Zur christlichen Begründung des Konservativismus
Selbstvergewisserung und Neubeginn

Von: Menno Aden
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I. Konservativismus als Begriff

Viele Zeitgenossen setzen »konservativ« mit bestimmten Positionen, die sich im privaten oder öffentlichen Leben äußern, gleich. Plakativ werden die Stichworte genannt: Religion – Ehe und Familie – Vaterland. Konservative, so die unreflektierte Meinung vieler, sind dafür. Konservative, so die Gedankenreihe, sind dann auch für strengere Strafen, für die Bundeswehr, halten auf Tischmanieren, lassen ihre Kinder Latein lernen, tragen Jackett und Schlips usw. Sie sind gegen Abtreibung, gegen Gewerkschaften, gegen, gegen usw. Nach demselben Urteil gelten die Progressiven, Linken, Sozialisten oder wie man sie nennen mag, als Befürworte bzw. Gegner des komplementären Gegenteils. Oft stimmt das auch. Es ist auffällig, wie oft rechte und sogar rechtsextreme Kreise ihr Eintreten für Familie und Vaterland bekunden und insbesondere ihre Fundierung im Christentum.1 Ist das aber konservativ?2

Radikale Reaktionäre wie de Maistre (1753-1821)3, der mit einem kompromisslosen Klerikalismus die Auffassung verband, dass für die Leitung eines Staates nur Priester, Polizei und Militär nötig seien, sind heute selten. Radikale Revolutionäre wie Bakunin (1815-1876), die ebenso kompromisslos Religion, Kirche und Staat ablehnen, gibt es wohl ebenfalls kaum noch. Aber die Übergänge waren immer fließend.

Im heutigen politischen Spektrum westlicher Staaten ist eine klare Unterscheidung zwischen rechts – links, konservativ – progressiv usw. eigentlich unmöglich. Dennoch können wir anscheinend auf einen solchen Begriffsdualismus nicht ganz verzichten. Vielleicht hängt das mit der Struktur unseres Gehirns zusammen, wo der linken und der rechten Hirnhälfte bestimmte Denkformen zugerechnet werden. In der Weltgeschichte jedenfalls lässt sich immer wieder zeigen, dass politische, wissenschaftliche und auch künstlerische Auseinandersetzungen letztlich immer auf einen solchen Dualismus, auf ein Ja/Nein-Schema, zurückfallen.

In einer 2013 erschienenen Anthologie unter dem Titel Was ist konservativ? kommen rund 200 Persönlichkeiten unserer Zeit zu Wort. Von links bis rechts, von der Bundeskanzlerin bis – nun – mir selbst.4 Abhängig davon, wie richtig oder falsch manche der dort vorgetragenen Meinungen sind – allein die Tatsache, dass so viele verschiedene Meinungen geäußert werden, zeigt, wie unsicher der Begriff »konservativ« ist. Aufgrund meiner darin (19f) geäußerten Gedanken möchte ich postulieren:

Konservativ bedeutet eine Methode, bei der, wie in der christlichen Buße, aus Rückschau und komplementärer Vorausschau ergebnisoffen eine Entscheidung oder Handlungsanweisung gewonnen wird.

Das ist im Folgenden auszuführen.


II. Neubeginn und Verbesserung

Wer mit seinem Werk unzufrieden ist, hat zwei Möglichkeiten. Entweder er haut es kurz und klein oder er verbessert es. Der erste Weg ist scheinbar der einfachere. Wer Kinder hat oder selber einmal eines war, weiß, dass Unbesonnenheit zu dieser ersten Lösung neigt. Kinder geraten bei einem Misserfolg leicht in Wut, zerschlagen alles und wollen dann noch einmal von vorne anfangen. Der Erfolg ist beim zweiten und etwa folgenden Versuchen aber oft nicht größer. Die Aufgabe von Eltern und Lehrern ist es, den Zerstörungswütigen zu ermutigen, den zweiten Weg zu gehen, den Fehler zu suchen und das Werk zu verbessern.5 Das ist in der Regel der mühsamere Weg. Er führt aber, wenn auch nicht gleich zum Ziel, so doch auf dem Weg zum Ziel schrittweise weiter.

