Christliches Lernen am Beispiel des Purimfests
»Liturgie des Widerstands«

Von: Christoph Elsas
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Das jüdische Purimfest erzählt mythisch und begeht rituell die Bewahrung des jüdischen Volkes vor Pogrom und Auslöschung. Was aus der Perspektive der historischen Kritik und im Blick auf die Wirkungsweisen von Gewalt und Gegengewalt, also Rache, zunächst problematisch erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine Quelle zur Bewältigung von Ohnmachtserfahrungen und für liturgisch eingeübten Widerstand – wie Christoph ­Elsas zeigt.

Für Ulrike Wagner-Rau anlässlich ihres 65. Geburtstags

Es wird sicher ein aktiver Ruhestand sein, in den die Marburger Praktische Theologin Ulrike Wagner-Rau dieses Jahr mit einem Symposium zur Pluralität verabschiedet wird. Schon ihr Buch »Auf der Schwelle. Das Pfarramt im Prozeß kirchlichen Wandels«1 rief dazu auf, sich auf die enger gewordenen Grenzen des Pfarrberufs einzulassen, dabei aber entschlossen die Offenheit und den Dialog nach außen zu suchen, schon weil »in den öffentlich präsenten Konflikten christlich-religiöse Orientierungen weiterhin eine gewichtige Rolle spielen«.2 In deutlicher »Bejahung religiöser Pluralität« können »die eschatologische Perspektive des christlichen Glaubens, die sich in der symbolischen und rituellen Praxis der Kirche niederschlägt«, und »die alten Texte dazu anstiften, sich in fremde Verhältnisse zu wagen … und die Möglichkeiten zur Kooperation, zur Verständigung, Bereicherung und Unterstützung auszuloten«.3

Besonders in Zeiten provokativ zur Schau getragener Machtpolitik um Jerusalem könnte da eine nähere Beschäftigung mit dem Purimfest angebracht sein. Unter dem Titel »Gott Macht Amerika: Ideologie, Religion und Politik der US-amerikanischen Rechten« konstatierte der Politologe Hajo Funke 2006: »Versuche, vor allem der Hamas, systematisch mit dem Terrorinstrument zu operieren, waren 1992 zunächst noch fehlgeschlagen. Das änderte sich mit dem Attentat von Hebron, bei dem der aus New York eingewanderte und in Kirjat Arba/Hebron ansässige Arzt Baruch Goldstein während des Purim-Festes am 25. Februar 1994 29 Palästinenser bei ihrem Morgengebet erschoss, bevor er von anderen Betenden überwältigt und dabei erschlagen wurde. Israel verhängte eine wochenlang andauernde Ausgangsperre für die 80.000 palästinensischen Einwohner der Stadt, die PLO setzte die zu der Zeit stattfindenden Verhandlungen aus und verlangte die Aussiedlung der 450 jüdischen Siedler.«4


Biblische Grundlage des Purimfests

Das nach unserem Kalender im Februar/ März gefeierte Purimfest gilt im Judentum seit der Antike als besonders wichtiges Fest und andererseits Außenstehenden oft in einem negativen Sinne als besonders jüdisch. Im historischen Gedächtnis unserer Gesellschaft ist Luthers unheilvolle Polemik gegen das Judentum präsent. So kritisierte er auch die Texte des Esterbuchs: »denn sie judenzen zu sehr und haben viel heidnische Unart« (TR Nr. 3391) – und konnte doch andererseits in seiner Römerbrief-Vorlesung von 1515/16 Ester und Mordechai als exemplarische Retter ihrer Gemeinschaft mit Christus vergleichen (WA 56,516, 11-12).5

Die Grundlage für das Purimfest ist nach Kap. 3 des Esterbuchs, dass Mordechais Gegenspieler Haman die Juden beim Perserkönig anklagt: »Es ist ein Volk, zerstreut und teilt sich unter alle Völker in allen Ländern deines Königreichs, und ihr Gesetz ist anders denn aller Völker, und tun nicht nach des Königs Gesetzen; es ziemt dem König nicht, sie also zu lassen. Gefällt es dem König, so lasse er schreiben, dass man sie umbringe.« (3,8f) So heißt es in heutiger Bibelwissenschaft zu Recht: »Angesichts der unzähligen Pogrome, die Juden im Laufe ihrer Geschichte unter steter Wiederkehr des in Est 3,8f. vorliegenden Begründungsmusters bis heute immer wieder erleiden mussten, sollte es, ähnlich wie Röm 9-11, mit dem es in einem Kanon verbunden ist, als ein Zeugnis der bleibenden Erwählung des Gottesvolkes gelesen werden.«6

