Wie Theologie durch Psychiatrie herausgefordert wird
Christus für die Dunkelheit der Seele

Von: Hans-Dieter Schäfer
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Die Psychiatrie ist eine eigene Welt. In dieser Welt Pfarrer oder Seelsorgerin zu sein, bedeutet etwas völlig anderes, Unvergleichliches im Verhältnis zu gängigen pastoralen Praxisfeldern – und dennoch bieten sich Lernerfahrungen am Ort Psychiatrie, die Theologie und Verkündigung auch andernorts auf die Probe stellen und weiterentwickeln. Hans-Dieter Schäfer reflektiert – sehr persönlich – seine Erfahrungen aus über 20 Jahren Psychiatrieseelsorge.*

Für Prof. Dr. Günter Hole
Theologie trifft auf Psychiatrie


Der Einstieg in die Denkwelt und die praktische Arbeit der Psychiatrie war eine meiner größten persönlichen und beruflichen Herausforderungen und ist es noch immer. Die Begegnung mit der Vielfalt seelisch verletzter Menschen hat meine Persönlichkeit und meine Theologie bereichert und mir neue Perspektiven erschlossen. Erfahrung in der Psychiatrieseelsorge »überformt« akademische Theologie in wesentlichen Bereichen. Psychiatrieseelsorge sucht nach Wegen, am fremden Kirchort Psychiatrie neues theologisches Verständnis zu entdecken und in den pastoraltheologischen Diskurs einfließen zu lassen. Günter Hole, ehemaliger Ärztlicher Direktor der Weissenau, mit Doppelqualifikation Medizin und Theologie, lehrte mich, wie wichtig Herzlichkeit im Umgang mit Patient*innen ist. Ihm widme ich diese Betrachtung.

Seit etwa Mitte des 19. Jh. beginnen Philosophie und Theologie zunehmend ihre Zuständigkeit für das Phänomen der sog. Geisteskrankheit an die aufstrebende Wissenschaft Medizin abzutreten. Auch die Psychologie etabliert sich als selbstständige Wissenschaft. Der Graben, den dieser Bruch hinterlassen hat, ist noch heute spürbar. Es gibt wenige Ansätze eines wissenschaftlichen Diskurses zwischen Psychiatrie und Theologie.

Psychiatrieseelsorger*innen arbeiten an geheimnisvollen Themenkomplexen, wir haben den Auftrag, Menschen zu stärken, ihnen beizustehen, ihnen Perspektiven aufzuzeigen, schwierige Situationen auszuhalten, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Unser Auftrag ist die Zeit für heilsame Beziehungen. In die Beziehungsangebote bringen wir unsere Ressourcen ein: spirituelle, theologische, menschliche.

Gerne lasse ich mich in meiner Theologie herausfordern, obwohl mir sehr bewusst ist, dass Herausforderungen auch heftig schmerzen können, vor allem, wenn sie nicht zu einer Weiterentwicklung der Persönlichkeit und zu einer Berufszufriedenheit, sondern zur Stagnation oder, schlimmer noch, zum Rückschritt oder gar zum Scheitern führen. Die größte Herausforderung im Lernfeld der Psychiatrie bedeutete für mich der Anruf des Schulleiters unserer Schule für Kranke der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es war im Jahr 2000 und ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Wortlaut: »Herr Schäfer, könnten Sie als Krankenhauspfarrer ein Sinnangebot für unsere älteren Schüler*innen machen? Wir Lehrer*innen fühlen uns komplett überfordert, wenn die seelisch verletzten Jugendlichen mit ihren existenziellen Fragen auf uns zukommen mit Fragen wie nach dem Lebenssinn oder der Theodizee.«

Unterricht in Sinnfragen? Wie soll das gehen? Aus dieser Anfrage ist ein nachhaltiger Unterrichtsauftrag in unserer Krankenhausschule und in unseren niederschwelligen Drogeneinrichtungen entstanden. Der Auftrag mündete ein in eine wissenschaftliche Bearbeitung einer speziellen Religionspädagogik im traumasensiblen Bereich seelisch verletzter Schüler*innen und schließlich zu einer Dissertation am Fachbereich Praktische Theologie der Universität Tübingen (Krankenpädagogischer Religionsunterricht – Religiöse Bildung in den Schulen für Kranke der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Neukirchen 2016).


