Transgender/Transidentität und Kirche
Mehr als zwei

Von: Sabine Ost
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»Junge oder Mädchen – basta!« Lange Zeit galt der Geschlechterdualismus als un­um­stöß­liche Wahrheit und als treffsicheres Personenmerkmal. Doch biologische wie historische Fakten sprechen gegen eine solche simplifizierende Einteilung. Die Natur ist komplexer. In neueren neurowissenschaftlichen Untersuchungen wird dies ebenso erkannt wie es in der jüngeren Medizin und Jurisdiktion anerkannt wird. Welche Herausforderungen an Theologie und Kirche mit diesen Einsichten gestellt sind, darüber berichtet Sabine Ost.*


Schier unendlich ist die menschliche Vielfalt, der wir tagtäglich begegnen: Wir alle kennen große und kleine Leute, dicke und dünne, brünette und blonde; Menschen mit blauen, braunen, grauen oder grünen Augen und Menschen unterschiedlichster Hautfarben. Dass es Varianz auch beim Geschlecht gibt, ist den meisten weniger bewusst. Wir fragen nach der Geburt eines Kindes »Junge oder Mädchen?« und erwarten eine klare Antwort. Doch das Geschlecht eines Kindes ist nicht immer klar erkennbar – oder das biologisch sichtbare Geschlecht entspricht nicht dem, dem sich dieser Mensch später zugehörig fühlt. »Auf 430 Geburten in Deutschland kommt ein Mensch, der später eine Vornamens- oder Personenstandsänderung nach dem »Transsexuellengesetz« durchführen lässt, sagt Petra Weitzel von der Deutschen Gesellschaft für Transsexualität und Identität1; im Jahr 2016 waren das etwa 172.000 Menschen. Alle weiteren Personen, die sich dem umständlichen und z.T. entwürdigenden Verfahren dieses Gesetzes2 nicht aussetzen wollten, seien dabei noch nicht mitgezählt.

Es ist daher anzunehmen, dass alle Erzieher*innen, Lehrkräfte und Pfarrer*innen mit Menschen zu tun hatten/haben, deren geschlechtliche Identität nicht eindeutig ist oder nicht dem Augenschein entspricht. Unterschiedliche Spielarten der Geschlechtlichkeit sind auch aus der Tier- und Pflanzenwelt bekannt, die Schöpfung ist also vielfältiger als gemeinhin angenommen. Beim Menschen reicht solche Vielfalt z.B. vom burschikosen Mädchen über die knabenhafte junge Frau bis zur hochaltrigen Frau mit maskulinen Zügen und schütterem Haar oder vom zartgliedrigen, empfindsamen Jungen mit Freude an allem Schönen bis zum Mann mit feinem Gesicht, der, anders gekleidet, auch als Frau angesehen würde. Das zeigt: Trans*menschen sind Teil dieser Schöpfungsvarianz von männlich und weiblich.


Als Mann und Frau geschaffen?

Durch die Verknüpfung mit dem Schöpfungsgedanken bekam die binäre Geschlechterdifferenz als Beschreibung der menschlichen Lebenswirklichkeit »gewissermaßen vorschreibenden Charakter«, stellt Gerhard Schreiber (Akademischer Rat am Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt) fest.3 Dabei zeigten sozialwissenschaftliche und sozialpsychologische Untersuchungen, dass »die individuelle Verschiedenheit in der Gruppe der Männer oder der Frauen weitaus größer ist als alle Verschiedenheiten, die durch die Geschlechtszugehörigkeit entstehen«.4 Geschlecht ist für Schreiber deshalb »kein eindimensionales Merkmal, sondern ein Konzept mit vielen Dimensionen«, das »eine komplexe und jeweils einzigartige Kombination mehrerer ganz unterschiedlicher Eigenschaften verschiedener Ebenen« darstelle. Chromosomales, gonadales, hormonelles und morphologisches Geschlecht eines Menschen, gewöhnlich als biologische Geschlechtsmerkmale bezeichnet, können in unterschiedlicher Weise zusammenfallen.5 Darum gebe es »nicht nur zwei mögliche Geschlechtskörper, sondern ein Kontinuum, einen Fluss ineinander übergehender, dabei individuell variierender geschlechtlicher Merkmale«6. Die individuelle Geschlechts­iden­tität ergebe sich außerdem durch die soziale Zuordnung eines Menschen zu einem bestimmten Geschlecht, durch die Einordnung seitens anderer und nicht zuletzt durch sein eigenes geschlechtliches Selbsterleben.

