30. September 2018, Jakobus 2,1-13
18. Sonntag nach Trinitatis

Von: Michael Pfeiffer
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Die Chance der Fehler

I

»Eure Anerkennung der himmlischen Macht Jesu Christi soll dazu führen, dass ihr das weltliche Ansehen von Menschen nicht zum Kriterium eures Handelns macht.« (Jak. 2,1 – Bibel in gerechter Sprache) Glauben bedeutet, die für unsere Gegenwart relevante himmlische Macht Jesu Christi anzuerkennen. Solches »Anerkennen« heißt: Gottes Wirklichkeit in unserem Leben Raum geben. Dies ist oft schwer, weil das keine Auswirkungen zu haben scheint. Was fehlt ohne Gott? Was wird anders durch ihn? Geht es nicht sogar besser ohne ihn?

Verständlich ist es dann, andere Wege – ohne Gott – einzuschlagen. Wie sehen solche Wege aus? – Ein Weg wird in Jak. 2 beschrieben: Wir setzen nur auf das, was offensichtlich zählt: Ansehen, Macht und Geld. Nichts von all dem ist an sich schlecht. Wenn es uns aber zum zentralen Lebensinhalt wird, verdirbt es. Der von den Dingen Besessene … stört den Kreislauf der Schöpfung (Ernst Steinbach, Anweisung zum Leben, Pfullingen 19774, 146). Wenn es nur noch um mein Ansehen geht, wenn nichts wichtiger ist als mein Einfluss, wenn mein Besitz mich besitzt, dann bleibt die himmlische Macht Jesu Christi auf der Strecke, weil nur noch ich da bin, mein Vorteil und sonst nichts. Ich habe damit das Vertrauen aufgegeben, dass Gott für mich »arbeitet«. Denn ich erarbeite mir alles allein und selbst. So bleiben die anderen auf der Strecke: entweder ich nutze sie für meine Interessen oder ich lasse sie links liegen.


II

»Glauben heißt, mit Gott mitarbeiten.« (Eberhard Jüngel, Geistesgegenwart. Predigten II, Stuttgart 2003, 157) Mit Jak. gesprochen: Die Anerkennung der himmlischen Macht Jesu Christi führt in seine Nachfolge. Diese erfüllt sich in der Befolgung der Weisungen Gottes, die Angebote und Wegweiser zum Leben sind (»Gesetz der Freiheit«, V. 12).

Nur bruchstückhaft gelingt dies. Immer wieder landen wir bei uns selbst, nutzten die Macht, das Ansehen, die Potenz, die Einflussreichen für uns, verzwecken sie für uns und werten dabei andere ab; schlimmer noch: nehmen ihnen ihre Würde.

Menschenfeindlich ist das! – Vielfach ist diese Feindschaft in unserer sozialen und gesellschaftlichen Wirklichkeit erfahrbar. Alte, Kranke, Fremde … können davon erzählen. Wo aber das Evangelium wohnt, begegnen sich Reiche und Arme – auf Augenhöhe. Beide hat der Ewige geschaffen (Spr. 22,2).


III

Gott arbeiten zu lassen und ihm nicht ins Handwerk zu pfuschen – so verstehe ich die Anerkennung der himmlischen Macht Jesu Christi –, heißt zunächst »glauben«, dann aber sofort auch: mit Gott mitarbeiten. Das bedeutet, mit den Augen Gottes zu sehen und »hellwach und äußerst empfindsam für alle Vorgänge und Zustände [zu werden], die der Arbeit Gottes an uns und an unserer Welt Hohn sprechen.« Denn »der Glaube an den wachenden und arbeitenden Gott macht sensibel für alle unerträglichen Zustände auf Erden.« Wir werden damit Partei für die ergreifen, »die … kaum Aussicht haben, ein menschenwürdiges Leben zu leben« (Eberhard Jüngel, a.a.O., 157f). – Kurz: Wer in Gott eintaucht, wird neben den Armen auftauchen (vgl. Paul M. Zulehner).


IV

In der Bevorzugung der Reichen und der Abwertung der Armen zeigt sich damit ein Glaubensdefizit. Der Verfasser des Jak. nennt das Gesetzesübertretung (V. 9). In seinen Mahnungen (V. 12f) spricht er das an: »… redet und handelt in dem Bewusstsein, dass ihr aufgrund des Gesetzes gerichtet werdet, das von Angst und Vorurteilen befreit, wenn es beachtet wird« (V. 12 – Bibel in gerechter Sprache).

Fehler können also auch als Chance zum Neuanfang genutzt werden. Gott, von dem erzählt wird, dass er sein wird, der er sein wird (Ex. 3,14), lässt uns – als seine Ebenbilder – an seinem Werden teilhaben. Nie sind wir damit fertig. Wir sind immer unterwegs (vgl. Christian Staffa). Unseren »Bruchstücken« soll man aber das »Ganze« anmerken. In der Nachfolge Christi sind wir auf dem Weg zu den Armen; Ziel: Reich Gottes. Nach Jak. leitet uns dabei die Barmherzigkeit, die uns immer auf »Augenhöhe« bringt.


Lieder

EG 494 »In Gottes Namen fang ich an«
EG 397 »Herzlich lieb hab ich dich, o Herr«
EG 395 »Vertraut den neuen Wegen«
EG 658 (Württ.) »Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen«
EG 659 (Württ.) »Die Erde ist des Herrn«


Michael Pfeiffer

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

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