Eigene biografische Prägungen

Wenn Theologie auf Psychiatrie trifft, so ist das ein komplexes Geschehen. Als Theologe habe ich Anteil an verschiedenen theologischen Lehrgebäuden und -entwürfen, von denen ich mir Überzeugendes mehr oder weniger angeeignet habe. Die wichtigsten Anteile meiner Theologie basieren in großen Stücken auf der Theologie Jürgen Moltmanns. Seine trinitarische Hoffnungstheologie und vor allem das Werk »Theologie der Hoffnung« konnte ich in großen Stücken innerlich durchdringen. Es vermittelte mir in schwierigen Phasen existenzielles Licht. Neben manchen Klassikern zur Seelsorge ist mir ein Aufsatz von Henning Luther wichtig geworden: »Die Lügen der Tröster«, in dem Luther aus eigenem Erleben beschreibt, wie Seelsorge auf ihn während seinem eigenen zum Tod führenden Krankheitserleben gewirkt hat.

Das, was ich von der Theologie verstanden habe und ich mit meiner geprägten und sich entwickelnden Persönlichkeit verbinden konnte, dient mir als wertvolles substantielles Basiswissen, durch das ich mich im Austausch sicherer fühle. Theologie ist für mich eine Grundhaltung, eine Lebenseinstellung, so etwas wie ein Gesamtkunstwerk, das sich in meiner Seele nach und nach ausgebildet hat und immer noch weiterbildet und das mich nach wie vor fasziniert und mobilisiert. Freude an Wissenszuwächsen und Freude an der Erkenntnis auch im spannungsreichen Lernfeld gehören für mich dazu, aber auch Spaß und Lust an der eigenen Weiterentwicklung.

Psychiatrisch angeregt und geformt wurde ich durch Klaus Dörner, dessen konsequenter psychiatrie- und gesellschaftskritischer durch Soziologie und Psychiatriegeschichte geprägter Ansatz bei den Schwachen einen großen Eindruck auf mich hinterlassen hat. Die durch Thomas Bock und Dorothea Buck erweiterte trialogische Konzeption (Stichworte: anthropologische Psychiatrie, Augenhöhe, herrschaftsfreier Diskurs, Experte aus eigener Erfahrung, EX-In Genesungsbegleiter*innen) haben mir wesentliche Impulse gegeben. In der Sozialpsychiatrie entdeckte ich viele jesuanische Perspektiven. Nach mittlerweile 22 Jahren Erfahrung in der Psychiatrieseelsorge bringe ich eine starke Subjektivität ein, deren ich mir bewusst bin und die ich analysiere und reflektiere (20 Jahre Supervision, Balintgruppen, zahlreiche Fortbildungen zu Themen der Psychiatrie …). Mir ist die Gefahr eines einseitigen, apodiktischen Denkens bewusst. Eine durch Psychiatrieerfahrung geprägte Theologie ist für mich keine abgekoppelte Extratheologie, sondern kontextuelle, fragmentarische und darin existenzielle Theologie, geprägt durch die Menschen, die mir täglich begegnen, auf der Akutstation, der spezialisierten Station für depressiv Erkrankte, von der Schule für Kranke bis zum Fachpflegeheim, im Kirchencafé, bei den Gottesdiensten und im weit verzweigten parkähnlichen Gelände, das einmal Kloster war und im Jahr 1892 zur Psychiatrie wurde.


Die religiöse Welt der psychiatrischen Patienten

Schwierige Stimmungsregulation, Affektleben, Kontaktverhalten, Antrieb – all das wirkt auf die religiöse Ebene. Es kommt zu Veränderung der religiösen Einstellung durch Krankheitsbilder, die mit folgenden Stichworten zu beschreiben sind: erhöhte Komplexität, auffällige Simplifizierung, Überharmonie der bizarr-biederen theologischen Welt. Kombination herkömmlicher Erlebensmuster mit pathologisch entstandenen Mustern, spezielle Eigenoffenbarungen, archetypische Eruptionen, abrupter Wechsel von Stimmungen. Die Vielfalt der Krankheitsbilder wirkt sich vielfältig auf Religiosität aus. Ein paar Stichworte mögen genügen: depressiver Glaubensverlust, religiöse Minussymptomatik, depressive Schuldgefühle maximieren in Richtung Versündigungswahn, spektakuläre psychotische Symptomatiken (messianischer Wahn, prophetischer Wahn, Weltuntergangswahn, Opferwahn), Überkompensation (psychotische Entbindung von eingebundenen Größen­phan­ta­sien: »es ist schwer auszuhalten, Norm zu sein«; »Ich bin der größte aller Sünder«; »eine Größe in der Destruktion haben«).

