Der Dieselskandal als Herausforderung für die Theologie
Wider lutherischen Fundamentalismus und Lobbykratie

Von: Friedrich Gehring
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Die öffentlich gewordenen Betrügereien um Dieselmotoren bei gleichzeitigen Milliardengewinnen der Konzerne zeigen exemplarisch, welche ausbeuterische Macht diese durch ihre erfolgreichen Lobbyisten erworben haben. Bei den Feiern zum Reformationsjubiläum wurde Luther immer wieder als Widerständler gegen die Ausbeutung durch den Ablasshandel gewürdigt. Daraus müsste sich eigentlich ergeben, dass lutherische Theologie auch heute Widerstand zu leisten hat gegen die Ausbeuter der Gegenwart, meint Friedrich Gehring.


1. Die wesentlichen Fakten des Dieselskandals

Aus dem Ehrgeiz, weltweit größter Autohersteller zu werden, stattete der Volkswagenkonzern Dieselmotoren mit elektronischer Betrugssoftware aus, die eine reinigende Abgasrückführung nur auf dem Prüfstand einschaltete. Für eine dauernde reinigende Abgasrückführung waren die Motoren nicht ausgelegt. Eine effektive Abgasreinigung mit Harnstoff hätte die Motoren so sehr verteuert, dass die gewünschten Verkaufserfolge in Gefahr geraten wären. Versuchsanordnungen in den USA, die im Alltagsbetrieb den Schadstoffausstoß messen konnten, bewiesen den Betrug. Der Konzern musste Milliarden aufwenden für Strafzahlungen und Schadensersatz. In Deutschland verweigert der Konzern entsprechende Zahlungen, weil er behaupten kann, die Motoren seinen völlig legal.

Die Lobbyarbeit zahlt sich nun aus: Man hat erfolgreich die Gesetze so formulieren lassen, dass der Betrug juristisch unangreifbar ist. Schon unter Verkehrsminister Tiefensee (SPD, von 2005-2009) sind die Dieselabgasmessungen bei den Hauptuntersuchungen abgeschafft worden, es wurde nur noch die Bordelektronik ausgelesen. Zur Schonung der Motoren wurde erlaubt, die Abgasrückführung nur oberhalb bestimmter Außentemperaturen einzuschalten. Die Abgasreinigung muss also im Wesentlichen nur im Sommer funktionieren. Wo tatsächlich teurere effektive Harnstoffreinigung eingebaut wurde, sprachen sich deutsche Dieselhersteller ab, zur Steigerung des Verkaufs die Gefäße für Harnstoff so klein zu dimensionieren, dass von Wartung zu Wartung nur eine kurze Fahrstrecke lang wirkliche Abgasreinigung stattfand.


2. Die Reaktion der Politik

Anfang August 2017 kamen Personen der Politik und der Dieselproduzenten zum ersten Dieselgipfel zusammen. Bezeichnenderweise veröffentlichte die Herstellerseite schon am Tag zuvor das Ergebnis der Verhandlungen: Es sollen nur preiswerte Softwareupdates durchgeführt werden, keine wirklich effektiven Harnstoffnachrüstungen. Bei der Eröffnung der Automobilausstellung in Frankfurt/M. Mitte September 2017 kritisierte die Kanzlerin, die Hersteller hätten »Regelungslücken exzessiv ausgenutzt« und müssten nun »Vertrauen zurückgewinnen«1. Sie lenkt dabei davon ab, dass die Politik den Lobbyisten ermöglichte, die Gesetzeslücken in die Gesetze zu schreiben, und dass sie selbst die deutschen Herstellerinteressen in Brüssel vehement vertrat.

Es ging bisweilen aber auch ohne die Kanzlerin: Im November 2017 beschloss die EU-Kommission neue Abgasregeln, deren Verschärfung »offenbar durch massive Intervention der deutschen Autolobby VDA, namentlich deren Präsidenten Matthias Wissmann, verhindert« wurde2.

