Zum 70jährigen Jubiläum des Ökumenischen Rates der Kirchen
Auf dem langen Weg zur konziliaren Gemeinschaft

Von: Hans-Georg Link
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Vor 70 Jahren fand in Amsterdam die Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen statt. Hans-Georg Link resümiert die Geschichte und die Arbeit dieser Gemeinschaft christlicher Kirchen – insbesondere im Blick auf die Partnerschaft mit der römisch-katholischen Kirche – und benennt wesentliche Perspektiven für künftige Begegnungen und Kooperationen.

Konrad Raiser zum 80. Geburtstag


I. Amsterdam 1948

Am Sonntagnachmittag, dem 22. August 1948, zogen 351 Delegierte von 147 Kirchen aus 44 Ländern in farbenprächtigen Gewändern in die historische Amsterdamer Nieuwe Kerk ein, um mit einem Gottesdienst die Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen zu eröffnen. Mein Genfer Kollege, der niederländische Bibliotheksdirektor Ans van der Bent, der an der gottesdienstlichen Feier teilgenommen hatte, berichtete mir davon, wie ihm und vielen Delegierten die Tränen in die Augen traten, als sie erstmals das Vaterunser in englischer Sprache miteinander beteten. Denn in diesem Augenblick kam ihnen zu Bewusstsein, dass zum ersten Mal in der Kirchengeschichte derart zahlreiche verschiedene Christen aus allen Erdteilen im gemeinsamen Beten des von Jesus geschenkten Gebetes verbunden und jetzt vereinigt waren. Das hatte es zuvor noch nie gegeben; es muss für die Beteiligten eine überwältigende Erfahrung gewesen sein. So trat »das neue kirchengeschichtliche Ereignis unserer Zeit«, wie es der anglikanische Erzbischof von Canterbury William Temple seinerzeit formulierte, ins Dasein.1

Die raison d’être des Ökumenischen Rates wurde damals in seiner Basiserklärung als »Gemeinschaft von Kirchen« beschrieben, die »unseren Herrn Jesus Christus als Gott und Heiland anerkennen«.2 In ihrer trinitarisch erweiterten Fassung von 1961 ist diese »Basis« bis heute die Geschäftsgrundlage aller Mitgliedskirchen. Ihre verfassungsmäßige Hauptaufgabe besteht nach wie vor darin, »einander zur sichtbaren Gemeinschaft in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft aufzurufen.«3


II. Ein 70jähriger Lernprozess

Man kann die 70jährige Geschichte des Ökumenischen Rates der Kirchen cum grano ­salis in drei Phasen gliedern.


Kennenlernen und Begegnen

Die ersten beiden Jahrzehnte waren hauptsächlich von gegenseitigem Kennenlernen und Einander-Begegnen geprägt (1948 bis ca. 1969). Am Anfang stand die bis heute maßgebende Toronto-Erklärung von 1950, die u.a. betont: »Mitgliedschaft im Ökumenischen Rat der Kirchen bedeutet nicht, dass jede Kirche die anderen Mitgliedskirchen als Kirchen im wahren und vollen Sinn des Wortes anerkennen muss«.4 Bei der 3. Vollversammlung in Neu-Delhi 1961 wurde die berühmte Einheitsformulierung verabschiedet, die alle Getauften als »eine völlig verpflichtete Gemeinschaft« in Anspruch nimmt, die »zugleich vereint (ist) mit der gesamten Christenheit an allen Orten und zu allen Zeiten«.5

Entscheidend wurde in dieser ersten Phase jedoch die Begegnung mit der römisch-katholischen Kirche im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils. Sie führte bereits 1965 zu einer Gemeinsamen Arbeitsgruppe und 1968 zur Aufnahme von offiziell entsandten römisch-katholischen Theologen in die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, die damit bis zum heutigen Tag zum repräsentativsten theologischen Organ der Christenheit geworden ist. Man merkt den Einfluss der Begegnungen mit Rom im Hauptbericht der 4. Vollversammlung in Uppsala 1968, der unter der Überschrift steht: »Der Heilige Geist und die Katholizität der Kirchen«.6 Ihren Abschluss und Höhepunkt erreichte diese erste Phase der Begegnungen am 10. Juli 1969 mit dem Besuch von Papst Paul VI. beim Ökumenischen Rat im Genfer ökumenischen Zentrum.7