Doch bisher beschränken sich Kenntnisse zu Purim weithin auf damit verbundene Konflikte, heute meist zwischen Israelis bzw. Juden und Persern oder Arabern bzw. Muslimen, und bei kulturell Interessierten auf die in Museen ausgestellten Ester-Buchrollen, die in jüdischen Gemeinschaften jährlich zum Purimfest verlesen werden sollen – zur bleibenden Erinnerung an Gottes wunderbares Eingreifen in die Geschichte zugunsten des Gottesvolkes.


Das Überschäumen einfachen Lebens

»Das Fest, und zwar das religiöse Fest unterbricht die Routine der Alltagswelt durch den Einbruch einer ganz anderen Wahrheit, gerade dadurch ermöglicht das Fest Gemeinschaft.« Damit meinten die Herausgeber der Reihe »Studien zum Verstehen fremder Religionen« nicht nur Gemeinschaft unter denen, die ihre Religion aktuell zum gemeinsamen Feiern zusammengeführt hat, sondern mehr: dass Menschen sich mit dem religiösen Fest auf das beziehen, was Erfahrung des schlechthin Außergewöhnlichen und darin konstitutiv Wichtigen in der eigenen Kultur ist. Das aber befähige alle, die von einer »ganz anderen Wahrheit« gegenüber dem von allen geteilten Alltag angezogen werden, auch »zur Wahrnehmung, zur Achtung und – unter Umständen – zum Verstehen des Anderen« und in der Folge auch zum »interkulturellen Verstehen«.7

Mit Wolfgang Giegerichs kritisch-psychologischem Ansatz lässt sich dabei die Religion, in der sich Menschen vorfinden, als menschlicher Ausdruck des schon längst anwesenden Sinnes verstehen, in den selbst Neuansätze eingefasst sind: »Sinn ist nicht etwas, das zum wirklichen Leben noch hinzukommen müßte, sondern er ist das Leuchten und die Überflüssigkeit (das Überschäumen) des ganz einfachen wirklichen Lebens selber.«8

Eine entsprechend kontextuelle Religionsphänomenologie zeigt »nicht, wie Feste sind, sondern wie sie werden, sich entwickeln« – »abhängig … von dem Menschenbild, das in ihrer jeweiligen Gegenwart herrscht«.9 Doch gleichzeitig wollen sie mit dem in karnevalesken Festen wie Purim besonders deutlichen »Wunsch nach einem Leben in Überfülle … den Menschen in die göttliche Ordnung der kommenden Welt, die als paradieshaft imaginiert wird, einbinden … Die Feste nehmen für sich in Anspruch, diesen Gedanken des vollendeten Gottesreiches für eine gewisse Zeit im Jahreskreis einzulösen. Zugleich verbunden mit dem messianischen Gedanken ist aber immer auch die Vorstellung vom Kampf des Guten gegen das Böse. In diesem dualistischen Denken muß, damit das Gute letztendlich sei, das Böse in der Welt besiegt werden. Dieses Böse gilt als Gegenprinzip«10, und die »intensive ›Spannung‹, in der sich die Emotionalität Bahn bricht, ergibt sich nicht aus dem Sehen der ›äußeren‹ Wirklichkeit, sondern aus dem ›Sehen mit dem Herzen‹. An der intensiven Emotionalität ändert sich auch durch das Wissen nichts, daß dieser Vorgang sich Jahr um Jahr wiederholt.«11


Mythische Geschichtserzählung

So beinhaltet die mit dem Purimfest verbundene mythische Darstellung im biblischen Buch Ester – einschließlich seiner Erweiterungen in der Septuaginta (LXX), in der griechischen Bibel, die in reformatorischer Tradition den Apokryphen zugeordnet werden – mehr Sinn als eine nach der historisch-kritischen Methode wirkliche Geschichte, indem die Symbole dieser Weltdeutung (mit Paul Ricoeur) zu denken geben. Denn da Bilder und Texte voller Sinnüberschuss und Bedeutungsvielfalt sind, setzt jede neue Beschäftigung ihr Aussage-Potenzial in Kraft.