Als die Justiz die Politik zu Konsequenzen zu zwingen begann, speziell in Stuttgart, weil es bei dem geduldeten Schadstoffausstoß um Menschenleben geht, nahm die Landesregierung in Baden-Württemberg Zuflucht zu einer Sprungrevision gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart, um Dieselfahrverbote hinauszuzögern, offensichtlich eine Rücksichtnahme auf die Chefs der Autobauer im Südwesten.


3. Biblisch-theologische Deutung der Vorgänge

Es ist kaum bestreitbar, dass die Rücksichtnahme auf die Dieselproduzenten von der Vorstellung ausgeht, dass die deutsche Autoindustrie für den Wohlstand im Land zentrale Bedeutung hat. Zugleich ist kaum zu bestreiten, dass die Gier nach immer mehr Absatz nicht nur Leben gefährdet, sondern die Hersteller selbst und die Arbeitsplätze in den Betrieben. Die drohenden Fahrverbote haben die Verkaufszahlen für Dieselfahrzeuge schnell zurückgehen lassen. Benzinfahrzeuge haben weniger Teile, schaffen weniger Arbeitsplätze und Gewinn. Eine konsequente Umstellung auf Abgasreinigung mit Harnstoff würde nicht nur Todesopfer vermeiden, sondern auch mehr Arbeitsplätze sichern und vor Strafzahlungen wegen zu hohem CO2-Ausstoß der Fahrzeugflotten der Konzerne schützen, da Dieselfahrzeuge weniger Kohlendioxid produzieren. Der Gesetzgeber müsste die Hersteller zu ihrem Glück zwingen.

Aber warum geschieht dies nicht? Eine biblisch-theologische Deutung kann dies anhand der Erzählung über die Versuchungen Jesu erklären: Der Versucher führt Jesus auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Schätze der Welt. Diese sollen Jesus gehören, wenn er sich niederwirft und den Versucher anbetet (Mt. 4,8f). Hier sind die Heilsversprechungen der Wirtschaftsmächtigen angesprochen: Die Autokonzerne versprechen den Regierenden und der Bevölkerung Wohlstand, wenn sie sich gehorsam den Konzerninteressen unterwerfen. Wenn Regierende und Wählende den Versprechungen glauben und vor den Konzernherrn niederfallen, wird deren irrationale, zerstörerische und selbstzerstörerische Gier siegen. In der Jesusnachfolge ist dieser Versuchung zu widerstehen. Aufgabe christlicher Verkündigung muss entsprechend sein, dieses Niederfallen vor dem Versucher in seiner zerstörerischen Konsequenz zu entlarven. Papst Franziskus hat eindringlich gewarnt: »Diese Wirtschaft tötet!«3 Warum kann lutherische Theologie sich nicht entsprechend äußern?


4. Die Gefangenheit lutherischer Theologie im Obrigkeitsgehorsam

Es erscheint paradox, dass Luther einerseits gegen kirchliche und weltliche Obrigkeit beim Reichstag in Worms 1521 öffentlichkeitwirksam aufbegehrte, aber andererseits dem gemeinen Volk die Unterwerfung unter die Herren verordnete. Bereits 1520 deutete er das vierte Gebot, ursprünglich eine Aufforderung zur guten Versorgung der alten Eltern, in fundamentalistischer Weise um in ein Gehorsamsgebot gegenüber den Herren (»untertenickeit aller Gewalt umb gottis wolgefallen willen«)4. Noch 1523 empfahl Luther, einen »gemeinen Kasten« einzurichten5, damit christliche Gemeinden selbst das Geld haben, »alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen«6. Schließlich gab er aber doch den Landesherren das Sagen in den Gemeinden: Das landesherrliche Kirchenregiment beendete alles, was Luther über die Freiheit des Glaubens geschrieben und für sich beansprucht hatte.

Obwohl das landesherrliche Kirchenregiment formal 1918 endete, trieb die lutherische Fixierung auf den Obrigkeitsgehorsam danach noch furchtbare Blüten, speziell durch die Verdammung der Kriegsdienstverweigerung in Art. 16 des Augsburgischen Bekenntnisses. Selbst die »Bekennende Kirche« zog mit Hitler als von Gott gesandtem Führer in den Vernichtungskrieg, indem sie betete: »Wir loben dich droben, du Lenker der Schlachten, und flehen, mögst stehen uns fernerhin bei.«7 Die Anpassung der lutherischen Theologie an die feudalistische Untertanenideologie nach 1523 hatte also furchtbare Auswirkungen bis weit in das 20. Jh. hinein und ist bis heute nicht revidiert.