Auseinandersetzungen

In der zweiten und bisher längsten Phase von 1971 (Zentralausschuss in Addis Abeba) bis 2011 (Friedenskonvokation in Kingston/Jamaika) standen rund 40 Jahre lang Auseinandersetzungen über wichtige ökumenische Fragen im Vordergrund. Es begann in den 1970er Jahren mit dem Programm zur Bekämpfung des Rassismus, das namentlich in Deutschland zu erbitterten Kontroversen innerhalb der Mitgliedskirchen und mit dem Ökumenischen Rat geführt hat.8 Am 12. Januar 1982 ereignete sich »das Wunder von Lima«, als die Mitglieder der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung nach jahrelanger theologischer Arbeit die Erklärungen zu Taufe, Eucharistie und Amt einstimmig verabschiedeten.9 Am 31. Juli 1983 feierten an die 3000-4000 Teilnehmenden der 6. Vollversammlung in Vancouver im gelb-weiß gestreiften Gottesdienstzelt erstmals die Eucharistische Liturgie von Lima unter Leitung des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury Robert Runcie, vom Fernsehen weltweit live übertragen.10 In einem bislang einmaligen Prozess befassten sich die Kirchen in den 1980er Jahren gleichzeitig mit den Sakramenten und der Amtsfrage und gaben dazu offizielle Stellungnahmen ab.11

Furore machte auch die heute wieder höchst aktuelle Vancouver-Erklärung zu Frieden und Gerechtigkeit: »Wir glauben, dass für die Kirchen die Zeit gekommen ist, klar und eindeutig zu erklären, dass sowohl die Herstellung und Stationierung als auch der Einsatz von Atomwaffen ein Verbrechen gegen die Menschheit darstellen und dass ein solches Vorgehen aus ethischer und theologischer Sicht verurteilt werden muss.«12 Auf diesem Hintergrund wurde in Vancouver der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung aus der Taufe gehoben13, der 1989 zur ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel führte und 1990 zu einer Weltversammlung in Seoul.

Der zweite Besuch eines Papstes beim Ökumenischen Rat fand ein Jahr später in der Pfingstwoche am 12. Juni 1984 in einem spirituellen Rahmen mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle des ökumenischen Zentrums statt, in dem Papst Johannes Paul II. eine Ansprache hielt. Die Begegnung bekräftigte die gewachsenen Beziehungen zwischen Genf und Rom auf der Grundlage von Taufe und gemeinsamem apostolischem Glauben und trug so erheblich zur Anerkennung der Arbeit des Ökumenischen Rates bei.14 In der ersten Hälfte der 1980er Jahre hat der Ökumenische Rat seine bisher theologisch stärkste und ökumenische intensivste Zeit erlebt.

Das Jahrzehnt der 1990er Jahre stand im Zeichen der Dekade »Kirchen in Solidarität mit den Frauen«.15 Parallel dazu spitzte sich die Auseinandersetzung mit den orthodoxen Kirchen zu, die nach der europäischen Wende erstmals öffentlich kritische Stellung zum Ökumenischen Rat bezogen. Es ist großenteils dem Geschick des damaligen deutschen Generalsekretärs Konrad Raiser zu verdanken, dass der Ökumenische Rat auf seiner 8. Vollversammlung in Harare 1998 nicht auseinandergebrochen ist, als große Teile der Presse ihm bereits genüsslich das Totenglöckchen läuteten.16 Zudem brachte Raiser das Globale Christliche Forum (Global Christian Forum, GCF) auf den Weg, in dem Kirchen mit dem Ökumenischen Rat zusammenarbeiten, die ihm nicht angehören wie die römisch-katholische und viele Pfingstkirchen.17