Israel und Iran, deren religiös-kulturelle Traditionen im Esterbuch für das Purimfest aufgenommen werden, betonen dabei, dass auch das Materielle zur positiven göttlichen Ordnung gehört, wenn sie die religiösen Ausdrucksformen der Erfahrungen vom Widerstreit von Gut und Böse in der Welt eschatologisch-monistisch gewichten.12

Nach der Ester-Erzählung verliert die bisherige Königin des iranischen Großreichs ihre Position, als sie einem Befehl ihres königlichen Gemahls nicht nachkommt, und dieser erhebt in seiner Residenz Susa die schöne Ester zur neuen Königin. Niemand von den Persern weiß von ihrem Judentum und auch nicht von dem ihres Verwandten Mordechai, der gleichfalls in hoher Position am Hof tätig ist. Erst mit der Anweisung des Königs, dass alle vor seinem Repräsentanten Haman demütig niederzuknien haben, kommt es zum Konflikt. Denn Hamans überhebliche Selbstgefälligkeit bringt Mordechai dazu, sich als Jude zu erkennen zu geben, der angesichts eines Machtanspruchs, der sich absolut setzt, solche Verehrungsgeste dem einen Gott aller Welt vorbehält. Hamans verschlagene Schlechtigkeit erreicht daraufhin beim König einen Erlass, dass eine Volksgemeinschaft, die sich mit eigenen Gesetzen gegen Reichsgesetze auflehnt, im ganzen iranischen Machtbereich auszurotten sei. Der Tag der Vernichtung wird vom Judenhasser Haman per Los (pur) bestimmt – doch Mordechai erregt mit den »durch die Tradition geheiligten Trauerriten« Israels Aufsehen in der Hauptstadt. Dadurch informiert er die Juden aller Provinzen über die bevorstehende Gefahr und fordert am Tor des Palastes »das Eingreifen der Rechtsinstanz«.13

Da vergewissert sich Ester in einem dreitägigen Fasten der Solidarität der jüdischen Gemeinde, um so gestärkt den Gang zum König zu wagen und ihn geschickt dafür zu gewinnen, im Juden Mordechai den vertrauenswürdigen Untertan und in Haman den falschen Machtmenschen zu erkennen. Das gelingt, und sie gibt sich als Jüdin zu erkennen, die angesichts der beschlossenen Vernichtung dieser Volksgemeinschaft den König für sie bittet. Damit kehrt sich alles um: Der einsichtige König befiehlt, dass Haman Mordechai zu huldigen habe und dann, weil er diesen Ehrenmann und alle Juden töten wollte, sei er selbst zu töten und am für Mordechai errichteten Galgen zur Schau zu stellen. An die Stelle des Reichsedikts zur Vernichtung der Juden tritt ein neues, nach dem die Juden an jenem vom Los bestimmten Tag umgekehrt ihre Feinde vernichten dürfen. Mordechai und Ester aber nutzen ihre Vollmacht, alle Judenfamilien aufzufordern, dankbar jährlich im fröhlichen Purimfest diese wunderbare Rettung der Machtlosen durch den einen Gott in Erinnerung zu rufen, auf den sie als Herrn der Geschichte vertrauen.14


Exodus und Purim

Vieles davon klingt an die Exodus-Geschichte mit anschließendem Passahfest an. Aber »die beiden Geschehen unterscheiden sich grundlegend darin voneinander, dass die Israeliten aus Ägypten fliehen … Am auffälligsten ist zweifellos, dass das Purim am 14./15. Adar, Päsach am 14./15. Nissan gefeiert wird«15: »Das sind die Tage, an denen die Juden wieder Ruhe hatten vor ihren Feinden; es ist der Monat, in dem sich ihr Kummer in Freude verwandelte und ihre Trauer in Glück. Sie sollten sie als Festtage mit Essen und Trinken begehen und sich gegenseitig beschenken, und auch den Armen sollten sie Geschenke geben« (Est. 9,2). Am Vortag aber fastet man nach orientalisch-jüdischer Tradition.

