsens.

Manche Themen ziehen sich durch wie ein roter Faden: Die Frage der Stellen und ihrer Vergabe – die offenbar auch 1946 schon recht undurchsichtig war zum Beispiel. Oder auch die auskömmliche und verlässliche Besoldung. Ein erster Schritt war die Abschaffung des clerus minor, so dass sich kein Pfarrer mehr als Bauer oder Gewerbetreibender betätigen musste, um überleben zu können. Doch erst 1976 wurde mit der einheitlichen Besoldung die »Pfarrtöchterhilfskasse« – Gott sei Dank – endgültig überflüssig. Was nicht bedeutet, dass Solidaraktionen nicht mehr möglich oder nötig wären. Als die Landeskirche beschloss, die »Pfarrerschwemme« der 1980er und 90er Jahre durch Einstellungsstopps zu bekämpfen, ermöglichte der Pfarrer- und Pfarrerinnenverein mit der Aktion »Pfarrer helfen Pfarrern« jungen Kolleg*innen doch eine Stelle zu bekommen – und half damit auch der Kirche, die all diese Leute heute gut brauchen kann.


Für die Belange aller Pfarrerinnen und Pfarrer

Inhaltlich ging es immer darum, Menschen zu sammeln, die bereit sind, sich zu engagieren, theologisch zu diskutieren, sich kollegial zu beraten und sich, wenn nötig, »aus dem Fenster zu lehnen«. Der Vorwurf der Gründungszeit lautete »demokratischen Ungeist in die Kirche einzuschleppen«. Die selbstorganisierte und gewählte Vereinsstruktur hat sich jedoch in ausgezeichneter Weise bewährt. Wir sind stolz darauf, dass unser Verein die Wurzel der Demokratie in der Landeskirche ist. Für die eigenen Rechte eintreten und für das einstehen, was einem wesentlich erscheint, war immer verbunden mit einem Engagement für die nötigen demokratischen Entscheidungsstrukturen – für die ganze Kirche.

Die wesentlichen Punkte und vor allem die Haltung sind uns also aus guter Tradition bis heute geblieben. So setzen wir uns für die Belange aller Pfarrer*innen ein, auch wenn sie nicht Mitglied des Vereins sind.

Einige Aufgaben wie etwa Krankenkasse, Versicherung oder Spar- und Kreditbank wurden abgegeben bzw. verselbständigt. Dafür ist uns – anders als bei anderen Landeskirchen – die Aufgabe der Pfarrvertretung geblieben. Die gesetzliche Verankerung verdankt sich dem intensiven Betreiben des Vereins. Aus verschiedenen Möglichkeiten hatte man sich für eine Form entschieden, in der berufsständische Vereinigungen ab einer bestimmten Größe einen Anteil an der Vertretung haben. Wer mindestens 1/7 der Pfarrerschaft repräsentiert, bekommt einen Sitz. Anders ausgedrückt: Es werden nicht Einzelne in Briefwahl gewählt, sondern man hat sich darauf verständigt, dass die Pfarrvertretung aus Menschen bestehen soll, die ihrerseits in eine Struktur eingebunden sind – und damit auch eine starke Organisation im Rücken haben.


Vertretung braucht Struktur, Anbindung und Kontrolle

Da wir einen Organisationsgrad von etwa 85% haben, wird die Pfarrvertretung von unserem Verein wahrgenommen. Sie ist demokratisch über die in den Dekanaten gewählten Vertrauenspfarrer*innen legitimiert, die wiederum den Hauptvorstand und die Vorsitzenden wählen. Gleichzeitig ist sie durch die Gremien des Vereins auch rückgebunden. Dreimal pro Jahr müssen wir gegenüber den Vertrauenspfarrern Rechenschaft geben. Berichte und Informationen werden breit veröffentlicht und gelesen. Das ist gut so, weil Vertretung Struktur braucht, Anbindung und Kontrolle – und zwar nicht beim Landeskirchenamt, sondern bei den Kolleg*­innen!!

Außerdem haben wir durch unsere Vertrauenspfarrer*innen und den Hauptvorstand das Ohr an der Basis. Der Verein bindet und trägt die Arbeit der Pfarrvertretung also – und kann durch das breite Mandat auch nicht so einfach eingeschüchtert werden.

Die Vereinsarbeit wird ehrenamtlich geleistet, für die Arbeit der Pfarrvertretung gibt es 1,5 Stellen, die von der Landeskirche mittlerweile unbürokratisch auf 2,0 Stellen erweitert wurden. Der Personalreferent nennt das »gut investiertes Geld«, denn ein starkes Gegenüber hilft zu starken Ergebnissen – und zu besserer Akzeptanz. Das gilt für die Kirchenpolitik und die Gesetze wie für die Einzelfälle. Da ist es oft möglich, Probleme zu klären oder zu regeln, ohne die große Maschinerie in Gang zu setzen. Oft genug hilft aber auch unser Anwalt. Wir sind stolz darauf, dass wir das können: beraten, unterstützen, Rechtsschutz gewähren – als Hilfe gegen Ungerechtigkeiten, aber auch zur Gewährleistung eines anständigen Verfahrens, selbst wenn jemand tatsächlich etwas falsch gemacht hat – ohne die Begrenzungen einer Rechtsschutzversicherung.


Sorgenvoller Blick in die Zukunft

Stolz sind wir auch auf einige Ergebnisse der Pfarrvertretungsarbeit in den letzten Jahren: Mit einer neuen Verordnung gibt es eine deutlich bessere Regelung für freie Tage und Urlaub, dazu die Anerkennung der Feiertage auch im Gemeindedienst. Für die Pfarrer*innen im privatrechtlichen Dienstverhältnis konnten wir für den aktiven Dienst gleiches Recht – und damit auch gleiche Bezahlung – bei gleicher Ausbildung und gleichen Pflichten durchsetzen.

Mit Sorge erfüllen uns die aktuellen Diskussionen über unsere Gehälter und die Ruhestandsversorgung. Nicht nur, weil hier deutliche Einschnitte geplant sind, sondern auch und vor allem wegen der Art, wie mit- bzw. gegeneinander gearbeitet und übereinander geredet wird. Dies und so manches Stammtischargument belasten die Atmosphäre. Das hätten wir gern anders.

Eine wichtige Adresse für Verein und Vertretung ist die Geschäftsstelle in Augsburg. Dort arbeiten neben der Vorsitzenden zwei kompetente, freundliche Verwaltungskräfte. Telefonisch, brieflich, per Mail und auch zu Besprechungen vor Ort, ist sie Organisationszentrale, Anlaufstelle und Auskunft für Kolleg*innen und Landeskirchenamt.

Doch wer zum Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag nach Augsburg kommt, wird uns vor allem mit einem spannenden Programm, theologischen Diskussionen und interessanten Begegnungen kennenlernen – und uns wie die Stadt als gute Gastgeber erleben.

Wir freuen uns darauf!

Pfarrerin Corinna Hektor, 1. Vorsitzende
Pfarrer Daniel Tenberg, 2. Vorsitzender

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2018

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