Wie verführerisch der erste Weg ist, zeigt der Mythos von der Sintflut, wie er in der Bibel (Gen. 8) erzählt wird: Gott selbst, der Schöpfer Himmels und der Erden, war unzufrieden mit dem, was er da zustande gebracht hatte. In einem Anfall von Wut ertränkt und vernichtet er, was er geschaffen hat. Der Mythos hat aber einen zweiten Teil: Es reut Gott, dass er so kleinmütig war gegenüber seiner eigenen Schöpfung und nicht an die Möglichkeit ihrer Verbesserung geglaubt hatte. Er schafft daher in Noah ein neues Geschlecht. Auch das ist zwar fehlerhaft, sogar sehr, wie sich gleich im Folgekapitel zeigt, wo Noah sich betrinkt und Grund hat, seinen Sohn Ham zu verfluchen. Aber Gott ist besonnener geworden. Er verlangt nicht mehr alles auf einmal! Gott will, das besagt der mythische Regenbogen, hinfort nicht umstürzen, sondern bessern.6

Das AT ist im Grunde eine Abfolge von Erzählungen, in welchen Gott angesichts der Sünden seines Volkes immer wieder von einer Art Zerstörungswut befallen wird, sich dann aber doch eines anderen besinnt (u.a. Sach. 1,15f; 8,14f).


III. Buße als Blick zurück

Es ist theologisch wichtig, dass Gott sich im NT entschlossen zeigt, mit den Menschen diesen zweiten Weg, den der Verbesserung, zu gehen. Das NT beginnt nach dem erzählerischen Vorspann in Mt. 3 mit den Worten des Täufers Johannes: metanoeite hggeken gar h basileia twn ouranwn – Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbei gekommen (Mt. 3,2). In Mt. 4,17 werden Jesus die – auch im griechischen Original – identischen Worte in den Mund gelegt: Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbei gekommen. Das sind auch die ersten Worte der Reformation. Die 95 Thesen Luthers, welche die Reformation auslösten, waren im Original höchstwahrscheinlich auf Latein verfasst. Deren 1. These lautet: Dominus et magister noster Jesus Christus dicendo: Poenitentiam agite (Matth. 4,17) etc omnem vitam fidelium poenitentiam esse voluit – Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: Tut Buße, da wollte er sagen, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein solle.7

Als Haupt- bzw. Tätigkeitswort kommt der Begriff metanoia/metanoein im NT 25mal vor. Luther übersetzt es immer mit Buße. Die lateinische Sprache ist weniger wortreich und flexibel als die griechische. Es gibt daher keine passende lateinische Entsprechung für metanoia.8 Die in der katholischen Kirche seit jeher verbindliche lateinische Fassung des NT (Vulgata) gibt das Wort daher durchweg mit poenitentia bzw. als Verb mit poenitentiam agere wieder. Poena bedeutet Pein, Strafe; ursprachlich verwandt mit dem griechischen poneo – leiden, Schmerzen empfinden. Das ist aber eine geradezu verfälschende Wiedergabe des griechischen Begriffs und – wie ich glaube – eine der folgenreichsten Fehlübersetzungen in der europäischen Geistesgeschichte. Denn damit wird dem Stifter des Christentums, der doch die versöhnende Gottesliebe predigte, gleich zu Anfang des NT die Forderung unterstellt: Peinigt euch, leidet um des Himmelreiches willen!9 Die Flagellanten des ausgehenden Mittelalters geben Zeugnis von der Fehldeutung, welche die römische Kirche diesem wichtigen Systembegriff des NT gab und anscheinend noch gibt.10

