Zu Georg Friedrich Händels Oratorium »Israel in Egypt«
Gigantischer Exodus-Psalm

Von: Sönke Remmert
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Wer kennt nicht Händels großartiges Oratorium »Der Messias«, in welchem die Geburts-, Kreuzigungs- und Auferstehungsgeschichte Jesu Christi eindrucksvoll mit Worten des Alten und Neuen Testaments dargestellt wird? Neben Bachs Passionen, Weihnachtsoratorium und h-Moll-Messe zählt es zu den berühmtesten Kompositionen barocker geistlicher ­Musik. Das Werk gehört zu den »Heiligtümern« der gesamten Musikgeschichte, macht aber auch neugierig auf die zahlreichen anderen Oratorien des Meisters, z.B. auf »Israel in ­Ägypten«, das Sönke Remmert hier näher unter die Lupe nimmt.

 

Großenteils entstanden Händels Oratorien nach 1737. Händel hatte sich in England zunächst als Opernkomponist einen Namen gemacht. Die Barockoper kam aber bereits damals ein wenig aus der Mode. Das im April 2018 wiedereröffnete Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth kann zu einer Wiederbelebung der zahlreichen Opern, die Händel zwischen 1712 und 1740 für London schrieb, beitragen. In den Oratorien, die Händel später für London komponierte, spielen atl. Sujets eine Hauptrolle. Die meisten dieser Werke sind dramatisch wie eine Oper, allerdings ohne sichtbare Bühne, angelegt. Andere Oratorien wie »Der Messias« und eben »Israel in Egypt« stellen vertonte Bibeltexte zur künstlerischen Gestaltung eines Konzepts, eben beispielsweise einer Geschichte, zusammen. »Israel in Egypt« behandelt die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten (Ex. 1-15) – jene Geschichte, die auch dem amerikanischen Spiritual »When Israel was in Egypt’s Land« zu Grunde liegt.

Bemerkenswert an »Israel in Egypt« ist, dass es – genau wie der »Messias« – nur aus Bibeltext-Vertonungen besteht, die mal hymnisch, mal dramatisch komponiert wurden. »Israel in Egypt« ist somit ein veritabler Vorläufer des »Messias«. Durch die Verwendung von Holzbläsern ist »Israel in Egypt« in der Orchestrierung reicher als der »Messias«, was allerdings wohl an aufführungspraktischen Gegebenheiten in der Entstehungszeit des letztgenannten Werkes liegt.


Zukunftsweisende Orchestersprache

»Israel in Egypt« weist mit seiner subtilen und zugleich sehr differenzierten Orchestersprache darüber hinaus weit in die Zukunft voraus: Zur »Schöpfung« von Joseph Haydn, zu Ludwig van Beethovens »Pastorale« und seiner 9. Sinfonie sowie zur Programmmusik des 19. und frühen 20. Jh. Und auf die Filmmusik der letzten rund 100 Jahre.

Wie die meisten englischsprachigen Oratorien Händels ist auch »Israel in Egypt« dreiteilig angelegt – entsprechend der Dreiaktigkeit der meisten Barockopern. Der erste Teil ist eine Trauermusik um Joseph. Händel verwendete hier das geringfügig veränderte »Funeral Anthem« HWV 264, das er ursprünglich 1737 zum Tod der aus Ansbach (Mittelfranken) stammenden englischen Königin Caroline komponierte. Ein Anthem ist eine feierliche Komposition für Gesangsstimmen und Orchester, wie sie in der Anglikanischen Kirche üblich ist und vor Händel bereits Henry Purcell zur Blüte brachte. Anthems gibt es zu freudigen und zu traurigen Anlässen. Eines der berühmtesten Anthems ist die Krönungsmusik »Zadok the Priest« von Händel, auf welcher die offizielle Kennungsmusik der Fußball-Champions League beruht.

Beim »Funeral Anthem«, also dem ersten Teil von Händels Oratorium »Israel in Egypt«, handelt es sich um eine Trauermusik, die auf biblischen Texten basiert – vorzugsweise aus den Klageliedern Jeremiae, aber auch andere biblische Bücher wie die Psalmen und das Buch Hiob sind vertreten. Auch die Apokryphen (z.B. Jesus Sirach) spielen eine tragende Rolle. Es handelt sich also – ähnlich wie bei den »Musikalischen Exequien« von Heinrich Schütz, bei Bachs »Actus Tragicus« BWV 106 oder bei Brahms’ »Deutschem Requiem« um allgemeingültige Trauermusik, die Händel nicht nur für einen bestimmten Anlass (eben die Trauerfeierlichkeiten für Königin Caroline) beibehalten wollte.


