Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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»Unterrichten statt Kellnern«, so heißt die Werbung in einem Flyer der Senatsverwaltung für Bildung in Berlin. Damit sollen Lehramtsstudenten vorzeitig mit befristeten Verträgen in den Schulalltag eingebunden werden. Sprachlernassistenten, beispielsweise Menschen, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten, sollen eingestellt werden. Außerdem können besondere Stunden für Sprachförderung und Inklusion, die eigentlich von Lehrkräften gegeben werden sollten, umgewandelt werden, sodass Sozialarbeiter, Psychologen, Logopäden und sogar Krankenschwestern im Unterricht aushelfen können.

Der akute Lehrermangel, der schon lange vorauszusehen war, hat viele Ursachen: steigende Schülerzahlen auch durch die Flüchtlingskrise; personenaufwändige pädagogische Konzepte wie Inklusion; zwischenzeitlich mangelnde Ausbildung von Lehramtsstudenten und eine hohe Zahl von Pensionierungen und Frühpensionierungen.

Tom Erdmann, Vorsitzender der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin, ist mit vielen der Vorschläge einverstanden. In Zeiten der Inklusion seien »multiprofessionelle Teams« gut. Allerdings ärgert ihn, dass die Senatsverwaltung so lange brauchte, um auf die Krise zu reagieren. Man habe schon 2012 vor dem drohenden Lehrermangel gewarnt. »So ein Schnellschuss zeigt, dass die Nerven blank liegen«, so der Vorsitzende.

Klar ist aber: Allein mit neuen Lehrern und Quereinsteigern wird die Lücke nicht zu füllen sein. Gut ausgebildete Kandidaten sind sehr umworben, die Konkurrenz zwischen den Bundesländern ist hoch, fehlen doch deutschlandweit Lehrer. So sollen Lehrer, die in Ruhestand gehen, noch bis 68 weiterarbeiten, gelockt mit einer Zulage von 350,– Euro.

Professoren kritisieren das Programm von »Unterrichten statt Kellnern«. Damit verschärfe der Senat das Problem des Lehrermangels statt es zu beheben. Die Notmaßnahme richtet sich an Lehramtsstudenten. Ihnen wird angeboten, neben dem Masterstudium bis zu einer halben Lehrerstelle auszufüllen – als reguläre Lehrkraft, nicht nur als Vertretung. Das viele Unterrichten neben dem Studium werde sich »ohne Frage« negativ auf die Leistungen der Studierenden und ihre Präsenz in den Hochschulen auswirken, heißt es in einem Brief der vier Universitäten an den Bildungsstaatssekretär. Das erschwere es den Universitäten, die vereinbarten Absolventenzahlen zu erreichen. Zudem werde das Studium länger dauern; Schulen müssten also noch länger auf Lehrernachwuchs warten.

Besonders verärgert sind die Universitäten darüber, dass die Studierenden auch an der Schule arbeiten können, an der sie ihr Praxis­semester absolvieren. Dadurch werde die Abmachung »negiert«, ­wonach Studierende an der Schule, an der sie das Praxissemester absolvieren, nicht gleichzeitig als bezahlte Vertretungskraft arbeiten sollen. So komme es zu einer »Doppelrolle«: Als Praktikant können sie nur in Anwesenheit einer Lehrkraft auftreten, als bezahlter Eigenverantwortlicher sind sie allein. Da seien »ressourcenbindende Konfliktfälle« unausweichlich …

Es wird spannend, im neuen Schuljahr …

Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2018

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