Anmerkungen zu Leoš Janačeks »Glagolitischer Messe«
Slawisch rockende Kirchenmusik

Von: Sönke Remmert
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Im August 2018 jährt sich der Todestag des tschechischen Komponisten Leoš Janaček zum 90. Mal. Bekannt geworden ist er wohl eher durch seine symphonischen Werke und seine Bühnenmusik. Janaček hat aber auch geistliche Musik geschrieben, zum Beispiel die ­»Glagolitische Messe«. Sönke Remmert stellt das Werk und den Komponisten vor.


Einflüsse rauer, wilder und einfacher Volksmusik

Leoš Janaček (1854-1928), dessen Todestag sich im August 2018 zum 90. Mal jährt, gehört zu den bedeutendsten Komponisten des frühen 20. Jh. Als Tscheche gehört er zur pan-slawischen Tradition insbesondere Bedrich Smetanas, dessen symphonische Dichtung »Die Moldau« wohl die berühmteste pan-slawische Komposition eines Musikers aus Böhmen oder Mähren ist. Hauptanliegen der Pan-Slawisten im tschechischsprachigen Raum, aber auch in Polen oder Russland, war die Entwicklung einer eigenständigen slawischen Musik, die sich unabhängig von westlichen Einflüssen, insbesondere aus Deutschland, Frankreich oder Italien, etablieren sollte. Damit setzte sich diese Denkrichtung auch von Personen wie Antonin Dvořak oder Peter Tschaikowsky ab, in deren Schaffen Sinfonien und Kammermusik im klassisch-romantischen Stil, insbesondere nach dem Vorbild Beethovens, eine wesentliche Rolle spielten. Zu den berühmtesten russischen pan-slawischen Kompositionen gehören die »Bilder einer Ausstellung« sowie die Oper »Boris Godunow« von Modest Mussorgsky oder »Scheherazade« von Nikolai Rimsky-Korsakow.

Zu den wichtigsten Kompositionen Janačeks gehören einige Opern in tschechischer Sprache wie die Tragödie »Aus einem Totenhaus« oder die Fabeloper »Das schlaue Füchslein«. In seinen Instrumentalwerken überwiegen – wie meistens bei den Pan-Slawisten – programmmusikalische Konzeptionen: So etwa in dem Streichquartett »Kreuzersonate« nach dem gleichnamigen Roman von Leo Tolstoi. Hervorzuheben ist aber auch die ausgesprochen kraftvolle, an tschechischer Volksmusik orientierte »Sinfonietta«, eine Art Mini-Sinfonie.

Die »Glagolitische Messe« (»Mša Glagolskaja«) ist für vier Solostimmen, einen Chor und ein großes Orchester komponiert. Die Ansprüche an die Instrumentalisten und Sänger sind erheblich, obgleich die Einflüsse rauer, wilder und zugleich einfacher Volksmusik unüberhörbar sind.


Messformular in Kirchenslawisch

Janačeks geistliches Hauptwerk ist wohl die bedeutendste Vertonung des traditionellen Messetextes seit Anton Bruckner. Janačeks pan-slawische Grundhaltung zeigt sich hier rein äußerlich in der Wahl der Sprache: Im Gegensatz zu Palestrina, Bach, Mozart, Beethoven oder Bruckner wählt er nicht den traditionellen lateinischen Text. Er vertont stattdessen die traditionellen Verse in Kirchenslawisch. Auch hiermit setzt er sich von Antonin Dvořak ab, zu dessen berühmtesten Werken ein Requiem und ein Stabat Mater sowie eine Messe (allesamt in lateinischer Sprache) zählen.