Für das erste Jahrzehnt des 21. Jh. hatte der Ökumenische Rat eine »Dekade zur Überwindung von Gewalt« ausgerufen, die mit der Friedenskonferenz in Kingston/Jamaika 2011 ihren Höhepunkt erreichte.18 Mit den Themen Rassismus, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, Solidarität mit Frauen, Überwindung von Gewalt, des Weiteren Taufe, Eucharistie und Amt, apostolischer Glaube und Beziehung zu orthodoxen Kirchen hat der Ökumenische Rat in seiner zweiten Phase wichtigste Herausforderungen in den Jahren von 1970 bis 2010 aufgegriffen und darüber zur öffentlichen Auseinandersetzung innerhalb und mit seinen Mitgliedskirchen den Weg gewiesen. Er ist damit zum wichtigsten Dialog-Forum der Christenheit geworden.


Miteinander Pilgern

Mit seiner 10. Vollversammlung 2013 im südkoreanischen Busan ist der Ökumenische Rat nun in seine dritte Phase eingetreten. In ihr geht es nun schwerpunktmäßig um das Miteinander-Pilgern auf einem gemeinsamen Weg. Es ist ein glückliches Zusammentreffen, dass im selben Jahr auch Papst Franziskus und Erzbischof von Canterbury Justin Welby ihre Tätigkeit begonnen haben, sodass wir es seitdem mit einer neuen ökumenischen Gesamtkonstellation zu tun haben. Die Botschaft der Vollversammlung von Busan, für die sich in Deutschland bedauerlicherweise nur noch eine kleine Minderheit interessiert, steht unter der Überschrift: »Schließt euch unserem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens an«.19

Damit rückt auch die ursprüngliche raison d’être des Ökumenischen Rates wieder stärker in den Vordergrund, eine »Gemeinschaft von Kirchen« zu sein und immer mehr zu werden, wie es die »Erklärung zur Einheit« von Busan deutlich formuliert: »Getreu dieser unserer gemeinsamen Berufung werden wir miteinander nach der vollen sichtbaren Einheit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche streben, bis wir unsere Einheit an dem einen Tisch des Herrn zum Ausdruck bringen können.«20 In Busan ist es auch erstmals gelungen, innerhalb der »Erklärung über den Weg des gerechten Friedens« den gemeinsamen Glauben der Christenheit neu zur Sprache zu bringen. Es ist in Deutschland bis jetzt so gut wie unbekannt geblieben, dass wir seit Busan ein trinitarisches ökumenisches Friedensbekenntnis besitzen, dessen letzter Absatz mit den Worten beginnt: »Gemeinsam glauben wir, dass die Kirche zur Einheit berufen ist.«21


III. Der Ökumenische Rat der Kirchen im Jahr 2018

Wie steht der Ökumenische Rat der Kirchen heute da? Aus den 147 Mitgliedskirchen von 1948 sind nach 70 Jahren 348 geworden; ihre Zahl hat sich also mehr als verdoppelt. Der Ökumenische Rat vertritt heute mehr als 500 Mio. Christen auf der Erde; er ist nach der römisch-katholischen Kirche die zweitgrößte christliche Gemeinschaft. Er hat in 70 Jahren zehn weltweite Vollversammlungen zustande gebracht, die immer mehr den Charakter von konziliaren Zusammenkünften angenommen haben. Der Ökumenische Rat ist nicht nur ein Dialog-Forum geblieben, sondern hat einen Konziliaren Prozess ins Leben gerufen, der sich seit Busan zu einem »Pilgerweg« weiterentwickelt hat. Obwohl heute wesentlich weniger Mitarbeiter im Genfer ökumenischen Zentrum arbeiten als in den 1980er Jahren, haben die Arbeitsbereiche nicht ab-, sondern eher noch zugenommen.