Es darf nicht wundern, dass in einer solchen Untertanentradition der Mut fehlt, die gegenwärtigen neuen Herren der Welt zu kritisieren, die offensichtlich noch mehr Einfluss auf die Gesetzgebung ausüben als die gewählten Abgeordneten. Diese fallen aus Hoffnung auf wirtschaftliches Wachstum in vorlaufendem Gehorsam vor den Konzernherrn nieder, nicht zuletzt deshalb, weil es bei diesen auch nach der politischen Karriere noch gut bezahlte Posten gibt. Der gelegentlich als »Kanzler der Bosse« titulierte Ex-Kanzler Gerhard Schröder ist keineswegs das einzige Beispiel.


5. Der Ausweg aus der lutherischen Gefangenheit in der Untertanenideologie

Die Befreiung aus lutherischer Obrigkeitsfixierung wird am ehesten gelingen im Rückgriff auf die Tradition von Jesus. Das reformatorische »solus Christus« ist bei Luther mangels historisch-kritischer Unterscheidung zwischen Jesus und Paulus in Wirklichkeit ein »solus Paulus«. Luther wird bei der mannigfachen Berufung auf Röm. 13 nicht irritiert durch die Kritik Jesu am Machtmissbrauch der Gewaltherrscher und dem Gebot, ihnen nicht darin zu folgen, sondern eine Kultur des Dienens zu entwickeln (Mk. 10,42-44). Als Theologieprofessor und Übersetzer des NT musste er dieses Wort Jesu kennen. Speziell bei der Frage des Kriegsdienstes für die Feudalherren hätte dieses Jesuswort Gewicht bekommen müssen, wenn der Grundsatz »solus Christus« tatsächlich gegolten hätte. Die Verdammung der Kriegsdienstverweigerung in Art. 16 des Augsburgischen Bekenntnisses belegt aber das Prinzip »solus Paulus«.

Der Ausweg aus der verhängnisvollen lutherischen Untertanentheologie beginnt also dort, wo der lutherische Fundamentalismus durch konsequente historisch-kritische Differenzierung entlarvt wird, um zu verhindern, dass die »heilige Schrift« zum Steinbruch für eine vorgefertigte Ideologie missbraucht werden kann. Dabei muss das hermeneutische Prinzip »solus Christus« derart beachtet werden, dass der Tradition von Jesus als der »Mitte der Schrift« eine höhere Dignität zukommt als den übrigen Überlieferungen, auch denen von Paulus.


6. Die Befreiung lutherischer Theologie zur prophetischen Gesellschaftskritik

Der konsequente Rückgriff auf die Tradition von Jesus eröffnet die für lutherische Theologie ganz neue Möglichkeit, wie einst der junge, im Jubiläumsjahr so gefeierte protestierende Luther zu gesellschaftlichen Missständen kritisch Stellung zu beziehen. Zentraler Ansatzpunkt an der Botschaft Jesu vom barmherzigen Gott und dessen Reich ist die Kritik Jesu am Mammon (Mt. 6,24 par). Dieser Begriff aus dem Aramäischen, der Muttersprache Jesu, bezeichnet den zerstörerischen Aspekt des Geldes und des Kapitals. Er war weder ins Griechische noch ins Lateinische zu übersetzen, weil im Griechischen wie im Lateinischen Sprachraum kein Bewusstsein von dieser zerstörerischen Kraft vorhanden war. Aber Jesus kann aus der prophetischen Tradition schöpfen, die den Missbrauch wirtschaftlicher Macht anprangert. Beispielhaft sei hier an Jes. 5,8-10 erinnert: Die Konzentration des Besitzes an Immobilien und landwirtschaftlichen Flächen gibt den Monopolisten die Möglichkeit zu fast beliebigen Preissteigerungen und führt zu einer Verschärfung der Schere zwischen arm und reich. Dabei wird zunächst die Existenz der Armen zerstört. Daraus folgt dann die selbstzerstörerische Komponente: Immer weniger können Miete und Pacht zahlen, die Gebäude stehen leer, das Land verödet. Die gierigen Monopolisten sägen an dem Ast, auf dem sie sitzen.