Dabei gelingt Janaček ein Werk, das sowohl im Umfang als auch in der Bedeutung mit den späten Messen Joseph Haydns vergleichbar ist: Es dauert in etwa eine Dreiviertelstunde. Obwohl Janaček Katholik war, möchte man als Protestant bei der Wahl der Sprache an Martin Luther und die protestantische Tradition denken: So wie etwa Heinrich Schütz kein lateinisches Requiem, sondern mit den »Musikalischen Exequien« eine deutschsprachige Begräbnismusik komponierte, so verwendete unser tschechischer Komponist für sein geistliches Hauptwerk die kirchenslawische Sprache. Dabei basiert dieses Werk, das am 5. Dezember 1927, wenige Monate vor Janačeks Tod, uraufgeführt wurde, auf rund 20 Jahre zuvor entstandenen Entwürfen für eine traditionelle Messe in lateinischer Sprache. Nachdem zahlreiche böhmische Komponisten wie Jan Dismas Zelenka oder auch Antonin Dvořak den lateinischen Messetext vertonten, geht Janaček also gewissermaßen zu seinen heimatlichen Sprachwurzeln und schreibt eine Messe nicht für Gelehrte, sondern für sein Volk.


Volksfestartige Fröhlichkeit mit Pauken und Trompeten

Vergleicht man die »Glagolitische Messe« mit traditionellen Messvertonungen etwa Bachs, Mozarts oder Bruckners, so fällt der zupackende, fröhliche Gestus bereits der Rahmenteile auf. Natürlich gibt es auch in vielen traditionellen Messen ausgesprochen fröhliche, heitere Abschnitte. Dies gilt etwa bei Bach, Haydn und Mozart für die »Gloria«-Abschnitte und für freudige Passagen im »Credo«-Teil. Ausgesprochen ungewöhnlich ist bei Janaček jedoch die Ausgelassenheit, mit der sein musikalisches Hochamt bereits anhebt. Janaček sah die Botschaft der Bibel im wörtlichen Sinne als Evangelium, also als frohe Botschaft. So komponierte er eine Musik, die sich nicht an der traditionellen gregorianischen Chormusik oder an einem besinnlichen Kirchen-Gestus orientierte, sondern Elemente der Oper, vor allem aber der tschechischen Volksmusik aufnahm und somit im besten Sinne zu einer slawisch-rockenden Kirchenmusik wurde. Dies passt dazu, dass in ganz Osteuropa zu jener Zeit Musiker wie Béla Bartók oder Zoltán Kodály sich der heimischen Volksmusik besannen. Ähnlich Zupackendes kann man heute auf Kirchentagen oder auch auf kirchlichen Jugendfreitzeiten erleben – freilich weniger mit Anklängen an böhmische Polkas als mit den Stilmitteln der Jazz-, Rock- oder Hip-Hop-Musik.

Ungewöhnlich ist schon der Beginn der Messe. »Ůvod« ist ein fröhlicher Instrumentalsatz im Geiste der »Sinfonietta«, der die Grundhaltung des Werkes sofort beschwört: Geradezu volksfestartige Fröhlichkeit mit Pauken und Trompeten bestimmt den Satz. Manches mag man als ungewohnt empfinden, wenn man von klassischen Kirchenmusik-Vorstellungen oder von der Musik etwa der Wiener Klassik herkommt. Die Harmonien erinnern allerdings deutlich an Dudelsack-Stücke, welche zur damaligen Zeit keineswegs nur in Schottland, sondern in weiten Teilen Mitteleuropas verbreitet waren. Aber auch der Gedanke an die Musik mittelalterlicher Stadtpfeifer ist keineswegs abwegig.

Wir spüren: Die Messe ist für Janaček kein prüdes Betritual, sondern eine Glaubensfeier, die durchaus mit Tanzmusik begangen werden kann. Diese Kirchenmusik ist kunstvoll und volksnah zugleich.


Menschen kämpfen um Erbarmen

Dass der christliche Glaube aber auch ernste Töne und Themen mit einschließt, können wir beim »Kyrie Eleison« (»Gospodi pomiluj«) deutlich beobachten. Diese Musik kommt mit ihrem aufsteigenden Kontrabass-Motiv im Wortsinne »Aus der Tiefe« im Sinne des 130. Psalms. Aus dem Anfangsmotiv entwickelt sich ein dramatischer Wechselgesang zwischen Solosopran und Chor. Die Menschen beten nicht nur, sondern sie kämpfen gleichsam um das Erbarmen. Hier fühlen wir uns an den Opernkomponisten Janaček erinnert. Genau wie Haydn, Rossini oder Gounod verwendet auch unser tschechischer Komponist Elemente seines musikdramatischen Stils in der Messe. Am Ende wird das Kyrie-Motiv des Anfangs mit hellen Streicherklängen in Dur beruhigt. Dies kündet von der Erhörung der Bitte des Menschen um Erbarmen.