Marie-Theres Wacker hat das mit der Purimerzählung verbundene Problem thematisiert:16 »Die staatlich legitimierte Planung eines Genozids am jüdischen Volk … ist zunächst einmal in ihrem ganzen Schrecken wahrzunehmen – dennoch: Bleibt Est. 9 nicht stehen bei einer bloßen Umkehrung der Rollen von Verfolgten und Verfolgern? Schärfer noch, trägt diese Umkehrung nicht – ablesbar insbesondere an der hohen Zahl der Getöteten in 9,16 – Züge eines Gewaltexzesses, der das im Gegenedikt Gestattete (8,11f.) weit übertrifft?«17

Allerdings sind »gewaltbegrenzende Züge in der Formulierung des Gesetzeserlasses« festzustellen, und »auch das 9. Kapitel, das nun in der Tat die drei mörderischen Verben aus dem Edikt Hamans auf die Aktivität jüdischer Kämpfer bezieht, bietet Erzählmomente, die in Richtung einer Gewaltminderung weisen.«18 »Das Gegenedikt Mordechais und Esters … spricht zwar auch von Frauen und kleinen Kindern, aber so, dass damit die bedrohten Mitglieder des eigenen Volkes gemeint sind (8,11), nicht die Tötung der Frauen und Kinder der anderen … Ähnliches gilt für das Motiv des Plünderns … – dann, wenn sie als Bedrängte für ihr Leben einstehen müssen (8,11).«19 Denn schon der hebräische Text hält Verständnismöglichkeiten für den Schutz aller Frauen und Kindern vonseiten der Juden offen. Die Septuaginta interpretiert eindeutig auf Minimierung jüdischer Gewalthandlungen hin.20


Recht und Gewalt

Haman allerdings steht für skrupellos unmenschliche Todfeindschaft, die sich dem Monotheismus Israels gegenüber absolut setzt und ihn mit allen Mitteln bekämpft. Solche Todfeindschaft verbindet das hebräische Esterbuch mit Agag, dem König der Amalekiter und Ahnherrn Hamans (3,10), und die Septuaginta mit hellenistischer Herrschaft. Das befreiende Gelächter und Lärmen, das im Erinnern der Volksgemeinschaft solchem Todfeind widersteht, gehört zum Karnevalesken des Purimfestes:21 »So soll etwa bei der Verlesung der Ester-Rolle der Name Hamans mit dem ohrenbetäubendem Lärm mitgebrachter Ratschen ›kommentiert‹ werden oder sind, bereits talmudischer Anordnung gemäß, die zehn Söhne Hamans in einem Atemzug zu nennen, um ihre Vernichtung symbolisch-rhetorisch zu vollziehen.«22 Denn alle Ester-Fassungen erzählen zu Purim, »wo die freudige Feier der Zusammengehörigkeit ganz zentral ist«, »inmitten von Verfolgung und allen Ausrottungsversuchen zum Trotz« eine »Gegen-Geschichte«23: Das geschieht im Vertrauen auf Gottes Handeln in der Geschichte, auch wenn die hebräische Fassung gar nicht von Gott spricht und nur die Septuaginta immer wieder durch Zusätze verdeutlicht: »Die Bedrohung des jüdischen Volkes ist ein Kampf nicht- oder übermenschlicher Mächte …, den auch nur Gott letztlich entscheiden kann.«24 Das vom Judentum in den auf Alexander den Großen folgenden Reichen abgelehnte, weil mit Herrscherkult25 verbundene Herrschaftskonzept erkannte man u.a. in der Hitler-Diktatur wieder26 – und setzte dem die Verbindung von Recht nicht mit Gewalt, sondern mit Gerechtigkeit entgegen.27


Recht und Gerechtigkeit

Die Ester-Erzählung, die zum Purimfest jährlich öffentlich in Erinnerung gerufen werden soll, will mit dem Vers »Am Tag, als die Feinde der Juden hofften, Macht über sie zu gewinnen, da wurde dies umgewendet, so dass nun die Juden Macht gewannen über ihre Hasser« (9,1) als »ein Exempel für die Gerechtigkeit der Geschichte« verstanden werden – zu der »durch die Verwendung einschlägiger Begriffe wie ›Furcht‹ oder ›Ruhe‹ … auch Assoziationen an die Vorstellung vom Jahwekrieg« gehören.28 Wie etwa in den Psalmen, die auf den Exodus Bezug nehmen, ist hier »Umwenden« »Signalwort für Gottes Rettungshandeln«, um »Gottes verborgenes Handeln in der Geschichte« darzustellen – »das Israel auch außerhalb seines Landes und fernab vom Tempel als dem traditionellen Ort des göttlichen Segens zukommen kann«.29 Das geschieht hier in »Auseinandersetzung mit der persischen Reichsidee und dem hellenistischen Machtanspruch«, um »die Möglichkeiten Israels unter verschiedenen Formen der Fremdherrschaft« durchzuspielen30.