Das alles macht etwas mit uns! Das alles macht etwas mit unserer Theologie! Theologie ist ein fließendes Geschehen. Hinzu kommen Gewissheitskonkurrenzen im Psychiatrischen Krankenhaus. Wie gehen wir damit um, dass Theologie und Psychiatrie/Psychologie Seelenarbeit betreiben? Ein Vergleich mit den somatischen Krankenhäusern zeigt: Dort ist Seelsorge meist eingebunden in Palliative Care. Am Lernort Psychiatrie gilt es wahrzunehmen, wie die Christusverheißung für die spezifische Situation Psychiatrie in ihren speziellen Kontexten relevant werden kann. Es geht im Wesentlichen um Traumasensibilität, um Teilhabe an einer Gesamtemotionalität und um den gesellschaftlichen Aspekt von Seelsorge (Anti-Stigmatisierung und Eintreten gegen die Ausgrenzung psychisch Kranker). Psychiatrieseelsorge hat immer auch einen gesellschaftspolitischen Effekt: Das Berühren einer Hand auf der Intensivstation oder im psychiatrischen Fachpflegeheim ist als politische Haltung zu verstehen (Andreas ­Heller).

Grundlegend geht es um eine dem Lernfeld angemessene authentische Interpretation und Ausübung der pastoraltheologischen Grundlagen: Seelsorge, Verkündigung, Unterricht.


Kritischer Umgang mit leeren Phrasen

Zunächst: Ich habe mir einen sehr kritischen Umgang mit leeren Phrasen und vollmundigen Überzeugungen angeeignet. Formulieren wir es positiv: Ich bemühe mich, in meiner Sprache, in der Art, wie ich Seelsorge zu praktizieren versuche, leere Formeln, Phrasen und Worthülsen zu vermeiden, dafür seelisch nahe am Menschen und seinen Lebenszusammenhängen zu sein, hier anzuknüpfen, auszuhalten, wohl wissend, dass die Verarbeitungsmechanismen aufgrund seelischer Irritation und Verletzung sehr speziell sind und wir an allen Ecken und ­Enden mit Missverständnissen rechnen müssen.

Missverständnisse sind oft vorprogrammiert, müssen aber nicht zum Verhängnis werden, wenn wir den Menschen mit Sympathie und Empathie begegnen. Ehrliches Verstehenwollen gleicht aus. Ob wir wollen oder nicht, wir sind eingebettet in die Gesamtemotionalität eines Systems. Ich frage mich bei jedem Schritt, den ich aufs Krankenhausgelände, auf die Stationen, in die Zimmer setze: Was kann ich beitragen zur Gesamtemotionalität einer Station, eines Krankenhauses?

Wie oft wird in unseren Predigten behauptet und aufgefordert? Erschreckend und verstörend sind Aussagen, die zur Formel erstarren und ohne existenzielle Anknüpfungspunkte bleiben. Es ist die harte Schule der Psychiatrie, die mich kritisch zuhören lässt, manchmal bis zur Unerträglichkeit. Fulminante Glaubensäußerungen hinterfrage ich; je fulminanter, desto stärker hinterfrage ich das. Ich habe genug von einer Strohfeuertheologie und von den sog. freien Christen, die mit pseudo-familiärer Atmosphäre psychisch verletzte Menschen anlocken und dann dieselben wie heiße Kartoffeln fallen lassen, wenn sie nicht nach ihren Regeln leben. Ich bin volkskirchlicher, landeskirchlicher geworden. Gerade den Jesus mit seinen Heilungsperspektiven, sein auf Beziehung, Dialog und Kommunikation ausgerichtetes Wesen habe ich in der Psychiatrie neu entdeckt.