Schreiber beobachtet schon in der priesterschriftlichen Schöpfungserzählung mit ihrer Gegenüberstellung von Licht und Finsternis keine schematisch starre Trennung, sondern einen kontinuierlichen Übergang zwischen den Gegenpolen, der sich im Wechsel von Tageslicht, Dämmerung, Dunkelheit, Dämmerung und erneutem Tageslicht zeige. Analog denkt er auch den durch die Begriffe »Mann« und »Frau« bezeichneten Zusammenhang als Kontinuum7. Die wörtliche Übersetzung von Gen. 1,27 (»männlich und weiblich schuf er sie«) entspreche diesem besser als die herkömmliche starre Unterscheidung Mann und Frau.

Schreiber spricht deshalb nicht mehr von festen Kategorien der Geschlechtlichkeit, sondern von typischen Mustern, die diese Vielfalt besser abbilden als unbewegliche Ordnungssysteme. Er räumt ein, dass geschlechtliche Vielfalt eine »enorme Herausforderung für die kirchliche Lehre und Praxis« ist, insbesondere für kirchenleitendes Handeln8. Transsexualität sei keine »Ausnahme, die die Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit bestätigen würde«, sondern bekräftige die »Ausnahmeerscheinung« jedes Menschen als Ebenbild Gottes ohne »bestimmte körperliche Merkmale oder geistige Fähigkeiten zur Bedingung« zu machen. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung sei nicht in der subjektiven Verfassung der Person begründet, sondern in ihrer unantastbaren Würde als imago dei. Schreiber plädiert deshalb für eine Theologie der Vielfalt, die Traditionen des eigenen Glaubens im Kontext neuzeitlichen Denkens und Handelns entfaltet, anstelle einer Theologie der Ordnungen. Eine Kirche der Vielfalt beziehe »alle Menschen in ihrer je eigenen Individualität« ein und überwinde Trennungen und Ausgrenzungen.9 So ermögliche sie allen gleichberechtigte Teilhabe am kirchlichen Leben in Respekt und Wertschätzung der Vielfalt.


Langer Weg zur Erforschung von Transidentität

Historisch gesehen ist die biologisch bipolare Zuordnung der Geschlechter ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jh., erklärt Prof. Livia Prüll vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Mainz.10 Das Geschlecht eines Menschen werde erst seit etwa 200 Jahren in erster Linie über den Körper definiert und Abweichungen zunehmend als Krankheit pathologisiert und moralisch als sündhaft abgelehnt. Dafür maßgeblich war die zeitgenössische Psychiatrie mit ihrer Suche nach Ursachen für Geisteskrankheiten im Körper. Sie wertete »conträre Sexualempfindung« ebenso wie »perverse Sexualempfindung« als Verirrung, die bis weit ins 20. Jh. hinein als erbliche Krankheit galt.