Das »Slawa« (»Gloria«) beginnt wie mit Weihnachtsglöckchen begleitet vom Sopran vorgetragen. Wir können uns an dieser Stelle gut vorstellen, dass der Text »Ehre sei Gott in der Höhe« ja seinen Ursprung in der Geschichte vom Jesuskind in der Krippe hat. Der ganze Satz ist geprägt von Steigerungen im Wechsel von Streichern und Holzbläsern. Am Ende herrscht ekstatischer Jubel, in den auch der Tenor einstimmt, und der mit grandiosen »Amin«-Rufen (»Amen«) endet.


Plastische Darstellung des Kreuzesgeschehens

Herzstück der »Glagolitischen Messe« ist, wie in Bachs h-Moll-Messe oder Beethovens »Missa Solemnis«, das Glaubensbekenntnis, das »Credo«, im kirchenslawischen »Věruju«. Es wird von einem meditativen Chorruf »Věruju« durchzogen, der ständig wiederkehrt und mit dem »Amin«-Ruf des »Slawa«-Endes kombiniert wird. Die durch diesen Chorruf gestiftete Einheitlichkeit des ganzen Abschnitts erinnert durchaus an Beethovens berühmtes Spätwerk. Der Tenor jubelt über Gott den Schöpfer.

Bemerkenswert: Vor dem »Raspet« (Crucifixus«)-Abschnitt wird ein hochdramatischer Instrumentalteil eingefügt, der die Kreuzigung mit harten Schlagzeug- und Orgelklängen und die Erschütterung hierzu mit sehr stillen, beklommenen Passagen reflektiert. Hier zeigt sich Janačeks Affinität zur Programmmusik eines Hector Berlioz oder seines Landsmannes Bedrich Smetana. Auch die Nähe zur Oper »Aus einem Totenhaus« ist absolut ohrenfällig. Das »Raspet« selbst ist von heftigen Chorrufen geprägt. Im Ganzen stellt Janaček durch das Beinahe-Geschrei des Chores mehr als z.B. Bach in seiner h-Moll-Messe die Härte der Kreuzschläge ins Zentrum der Betrachtung, während die Trauerstimmung vor allem in den stilleren Passagen der Orchestereinleitung gestreift wird.

Im Abschnitt »I Voskrse« (»et resurrexit«) kündet der Chor zunächst im meditativen »Věruju«-Ton von der Auferstehung Jesu Christi. Der Jubel muss sich erst quasi allmählich finden nach den Schrecken der Kreuzigung. Der Glaube an die Wiederkunft Christi und an den Heiligen Geist erscheint mit ausdrucksstarken Chorrufen. Vom Chor als Symbol der Gemeinschaft wird der Glaube an die allumfassende Einheit der Kirche ekstatisch gefeiert. Janaček war in diesem Punkt offensichtlich viel optimistischer als Beethoven, der in seiner »Missa Solemnis« diesen Abschnitt quasi nur im Hintergrund erklingen ließ, oder als Franz Schubert, der in allen seinen Messen auf diesen Bekenntnisteil konsequent verzichtete. Die Hoffnung auf die Auferstehung aller Toten wird vom Tenor, Chor und Orchester in frenetischem Jubel zelebriert. Die volksfestähnliche Stimmung des »Ůvod« ist wieder erreicht.


