Ein Impuls zum Thema des Deutschen Pfarrertags 2018 in Augsburg »Religion und Gewalt«
Wie können Bekenntnisse verbinden und zur Tat werden?

Von: Thomas Bühler
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Die Confessio Augustana hat mit ihren Verurteilungen zur Gewalt zwischen den Konfessionen beigetragen. Ort und Thema des diesjährigen Deutschen Pfarrertags legen nahe, sich mit der Wirkungsgeschichte des Lutherischen Grundbekenntnisses zu beschäftigen. Nach Artikel 16 durften lutherische Christen töten, sei es als Richter oder Soldaten. CA 16 verdammt folgerichtig die Täufer wegen ihrer Gewaltfreiheit und legitimiert ihre Verfolgung und Hinrichtung. Was folgern wir aus solchen historischen Erfahrungen, und wie gehen wir damit um?

Am Vortag des Abschlussgottesdienstes zum Reformationsjahr 2017 erreichte eine Fahrradgruppe aus dem Internationalen Versöhnungsbund von Augsburg kommend Wittenberg und legte die »Confessio Augustana« auf den originalen Schreibtisch ihres Verfassers Philipp Melanchthon. Mit dabei waren einige Gedenksteinchen, die sie dort mitgenommen hatten, wo im 16. Jh. Täufer hingerichtet worden waren. Auf ihren Transparenten stand: »Verdammungen – nein! Friedenskirche – Ja! / Augsburger Bekenntnis legitimiert Kriege und Todesstrafe und verdammt anders Lehrende. / Annahme verweigert. Zurück nach Wittenberg und an heutige Kirchenleitungen zur Überarbeitung. / Jesus: Ich aber sage Euch: Liebet Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen.«

In den meisten Ausgaben des Evangelischen Gesangbuchs ist die CA abgedruckt (z.B. EG 835, Württ.). Da werden im Kleingedruckten (S. 1495) die Verdammungen unangemessen schwach relativiert: Keine Erinnerung, kein Funke des Bedauerns! Auch wurde das Wort »Wiedertäufer« gestrichen, wohl um das Bekenntnis zu entschärfen. Doch so sind nun alle Pazifisten verdammt, auch lutherische. Einige Landeskirchen verpflichten ihre Geistlichen auf dieses »Zeugnis der Refor­mation«.

Anbei Formulierungen aus heutiger Sicht (s. Kasten). Ein Bekenntnis kann grenzüberschreitend Gemeinsamkeiten betonen:

– In einer Demokratie sind alle verantwortlich vor künftigen Generationen – Christen jedoch bewusst auch vor Gott und in seiner Kraft.
– Die Verbindung von »sehen, erleben, bekennen« bezieht Nicht-Glaubende guten Willens ein.
– und ermöglicht gemeinsame Folgerungen.
– Wird Schuld bekannt, so können Umkehrschritte formuliert und umgesetzt werden.
– Dann trennen eigene Wunden der Vergangenheit oder Erinnerungen an die Geschichte nicht mehr. Heilung wird erkennbar an einem neuen Vertrauen.
– Ängste, dass sich Schlimmes wiederholen könnte, sind überwunden und ein neues, kreatives und produktives Miteinander kommt in Gang



Wie will und kann Feindesliebe entfeinden?

Es beginnt mit der Rückfrage nach dem, was jeweils zu Gewalt geführt hat (Jesus: »Was schlägst du / was verfolgst du mich?«). Die Betroffenheit von erlittenem Unrecht (Bitterkeit, Hass …) muss ausgedrückt und aufgenommen werden, auch das Verlangen nach Gerechtigkeit. Das Übergehen solcher Bedürfnisse eskaliert Konflikte.

Ohne anzuklagen hört Feindesliebe zu und steht für die Fehler der eigenen Seite gerade, auch bei einer schrecklichen Vergangenheit. Ganzheitlich – und dadurch stark! – bündelt sie das eigene Denken, Fühlen, Wollen und Tun in einer stimmigen Weise

– durch aufklärende Erinnerungen
– im Ausdruck emotionaler Anteile (Reue, Betroffenheit, Wut …)
– im Überwinden dessen, was belastet (Vergebung erbitten, zusprechen)
– und sie baut an einem neuen Miteinander (Schadensausgleich, lernende Erinnerungskultur, neue Zusammenarbeit …).

Manches davon wird in der Vergebungsbitte des Lutherischen Weltbundes an die Täufer/Mennoniten 2010 in Stuttgart deutlich. Zum ersten Mal seit bald 500 Jahren wurde die Geschichte der Verfolgung gemeinsam betrachtet. Ein guter Anfang. Dazu passt es jedoch nicht, wenn in den evangelischen Gesangbüchern die Verurteilungen, die uns von mennonitischer Seite vergeben wurden, zigtausendfach nachgedruckt und wiederholt werden!

Wie weiter? In der CA kommt das Thema Nachfolge nicht vor, in der lutherischen Theologie vor 1936 (Dietrich Bonhoeffer »Nachfolge«) kaum. Da können wir im Dialog mit den einst verdammten Friedenskirchen und Pazifisten gemeinsam lernen. Im Licht auf die dunklen Seiten unserer eigenen Kirchengeschichte erkennen wir heutige Gefahren schärfer und begegnen ihnen überzeugender.

So kann es geschehen: Christus, unser Friede – praktisch und nachhaltig. Durch den Anschluss an Ihn kommt das Leben in Ordnung. Darin verbinden sich Glaube, Rechtfertigung und Nachfolge. Damit werden Schritte zur Heilung offener oder verborgener Wunden der gemeinsamen Geschichte möglich.

(siehe auch: https://www.versoehnungsbund.de/ca16)

Thomas Bühler

Über den Autor

Pfarrer Thomas Bühler war landeskirchlicher Gemeindepfarrer im Norden von Württemberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

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