Kirchlicher Entwicklungsdienst wird 50
Zukunft braucht Entwicklung

Von: Wilfried Steen
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Die Themen Ökumene und Entwicklungsdienst haben in der kirchlichen Öffentlichkeit nur noch marginale Bedeutung: Sie spielen in Zukunftsüberlegungen zu Kirche und Christentum eine untergeordnete Rolle. Kirchen agieren zögerlich, wenn es darum geht, in Fragen der Weltverantwortung Partei zu ergreifen. Kirchengemeinden fühlen sich vielfach mit internen Problemen belastet und haben keine Energie mehr zur Teilhabe an ökumenischen Initiativen. Partnerschaftsgruppen werden älter. Es wird versäumt, jüngere Menschen, zum Beispiel durch Freiwilligendienst, zu erreichen. Wilfried Steen will in seinem Artikel aufzeigen, dass eine Besinnung auf die Grundpfeiler des Kirchlichen Entwicklungsdienstes auch neue Impulse und Chancen für die ökumenische Zukunft unserer Kirche geben kann.



1968: Kirchen lernen ökumenische Verantwortung

Vor fünfzig Jahren haben die evangelischen Kirchen zentrale Entscheidungen für ihren Weg getroffen: in der Vollversammlung des ÖRK 1968 in Uppsala und mit der Idee zur Gründung eines Kirchlichen Entwicklungsdienstes1 durch die Evangelische Kirche in Deutschland im Herbst 1968. Die Gründer des Kirchlichen Entwicklungsdienstes in der evangelischen Kirche haben Perspektiven zu globalen Fragen und zur ökumenischen Gestalt der evangelischen Kirche entwickelt, die auch heute noch gelten, ja, sie geben Anstöße für eine Erneuerung der ökumenischen Weltverantwortung.

Erst im Laufe der 1960er Jahre war aus dem einst »europäischen« ein wirklich globaler Weltkirchenrat geworden – durch den Beitritt orthodoxer Kirchen aus dem damaligen Ostblock und unabhängiger Kirchen aus den ehemaligen Kolonialgebieten des Südens. Die vierte Weltkirchenkonferenz tagte vom 4.-20. Juli 1968 im schwedischen Uppsala unter dem Motto »Siehe, ich mache alles neu«. Der Krieg in Vietnam wurde verurteilt und auch die Waffenlieferungen der Industriestaaten in Kriegsgebiete. Junge Leute demonstrierten vor den Türen der Konferenz mit Plakaten wie »Christus ist noch immer zu revolutionär für diese Kirche«. Uppsala wurde zu einem Fanal: »Wir hörten den Schrei derer, die sich nach Frieden sehnen. Die Hungernden und die Ausgebeuteten rufen nach Gerechtigkeit. Die Verachteten und Benachteiligten verlangen ihre Menschenwürde … Beteiligt euch an dieser Vorwegnahme des Reiches Gottes, und lasst heute schon etwas von der Neuschöpfung sichtbar werden, die Christus an seinem Tag vollenden wird.«2

Mehr soziales Engagement der Kirchen für Weltentwicklung wurde gefordert. Es genügte nicht mehr, Menschen durch Nahrungsmittelspenden aus ihrem Elend herauszuhelfen. Manche verlangten auf dieser Versammlung nach ethisch verantworteten Anlagemöglichkeiten. Die Kirchen in Europa und den USA sollten so aus ihren Rücklagen Kredite vergeben, um Entwicklung zu fördern. Dies blieb eine Vision, denn die großen Kirchen schreckten vor solch einem Plan zurück. Der Anstoß führte aber zur Gründung der Ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft – später als Oikocredit3 eine sehr erfolgreiche ökumenische Kreditgenossenschaft.

Auch wenn es an konkreten Beschlüssen der 235 vertretenen Kirchen mangelte, der Geist von Uppsala ließ sich nicht stoppen. Die Vollversammlung von 1968 ist prägend für die Entwicklungsorientierung der ökumenischen Kirchen geworden. Dabei wurde das maßgebende Leitbild der »verantwortlichen Weltgesellschaft« schöpfungstheologisch und christologisch begründet.4


Die Umsetzung der Ergebnisse von Uppsala in Deutschland

Die deutschen Delegierten hatten es im Anschluss nicht leicht, die Ergebnisse der Weltkirchenkonferenz in der Synode der EKD zu vertreten. Nicht nur das Antirassismusprogramm des ÖRK fand in den Landeskirchen manchen Widerspruch. Aber insgesamt konnte und wollte sich die EKD dem ökumenischen Geist von Uppsala nicht verschließen. Dies geschah auch dank der theologischen Überzeugungskraft von Helmut Gollwitzer.5

Im Oktober 1968 fasste die Synode der EKD in Berlin-Spandau unter dem Eindruck von Uppsala zwei Beschlüsse: die Einrichtung einer Arbeitsgruppe Entwicklungspolitik und die Bitte um einen kirchlichen Entwicklungsbeitrag von 2-5% der Haushalte der Gliedkirchen. Diese sollten sich dafür einsetzen, »dass in wesentlich stärkerem Maße als bisher in die Haushalte unserer Kirchengemeinden und Landeskirchen, ihrer Werke und Einrichtungen Mittel eingesetzt werden, die der Überwindung der Armut, des Hungers und der Not in der Welt und ihrer Ursachen dienen …«