In modernen Bibelübersetzungen wird metanoia abschwächend zwar mit »Umkehr« wiedergegeben. Auch das trifft aber den Sinn nicht wirklich. Der Begriff kommt schon im klassischen Griechisch vor und bedeutet zu einer besseren Einsicht gelangen. In dem Dialog Euthydemos spricht Sokrates mit einem Kleinias (279 c): Euthymoudenke doch einmal gut nach! Kleinias antwortet: metanoesas – ich ging alles Gesagte noch einmal durch, und es wurde mir klar. Hier bedeutet meta-noeo also mitten (=meta) im Gedanken- oder Redefluss innehalten und sich besinnen, und zwar mit Blick zurück wie auch mit Blick auf das Ziel.



IV. Buße als Besserung

Luthers Übersetzung mit Buße bzw. Buße tun gibt diesen Sinn von metanoia völlig richtig wieder. Buße hat zwar in der deutschen Hochsprache den Sinn von Buß-geld, also Strafe, angenommen. Sein richtiger Sinn erschließt sich aber aus der Etymologie: niederdeutsch beter = besser; davon auch das englische better. Damit ergibt sich die eigentliche Bedeutung des Wortes Buße, nämlich Besserung. Richtig übersetzt sagen Johannes der Täufer und Jesus in Mt. 3,2 = 4,17 also nicht: Bestraft euch und leidet um des Himmelreiches willen, sondern: Bessert euch!11

Bessern bedeutet, das Bestehende zu erhalten, es zu prüfen, um es für seinen Zweck tauglicher zu machen, es eben zu verbessern. Kern und Wesen des zu verbessernden Gegenstandes bleiben dabei unverändert, diese werden nur durch Entfernung von Falschem bzw. Zufügung von Richtigem besser gemacht. Die Aufforderung des NT und der Reformation zur Buße lenkt also den Blick auf das Wesen der Dinge. Zuerst nach rückwärts. Buße im Sinne von Besserung ist ein Prozess der Selbstprüfung, sei es des Individuums oder, soweit es sich um politische Fragen handelt, auch des Staates und Volkes mit Blick auf seine Geschichte und Tradi­tionen.


V. Besserung als Selbstvergewisserung

Wer bessern will, muss das Wesen des zu bessernden Gegenstandes kennen. Das erfordert einen Blick zurück und zu einem Vergleich mit der Gegenwart. Das führt zu den Urfragen der Menschheit: Woher kommst du? Wozu bist du da? Um diese Fragen zu beantworten, stellt sich der um seine Besserung bemühte Mensch, gleichsam in die Mitte (meta) zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft, dem wie Paulus schreibt Kleinod der himmlischen Berufung (Phil. 3,13). Er schaut zurück und fragt, was eigentlich sein Wesen ist, wie Gott ihn gemeint hat, und wo er jetzt steht. Dann schaut er nach vorne und fragt, ob er (noch) auf dem richtigen Wege ist, oder ob er ihn ändern soll, um sein Ziel zu erreichen.

Nicht jeder kann ein Moses, Franziskus oder Martin Luther sein. Entsprechend in weltlichen Bezügen: Nicht jeder Jurist hat das Zeug zum Gerichtspräsidenten, nicht jeder Soldat das zum General, nicht jeder Pastor das zum Bischof usw. Aber jeder hat etwas. Mit einer chassidischen Parabel zu sprechen: Gott wird mich im Gericht nicht fragen: Warum bist du kein Moses geworden? Er wird fragen: Warum bist du nicht Du geworden?

Buße beginnt mit der Bereitschaft, aufrichtig zu sich selber zu sein. Dazu gehört insbesondere, dass wir unsere Mängel nicht schön und die Vorzüge anderer nicht schlecht reden. Und umgekehrt: Wer in sich etwas Gutes weiß, etwa ein Talent, beginnt seine Buß-Besserung damit, dass er sich diesem stellt, das Talent entwickelt und es nicht aus Bequemlichkeit, die sich oft als Bescheidenheit tarnt, verkümmern lässt oder sein Talente falschen Göttern, etwa dem Mammon, opfert. Buße bedeutet, seinen bisherigen Lebensweg zu bewerten: Was war gut? Was war nicht gut? Warum?