Kontrast von Tod und Auferstehung

Ähnlich wie die genannten Werke ist das »Funeral Anthem« durchaus auch einzeln als Trauermusik, als eine Art »englisches Requiem«, aufführbar. Mit der Umdeutung als Trauermusik für Joseph im ersten Teil des Oratoriums »Israel in Egypt« gelang es Händel, diese Musik in ein zeitloses Ganzes zu integrieren. Es dominieren starre Rhythmen und Mollstimmungen. Händel schafft es allerdings, ein solches Ganzes höchst abwechslungsreich zu gestalten: In der Satztechnik, in der Rhythmik und nicht zuletzt im klanglichen Wechsel zwischen dem Chor und den Solisten. Hinzu kommt: Trotz der atl. Grundlage und der trauernden Grundstimmung scheint immer wieder die Auferstehungshoffnung durch. Gerade hierfür spielen die Apokryphen wie Jesus Sirach und Weisheit Salomos eine entscheidende Rolle.

Bemerkenswert ist die Nähe einiger Passagen zum vier Jahre später entstandenen »Messias«. So arbeitet der Chor »Their bodies are burried in peace« mit exakt dem gleichen Kontrast von Tod und Auferstehung wie der Chor »Since by man came Death« im dritten Teil des berühmten Christus-Oratoriums. Der Schlusschor des »Funeral Anthem« »The merciful Goodness of the Lord« ist im Text zwar hymnisch, lässt die Trauermusik aber dem Anlass entsprechend in melancholischen Moll ausklingen.

Es ist ausgesprochen bedauerlich, dass sich im 19. Jh. die Tradition durchsetzte, Händels Oratorium »Israel in Egypt« nur als zweiteiliges Oratorium, ohne das ursprüngliche Begräbnis-Anthem, aufzuführen. Dies hängt gewiss damit zusammen, dass schon Händel aufgrund der relativen Erfolglosigkeit von »Israel in Egypt« sich um Alternativlösungen bemühte. Allerdings hat der Komponist niemals das Werk nur in zwei Teilen geboten. Die dreiteilige Konzeption mit dem »Funeral Anthem« zu Beginn entsprach Händels ursprünglicher Konzeption und macht das Werk zu einem runden Ganzen.


Die ägyptischen Plagen musikalisch dargestellt

Der zweite Teil des Oratoriums »Israel in Egypt« erzählt mit Versen aus dem zweiten Buch Mose (Exodus) sowie aus den Psalmen 78 und 105 die Geschichte von den Plagen, die Gott dem ägyptischen Volk schickte, um den Pharao umzustimmen, das Volk Israel aus dem Exil in seine Heimat ziehen zu lassen. Händel tut dies in abwechslungsreicher Folge von Chören, Rezitativen und Solo-Arien, aber auch mit einer sehr abwechslungsreichen Instrumentierung.

Überraschend ist hier, wie der aus Halle an der Saale stammende Barockkomponist die einzelnen Plagen musikalisch darstellt. So werden die Frösche durch hüpfende Geigenläufe symbolisiert. Der dramatische Einsatz der Pauken bei den Gewittern mit Hagel weist weit in die Zukunft voraus: auf Joseph Haydn, der »Israel in Egypt« in London live erlebte und sich hiervon in der »Schöpfung« und in den »Jahreszeiten« inspirieren ließ, auf Beethoven, dessen »Pastoralsinfonie« unmittelbar von manchen Einfällen Händels beeinflusst zu sein scheint, auf das mythologische Gewitter in Richard Wagners »Walküre« und auf Richard Strauß, dessen Gewitterdarstellung in der »Alpensinfonie« hier eine ihrer zahlreichen Wurzeln haben dürfte. Alle genannten Komponisten könnte man sich heute als großartige Musiker für das Medium Film vorstellen.

Beachtlich, wie Händel schließlich die Plage der Dunkelheit mit ungewöhnlichen und kühnen, schon auf Richard Wagner vorausweisende Harmoniefolgen schildert – dem oftmals gerade in der Harmonik als (im Vergleich mit dem Johann Sebastian Bach der Matthäuspassion) relativ schlicht geltenden Händel traut man so etwas auf den ersten Blick wohl nicht zu.