Die in umgewendeten Machtverhältnissen erkennbare Gerechtigkeit Gottes entspricht Lehren der Weisheitsliteratur, »und dazu gehört die Figur des auf den Täter selbst zurückfallenden bösen (wie guten) Planens und Tuns.«31 Doch zum einen war durchgängig Minimierung von Gewalt festzustellen, zum anderen verweist das dreimal (9,10.15.16) wiederholte »Motiv des Beuteverzichts voraus auf den Austausch der Gaben am Purimfest (9,19.22): Nicht nur nehmen jüdische Menschen niemandem etwas weg, sondern sie sind freigebig untereinander und gegenüber den Armen.«32 Und als Motiv »karnevalistischer Umstürze« gehört zum Purimfest, dass »die marginalisierte jüdische Kultur wesentliche Institutionen der dominanten persischen Kultur übernimmt, etwa die Gesetzgebung (Est 8,11; 9,20-32), das Feiern von Festen (Est 8,16; 9,20ff) oder als Besetzung von öffentlichen Räumen (Est 6,10f).«33


Eine Frauengeschichte

Gegenüber der hebräischen Fassung des Esterbuchs, in der ein Praktizieren der jüdischen Religion erst im Konfliktfall zum Thema wird, tritt uns in den interpretierenden Zusätzen zur griechischen Übersetzung » ein Judentum entgegen, für das die Beschneidung äußeres Kennzeichen ist (vgl. LXX 8,17!), das sich durch Träume von Gott geführt weiß, in Gebeten zu Gott spricht und seine Treue zur Tora lebt«. Entsprechend dem Menschenbild dieser Generation, die sich nicht mehr integriert fühlen kann, indem sie wie im Perserreich ihre Besonderheit für das Allgemeinwohl einbringen kann, sondern sich hellenistischem Assimilationsdruck ausgesetzt sieht34, ist Ester »das Modell einer jüdischen Frau, die mit einem Nichtjuden in hoher Machtposition verheiratet ist und sich dennoch müht, nach den Geboten des Gottes Israels zu leben, dabei aber in große innere Konflikte kommt (vgl. Zusatz C)«.

Auf der anderen Seite bestärkt Hamans Frau ihren Mann im Bösen, sagt aber auch ihrem Mann, als er auf königliche Weisung »den Mardochai ehren musste …: Du wirst vor dem Juden fallen, denn der lebendige Gott ist mit ihm (LXX 6,13). Ihr als Perserin ist damit ein Bekenntnis zu Gott in den Mund gelegt, das monotheistisch klingt«. Und »der persische König regiert unumschränkt, aber gerecht; er belohnt den Mordechai für seine Treue (Zusatz A) … und vertraut Haman, einem makedonischen Fürsten, eine hohe Machtposition an (Zusatz B; E).«35 Die habe Haman »gleich doppelt missbraucht, nämlich dazu, den Mazedoniern die Macht über das Perserreich zuzuspielen (hier wird auf den Übergang der persischen Macht auf Alexander angespielt!), und dazu, das Volk des Mardochai und der Ester vernichten zu wollen, das doch zu den treuesten im persischen Reich überhaupt gehört.«

Nach Zusatz E gibt daraufhin der König »dem jüdischen Volk das Recht, fortan nach seinen eigenen Gesetzen zu leben. Das ist das Modell eines Privilegrechts«, denn er »ist ausgestattet mit unumschränkter Macht, die ihm nach eigenen Aussagen vom höchsten Gott selbst gegeben ist«.36 Schon wenn nach Zusatz C zu Kap. 4 Ester bei ihrem gewagten Bittgang für ihr Volk »den König als ›Löwen‹ bezeichnet, dann drückt sich darin nicht einfach ihre übergroße Furcht aus, sondern dann hat sie ihm gleichsam ein Gottesepitheton verliehen, durch das sie Gott signalisiert, dass es jetzt um einen wirklichen Kampf der Mächte geht.«37