Der deutsche Wissenschaftler Magnus Hirschfeld erkannte zwar bereits um 1920 als erster, dass die Geschlechtsmerkmale mancher seiner Patient*innen nicht deren Aussagen über ihr Geschlecht entsprachen und widmete sich intensiv dem Thema Transsexualität und Geschlechtsumwandlung11. Seine Forschungsunterlagen gingen jedoch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verloren, sein Institut wurde geplündert, Magnus Hirschfeld starb 1935 im Exil. Transsexuelle wurden im Nationalsozialismus ebenso wie Homosexuelle als »erbgeschädigte Nicht-Volksgenossen« verfolgt und teils in Konzentrationslagern ermordet. Erst in den 1970er Jahren gab es neue Forschungsansätze – fast 40 Jahre nach Hirschfelds Tod. Aber damals wie heute beschäftigen sich nur wenige Wissenschaftler*innen mit diesem Thema. Und schon 2006 wurden erst nach 1970 neu geschaffene Lehrstühle und Institute wieder »ersatzlos gestrichen bzw. geschlossen«12. Die Erforschung sexueller Vielfalt führt also weiter ein Schattendasein.


Nicht krank – nur anders

Transsexuelle und andere transidente Menschen sind »nicht psychisch krank, sondern nur anders«, betont Petra Weitzel, langjährige Beraterin für transidente Menschen in Frankfurt/Main.13 Sie kritisiert das von den Medien vermittelte exotische Bild Transidenter in Berichten z.B. über den Christopher Street Day (»bunte Menschen in der ersten Reihe«, die »für die Rechte von Lesben, Schwulen, Transsexuellen« demonstrieren). Wirkliche transidente Idole seien Mangelware. Die erste bekannte transsexuelle Person, die sich 1931 der vielleicht ersten vollständigen Geschlechtsumwandlung zur Frau unterzog, ist die dänische Malerin Lili Elbe (1887-1931), die 1887 im dänischen Vejle als Einar Wegener geboren wurde.14

»Bist du schon operiert?« ist für Weitzel »die Nr. 1 auf der Liste der respektlosesten Fragen« von Journalist*innen, gefolgt von »du warst doch früher mal eine Frau/ein Mann? Besonders diese zweite Frage zeuge von »absolutem Unverständnis« für Transsexuelle. »Warum soll jemand, der im Kopf schon immer ein Mann war, früher einmal eine Frau gewesen sein?«, beklagt Weitzel solche Beurteilung allein nach dem äußeren Anschein.15

Wirkliches Wissen oder gar Verständnis für Transsexualität sei nach wie vor gering, die Assoziation mit sexuellem Handeln aufgrund des Wortteils sexuell führe in die Irre. Der deshalb entstandene Begriff »Transidentität« betone dagegen mehr das Sein als das Tun. Wie transidente Menschen sich selbst bezeichnen, sei ihnen aber selbst überlassen, ihre »geschlechtliche Selbstdefinition zu respektieren«.16


Hohe Hürden für die Personenstandsänderung

Seit 1981 kann das von dem in der Geburtsurkunde vermerkten abweichende Geschlecht rechtlich anerkannt werden, zuvor müssen allerdings zwei voneinander unabhängige psychiatrische/psychologische Gutachten Zweifel am Geisteszustand der Antragstellenden ausschließen.17 Hohe Hürden sind auch zu überwinden beim Antrag auf Namensänderung oder eine Geschlechtsumwandlung nach dem Transsexuellengesetz von 1995, erklärt Prof. Johanna Schmidt-Räntsch.18 Aus eigener Betroffenheit schildert die Richterin am Bundesgerichtshof die Entwicklung des juristischen Umgangs mit Transsexualität im deutschen Recht.19 Wenn bei der Geburt eines Kindes das Geschlecht angegeben werden muss, kann »von diesem Eintrag nur abgesehen werden, wenn das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden kann«, ein dennoch erfolgter Eintrag könne allerdings auch wieder gelöscht werden«20.

Als historisch gilt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom November 2017: Demzufolge gilt »der Schutz vor Diskriminierung wegen des Geschlechts« nicht nur für Männer und Frauen, sondern »auch für Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen«21. Das Gericht beauftragte den Gesetzgeber zugleich, bis Ende dieses Jahres auch intersexuellen Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann betrachten, eine gesetzliche Möglichkeit zu eröffnen, ihre ganz eigene geschlechtliche Identität im Personenstandsregister eintragen zu lassen.