Ein »englisches Te Deum«

Der dritte Teil des Oratoriums »Israel in Egypt« ist eine Vertonung des Lobgesangs des Moses in Ex. 15. Es handelt sich um ein grandioses Jubel-Anthem. Wie der erste Teil kann auch dieses Stück eigenständig aufgeführt werden – als so etwas wie ein »englisches Te Deum«. Dies gilt insbesondere dann, wenn man die Exilssymbolik metaphorisch interpretiert. Immerhin beginnen sowohl der erste als auch der dritte Oratoriumsteil mit den feierlichen punktierten Rhythmen der barocken französischen Ouvertüre. Man möchte an das berühmte »Hallelujah« im »Messias«, aber auch an die »Chandos Anthems« des gleichen Komponisten denken, welche auf Psalmen basieren und neben Schütz’ »Psalmen Davids« zu den herausragenden Psalmvertonungen der Barockmusik zählen.

Obgleich der dritte Teil von »Israel in Egypt« rund eine Dreiviertelstunde dauert, entsteht nirgends der Eindruck von Langeweile. Händel gelingt es, den Jubel genauso differenziert, genauso abwechslungsreich zu gestalten wie die Trauer des ersten Teils. Mal singt der Chor blockhaft homophon, mal in grandios vielstimmigen polyphonen Steigerungen. Wenn die Erinnerung an vergangenes Leid anklingt, erscheinen auch hier grandios-düstere Moll-Passagen. Das gleiche gilt für Aussagen, in welchen die Ehrfurcht beschworen wird, wie »The Lord is my God, and I will prepare him an habitation« oder im doppelchörigen »The People shall hear and be afraid«. Gerade der Chor »The Lord shall reign for ever and ever« weist mit seiner ruhigen Deklamation in besonderem Maße auf eine Passage im »Messias« mit fast gleichem Text voraus: Auf das »And he shall reign for ever and ever« im »Hallelujah«-Chor.

Auch die Differenziertheit dieser hymnischen Musik hat ihre Nachfolger gefunden: bei Ludwig van Beethoven, der Händel außerordentlich schätzte und dessen Chorfinale in der 9. Sinfonie gleichfalls ein sehr ausführlicher Jubel für Solisten, Chor und Orchester ist. Aber auch Felix Mendelssohn Bartholdys 2. Sinfonie »Lobgesang« gehört zu den Kompositionen, die vom vielfältig schattierten Hymnus des dritten Teils von Händels Oratorium »Israel in Egypt« stark beeinflusst sind.



»Durch Nacht zum Licht«

In seiner ursprünglichen dreiteiligen Form ist Händels »Israel in Egypt« ein monumentales Meisterwerk, das eine Entwicklung »durch Nacht zum Licht« – von tiefer, sehr abwechslungsreich gestalteter Trauer hin zu ebenso subtil dargebotenem hymnischen Jubel präsentiert. Dies ist eine Entwicklungskurve, wie wir sie in der Musik vornehmlich mit Beethoven assoziieren – vor allem mit seiner 5. und 9. Sinfonie. Theologisch entspricht diese Entwicklungskurve aber auch zahlreichen Klagepsalmen in der Bibel – allen voran dem Passionspsalm 22, der in tiefer Klage ansetzt, sich aber zu großem, ja, österlichem Jubel steigert. Aber auch andere berühmte Klagepsalmen wie Ps. 51 oder 130 wären hier zu nennen. So ist es gewiss nicht falsch, »Israel in Egypt« als großen musikalischen Psalm des 18. Jh. zu betrachten.

Wie der wenige Jahre später entstandene »Messias« erzählt »Israel in Egypt« eine theologisch bedeutsame Geschichte nur mit Bibelzitaten – wobei die Teile 2 und 3 des früheren Werks wie der »Messias« von Charles Jennens zusammengestellt wurden – die Texte des »Funeral Anthems«, der ja zum ersten Teil des Oratoriums umfunktioniert wurde, hat Edward Willes, der damalige Dekan von Westminster, zusammengestellt.

Während der »Messias« die Geschichte von Christi Geburt, Passion und Auferstehung berichtet, steht in »Israel in Egypt« der Auszug Israels aus Ägypten im (Ex. 1-15) im Vordergrund. Händels Oratorien können so einen Beitrag dazu leisten, die Geschichten aus der Bibel wieder verstärkt ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Dies gilt für nur aus Bibelversen bestehende Werke wie »Israel in Egypt« und »Messiah«, aber auch für dramatische, quasi-opernhafte Werke wie »Saul«, »Belsazar«, »Samson«, »Jephta« oder das viel zu wenig bekannte »Joseph and his Brethren«, das gewissermaßen die Vorgeschichte von »Israel in Egypt« mit zahlreichen grandiosen Arien und Chören erzählt.

 

Über den Autor

Sönke Remmert, Jahrgang 1963, Studium der Evang. Theologie in Marburg, Mitarbeiter in der Bibliothek der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Bayreuth und im Evang. Dekanat Bayreuth; zahlreiche Konzertkritiken.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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