Wahrnehmung religiöser Ambivalenzen

Ich habe gelernt, dass die Fragen, die das Leben stellt, äußerst komplex sind und nicht auf einfache Antworten reduziert werden können. Es geht darum, einen eigenen, authentischen Glaubensweg durch die Komplexität der Welt zu finden. Es gilt, die Fragilität einer heutigen religiösen Existenz offenzulegen in allen Widersprüchen. Die Frage muss immer wieder gestellt werden: Wie lässt sich gesunde von krankmachender Religiosität abgrenzen? Wie gehen wir mit der Beobachtung und mit dem Wissen um, dass religiöse Anteile sowohl krankmachende als auch heilende Wirkung entfalten können?

Die Chance der Religion: heilend, stabilisierend, haltgebend, Schutzfunktion, Stärkung der Vertrauensfähigkeit (Stärkung des Vertrauens?), Vertrauen auf die Kraft der Liebe, Urvertrauen und Gottesbeziehung, Lebensfreude und fröhliche Anteile, Umgang mit Leid, Schmerz, Angst und Schuld, religiöses Gemeinschaftserleben, soziale Verantwortung, Gewissen.

Das Risiko der Religion: einseitige schädigende religiöse Erziehung, düster-strafender Aspekt, Leibfeindlichkeit, Perfektionismus (!), autoritäre Glaubensformen (Gehorsam), depressiver Zusammenbruch (»Alles oder Nichts«), psychotischer Zusammenbruch (Erhöhungs- und Größenwahn, Angst, Besessenheit, Dämonen).

Um in diesem Spannungsfeld zwischen Risiko und Chance einen eigenen Weg zu finden, haben mir die existenziellen Wahrheiten Jesu (nach Doris Nauer) geholfen:

• keine Berührungsangst
• Leiblichkeit, Zärtlichkeit
• Aufwertung beschädigten Lebens, heilendes und vergebendes (mit den Ressourcen verbindendes, zum Weiterleben führendes) Handeln
• radikales Ernstnehmen des Gegenübers, Erwartung entscheidender Inhalte vom Gegenüber, Eröffnung einer symmetrischen Beziehungsstruktur
• Risiko durch helfendes Handeln (Heilungsgeschichten) – öffentlicher Einsatz für Notleidende
• Jesus hat an seinem Leib die Schöpfung getragen
• im Antlitz eines notleidenden Menschen Gott selbst sehen
• unantastbare Würde des (seelisch) verletzten Menschen
• Wahrnehmung individueller, struktureller, sozialer Aspekte.


Neudefinition des traditionellen Kanzelmusters

Den Mystiker*innen gewinne ich immer mehr ab. Sie haben die Dunkelheit der Seele erlebt und beschreiben ihre seelischen Kämpfe intensiv. Ihre seelischen Prägungen stehen den Prägungen der Psychiatrieerfahrenen sehr nahe.

Ein Freund der Psalmen war ich schon immer, die Erfahrung im psychiatrischen Kontext hat mich mit den Psalmen und ihren sowohl ungestümen als auch tröstlichen Aussagen noch mehr verbunden. Was Paulus als Glaubensanstrengung fordert, klingt im Ohr eines depressiven Menschen, der diese Glaubensfähigkeit im Moment nicht aufbringen kann, bitter. Mit den paulinischen Imperativen tun sich die Kranken schwer. Es ist zu reflektieren, ob und wie wir Glaubensanforderungen und Ansprüche in unsere Predigten verpacken. Dies geschieht meist unbewusst.

Der Gottesdienst hat zwar keinen therapeutischen Anspruch, er kann jedoch therapeutische Effekte haben. Den Ritualen kommt eine eigene Bergekraft zu, sie können für seelisch verletzte Menschen wohltuend wirken. Aber am Anfang steht die Beziehung. Darum: Keine Lehrformeln ohne empathische Anbindung an die religiöse Welt der Betroffenen. Gottesdienste müssen Veranstaltungen des Zuspruchs sein, eingebettet in ein authentisches Beziehungsgeschehen. Folgende Kontrollfragen sind nützlich: Wie verhält es sich mit der Glaubensfähigkeit (z.B. in der Depression oder durch Psychose veränderte Glaubenswelten) meiner Gottesdienstbesucher? Wie kommt der Zweifel, die Gottesferne zur Sprache?