Die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung hat zwei Konvergenzerklärungen erarbeitet, die weltweite Beachtung gefunden haben: 1. die Lima-Erklärung von 1982 zu Taufe, Eucharistie und Amt; 2. die Penang (Malaysia)-Erklärung von 2012: »Die Kirche: Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision.«

Vor allem hat der Ökumenische Rat Verbindungen zwischen christlichen Kirchen auf allen Kontinenten geschaffen, die es vorher nicht gegeben hat: Das ist seine kirchengeschichtliche Bedeutung. Seine Mitgliedskirchen kommen im Abstand von sechs bis acht Jahren zu Vollversammlungen zusammen, an denen ein-bis dreitausend Menschen teilnehmen. Zwischenzeitlich tagt in zweijährigem Rhythmus der etwa 200köpfige Zentralausschuss, das Leitungsorgan zwischen den Vollversammlungen. Die laufenden Aufgaben werden vom Exekutivausschuss mit etwa 30 Personen beraten, der halbjährlich in Genf zusammenkommt. Für Kirchen und Organisationen, die nicht dem Ökumenischen Rat angehören wie die meisten Pfingstkirchen, ist 1998 in Harare das Globale Christliche Forum ins Leben gerufen worden, das jährlich an verschiedenen Orten der Erde zusammentritt.

Auch wenn der Ökumenische Rat der Kirchen nach 70 Jahren erheblich geringere Aufmerksamkeit erfährt als zu Beginn und noch vor 20 bis 30 Jahren, so kann man insgesamt doch durchaus von einer Erfolgsgeschichte sprechen, die Bewusstsein, Gesicht und Gestalt der Christenheit auf Erden positiv verändert hat.


IV. Genf und Rom

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind Beziehungen zwischen Genf und Rom entwickelt worden, die zu einem einmaligen Verhältnis zwischen Ökumenischem Rat und römisch-katholischer Kirche geführt haben. Obwohl die römisch-katholische Kirche offiziell kein Mitglied ist, gestaltet sich ihre Mitwirkung in Genf wesentlich umfassender und vielfältiger als die der meisten Mitgliedskirchen. In gebotener Kürze erläutere ich die verschiedenen Ebenen und Gebiete, auf denen Genf und Rom sukzessive seit 1965, also seit über einem halben Jahrhundert, zusammen gefunden haben.

(1) Als erstes wurde noch im Jahr des Abschlusses des Konzils 1965 eine Gemeinsame Arbeitsgruppe (Joint Working Group, JWG) installiert, die die künftigen Beziehungen zwischen der römisch-katholischen Kirche und dem Ökumenischen Rat initiieren und koordinieren sollte. Es hat sich eingebürgert, dass jeweils zu den Vollversammlungen ein ausführlicher Bericht über die gemeinsame Arbeit in schriftlicher Form veröffentlicht wird. In Busan 2013 wurde bereits der 9. Bericht vorgelegt.

(2) Seit dem Jahr der 4. Vollversammlung in Uppsala 1968 trifft sich jährlich eine spirituelle Arbeitsgruppe, die die Materialien für die weltweite Gebetswoche für die Einheit der Christen (Week of Prayer for Christian Unity, 18. bis 25. Januar bzw. Woche vor Pfingsten) bearbeitet und veröffentlicht.

(3) Ebenfalls seit dem Jahr 1968 gehören 12 offizielle Vertreter der römisch-katholischen Kirche zur internationalen Kommission für Glauben und Kirchenverfassung (10% der Mitglieder); zu ihnen zählten in den 1970er Jahren z.B. Professor Joseph Ratzinger und Bischof Professor Paul-Werner Scheele. Diese Erweiterung der Mitgliedschaft hat zu einer eigenen Verfassung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung innerhalb des Ökumenischen Rates geführt, die ihr eine gewisse Eigenständigkeit und dadurch bedingte Sonderstellung eingeräumt hat. Ihre Veröffentlichungen haben besonderes Gewicht, weil in ihr seit 50 Jahren Theologen der evangelischen, katholischen und orthodoxen Traditionen zusammenwirken.

(4) Das Generalsekretariat des Ökumenischen Rates und der Päpstliche Rat zur Förderung der christlichen Einheit (Pontifical Council for Promoting Christian Unity, PCPCU) stehen über ihre Referenten in ständigem Kontakt und Austausch miteinander.

(5) Von 1968 bis 1980 gab es den »Gemeinsamen Ausschuss für Gesellschaft, Entwicklung und Frieden« (Exploratery Committee on Society, Development and Peace, SODEPA X), der sich mit der Päpstlichen Kommission »Iustitia et Pax« um entsprechende Belange kümmerte. Zum großen Bedauern des Ökumenischen Rates musste er 1980 seine Arbeit einstellen.