Transidente Menschen, die ihren Vornamen oder ihren Geschlechtseintrag ändern lassen wollen, müssen bisher hohe rechtliche Hürden überwinden, das aber gelingt 99,5% der Antragstellenden.22 Weit schwieriger zu bewältigen ist die Übergangszeit während einer Geschlechtsumwandlung. 21,5% transidenter Menschen in Deutschland sind in dieser Phase arbeitslos, weil ihnen während der Geschlechtsumwandlung gekündigt wurde, weiß Beraterin Petra Weitzel, andere bekommen schlechtere Jobs im selben Unternehmen. Weil viele vor einer Behandlung den Krankenkassen gegenüber erst krankhaften Leidensdruck nachweisen müssen, seien Depressionen nicht selten. »Es kann das Leben transidenter Menschen sprichwörtlich retten, wenn auf der einen Seite ein verständnisvolles Umfeld und auf der anderen Seite ein frühzeitiges Begleit- und Hilfsangebot bereitsteht«, meint Weitzel. Transidente erhofften von Kirche und Diakonie Verständnis, Unterstützung und Beratung, insbesondere auch für ihre Angehörigen.23


Tiefe Leiderfahrungen Betroffener

Das tiefe Leid von sexueller Vielfalt Betroffener und ihrer Angehörigen offenbaren Interviews mit Trans*menschen. Viele brauchen Jahre und Jahrzehnte bis er/sie sich selbst und den engsten Angehörigen eingestehen kann, anders zu sein als der Anschein. Noch weiter und schmerzlicher ist der Weg, sich schließlich Außenstehenden wie Arbeitgebern oder gar Gemeinde- und Vereinsmitgliedern zu offenbaren.

»Viele Jahre war die Geschlechtskörperdiskrepanz etwas, was ich zwar erlebte, aber nicht einordnen konnte«, erinnert sich die bayerische Pfarrerin Dorothea Zwölfer24. Sie erlebte an ihrem Körper eine Diskrepanz zwischen dem, was »ist« und dem, was eigentlich »sein sollte« – ähnlich einem Hunger, den sie aber nicht benennen konnte. Ihr Gewisswerden vergleicht sie mit zwei übereinanderliegenden Puzzle-Bildern: »Unten lag schon immer das Bild von Dorothea, aber irrtümlicherweise wurde das Bild von Andreas obendrauf gelegt, ohne dass jemand etwas von dem geahnt hätte, was in mir angelegt war. Aber Dorothea kam immer neu zum Vorschein«, ähnlich dem unteren der beiden Puzzles. 2011 schließlich – nach 25-jähriger Ehe – konnte sie nicht mehr weiterkämpfen; 2013 outete sie sich dann auch vor ihrer Gemeinde und wechselte nach Rücksprache mit der Kirchenleitung in einen Sonderdienst. Inzwischen ist Dorothea Zwölfer über 30 Jahre mit ihrer Frau Claudia verheiratet.

Während der Geschlechtsumwandlung habe sie sich wie Jona im Bauch des Fisches gefühlt oder wie Jeremia, der Prophet wider Willen. Hilfreich für sie waren neue neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Der Begriff »NIBD« (Neuro-Intersexual Body Discrepancy – neurointersexuelle Körperdiskrepanz) weitete ihr Verständnis. Demzufolge gibt es nicht »den Mann« oder »die Frau«, sondern ein ganzes Spektrum an sexuellen Ausprägungen im Blick auf Geschlecht, das wir Menschen von uns selbst wissen.25 Die Einzigartigkeit jedes Menschen gelte insofern nicht nur für den individuellen Fingerabdruck, sondern auch im Blick auf das Geschlecht, das im Gehirn verankert ist.

Transsexuelle Menschen besäßen »ein tiefes inneres Wissen, dass ihnen bei der Geburt ein Geschlecht vorenthalten wurde«. Die Genitalien seien gewissermaßen geschlechtlich »diskrepant zum Gehirn«. Transsexualität sei also weder eine »schwere psychische und unerklärbare Krankheit« noch eine »anerzogene (und damit therapierbare) Störung«26, sondern eine von vielen angeborenen Varianten geschlechtlicher Vielfalt, die bereits vorgeburtlich fest im Menschen verankert ist. Die Angleichung von Körper und Lebensweise an das eigentliche Geschlecht sei darum natürlich.