Weltgeschichtliches Drama

Das entspricht den Traumbildern Mordechais im Zusatz (A1-11), mit dem die Septuaginta das Esterbuch beginnt und die zum Schlüssel für das Verständnis der Ereignisse als weltgeschichtliches Drama werden: Es geht in Esters Umfeld um den »Kampf zweier Drachen, die mit ihrem Gebrüll den Kampf aller Völker gegen das ›Volk der Gerechten‹ hervorrufen, dem aber nach ihrem Notschrei zu Gott ›wie aus einer kleinen Quelle‹ Hilfe kommt. Die das Buch beschließende Deutung des Traums (F1-6) identifiziert die Drachen mit Mardochai und Haman, das ›Volk der Gerechten‹ mit Israel bzw. den im Perserreich bedrohten Juden und die ›kleine Quelle‹ mit Ester.« Und so berichten Zusätze der Septuaginta vor und nach Esters Gottvertrauen von zwei reichsweit verbreiteten Briefen des Königs: »zunächst bezüglich der geplanten Vernichtung der Juden als ›menschenfeindliche und staatsgefährdende Bevölkerungsgruppe‹ (B1-7:4f.), sodann bezüglich der Anerkennung der Juden als ›nach den gerechtesten Gesetzen‹ lebenden Staatsbürgern und ›Söhnen des höchsten, größten, lebendigen Gottes‹ (E1-24:15f.).«38

Indem es so gelingt, die Rechtsprechung der Weltmacht an die Gerechtigkeit Gottes zu binden, hält der Schluss von Kap. 9 für Purim fest, »dass durch Esthers gesetzgeberische Kraft das Fest auf Dauer eingesetzt wurde und sie es zur Erinnerung aufschrieb – eine Wendung, die in der LXX-Fassung an die Annalen des persischen Reiches denken lässt: Die jüdische Frau Esther schreibt persische Geschichte!«39


Christliches Lernen

Nach Klara Buttings gegenwartsbezogener Analyse regt das Esterbuch für christliches Lernen vom Judentum dazu an, »die gegenwärtigen Ohnmachtserfahrungen angesichts der Globalisierung aller Lebenszusammenhänge … zu reflektieren.«40 Denn das Recht des persischen Weltreichs wird als ambivalent charakterisiert: Da erklärt der König im Blick auf das durch Hamans Verschlagenheit ausgefertigte Vernichtungsdekret mit den Worten »Unwiderrufbar ist ja ein Schriftstück, das im Namen des Königs geschrieben und mit dem Ring des Königs versiegelt wurde« (8,8) die Rechtmäßigkeit von Unrecht für scheinbar unabänderlich. Das ist wohl unhistorisch, drückt aber das Gefühl der »Ohnmacht gegenüber dieser imperialen Macht« aus. Und doch kann daraus Gerechtigkeit werden, denn wunderbarerweise »bekommen Ester und Mardochai … die Genehmigung des Königs, den Widerstand des jüdischen Volkes gegen Schlägertruppen und Mordbrenner zu planen … Sie können nun ihrerseits Schriften erstellen und verbreiten, um die in alle Winde zerstreute jüdische Diaspora zu erreichen«.41

So werden die Festtage von Purim »auf Grund aller Worte von Mordechais Schreiben und auf Grund dessen, was sie selbst in dieser Hinsicht gesehen hatten und was ihnen zugestoßen war« (9,26), »durch die Selbstverpflichtung der Jüdinnen und Juden zu ›unaufhebbaren‹ Feiertagen«.42 Vieles am Esterbuch erinnert dabei an Gottes gerechte Lenkung der Geschichte in der weisheitlichen Erzählung von Josef in Ägypten, doch jetzt »wird die entscheidende Figur – Josef selbst – in zwei Personen, einem Mann und einer Frau, neu geschaffen.«43


»Von einer Theologie der Befreiung zu einer Liturgie des Widerstands«

So nennt Klara Butting die Art, wie das Esterbuch Mordechai und Ester je auf ihre Art zu Vorbildern werden lässt, die gegen Gewalt und Tod für Gerechtigkeit und Leben eintreten: Sobald er von der Vorbereitung des Pogroms hört, macht Mordechai mit aufsehenerregenden jüdischen »Trauerriten seine Angst und sein Entsetzen für alle öffentlich sichtbar (4,1f.)«.44 Er formuliert darüber hinaus »die Hoffnung, dass den Juden und Jüdinnen ›Atem und Rettung‹ entstehen werde (4,14), und stellt Ester vor die Entscheidung, das Leben und die Solidarität mit dem jüdischen Volk zu wählen oder schweigend ihr Volk zu verraten und der Macht des Todes zu verfallen … Weil die jüdische Gemeinschaft in Bedrängnis und Verborgenheit lebt, lebt auch Gott in der Verborgenheit … Und doch spricht aus der Estererzählung das Vertrauen, dass Gott sein Volk nicht verlassen hat. Denn in der Verbundenheit und gegenseitigen Verantwortung der Jüdinnen und Juden wird Gottes Kraft spürbar. Konfrontiert mit dieser Überzeugung, wird Ester aus ihrer Fixierung auf die sie umgebenden Machtverhältnisse befreit … Ester, die im Harem getrennt von der jüdischen Gemeinschaft der Stadt Susa lebt, stellt durch ein gemeinsames Fasten die Gemeinschaft zwischen ihr und ihrem Volk wieder her. Sie macht die andere Welt, von der Mordechai geredet hat, spürbar … Aus dem Bekenntnis erwächst im Ritual eine Gegenöffentlichkeit, die den Mächten, die die Welt beanspruchen, trotzt und ihrerseits das Bekenntnis schult. Von hierher fällt Licht auf die Bedeutung auch unserer Gottesdienste.«45

»Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen« – dieses Gotteswort an den Propheten Sacharja (4,6) beeindruckte mich auf dem siebenarmigen Leuchter vor dem israelischen Parlament in Jerusalem. Ist das nicht auf einer Linie mit dem Gotteswort an den Apostel Paulus: »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig« (2. Kor. 12,9)? Und mit dem Magnificat der Maria: »Meine Seele erhebet den Herrn … Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen, … wie er geredet hat unsern Vätern, Abraham und seinem ­Samen ewiglich« (Lk. 1,46-55)?

Da sind wir bei der kleinen Schar um das neugeborene Kind in Bethlehem und der kleinen Schar in unseren Sonntagsgottesdiensten und Andachten. Und auch dabei, dass dann doch in unseren Heiligabendgottesdiensten eine wunderbar große Gemeinschaft ganz unterschiedlicher Menschen das mit Familie, Freundschaft und Nachbarschaft, Licht und Geschenken und dabei »irgendwie« mit Gott verbundene Wunderbare feiert.


Anmerkungen:

1 Stuttgart ²2012 (2009).

2 Wagner-Rau 2012, 81.

3 Wagner-Rau 2012, 108f.

4 Berlin 2006, 163; vgl. religionswissenschaftlich Hans G. Kippenberg, Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im Zeitalter der Globalisierung, München 2008, 118f. Beides findet man im Internet unter Purim Palästinenser; dort auch unter Purim Christen lesenswert: »Purim – Jüdische ­Geschichte und Kultur« (Projekt des Lessing-Gymnasiums Döbeln) und »9.-12.3. Purim: ­Karneval auf Jüdisch/BR interkulturell/BR.de« (04.04.2017).

5 Zitiert nach Markus Witte, III. Schriften (Ketubim), §20 Das Esterbuch, in: Jan Christian Gertz (Hg.), Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments, Göttingen 4. Aufl. 2010, 482-495, hier 489.

6 Witte 2010, 488.

7 Jan Assmann und Theo Sundermeier, Vorwort, in: Jan Assmann (Hg.), Das Fest und das Heilige: Religiöse Kontrapunkte zur Alltagswelt, Gütersloh 1991, 9.

8 Holger Nielen, Prozessionsfeste und dramatische Spiele im interreligiösen Vergleich. Eine religionsphänomenologische Studie zu Fastnacht, Fronleichnam, Ašura und Purim, Berlin 2005, 76f. mit Zitat Wolfgang Giegerich, Animus-Psychologie, Frankfurt/M. u.a. 1994, 250f.

9 Nielen 2005, 499.

10 Nielen 2005, 501.

11 Nielen 2005, 526.

12 Christoph Elsas, Mystik in der Globalisierung. Diskurs und Traditionen der Chaldäischen Orakel im Kontext heutiger Religionsbegegnung, Berlin 2017, 14f und 42-103.

13 Werner Dommershausen, Ester, Würzburg 1980, 24 zu Est. 4,1-8.

14 Vgl. Nielen 2005, 156f, und zur Präzisierung in historischer Erschließung Harald Martin Wahl, Das Buch Esther: Übersetzung und Kommentar, Berlin/New York 2009.

15 Hans-Peter Mathys, E: Die Ketubim, IX. Ester, in: Walter Dietrich u.a., Die Entstehung des Alten Testaments, Neuausgabe Stuttgart 2014, 564-570, hier 567f.

16 Marie-Theres Wacker, Tödliche Gewalt des Judenhasses – mit tödlicher Gewalt gegen Judenhass? Hermeneutische Überlegungen zu Est. 9, in: Frank-Lothar Hossfeld/Ludger Schwienhorst-Schönberger, Das Manna fällt auch heute noch. Beiträge zur Geschichte und Theologie des Alten, Ersten Testaments. Festschrift für Erich Zenger, Freiburg u.a. 2004 (= Wacker 2004a), 609-637; dies., Widerstand – Rache – verkehrte Welt. Oder: Vom Umgang mit Gewalt im Esterbuch, in: Klara Butting/Gerard Minnaard/dies., Ester, Wittingen 2005, 35-44.