Das ist auch die Kernbotschaft der Reformation! Selbstprüfung führt den Christen zu der Erkenntnis seiner existentiellen Unfertigkeit und dazu, dass wir durch keinerlei gute Werke Gott für uns vereinnahmen können. Wir können nur versuchen, Gott wohlgefällig zu werden. Das geschieht durch einen Blick auf den leibhaftigen oder, wie es die moderne Theologie oft sieht, symbolhaft geglaubten Jesus Christus. Oder in säkulare Sprache übersetzt: Wir kennen die Zukunft nicht, und es gibt auch keine Möglichkeit, ihr einen bestimmten Verlauf aufzuzwingen. Die Quantenmechanik beweist uns sogar geradezu, dass die Zukunft sich nicht aus kausal vorhersagbaren Verläufen entwickelt. Wir können nur Wahrscheinlichkeiten erkennen. Durch sorgfältige Überprüfung dessen, was wir erkennen können, und was aus der Vergangenheit auf uns gekommen ist, können wir aber versuchen, gewisse Wahrscheinlichkeiten für den künftigen Verlauf der Welt oder eines Vorganges zu erschließen, um diesen entweder zu fördern oder zu verhindern.

Soweit es sich um politische Fragen handelt, gilt das Gesagte mutatis mutandis für Volk und Staat. Wenn wir Deutschen unsere Geschichte und Traditionen kritisch betrachten, dann ist das Ziel dieser Frage nicht, warum wir nicht wie Frankreich, Großbritannien oder Russland geworden sind. Das Ziel der Frage muss sein: Haben wir alles getan, und was haben wir gegebenenfalls versäumt, um als deutsches Volk das zu werden, wozu uns die Geschichte bestimmt hat?


VI. Buße als Voranschreiten

Über dem Eingang zum Delphischen Orakel sollen die Worte gestanden haben gnothi ­seauton – Erkenne dich selbst. Das soll wohl sagen: Die Gottheit wird dir nichts antworten als das, was du dir eigentlich selber sagen kannst. Wir müssen also kritisch in uns hineinschauen, auf das moralische Gesetz in mir (Immanuel Kant). Vor allem aber müssen wir über uns hinaus schauen. So lässt Goethe den Abbé in Wilhelm Meisters Wanderjahren sagen: … wir müssen … unsere redlichen menschlichen Gesinnungen in einen praktischen Bezug ins Weite setzen, und nicht nur unsere Nächsten fördern, sondern zugleich die ganze Menschheit mitnehmen. Nach dem Blick zurück beginnt also gleichsam der zweite Teil des Buß- bzw. Besserungsprozesses, der Blick voraus auf das Ziel, welches wir uns selber setzen oder als Christ im Willen Gottes suchen. So sagt es Paulus (Röm. 12,2): Verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes (metamorfousqe – Gestaltwandel), auf dass ihr prüfen möget, welches da sei der gute, wohlgefällige und vollkommene Gotteswille (qelhma tou qeou – kundgegebener Wille, Befehl).

Unsere erkannten Fehler und Talente machen uns bereit und fähig, mit dem richtigen Spektrum nach vorne schauen. Folgt man dem Ruf zur Buße, ergibt sich, was Paulus (2. Kor. 5,17) dem Glaubenden sagt: Ist jemand in Christo, ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden. Wir haben nach dem Blick zurück eigene und fremde Erfahrungen gesammelt und bewertet, und wie nach einem guten Buch oder Vortrag sehen wir nicht nur Vergangenes, sondern auch unsere Ziele in einem neuen Licht. Sicherheit über das Ziel haben wir wohl noch nicht, aber wir haben eine neue Ahnung von dem, das uns als Individuum, als Volk oder als Menschheit insgesamt winkt. Im Phil. 3,12 sagt Paulus: Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe, ich jage ihm aber nach.