(6) In der Genfer Kommission für Weltmission und Evangelisation (Comission on World Mission and Evangelism, CWME) arbeitet ein/e ständige/r Vertreter/in aus Rom mit; umgekehrt ist das in der entsprechenden päpstlichen Kommission bisher nicht der Fall.

(7) Zum Dozentenstab des ökumenischen Instituts Bossey bei Celigny am Genfer See gehört inzwischen seit Jahrzehnten auch eine offiziell entsandte römisch-katholische Person.

(8) Die internationalen Studierenden des jeweiligen Winterhalbjahrs in Bossey reisen regelmäßig für eine Woche nach Rom, um die Stadt und besonders den Vatikan kennenzulernen, und erhalten in der Regel auch eine päpstliche Audienz. Einen Gegenbesuch von Studierenden der päpstlichen Gregoriana-Universität nach Genf gibt es bislang nicht in dieser Regelmäßigkeit.

(9) Zwischen den meisten Arbeitsabteilungen des Ökumenischen Rates und des Vatikans gibt es inzwischen theologische wie pragmatische Partnerbeziehungen, die darin bestehen, einander zu informieren, zu besuchen und zu beraten.

(10) An den Vollversammlungen des Ökumenischen Rates nimmt seit Nairobi 1975 regelmäßig eine offizielle 25-köpfige Delegation des Vatikans teil (delegated observers), deren Leiter der jeweilige Chef des Einheitssekretariates ist, der auch das übliche Grußwort des Papstes verliest.

(11) Es gibt offizielle gemeinsame Veröffentlichungen von Genf und Rom. Dazu zählen die jährlichen Dokumente zur Gebetswoche für die Einheit der Christen ebenso wie die Arbeitsberichte der Gemeinsamen Kommission (JWG); beide werden in zahlreichen Sprachen publiziert. Darüber hinaus haben der Ökumenische Rat und die römisch-katholische Kirche im Jahr 1982 eine bemerkenswerte Dokumentation zu »Peace and Disarmament« (Friede und Abrüstung) in englischer Sprache herausgebracht, die auf Genfer Seite von Amsterdam 1948 bis zum Zentralausschuss in Dresden 1981 reicht, während die Dokumente des Heiligen Stuhls mit der Weihnachtsbotschaft von Papst Pius XII. 1946 beginnen und mit der Neujahrsansprache von Papst Johannes Paul II. an das diplomatische Korps 1982 abschließen.22 An der vorerst letzten gemeinsamen Veröffentlichung vom Juni 2011 ist außerdem die weltweite Evangelische Allianz beteiligt: »Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt. Empfehlungen für einen Verhaltens­kodex.«23

(12) Seit seiner Gründung im Jahr 1998 arbeitete der Vatikan mit im Globalen Christlichen Forum (Global Christian Forum), das den Ökumenischen Rat mit anderen Kirchen, vor allem charismatischen und pfingstlichen, sowie mit weltweiten christlichen Gemeinschaften verbindet.

(13) Die Generalsekretäre des Ökumenischen Rates sind seit den Tagen Philip Potters von den Päpsten teilweise mehrfach in Privataudienz empfangen worden.

(14) Bisher haben Papst Paul VI. am 10. Juli 1969 und Papst Johannes Paul II. am 12. Juni 1984 den Ökumenischen Rat an seinem Stammsitz im Genfer ökumenischen Zentrum besucht. Während es zu keinem Besuch von Papst Benedikt XVI. beim Ökumenischen Rat gekommen ist, fand nun am 21. Juni 2018 nach 34 Jahren mit Papst Franziskus die 3. Visite eines Papstes beim Ökumenischen Rat der Kirchen statt.