Herausforderung für kirchenleitendes Handeln

Der Umgang mit transidenten Menschen ist eine große Herausforderung für kirchenleitendes Handeln, stimmen Bertold Höcker (Superintendent des Kirchenkreises Berlin Mitte, EKBO) und Kirchenpräsident Volker Jung (EKHN) überein27. Beide wurden durch den Kontakt mit Betroffenen auf die besonderen Probleme Transidenter aufmerksam. Bertold Höcke musste sich mit erneuten Taufbegehren nach einer Personenstandsänderung auseinandersetzen, weil die Taufurkunde sich noch auf den andersgeschlechtlichen Vornamen bezog und erlebte Anfragen, v.a. auch von transidenten Jugendlichen. Sie veranlassten auch Kirchenpräsident Jung zur Beschäftigung mit dem Thema, das lange weitgehend von der Kirche unbeachtet blieb.

Um Bewusstsein für die Problematik zu schaffen, versucht Höcke seine liturgische Sprache transgendersensibel anzupassen und lässt z.B. Psalmen nicht mehr abwechselnd zwischen Frauen und Männern beten, sondern im Wechsel von »hohen und tiefen Stimmen«.28 Bei Bauvorhaben in den Kindertagesstätten des Kirchenkreises und allen seinen öffentlichen Neubauten »bauen wir nur noch Unisex-Toiletten mit und ohne ­Urinal«29.

Rituell ist Höcke der Segen wichtig, der allen gilt. Besonders für transidente Menschen ist ihm das Taufgedächtnis wesentlich, »weil mir deutlich geworden ist, dass sie als Person getauft sind, egal welche Geschlechtsmerkmale diese Person hat. Und gerade wenn diese sich ändern oder erst ausbilden, muss immer klar sein: Das Grundsakrament der Taufe trägt mich«30. Weil in Christus alle Menschen gleich seien (Gal. 3,28), »gelten alle sonst üblichen Rituale in der Kirche »natürlich auch für Trans- und Interpersonen«31. Für das alltägliche Gemeindeleben gelte mit Martin Luther: »Alle Stellen der Heiligen Schrift, die nicht zur Tröstung dienen, darfst du getrost verwerfen.«32 Die Bibel sei im Blick auf einige Aspekte hin konkreter auszulegen. Luther selbst habe gesagt: »Die Wahrheit findet man immer nur durch Streit und Auseinandersetzung.«33 Wenn Menschen die Heilige Schrift angstgesteuert eng auslegen wollen, entspräche das nicht dem biblisch-exegetischen Befund und der evangelischen Freiheit.

Volker Jung sieht Kirchenleitung vor der Aufgabe, das Thema aufzugreifen und »mit guten theologischen Gründen zu zeigen, dass es hier um eine Grundprägung von Menschen geht, die mit der Schöpfung gegeben ist«, und das Thema zu »entmoralisieren, also nicht etwa zu sagen, das können sich Menschen frei aussuchen oder es ist eine Frage ihrer sexuellen Moral«34. Er will Menschen in ihrer Grundprägung akzeptieren, neu wahrnehmen, umdenken und den Horizont öffnen. Zwar entspreche die Unterscheidung von »Mann« und »Frau« empirischer Wahrnehmung, jedoch nicht im Sinne einer Norm. Wir müssten lernen, »dass biblische Texte nicht alles abdecken, was wir an Wirklichkeit wahrnehmen«, und diese Debatte theologisch führen. Im nächsten Schritt seien grundlegende Prägungen als »etwas von Gott Gegebenes zu verstehen und dann auch transidenten Menschen zu sagen: So wie Du bist, bist Du von Gott gewollt«35.