Beitrag zum Frieden in Europa

Das »Svet« (»Sanctus«) wird zunächst vom Sopran mit quasi-kammermusikalischer Begleitung gebetet, bevor der Chor anstimmt und sich ein ausdrucksstarker Tenor dazugesellt. Janaček geht somit im »Dreimal Heilig« ähnlich subtil, ähnlich differenziert vor wie Joseph Haydn, der in seinen späten Messen sich vom traditionellen einheitlichen Chorjubelton an dieser Stelle zu distanzieren schien. Im Gegensatz zu vielen früheren Komponisten fasst Janaček die traditionellen Teile »Sanctus«, »Benedictus« und »Osanna« zu einem einzigen Satz zusammen. Dies hat eventuell damit zu tun, dass die Gesamtlänge des Werks trotz der grandiosen Instrumentalteile eine traditionelle Gottesdienstmusiklänge nicht überschreiten sollte.

Das »Agnus Dei« (»Agneče Božij«) ist ein inniges Gebet der Solisten mit dem Chor. Es ist die Bitte an das Lamm Gottes um Erbarmen. Hier fehlt zwar die in der traditionellen lateinischen Messvertonung übliche Bitte um Frieden (das »Dona nobis pacem«) – die Beschäftigung mit diesem ur-tschechischen Werk ist aber in einem immer weiter zusammenwachsenden und immer mehr auf sich gegenseitig angewiesenen Europa absolut ein Betrag zum Frieden.

Nach der versonnenen, meditativen Stimmung des »Agnus Dei« folgen zwei Instrumentalstücke, die zurückkehren zur volksfesthaften Stimmung des »Ůvod«: Das Orgelstück »Varhany Solo« ist freudig und choralhaft zugleich. Man spürt eine Bach-nahe Feierlichkeit und den mitreißenden Schwung tschechischer Folklore. Man möchte gerade bei dieser Klangkombination an rockende oder swingende Kirchenmusik denken – an Lebensfreude, die mit grandioser Feierlichkeit kombiniert wird. Janaček lässt hier die Finger und die virtuellen Puppen tanzen.


Musik als geistliche Weltsprache

Auch das abschließende Stück ist sehr schwungvoll. Seine Bezeichnung »Intrada« zeugt davon, dass sich der mährische Komponist durchaus auf barocke und vorklassische Traditionen bezieht – denn »Intrada« war im 17. und 18. Jh. ein Begriff für schwungvolle Eröffnungsmusiken zu festlichen Anlässen jeglicher Art. So steht jene Bezeichnung z.B. über dem berühmten Paukenwirbel, der die langsame Einleitung von Joseph Haydns grandioser Sinfonie Nr. 103 (»Mit dem Paukenwirbel«) eröffnet. In der Tat zeigen neuere Forschungen, dass bei der Uraufführung der Glagolitischen Messe Janačeks »Intrada« nicht nur den Abschluss, sondern auch den Beginn der Messe markierte, sodass dieses grandios slawisch-rockende Meisterwerk ursprünglich nicht nur mit zwei feurigen Instrumentalsätzen endete, sondern auch begann.

Leoš Janaček hat mit seiner »Glagolitischen Messe« ein Gipfelwerk der Geistlichen Musik des 20. Jh. geschaffen. Neben dem »Psalmus Hungaricus« von Zoltán Kodály und zahlreichen symphonischen und kammermusikalischen Werken Béla Bartóks ist es eine grandiose Auseinandersetzung mit der osteuropäischen Volksmusik. Neben Strawinskys »Psalmensinfonie« sowie der »Mass« und den »Chichester Psalms« von Leonard Bernstein, dessen 100. Geburtstag die Musikwelt in diesen Tagen feiert, bildet es ein Plädoyer für die Musik als geistliche Weltsprache. Wie so vieles in der Musik des 20. Jh. wirkt manches bei Janaček auf den ungeübten Hörer fremd. Gerade bei diesem Komponisten ist aber vieles mit der Herkunft von unbändig jubelnder, bäuerlicher Volks- und Tanzmusik Tschechiens zu erklären. Hier berührt sich Janaček durchaus mit dem Ur-Klassiker Haydn, der seinerseits viel ungarische, kroatische und österreichische Folklore in seine Musik einwirken ließ.

 

Über den Autor

Sönke Remmert, Jahrgang 1963, Studium der Evang. Theologie in Marburg, Mitarbeiter in der Bibliothek der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Bayreuth und im Evang. Dekanat Bayreuth; zahlreiche Konzertkritiken.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

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