Diese ungewöhnlich große Zahl an Beziehungsebenen macht deutlich, dass es sich im Verhältnis zwischen Genf und Rom um weit mehr als Mitgliedschaft handelt, nämlich um Partnerschaft zwischen zwei eigenständigen weltweiten Körperschaften, die weitgehend auf Augenhöhe miteinander arbeiten. In ihrer »versöhnten Verschiedenheit« sind sie aufeinander bezogen, können sich gegenseitig befruchten und gelegentlich gemeinsam handeln. Eine formelle Mitgliedschaft der römisch-katholischen Kirche im Ökumenischen Rat würde die zahlenmäßigen Gewichte auf den Kopf stellen und die in 70 Jahren gewachsenen Strukturen des Ökumenischen Rates zerstören. Wünschenswert ist allerdings eine zunehmende Intensivierung der in 50 Jahren entwickelten Beziehungen. Es ist gut, dass es mit Genf oder Rom nicht nur ein Zentrum der Christenheit gibt, sondern, wenn man Konstantinopel/Istanbul und Canterbury dazu nimmt, vier verschiedene, die zu konziliarer Gemeinschaft herausgefordert sind.


V. Konziliare Gemeinschaft?

Der Papstbesuch in Genf war Höhepunkt der Feiern, die der Ökumenische Rat aus Anlass seines 70jährigen Bestehens während des ganzen Jahres 2018 an verschiedenen Orten veranstaltet. Denn Papst Franziskus schaute nicht wie seine beiden Vorgänger en passant beim Ökumenischen Rat vorbei, sondern stellte die Begegnung mit den Repräsentanten der nicht-katholischen christlichen Kirchen in den Mittelpunkt seiner eintägigen Reise in die Schweiz. Er kam in erster Linie als Bischof, nicht als Staatsoberhaupt, und schenkte auf diese Weise dem Zentrum der weltweiten ökumenischen Bewegung eine Aufmerksamkeit und öffentliche Anerkennung, wie es sie seit Jahren nicht mehr erhalten hat – gerade auch in Deutschland nicht.

Der Papstbesuch stand unter dem Motto: »Ökumenischer Pilgerweg – Zusammen Gehen, Beten und Arbeiten« (Ecumenical Pilgrimage – Walking, Praying and Working Together). Dieses Motto nimmt das Thema von Busan 2013 auf: Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens. Das kam am 21. Juni auch symbolisch zum Ausdruck, wenn man zusammen von Genf zum 20 km entfernten Bossey zum Mittagessen »pilgerte« und dann wieder nach Genf zurückkehrte. Heute kommt es besonders darauf an, nicht in Konferenzsälen und Kirchen sitzenzubleiben, sondern sich zu den Brennpunkten unserer Erde gemeinsam auf den Weg zu machen – z.B. nach Nahost, Sudan und Kolumbien –, um dort miteinander als christliche Gemeinschaft für Gerechtigkeit und Frieden Zeugnis abzulegen.

Die spirituelle Dimension des Besuches stand am Anfang der Begegnung mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle des Ökumenischen Rates, in dem Franziskus eine Ansprache hielt, wie es beim Besuch von Papst Johannes Paul II. 1984 ebenfalls der Fall gewesen ist. Bei der konkreten gemeinsamen Grundlagenarbeit geht es um die Erarbeitung eines Vorschlags für einen gemeinsamen Ausdruck des apostolischen Glaubens mit Worten unserer Zeit, damit die ökumenische Christenheit ihre inhaltliche Identität zurückgewinnt. Dieses Projekt der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung aus den 1980er Jahren ist inzwischen auf der Strecke geblieben und ruft doch nach einer dritten Konvergenzerklärung, ohne die das Hauptziel der »sichtbaren Einheit« nicht erreicht werden kann.24 Die Sprachfähigkeit unseres Glaubens zurückzugewinnen, ist eine der wichtigsten ökumenischen Herausforderungen unserer Zeit.