17 Wacker 2004, 610.

18 Wacker 2004, 615f.

19 Wacker 2005, 36.

20 Vgl. Wacker 2004, 615 bzw. 617f; dies. 2005, 42f, und dies., Das Ester-Buch der Septuaginta, in Butting 2005, 73-77.

21 Vgl. Wacker 2004, 622-625, und dies. 2005, 39 und 41; Hinweis auf die Parallelisierung im Vorgehen sich absolut setzender Macht gegen alle Frauen (Est. 1,16.20) und gegen alle Juden (3,6) –wie es der altorientalischen und antiken Vorstellung der Haftungsgemeinschaft für vermeintliche Vergehen Einzelner entspricht – bei Klara Butting, Vom Sexismus zum Antisemitismus, ebd., 9-22, und dies., Esters Widerstand, ebd., 30-34.

22 Wacker 2005, 39.

23 Wacker 2004, 619, im Anschluss an Erich Zenger.

24 Marie-Theres Wacker, Mit Toratreue und Todesmut dem einen Gott anhangen. Zum Esther-Bild der Septuaginta, in: Frank Crüsemann u.a. (Hg.), Dem Tod nicht glauben. Sozialgeschichte der Bibel. Festschrift für Luise Schottroff zum 70. Geburtstag, Gütersloh 2004 (= Wacker 2004b), 312-332, hier 315.

25 Vgl. Christoph Elsas, Herrscherkult, in: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Bd. III, Stuttgart 1993, 115-122.

26 Vgl. Butting 2005, 19f, und dies., Von einer Theologie der Befreiung zu einer Liturgie des Widerstands, ebd., 23-29, hier 28f.

27 Vgl. Beate Ego, Die Geschichtskonzeption des Esterbuches als Paradigma historischer Sinnkonstruktion in der Spätzeit des Alten Testaments, in: Peter Mommer/Andreas Scherer (Hg.), Geschichte Israels und deuteronomistisches Geschichtsdenken. Festschrift zum 70. Geburtstag von Winfried Thiel, Münster 2010, 85-105.

28 Ego 2010, 87 und 98f.

29 Ego 2010, 88 und 102.

30 Ego 2010, 95 und 97.

31 Wacker 2004a, 614; vgl. Ego 2010, 98.

32 Wacker 2004a, 617.

33 Wacker 2004a, 622.

34 Vgl. Elsas 2017, 132-139.

35 Wacker 2005, 74f.; vgl. Wacker 2004b, 326f, und Dommershausen 1980, 26-32, zum Gebet von Mordechai (4,17a-i) und Ester (4,17k-z) und ihrer Audienz beim König (5,1a-f. 2ab).

36 Wacker 2005, 76.; vgl. dies. 2004a, 628; Dommershausen 1980, 39-44, zum königlichen Schutzerlass für die Juden (8,7-11. 12a-v. 13-17), und Christoph Elsas, Convergences of Zoroastrian Kingship from Heaven and Jewish Kingdom of God versus Hellenistic Kingship, in: Evangelia Dafni (Hg.), Königtum Gottes und menschliche Königtümer, Tübingen 2018 (WUNT, in Vorbereitung).

37 Wacker 2004b, 324; vgl. 326f.

38 Witte 2010, 491f; vgl. 494f.

39 Wacker 2004b, 328.

40 Klara Butting, Eine eigene Schrift entsteht, in: Butting 2005, 45-52, hier 48.

41 Butting 2005, 46.

42 Butting 2005, 49.

43 Butting 2005, 52.

44 Butting 2005, 23.

45 Butting 2005, 25f.; vgl. Ulrike Wagner-Rau, Fasten: Praxis zwischen Religion, Gesundheit und Körperkontrolle, in: Adelheid Hermann-Pfandt (Hg.), Moderne Religionsgeschichte im Gespräch. Festschrift für Christoph Elsas, Berlin 2010, 396-413.

 

Über den Autor

Prof. em. Dr. Christoph Elsas, bis 2010 Prof. für Religionsgeschichte am Fachbereich Evang. Theologie der Universität Marburg; Schwerpunkt: Religionsbegegnung und Dialog.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

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