Sprache, Gestus, Verhalten sind aus der Perspektive einer Gesamtemotionalität und einer gemeinsamen Verantwortung zu überprüfen. Im Kontext von Psychiatrie scheitert das traditionelle mittelschichtig-bürgerliche »Kanzelmuster«. Die Gedanken der Gottesdienstbesucher*innen sind oft affektiv besetzt. Der durchschnittlich psychisch Kranke ist für die durchschnittlich gemachte Predigt überfordert. Er/sie denkt in Einfällen, Assoziationen und Kurzgedanken. Gottesdienst bedeutet Extremkonzentration. Gottesdienste sind Gegenwelten zu Stationsalltag: heiliger Raum, Musik, abstraktes Signalsystem durch Sprache, Intellektualität – all das bedeutet eine andere Anmutung an mich als Prediger. Zu den verbalen Ebenen müssen die atmosphärischen Ebenen kommen, etwa in Form von »Anregungsgedanken«.

Taugt der Gottesdienst für Gesunde und Kranke gleichzeitig? Ausgrenzungstheologie gab es historisch nicht. Klar gibt es die niederschwelligen Gottesdienste im Fachpflegeheim. Aber auch dort heißt es: Gottesdienst mit allen! Für Bewohner*innen, Angehörige und mithörendes und manchmal – aufgrund der Arbeitsverdichtung im pflegerischen Kontext – auch für mitfeierndes Fachpersonal. Das inklusive Konzept der Psychiatrieseelsorge sieht vor, dass immer Gottesdienste mit allen gefeiert wird. Alle Angebote sind für alle geöffnet. Wo es nur geht, sollte der Gemeindebezug gefördert werden in ungekünstelter Begegnung.

Bei der Liedauswahl habe ich mir eine sehr kritische Haltung zugelegt, bis hin zur Frage: ob Aussagen wie »Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn« etwa Suizidwünsche verstärken oder bestimmte Passionslieder Psychosen auslösen können. Heute bin ich etwas barmherziger mit den Liedern geworden und räume Zeitbedingtheit ein. Texte sollten auch als Texte ansprechen, denn das weckt positive Affekte. Es können (und dürfen) auch jederzeit abwegige Gedanken und Gefühle hochkommen (nicht nur bei psychisch Kranken). Missverständlichkeiten sind vorprogrammiert; die lassen sich nie ganz ausschließen und oft nicht einmal im klärenden Gespräch ausräumen. Trotzdem gilt es in jeder Situation gesprächsbereit zu bleiben.


Neue Diskursivität und Interdisziplinarität

Diskurs und Begegnung aber auch Skepsis und Anzweiflung haben meine Theologie über die Jahre geschärft. Sie ruft mehr und mehr danach, weiter in den Diskurs zu treten: mit Psychologie und Psychiatrie, mit Ethik, mit Philosophie, mit den Humanwissenschaften, mit der Lebens- und Glaubenswelt anderer Religionen. Um sich dem Diskurs stellen zu können, sollte ein basales Wissen über die Störungsbilder vorhanden sein. Nur durch kognitive, emotionale und soziale Intelligenz lassen sich die Herausforderungen des Diskurses bewältigen.

Leider entdecke ich immer wieder ein Missverhältnis zwischen dem, was wir uns als Theolog*innen über pathologische Prozesse aneignen und dem was Ärzt*innen und oft auch das Personal über Theologie und Seelsorge in Erfahrung gebracht haben. Dazu kommt, dass viele Ärzt*innen die Religion in ihrer neurotischen, pathogenen Form wahrnehmen. Es ist eine Einseitigkeit spürbar, die in keinem Verhältnis zu den positiven Kräften steht, die Religion ausstrahlen kann. Wissensvermittlung ist angesagt, aber auch gemeinsame Projekte.

Ein Beispiel: Diskurs über das angemessene Gedenken – Vor 20 Jahren wurde im ZfP Südwürttemberg/Weissenau eine »Arbeitsgruppe Gedenktag« einberufen. Die AG war hochrangig, interdisziplinär besetzt. Unsere Aufgabe war es, im Wechsel mit der Stadt Ravensburg mit Gedenkfeiern und Schülerveranstaltungen an die Krankenmorde zu erinnern. 691 Menschen wurden in Weissenau mit grauen Bussen abgeholt und nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb gebracht und noch am selben Tag in den Gaskammern ermordet. An diese Menschen erinnern wir jährlich am 27.1. mit 691 Glockenschlägen, die von der nahen Abteikirche dumpf durch das Gelände hallen. Die Diskussion über angemessenes Gedenken entflammt jedes Jahr neu.