Vielfalt ist Reichtum

Vielfalt bereichert unser Leben, ist aber auch anstrengend, betonen Kirchenpräsident Jung, Superintendent Höcke und auch die ebenfalls betroffene Kirchenmitarbeiterin Christiane Zwank (Küsterin in der EKBO)36. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass die Akzeptanz von Transsexualität und Transidentität Zeit braucht. Dabei hat sie selbst – ähnlich wie Dorothea Zwölfer – gute Erfahrungen in der Kirche gemacht, sie kennt aber auch ganz andere Biografien.

Wenn auch das menschliche Geschlecht vielfältig sein kann, ist Transsexualität kein Fehler, sondern eine Bereicherung der Fülle menschlicher Wirklichkeit, meint Christiane Zwank. Sie wünscht sich für trans- oder intersexuelle Gemeindeglieder sensible Gemeinden, die Betroffene unvoreingenommen als Kinder Gottes in ihre Gemeinschaft hineinnehmen. Als Sünde konnte und kann sie ihren Weg nicht begreifen, denn bereits im Fötus seien erst einmal beide Geschlechter angelegt. »Insofern ist eine geschlechtsangleichende Veränderung des Körpers für mich heute ganz selbstverständlich und natürlich«, betont sie. Mit der Anpassung sei sie viel freier und politischer geworden. Ihre Arbeit habe dies »zum Positiven verändert«37 und ihren christlichen Glauben »eher gefestigt, weil ich mich eben nicht darin bestätigt gesehen habe, dass es Sünde ist.«38


Anmerkungen:

* In gekürzter Version zuerst erschienen im Korrespondenzblatt des Bayerischen Pfarrvereins 5/2018.

1 Petra Weitzel in: Reformation für alle, Transidentität/Transsexualität und Kirche, 8.

2 Näheres dazu s.u.

3 A.a.O., 14ff.

4 A.a.O., 15.

5 A.a.O., 16.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 A.a.O., 18.

9 Ebd.

10 Das Phänomen Transidentität in (kultur-)historischer Perspektive und Konsequenzen für das christliche Weltbild, a.a.O., 9ff.

11 Transidentität und Transsexualität gestern und heute, a.a.O., 6.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 A.a.O., 6.

15 A.a.O., 7.

16 A.a.O.

17 Ebd.

18 Transsexualität im Recht, a.a.O., 19ff.

19 A.a.O., 19.

20 Ebd.

21 Berliner Zeitung vom 9. November 2018, 5.

22 Weitzel, a.a.O., 7.

23 A.a.O., 8.

24 Die theoretischen Erwägungen in »Reformation für alle, Transsexualität/Transidentität und Kirche« werden von zwölf Interviews mit transidenten kirchlichen Mitarbeiter*innen ergänzt, eine von ihnen ist Dorothea Zwölfer, die ab S. 60 sehr offen über ihren Lebens- und Glaubensweg als transidenter Mensch Auskunft gibt.

25 A.a.O., 61.

26 Ebd.

27 Siehe Interviews, a.a.O., 34-38 und 44-47.

28 A.a.O., 35.

29 Ebd.

30 A.a.O., 36.

31 Ebd.

32 Ebd.

33 A.a.O., 37.

34 A.a.O., 46.

35 Ebd.

36 A.a.O., Interview, 76-80.

37 A.a.O., 78.

38 Ebd.

 

Über den Autor

Pfarrerin i.R. Sabine Ost, Jahrgang 1954, Studium in Hamburg, Tübingen, Heidelberg und Erlangen, Vikariat in Frankfurt/M., von 1980-2015 Pfarrerin in Bayern in unterschiedlichen Arbeitsbereichen in Franken, seit 2015 Ruhestand in Berlin, ehrenamtliche Mitarbeit in der EKBO und publizistisch tätig: u.a. an GottesdienstPraxis (Gütersloher Verlagshaus) und Weitergehen (Kaufmann-Verlag).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2018

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