Die Kritik Jesu am »ungerechten Mammon« geht schließlich so weit, dass er den veruntreuenden Verwalter lobt, weil er im Gegensatz zu seinem Herrn von oben nach unten umverteilt (Lk. 16,1-9). Noch weiter geht Jesus, als über die Ausbeutung des Landes durch die römische Besatzungsmacht diskutiert wird. Der Rat, dem Kaiser zu geben, »was des Kaisers ist« (Mk. 12,17), wird traditionell dahin missdeutet, Jesus befürworte die Steuerzahlung an den Kaiser. Jeder fromme Jude erkennt bis heute, dass das Gegenteil der Fall ist: Indem Jesus sich die Münze mit dem Kaiserbild zeigen lässt, macht er klar, dass ein gläubiger Jude dieses Geldstück mit dem Bild des göttlichen Augustus als Götzenbild nicht bei sich tragen darf, weil das zweite Gebot dies verbietet. Die Jesus aufs Glatteis führen wollen, bekommen also den Rat, das kaiserliche Geld zu boykottieren, was dem Kaiser die Ausbeutung zumindest erheblich erschwert. Der gewaltfrei Widerstand leistende Jesus ist allerdings bereits bei Paulus verschüttet, erst recht seit der konstantinischen Wende nicht mehr denkbar. Aber genau diesen widerständigen Jesus gilt es neu zu entdecken, um lutherische Theologie zur prophetischen Gesellschaftskritik zu befreien.


7. Die konkreten Konsequenzen angesichts des Dieselskandals

Die Macht der gierigen Dieselproduzenten gerät am stärksten dann ins Wanken, wenn die Konsumenten ihre Macht entdecken und den Konsum verweigern. Es wäre also konsequent, seitens der Theologie in der Nachfolge Jesu zum Boykott der betrügerischen Konzerne aufzurufen. Damit hätte das Niederfallen vor den Konzernherren ein Ende. Im Rahmen von Boykottaufrufen könnten die Konzerne auch motiviert werden, saubere Nachrüstungsmöglichkeiten anzubieten, auf wessen Kosten auch immer. Nicht nur die Konzerne, sondern auch die Dieselkunden haben sich die teure echte Abgasreinigung bisher gespart. Von der Politik muss die Theologie fordern, diesen Prozess der Säuberung mit den entsprechenden Gesetzen positiv zu unterstützen. Es darf nicht schweigend hingenommen werden, dass die im Dieselskandal offenkundige Lobbykratie in einem Wahlkampf so gut wie nicht vorkommt.

Wenn lutherische Theologen und Kirchen es schaffen, sich bei gesellschaftlichen Missständen wie dem Dieselskandal aus der Tradition von Jesus heraus kritisch einzumischen, werden sie nicht nur ihrer wachsenden Bedeutungslosigkeit entgegenwirken, sondern auch zur ursprünglichen christlichen Botschaft und zu ihrem Herrn zurückkehren.


Friedrich Gehring


Anmerkungen:

1 Frankfurter Rundschau, vom 15.8.2017, 13.

2 Frankfurter Rundschau vom 9.11.2017, 14.

3 Evangelii Gaudium, 37.

4 Luthers Werke in Auswahl, hrsg. von Otto Clemen, 2. Band, 46.

5 Ebd., 404ff.

6 Ebd., 395ff.

7 Eberhard Röhm/Jörg Thierfelder, Kirche – Staat – Politik. Zum Öffentlichkeitauftrag der Kirche. Reihe Oberstufe Religion, hrsg. von Eckhart Marggraf und Eberhard Röhm, Calwer Verlag Stuttgart, o.J., 59.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

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