Dieser Diskurs hat mich einfühlsamer, aber gleichzeitig gesellschaftskritischer gemacht. Sehr gut zu beobachten ist, wie Ärzte sich dem stellen, was bereits vor 1933 mit ihrer Zunft geschah. In der Aufarbeitung von Erfahrungen des Andienens an das nationalsozialistische Gedankengut sind wir Theo­log*­innen nicht allein: ein Ringen um Angemessenheit, das zu solidarischen Effekten führt.


Profilierung des Psychiatriepfarramts und Vorschläge zur Zukunftssicherung

Auch Psychiatrieseelsorge steht unter dem Diktat kirchlicher Sparmaßnahmen. Ich ­habe versucht darzulegen, warum wir Erfahrungen der Seelsorge in diesem Kontext ­unbedingt brauchen. Das gilt es nun zu vertiefen.

Hinter jeder Station verbirgt sich ein eigener Kosmos, jedes Stationszimmer beherbergt eine spezielle Stimmung, jeder seelisch verletzte Mensch ist eine eigene Persönlichkeit. Wir tauchen in eine vielfach fremde Welt ein. In der Psychiatrie herrscht der Freigeist, nur ausnahmsweise ist Kirchennähe spürbar; stattdessen eher Kirchenkritik und ein großes Maß an »spiritueller Wanderschaft«.

Das Verhältnis zur Klinikseelsorge ist diffus. Es besteht wenig Kenntnis darüber, was Seelsorge in der Psychiatrie ist und was sie leistet. Psychiatrie kommt auch ohne die Seelsorge aus. Die Abläufe funktionieren auch ohne uns. Und doch bringen wir Notwendiges in die Abläufe ein. Es ist die Wirkung, die ein Gespräch, ein Gruppenerleben, eine Feier auf die Patient*innen hinterlässt. Es ist das Beziehungsangebot, jenseits therapeutischer Wirksamkeit. Nicht gering zu schätzen ist die Tatsache, dass wir mit unserer Präsenz in der Klinik zu ihrer Gesamtemotionalität beitragen. Krankenhauspfarrer*in in der Psychiatrie zu sein heißt, ein Pfarramt in einer großen Freiheit ausüben zu dürfen. Der Kontext, in dem Seelsorge stattfinden kann, bildet einen großen Freiraum, den es zu füllen gilt.

Pastoraltheologisch bin ich einem Ansatz verpflichtet, der versucht, Seelsorge, Verkündigung und Unterricht gerade in der Psychiatrie in einen produktiven Zusammenhang zu bringen. Wir haben keinen therapeutischen Auftrag. Das ist eine große Entlastung und ermöglicht andere Beziehungsqualitäten und -ebenen. Wir können zuhören, aufnehmen, mitgehen und die Menschen wahrnehmen, ohne uns auf psychische Defizite fokussieren zu müssen. Die Unterscheidung zwischen Innen und Außen ist obsolet. Ausgrenzende Zuschreibungen wie »die in der Psychiatrie« sollte es in der Theologie nicht mehr geben.

Ich gehöre zu der Spezies von Krankenhauspfarrern, die einem kleinen Gemeindeauftrag (20%) etwas abgewinnen können. Die Kommunikation und Kooperation mit dem Kirchengemeinderat, die Absprache bei Predigtplänen, die Einbettung in eine Gesamtkirchengemeinde und in den Kirchenbezirk helfen, Bereitschaft für die Wahrnehmung psychiatrischer Themen zu wecken, Projekte voranzutreiben und einen tieferen Einblick ins Feld zu ermöglichen.


Zukunftsperspektiven für die psychiatrieseelsorgerliche Arbeit

In der Psychiatrieseelsorge nehmen wir eine besondere und unersetzbare Expertise für die Kirche insgesamt wahr. Diese sollten wir – wo es geht und wo es angebracht ist – auch mutig in die Strukturen einbringen. Folgende Perspektiven sind für mich stimmig:

• Eine Wahrnehmung, ein lernfeldbezogenes Durchbuchstabieren und ein Verknüpfen der drei Felder (Seelsorge, Verkündigung und Unterricht) halte ich am Lernort für ekklesiologisch geboten.
• Wir denken und deuten mit den Werkzeugen, die wir in der Psychiatrie gelernt haben und gleichzeitig mit den Werkzeugen, die wir mitbringen: sozialraumorientiert, systemisch, sozialpsychiatrisch und konsequent anthropologisch-psychiatrisch. Seelsorge ist als Brücke zum Verständnis von seelischen Vorgängen zu deuten.
• Psychiatrieseelsorge versteht ihr Lernfeld als (und im Umfeld von) Gemeinde und bringt sich qualitativ in die Diskussion über Kirchorte ein. Psychiatrieseelsorger*innen sollten Ansprechpartner*innen für seelische Gesundheit in der Region, im Kirchenbezirk sein und sich zum Welttag der seelischen Gesundheit (10. Oktober) engagieren.
• Wo es eine Schule für Kranke und eine Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt, sollte sich Psychiatrieseelsorge religionspädagogisch einbringen. Ein Schulauftrag ist horizont­erweiternd und persönlichkeitsbildend.
• Ein Unterrichtsauftrag in der Gesundheits- und Krankenpflege ist eine sehr geschätzte Möglichkeit, konstruktiv die Kontakte zu pflegen. Sich um einen solchen Auftrag zu bemühen halte ich für selbstverständlich und das ist auch aufgrund der Zusammenlegung der Ausbildung unabdingbar.
• Es gilt die psychiatrisch relevanten und in diesem Kontext vielfach beforschten Begriffe (z.B. Resilienz, Salutogenese, Re­covery, Coping, Trialog, Inklusion) theologisch zu reflektieren und mit pastoraltheologischem Wissen zu konfrontieren. Ziel muss sein, die Exegese der Schrift und die Exegese der psychiatrischen Welt aufeinander zu beziehen im Sinne eines gemeinsamen Lernens und der Anschlussfähigkeit.
• Zur Profilierung der Krankenhauspfarrstellen ist die Kirche/Kapelle als zentraler Raum für Seelsorge und Feier, als Ort der Begegnung (z.B. beim wöchentlichen Kirchencafé mit wechselnden Themen), für »Seelenfrühstück« und Kultur wieder zu entdecken. Die evangelische Kirche Weissenau ist Kulturkirche seit 2015, mit einem inklusiven, hochqualitativen Angebot mit überregionalen Künstler*innen, Kooperation mit Ärzten, Kulturschaffenden und dem Krankenhaus. Die ästhetisch-spirituelle Gestaltung des Kirchenraums und die Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Anziehungskraft gerade für Patientinnen und Patienten in der Psychiatrie bilden einen wesentlichen Pfeiler für die Seelsorge und einen Resonanzraum für Gefühle aller Art.
• Die Relevanz des psychiatrischen Wissens muss mit dem pastoraltheologischen Wissen in Diskurs treten. Soll Theologie in der Psychiatrie ernstgenommen und gehört werden, muss sie an die psychiatrischen Diskurse theologisch »andocken«. Theologische Grundbegriffe/-gewissheiten lassen sich mit psychiatrischen Begriffen verknüpfen und dabei kritisch reflektieren.

Dazu drei Beispiele zum Weiterdenken:

Rechtfertigung und Resilienz
– Was bedeuten biblische Heil- und Heilung(sgeschichten) unter den Paradigmen Salutogenese, Coping, Empowerment?
Kirchen/Krankenhauskapellen sind wahre Schätze und lassen sich als Resonanz- und Kommunikationsräume für disparate Gefühle im Sinne einer Gesamtemotionalität neu entdecken, inklusiv gestalten und kreativ bespielen (Kulturkirchen, Kirchencafé …).


Anmerkung:

* Überarbeiteter Vortrag auf dem gemeinsamen Konvent der badischen und württembergischen Psychiatrieseelsorgenden in Tübingen 9.5.2017.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. theol. Hans-Dieter Schäfer, Jahrgang 1956, seit 1994 Krankenhauspfarrer im Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg/Weissenau mit Gemeindeauftrag, Lehrer an der Staatlichen Schule für Kranke der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dozent für Ethik an der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege, Mitglied im Beirat der Krankenhaus- und Kurseelsorgenden der Evang. Landeskirche Württemberg, Tätigkeit als Supervisor und im Auszeithaus Oberschwaben Bad Waldsee-Reute, Promotion 2015 an der Universität Tübingen bei Prof. Dr. Friedrich Schweitzer zum Thema »Krankenpädagogischer Religionsunterricht – Religiöse Bildung in den Schulen für Kranke der Kinder- und Jugendpsychiatrie«.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2018

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