Anfang November wird man auch an die 4. Vollversammlung erinnern, die vor genau 50 Jahren am selben Ort im schwedischen Uppsala stattfand – als letzte weltweite Zusammenkunft auf europäischem Boden. Damals stand die Katholizität der Kirche im Mittelpunkt der Beratungen, die zu so mutigen und weitsichtigen Äußerung führten wie diesen: »Die Kirche Christi ist katholisch oder sie ist überhaupt nicht die Kirche Christi. Aber wir müssen katholisch werden, indem wir diese Katholizität in ihrer Fülle ausdrücken und sie zu ihrem letzten Ziel bringen: der Einheit der Menschen … Die Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates, die einander verpflichtet sind, sollten auf die Zeit hinarbeiten, wenn ein wirklich universales Konzil wieder für alle Christen sprechen und den Weg in die Zukunft weisen kann.«25 Daran gilt es heute den Ökumenischen Rat wie seine Mitgliedskirchen zu erinnern, daran anzuknüpfen und nach 70 Jahren weiterführende inspirierende Visionen zu entwickeln.

Wohin soll die Reise gehen? Die vom Lutherischen Weltbund vertretene Perspektive der »Einheit in versöhnter Verschiedenheit«26, die heute als der Weisheit letzter Schluss aus vieler Munde zu vernehmen ist, kann als guter Ausgangspunkt in Anspruch genommen werden, aber als Zielpunkt der ökumenischen Einheit greift sie entschieden zu kurz. Denn dabei geht es um »konziliare Gemeinschaft«, deren erste Konturen die 5. Vollversammlung des Ökumenischen Rates 1975 in Nairobi entwickelt hat.27 Wir brauchen heute konziliare Formen der Begegnung auf gemeindlicher, regionaler und universaler Ebene.28 Da trifft es sich gut, dass Papst Franziskus die Synodalität in der katholischen Kirche auf den Schild hebt und sich zur Regionalisierung der Verantwortlichkeiten bekennt.29 Ich habe, ausgehend vom Reformationsjubiläum 2017, Vorschläge für konziliare Versammlungen auf regionaler und internationaler Ebene unterbreitet.30 Im Jahr 2021, wenn wir der Exkommunikation Martin Luthers vor 500 Jahren und seines mutigen Bekenntnisses auf dem Wormser Reichstag gedenken werden, gibt es eine erste Gelegenheit zu einer ökumenischen Provinzialsynode in Deutschland, auf der man ein kräftiges Signal zur Überwindung von Kirchenspaltung setzen kann.31 Wenn der Zentralausschuss in Genf in wenigen Wochen beschließen wird, die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Karlsruhe durchzuführen, dann ist das nicht nur nach 50 Jahren eine Rückkehr der weltweiten ökumenischen Bewegung nach Mitteleuropa, sondern auch eine Chance, die Kirchenspaltung in dem Land zu überwinden, in dem sie vor 500 Jahren begonnen hat.

Der 23. August dieses Jahres ist der Stichtag, an dem der Ökumenische Rat der Kirchen vor 70 Jahren gegründet worden ist. Er wird zumindest an seinem Gründungsort in Amsterdam mit einem Jugendtreffen festlich begangen werden. Dieses Datum ist aber zugleich eine Einladung an alle ökumenisch engagierten Christen, Gemeinden und Kirchen, am darauf folgenden Sonntag, den 26. August 2018, zu ökumenischen Dank- und Hoffnungsgottesdiensten zusammenzukommen und so einen weiteren Schritt hin zur konziliaren Gemeinschaft unserer Kirchen und Gemeinden zu unternehmen.


Anmerkungen:

1 Zu den Einzelheiten: W.A. Visser’t Hooft, Die Welt war meine Gemeinde (zit. Welt). Autobiographie, Stuttgart 1972, 245ff: Die erste Vollversammlung in Amsterdam, bes. 251f; ders., The Genesis and Formation of the World Council of Churches (zit. Genesis), Geneva 1982, 63ff: The first Assembly: Amsterdam 1948.

2 Dazu: H.-G. Link, Bekennen und Bekenntnis, ÖS 7, Göttingen 1998, 125ff.

3 In: H.-G. Link/D. Heller/K. Raiser/B. Rudolph (Hg.), »Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden.« Offizieller Bericht der Zehnten Vollversammlung des ÖRK … 2013 in Busan, Leipzig/Paderborn 2014, 577.

4 IV,4; in: W.A. Visser’t Hooft, Genesis, 115 (englisch); deutsch in: L. Vischer (Hg.), Die Einheit der Kirche (zit. Einheit). Material der ökumenischen Bewegung, ThB 30, München 1965, 257f.