Buße bedeutet also das Gegenteil von Umkehr. Sie führt insbesondere nicht auf den Weg zurück zu einem paradiesischen Urzustand. Kein Wort der Bibel berechtigt uns zu der Annahme, dass wir in frommer Ruhe auf das Ende der Ewigkeit warten sollen. Gott fordert etwas von uns – hier auf Erden, und wahrscheinlich auch dort in jenem anderen Leben. Die Botschaft des NT ist: Der Mensch kann durch Besserung = Buße (Mt. 3,8) Gehilfe Gottes beim Bau der basileia ton ouranon, wie Jesus es nennt, beim Himmelskönigreich, werden. Buße bedeutet, sich dafür zu rüsten.

Das ganze Leben des Christenmenschen soll Buße sein, sagt Luther in seiner 1. These. ­Buße ist also nicht die esoterische Suche nach dem eigenen Ich, auch nicht das Herumwühlen in der eigenen Schuld – eine Disziplin, in der wir Deutschen uns besonders hervortun –, sondern der beherzte Blick nach vorne. Pecca fortiter – sündige beherzt, so lautet ein merkwürdiges Wort Luthers. Damit ist wohl gemeint: Gehe deinen Weg und lass dich nicht durch Angst, etwas falsch zu machen, zur Untätigkeit verführen.

Die Reformation lehrt bzw. betont die Freiheit eines Christenmenschen. Zur Freiheit seid ihr berufen, sagt Paulus – nun nutzt diese Freiheit aber auch! Wir sollen also stets und ständig an uns arbeiten und Erkenntnisse sammeln. So vertont J.S. Bach die Worte von Salomon Frank in der Kantate (BWV 147): Herz und Mund und Tat und Leben / Muss von Christo Zeugnis geben. Die Pflicht zur Buße, zur Besserung richtet sich daher an den mündigen Bürger. Dieser hat durch die Rückschau seinen Blick geschärft für seine Mängel und Talente und für das, was künftig zu tun ist. Noch sehen wir, wie Paulus sagt, das Ziel nur unklar, wie durch einen Spiegel (1. Kor. 13,12). Aber wir wissen, dass es ein Ziel gibt. Deswegen sind wir zu lebenslanger Buße, zu unaufhörlicher Verbesserung unserer »Sehkraft« aufgerufen, um immer deutlicher zu erkennen, wohin Gottes Reise mit uns und der Welt geht. Wir wissen jetzt nur das eine: Sie führt nicht zurück, sondern nach vorne!

Ins Politische gewendet: Das deutsche Volk hat bestimmte Fehler, aber auch eine Reihe von Talenten. Diese müssen zum Wohle des Ganzen, zuerst für das eigene Volk, dann aber auch für die Wohlfahrt der Menschheit insgesamt eingesetzt werden. Der mündige Bürger wird zwar seinen Mitmenschen helfen, aber er wird seine Talente nicht wahllos verschwenden. So auch der mündige Staat. Dieser wird darauf achten, dass er auch in Zukunft in der Lage ist, seine Fähigkeiten zu entfalten und zum Wohl des Ganzen einzusetzen. Der einzelne, sofern er als Christ lebt, wird das Ziel seines Lebens im Jenseits, in der Gemeinschaft Gottes sehen. Der säkulare Staat hat, anders als der mittelalterliche Staat, nicht mehr die Aufgabe, die Heilsversprechen der Religion durchzusetzen. Aber als Teil der Völkergemeinschaft hat er die Aufgabe, an dem noch unbestimmten gemeinsamen Ziel der Menschheit mitzuwirken. Die Forderung an den Staat, sich einer ständigen Buß-Verbesserung zu stellen, wird durch seine Institutionen und letztlich durch Wahlen erfüllt.12 Dazu kann heute gehören, dass Deutschland sich aktiv für die Sicherung der Lebensgrundlagen auf der Erde einsetzt und dafür auch gewisse wirtschaftliche Nachteile in Kauf nimmt.


