7. Oktober 2018, Jakobus 5,13-16(18)
19. Sonntag nach Trinitatis

Von: Gerhard Maier
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In Seelen- und Leibesnöten – von göttlicher und menschlicher Hilfe

Zur Perikope

Im Blick auf Jak. insgesamt ist Luthers Verdikt (»stroherne Epistel ohne evangelischen Charakter«) Gott sei Dank Vergangenheit. Auf Calvins Linie sagte Schlatter, dass sich unsere Kirchen »ernsthaft geschädigt haben, dass sie Jakobus nur ganz oberflächlich Gehör gewährten.«1 Ob das nicht auch für unsere Perikope zutrifft?

Bis zur letzten Perikopenänderung Ende der 1970er Jahre gehörten die V. 13-20 zur Perikope, dann nur noch V. 13-16; ab dem Kirchenjahr 2018/19 in der vorgeschlagenen neuen Ordnung ändert sich nur die Reihenzuordnung, nicht jedoch ihr Umfang.


Zum Text

Nach dem ersten Lesen ergibt sich: Das Thema beten / Gebet wird mehrmals im Jak. angesprochen (1,5f; 4,2f); und in jedem der Verse 13-18! Als Predigttext sollte man deshalb nicht nur die V. 13-16 verlesen, sondern V. 13-18 – egal, welchen Schwerpunkt man in der Predigt setzt.

Ein Zweites ist Struktur und Aufbau der Perikope: V. 13 handelt von Leiden und Gebet, V. 14-16 von Krankheit und Fürbitte sowie Krankensalbung durch die Ältesten, vom Sünden Bekennen und von der Fürbitte, V. 17f von Elia und seinen Gebeten

Drittens: Zu den beiden Themenkomplexen Krankheit / Leiden und beten / Gebet finden sich sehr viele biblische Bezüge (die Psalmen!) – und eine Flut alter und neuer Bücher.2 Der Perikope folgend ist elementar, was im Notfall geschieht. Ungefähr zehn ­verbale Äußerungen liest man in dem ­Abschnitt. Die Akteure sind die Kranken bzw. Leidenden, die Ältesten und Gott.

Etwas Viertes ist offensichtlich: die Situation damals unterscheidet sich erheblich von der heutigen. Damals gab es kaum medizinische Möglichkeiten, heute gibt es eine omnipräsente und auf den ersten Blick omnipotente Gerätemedizin; damals eine lebendige(re) christliche Gemeinde3 – und heute? Dies will berücksichtigt werden und darf ruhig auch Predigtinhalt sein.

Fünftens gibt es vielerlei Versuche, die Tradition der Krankensalbung wieder zu beleben4. Je nach den persönlichen Voraussetzungen, Erfahrungen und Gaben sowie den örtlichen Gewohnheiten möge diese Perikope im Alltag unserer Gemeinden zur heil­samen und heilenden Praxis werden.


Zur Predigt

Als Predigteinstieg würde ich das Sprichwort »Unter jedem Dach ein Ach« nehmen. Die Perikope kann dann in enger Verbindung zum Wochenspruch (Jer. 17,14) ausgelegt werden. Oder man hält eine Katechismus-Dialog-Predigt mit Wilfried Härles 2018 erschienenem Katechismus »Worauf es ankommt« (Frage 107-121) und Jesus Sirach 38,1-9. Oder: Moos (a.a.O., 207-209) zitiert und interpretiert ein Anti-Gedicht des 2006 an Krebs verstorbenen Dichters Robert Gernhardt im Kontext verstummter Klage – Stoff für eine anspruchsvolle Literaturpredigt.


Anmerkungen:

1 Zur Gesamteinschätzung des Jak., zur Einzelexegese und diesen Zitaten s. den 2017 in Leipzig erschienenen Kommentar von Rainer Metzner.

2 Das neueste ist die Habilitationsschrift von Thorsten Moos (Krankheitserfahrung und Religion, Tübingen 2018); vgl. auch die Einträge zu Krankensalbung, Krankenseelsorge und Krankheit (TRE 19, 664-709) und den Abschnitt »Gesundheit und Krankheit als Weisen menschlichen Befindens«, in: Wilfried Härle, Ethik, Berlin 2. Aufl. 2018, 251-255.

3 Die Meditation Hans-Joachim Iwands (in: Predigt-Meditationen I, Göttingen 4. Aufl. 1977, 175-178) reflektiert das Damals und Heute im Blick auf zwei Kierkegaard-Zitate und das Gebet. Die »Mitte ist das Gebet … entscheidend ist das Anrufen des Namens des Herrn.« (176f)

4 Vgl. Peter Zimmerling: Gebet und Salbung für Kranke…, in: PraktTh 37/2002, 105-116; zur darin reichlich genannten Literatur ist die auf die Praxis der Krankensalbung ausgerichtete Arbeit von Sabine Soeffner: Wenn Gott uns berührt. Gebet und Salbung am Krankenbett, München 2015 (87-102 exegesiert sie V. 14f) hinzuzufügen.


Gerhard Maier

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

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