Wenn transidente Menschen Unterstützung im Pfarramt suchen

Von: Klaus-Peter Lüdke
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Transidentität ist nicht häufiger geworden als bisher. Aber durch die öffentliche Berichterstattung in den Medien ist sie aus dem Schatten des Lebens in eine gewisse öffentliche Akzeptanz gerückt. So wagen transidente Menschen und deren betroffene Angehörigen nun vermehrt die Kontaktaufnahme mit dem Pfarramt, wo sie sich Unterstützung erhoffen.

Was ist Transidentität?

Transidentität ist das sichere Wissen, ein anderes Geschlecht zu haben als das bei der Geburt festgestellte. Es gibt keine Entscheidung, transident leben zu wollen. Die Geschlechtsidentität ist vorgeburtlich festgelegt und einfach da. Begleitet wird dieses Wissen um das abweichende Identitätsgeschlecht von einem radikalen Unbehagen in der sozialen Rolle und im Körper des biologischen Geschlechts. Schon in früher Kindheit, oft erst mit den geschlechtsspezifischen Veränderungen der Pubertät, wird die der eigenen Identität widersprechende Geschlechtsrolle abgelegt, ein neuer Name gefunden und mit ärztlicher und therapeutischer Hilfe der Körper an das Identitätsgeschlecht angepasst, sofern das Auseinanderfallen von Körper und Geschlechtsidentität einem erfülltem Leben entgegensteht.


Transidentität in der Seelsorge

Seelsorge wird gesucht, wenn transidente Christ*innen und insbesondere deren Angehörige, die mit der Transidentität ihres Familienmitgliedes konfrontiert werden, dieses Phänomen auch geistlich-theologisch einordnen wollen. Große Probleme bereitet aber auch ein Bruch in der Familie zwischen Unterstützern und Gegnern der Betroffenen oder im schulischen, beruflichen oder kirchlichen Umfeld. Jesus selbst geht sehr gelassen mit dem Wissen um ein von Geburt an außergewöhnliches Geschlecht um (Mt. 19,12). Er wirbt darum, diese außergewöhnliche Schöpfungsgabe anzunehmen. Das Umfeld braucht dazu Aufklärung und vor allem viel Zeit, den Menschen in seinem Anderssein anzunehmen.


Erwartungen an das Pfarramt

Vor der amtsgerichtlich entschiedenen Namens- und Personenstandsänderung müssen transidente Menschen in allen sozialen Bezügen mit neuem Namen und in der neuen Rolle gelebt haben und dieses dokumentieren, um das Recht darauf verliehen zu bekommen. Manche Transidente scheuen diesen Prozess aufgrund der vierstelligen Verfahrenskosten und leben länger in der neuen Identität, ohne diese amtlich nachweisen zu können. Fallen Kasualien oder Pat*innenschaften in diese Zeit, sind transidente Menschen auf die Unterstützung der Pfarrämter angewiesen. Und dazu sind Pfarrämter auch in der Lage: Weder in der Patenbescheinigung, in der Tauf- oder Konfirmationsurkunde ist das Geschlecht aufgeführt. Dazu kann in die kirchliche EDV oder auch ins alte Kirchenbuch der gebräuchliche Vorname eingetragen werden, der von dem biologischen Geburtsgeschlecht abweicht. Er kann in der Urkunde als einziger aufgenommen werden. Letzteres gilt auch für die Trauurkunde.


Bedeutung der Kirche

Neben der individuellen Annahme transidenter Gemeindeglieder ist eine erhöhte Sensibilität im Umgang der bislang noch häufig üblichen geschlechtsspezifischen Aufteilungen in der Liturgie zwischen Frauen und Männer hilfreich. Nützlich wären stattdessen geschlechtsunabhängige Gruppeneinteilungen in der Liturgie und Bildungsarbeit, beispielsweise etwa diesseits und jenseits des Kirchenmittelganges, zwischen höheren und tieferen Stimmen oder nach dem Alphabet. Mehr noch wäre eine Segensfeier anlässlich der rechtlichen Transition oder Transformation eines transidenten Menschen eine wunderschöne Gelegenheit, ihm die voraussetzungslose und unbedingte Liebe Gottes zuzusprechen. Die neugegossene oder umgeschriebene Taufkerze könnten überreicht werden oder eine auf den neuen Namen neu ausgestellte Taufurkunde. Geschähe dies im Gottesdienst, würden die Akzeptanz und das soziale Umfeld dieses vom Schöpfer außergewöhnlich begabten wie herausgeforderten Menschen gestärkt.


Missionarische Chance

Familien transidenter Kinder und Jugendlicher, die sich bislang außerhalb der Kerngemeinden bewegten, haben sich – wie sie mir erzählten – durch die bedingungslose Unterstützung ihres Pfarramtes bei Kasualien in ihren Kirchengemeinden willkommen gefühlt. Das führte sie in die Kerngemeinden hinein, zu einer neuerlichen oder erstmaligen Auseinandersetzung mit ihrem Glauben bis hin zur Entscheidung, das Gemeindeleben aktiv mitzugestalten.

Klaus-Peter Lüdke


Literatur

Klaus-Peter Lüdke, Jesus liebt Trans. Transidentität in Familie und Kirchgemeinde, 2018

Reformation für alle*, Transidentität/Transsexualität und Kirche (http://tur2017.de)

Segen, Ritus, Kasualie – die Agende (auf: www.quikt.de)

 
Pfarrer Klaus-Peter Lüdke, … Sie haben drei Kinder und wurden von der Transidentität ihres jüngsten Kindes überrascht. Als Christen haben sie den Weg zu seiner gelebten Geschlechtsidentität in sein neues, soziales Geschlecht mit neuem Namen – von der ökumenischen und kleinstädtischen Öffentlichkeit aufmerksam beobachtet – unterstützt und begleitet. Ihre persönlichen und geistlichen Erfahrungen sind eingeflossen in das Buch »Jesus liebt Trans. Transidentität in Familie und Kirchgemeinde« (Manuela Kinzel Verlag 2018, ISBN 978-3-95544-096-1, 80 S., 10,- €). Darin versucht Lüdke, für Menschen mit vergleichbaren Erfahrungen wie für die Kirchen Trans* als Geschenk Gottes zu erschließen. Er zeigt hierfür praktische und geistliche Wege auf. Es ist ein verständliches und Verständnis weckendes Buch über Transidentität auf dem Hintergrund durchlebter Erfahrungen und zugleich eine praktische Orientierungshilfe für Menschen mit Berührungen von Transidentität im Familien-, Bekannten- oder Freundeskreis, für Seelsorger*innen, Pädagog*innen sowie für Menschen in Leitungsfunktion in Kirchen und Gemeinden.

Über den Autor

Pfarrer Klaus-Peter Lüdke, evangelischer Diplom-Theologe und Pfarrer der Württ. Landeskirche, ehrenamtlicher Elternberater im Trans-Kinder-Netz e.V. Lüdke teilt seine Gemeindepfarrstelle im nördlichen Schwarzwald mit seiner Frau.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2018

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