VII. Feste Standpunkte

Ideologen neigen dazu, Fakten in ihrem Sinne zurechtzurücken. Autoritäre Personen, Führer oder Systeme sind den Ideologen nahe verwandt, nur mit dem Unterschied, dass anstatt mehr oder weniger ausgereifter Ideologien, die eigene Unfehlbarkeit gesetzt wird. In beiden Fällen drohen volatile, von flüchtigen Stimmungen abhängige Entscheidungen. Sic volo – sic iubeo, stat pro ratione voluntas. Was nicht passt, wird passend gemacht oder auch umgekehrt: Was in die Ideologie passt, wird überbewertet und als Beleg für die Richtigkeit der eigenen Ideologie herausgestellt. Ein historisches Beispiel dafür ist, dass Karl Marx in der Pariser Kommune 1870/71 den Beginn der Weltrevolution erkannte, weil er sie darin erkennen wollte. Wer auf einer Reise ist, wird aber das Ziel verfehlen, wenn er nicht weiß, wo er sich gerade befindet, oder wenn er die Wegweiser bewusst oder unbewusst falsch liest.

Konservative dürfen diesen Fehler nicht machen. Der Prozess der büßenden/bessernden Erkenntnis muss Wegmarken setzen, er muss zu Standpunkten führen, auf denen der einzelne Mensch oder ein Gemeinwesen für andere verlässlich steht. Wer verantwortlich die Vergangenheit und sein Umfeld auf eine, wenn auch erst unklar geahnte Zukunft bewertet, wird daher einen Plan vorlegen, ihn nach Möglichkeit transparent machen und zur Diskussion stellen. Das gilt besonders für Staaten. Die kurzen Wahlperioden verführen Politiker und Staaten immer mehr dazu, gleichsam von »der Hand in den Mund« zu entscheiden. Wenn es nicht möglich ist, vielleicht auch nicht ratsam, die Wahlperioden nachhaltig zu verlängern, dann entsteht die Frage, auf welche Weise langfristige Pläne im demokratischen Staat aufgestellt und gesichert werden können. Das führt zu dem Problem der Rechtssicherheit im Rahmen langfristiger Prozesse und Verträge. Es ist kaum zehn Jahre her, dass sich Bundeskanzlerin Merkel unmissverständlich gegen Multikulti und den ungehinderten Zustrom von Kulturfremden ausgesprochen hat. Das gilt heute offenbar nicht mehr. Der Wandel mag richtig sein, aber zu Verlässlichkeit gehört, dass die Änderung mit nachvollziehbaren und ggfs. vom Wähler zu beurteilenden Gründen deutlich gemacht wird.

Dieses Problem wird desto prekärer, je weiter der Planungshorizont gesteckt ist. Das Problem entsteht schon bei Koalitionsvereinbarungen, aber besonders bei sehr langfristigen Versorgungs- und völkerrechtlichen Verträgen und großpolitisch z.B. in der EU. Wir sind zu Recht irritiert über aus Paris kommende Sprüche wie Verträge sind wie eine Liebesbeziehung, sie halten so lange, wie die Liebe währt. Die persönliche und politische meta-noia, das »Sich kritisch in die Mitte eines Verlaufes stellen«, hat aber nicht nur eine historische Dimension, sondern auch eine gleichsam horizontale. Wir müssen sehen, was um uns herum geschieht und sich verändert. Daher machen wir es uns auch zu einfach, wenn wir auf der »konservativen« Formel beharren pacta sunt servanda – Vertrag ist Vertrag. Konservativ bedeutet vielmehr: Der eingenommene Standpunkt muss zwar begründet und verlässlich sein, aber er muss zugleich flexibel sein, wenn benennbare neue, objektiv nachvollziehbare Gründe eine Verbesserung versprechen. Konservativ zu sein, bedeutet daher wachsam zu sein, wann und wie das Neue kommt (vgl. Mt. 25,13).