5 In: L. Vischer, Einheit, 159f.

6 In: N. Goodall/W. Müller-Römheld (Hg.), Bericht aus Uppsala 1968 (zit. Uppsala 1968), Genf 1968, 3ff.

7 Dazu: W.A. Visser’t Hooft, Welt, 407ff.

8 Dazu: L. Coenen (Hg.), Die Kirchen im Kampf gegen den Rassismus. Eine Materialsammlung, Frankfurt/M. 1980.

9 W.H. Lazareth/N. Nissiotis (Hg.), Taufe, Eucharistie und Amt. Konvergenzerklärungen der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Frankfurt/M. – Paderborn 1982; jetzt in: H. Meyer/H.J. Urban/L. Vischer (Hg.), Dokumente wachsender Übereinstimmung 1931-1982 (zit. DWÜ I), Frankfurt/M. – Paderborn 1983, 545ff.

10 Dazu: W. Müller-Römheld (Hg.), Bericht aus Vancouver 1983 (zit. Vancouver 1983), Frankfurt/M. 1983, 20, 26; D. Trautwein, Die Vollversammlung und ihre Gottesdienste, in: K. Raiser (Hg.), Ökumenische Impressionen Vancouver 1983, Frankfurt/M. 1983, 22f.

11 Die meisten Stellungnahmen sind in der von Max Thurian herausgegebenen Reihe veröffentlicht: Churches respond to BEM I-VII, Geneva 1986ff; die römisch-katholische Stellungnahme in: VI, 1986, 1-40.

12 In: Vancouver 1983, 167.

13 In: Vancouver 1983, 116ff.

14 Dazu: Report on the Visit of Pope John Paul II. to the World Council of Churches 12 June 1984; Document No 4.9 of the Central Committee in Geneva 9-18 July 1984.

15 Dazu: K. Wilkens (Hg.), Gemeinsam auf dem Weg … Harare 1998, Frankfurt/M. 1999, 87ff; 360ff.

16 Dazu: Harare 1998, 43ff, 107ff, 143ff, 219ff.

17 Dazu: Harare 1998, 237ff.

18 Dazu: Ein ökumenischer Aufruf zum gerechten Frieden, in: Referenztexte der Zehnten Vollversammlung des ÖRK in Busan 2013, Genf 2013, 95ff.

19 In: Busan 2013, 63ff.

20 In: Busan 2013, 72.

21 In: Busan 2013, 399f.

22 Herausgegeben von Commission of the Churches on International Affairs, Geneva und Pontifical Commission »Iustitia et Pax«, Vatican City, 1982.

23 In: Busan Referenztexte, 81ff.

24 Dazu: H.-G. Link, Apostolischer Glaube in ökumenischer Gemeinschaft. Ein unvollendetes Projekt, in: H.-G. Link/G. Müller-Fahrenholz, Hoffnungswege. Wegweisende Impulse des ÖRK aus sechs Jahrzehnten, Frankfurt/M. 2008, 167ff, bes. 194ff.

25 Uppsala 1968, 5,14 (Hervorhebung von H.-G. Link).

26 Dazu: G. Gassmann, Art. Einheit, in: Evangelisches Kirchenlexikon (EKL), 3. Aufl., Bd. 1, Göttingen 1986, Sp. 1002ff.

27 H. Krüger/W. Müller-Römheld (Hg.), Bericht aus Nairobi 1975, Frankfurt/M. 1976, 25 ff.

28 Dazu: H.-G. Link, Die unvollendete Reformation. Zur konziliaren Gemeinschaft von Kirchen und Gemeinden, Leipzig/Paderborn 2016, 271ff.

29 Vgl. dazu das soeben im Mai 2018 veröffentlichte Grundsatzpapier der katholischen internationalen Theologenkommission zum Thema Synodalität.

30 A.a.O., 287ff.

31 A.a.O., 292f.


 

Über den Autor

Pfarrer Dr. Hans-Georg Link, Vorsitzender der Internationalen Ökumenischen Gemeinschaft, deutsche Region.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

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