VIII. Ergebnis

Konservative ebenso wie bußfertige = besserungsbereite Christen schauen zurück und dann nach vorne, um zu entscheiden. Progressive neigen dazu, zu entscheiden und dann rückblickend sich selbst auf die Schulter zu klopfen: Zu sehen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht und wie wir’s dann so herrlich weit gebracht! (Wagner im Faust). Die Aufforderung, lebenslang Buße zu tun, bedeutet innerweltlich die Aufforderung, sich und sein Umfeld ständig zu verbessern. Darin wird der Kern konservativer Denkweise gesehen. Für den Agnostiker dürfte das ein Weg zur Sinnfindung ohne verstiegene Utopien sein. Für den Christen aber ist das der Weg des Heils.


Anmerkungen:

1 Zum Beispiel sagt Nummer 24 II des NSDAP-Parteiprogramms: Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu ­binden.

2 Die derzeit wohl schillerndste Figur im rechtsextremen Lager, Joachim Siegerist, sieht sich selbst als »christlich-sozial-konservativ«. Das von diesem im Dezember 2017 herausgegebene Buch Ein Mann – ein Wort (ISBN 978-3-910087-14-9) ist ein merkwürdiges Gemisch von Aberglauben und Heiligenkult.

3 Politiker in Savoyen bis zur französischen Annexion (1794) und Wortführer eines autoritären Staates.

4 Porsche-Ludwig, Markus, und Bellers, Jürgen (Hrsg.), Was ist konservativ? Eine Spurensuche in Politik, Philosophie, Wissenschaft und Literatur, Verlag Traugott Bautz 2013 (ISBN 978-3-88309-785-5).

5 Als Paraphrase hierzu: Der Komponist Adolf Reichel (1817-1896) zitiert eine Bemerkung von Michael Bakunin (1810-1876): Die Lust der Zerstörung ist auch eine schaffende Lust. Reichel bemerkt hierzu: Wie fremd mussten solche Behauptungen für den »konservativen Musiker« klingen, der ich immer bemüht war, eher das erreichte Gute zu bewahren als das vermeintliche Übel zerstören. Bei: Lehning, Arthur (Hrsg.), Bakunin, Franz Greno Verlag 1987 (ISBN 389190228X), 54.

6 Zum Gedanken des sich zu sich selbst entwickelnden Gottes vgl. C.G. Jung, Antwort auf Hiob.

7 Allg.: Aden, Menno, Die Reformation und das Augsburger Bekenntnis von 1530 nach heutigen Predigten kommentiert, Verlag Traugott Bautz 2017, 41

8 Aden, Menno, Woraus hat Martin Luther übersetzt? Die Erasmus-Edition in Latein und Griechisch als Vorlage, in: Sprachspiegel. Zweimonatsschrift, 73. Jahrgang, Juni 2017, 74f. Hrsg. vom Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache (SVDS) (ISSN 0038-8513).

9 Aden, Menno (DPfBl 2/2016, 111-113).

10 Die Ritter des Deutschen Ordens erhielten jeden Freitag ihre disciplina. Sie mussten sich geißeln oder geißeln lassen (Militzer, Klaus, Geschichte des Deutschen Ordens, Kohlhammer-Verlag 2005, 16).

11 Folge der der Zweiten Lautverschiebung: niederdeutsch »beter«; vgl. englisch »better«.

12 Aden, Menno, Die Reformation als Paradigmenwechsel in der Legitimation öffentlicher Gewalt, in: Neue Zeitschrift für Verwaltungsrecht (NVwZ), Heft 21/2017.


Menno Aden

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2018

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