Zu dieser Zeit hatten sich die verschiedensten Werke und Einrichtungen der Hilfe für Menschen in Armut in den Entwicklungsländern schon etabliert. Mit Brot für die Welt gab es die große erfolgreiche Solidaraktion der evangelischen Kirchen, angesiedelt bei der Diakonie. Daneben die Evangelische Zentralstelle für Entwicklungshilfe, Dienste in Übersee als Fachkräftevermittlung, das Evangelische Missionswerk. Daneben waren im evangelischen Bereich aber auch freie Werke mit bewusster Einbindung in die Kirche wie Kindernothilfe und die Christoffel-Blindenmission entstanden. Missionswerke orientierten sich stärker an Entwicklungsaufgaben im Rahmen ihrer Partnerschaften.6

1969 wurde von den Leitungsgremien die Grundsatzentscheidung getroffen, keinen eigenen Stab aufzubauen, sondern sich der schon bestehenden Werke zu bedienen. Bei der EKD wurde der Kirchliche Entwicklungsdienst der EKD für Koordination und Öffentlichkeitsarbeit eingerichtet. Die EKD-Synoden von Bremen (1973) und Bad Salzuflen (1986) bestätigten die grundlegenden Ziele der Gemeinschaftsaufgabe. Dieser Verbund der Gemeinschaftsaufgabe Kirchlicher Entwicklungsdienst, ergänzt durch den Ausschuss für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik (ABP) und das Ökumenische Studienwerk in Bochum, bestand bis zur Gründung des Evangelischen Entwicklungsdienstes.

»Zukunft der Kirche – Zukunft der Welt« – so lautete 1968 das Thema der EKD-Synode. Die Weltgesellschaft stand unter dem Eindruck der immensen Erfolge der Weltraumforschung. Zwar zeigten erste Erkenntnisse, dass der Erde ein immenses Bevölkerungswachstum bevorstand. Begrenzte Ressourcen und die Grenzen des Wachstums gerieten zunehmend in den Blick. Würde das Raumschiff Erde Kurs halten können? Wie würde die Kirche auf diese Herausforderungen reagieren?


Eine Zukunftskonzeption kirchlicher Entwicklungsarbeit

Die neue Dimension ökumenischen Denkens zeigt sich in der Denkschrift der EKD von 1973 »Der Entwicklungsdienst der Kirche – ein Beitrag für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt«7. Diese Denkschrift ist Ausdruck des Quantensprungs in der kirchlichen Entwicklungsarbeit. So unterstreicht die Denkschrift die Verpflichtung nicht nur des einzelnen Christen, sondern der ganzen Kirche als Gemeinschaft, sich für die Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika einzusetzen. Christen treten für Gerechtigkeit und Frieden ein – auch über die Grenzen kirchlicher Partnerschaften hinaus.

Nach wie vor gilt bis heute die Erkenntnis, dass die evangelische Kirche ihre Entwicklungsarbeit nicht allein darauf ausrichten kann, Partnerkirchen und Projekte in Übersee finanziell zu fördern und Fachkräfte zur personellen Unterstützung der Partner zur Verfügung zu stellen. Sie muss auch im eigenen Land über die ungerechten Strukturen informieren und an deren Überwindung mitarbeiten. Barmherzigkeit predigen und zu Spenden aufrufen, genügt nicht. Den Politikern und mächtigen gesellschaftlichen Gruppen muss ins Gewissen geredet werden. Denn Armut hat ihre Ursache nicht zuletzt in den Ungerechtigkeiten der Welt­wirtschaft, in ungerechten Handelsbedingungen, aber auch in weitverbreiteter ­Korruption.

Der Geschäftsführer des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der EKD (bis 1997) Warner Conring hat gemeinsam mit dem Ausschuss »Kirchliche Mittel für Entwicklungsdienst« dieses Konzept konsequent über die Jahre hin entwickelt und ausgebaut.8 Günter Linnenbrink, langjähriger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst, hat 1983 festgehalten, die Entwicklungsdenkschrift bezeichne »die Linie, hinter der die Evangelische Kirche in Deutschland nicht zurückbleiben sollte.«9 Die Fragen und ungelösten Probleme weltweiter Armut und Ungerechtigkeit sind heute drängender denn je. Die Denkschrift hat im Grunde das aktuelle Konzept einer nachhaltigen Entwicklung schon vorgedacht. Dieses Konzept versteht Entwicklung als ganzheitlichen partizipatorischen Prozess, der Menschenwürde, Schöpfungsbewahrung und Frieden verkörpert.10 Dabei geht die Denkschrift bewusst von einer Orientierung an den Partnern im Netzwerk ökumenischer Beziehungen aus, die selbst ihre Projekte steuern.

Die Denkschrift richtete sich ausdrücklich an die Adressen der Gemeinden und Kirchen: »Sie sollen in ihrem Entwicklungsengagement gestärkt werden und zugleich biblisch-theologisch begründete Orientierungshilfen bekommen.«11 Das ist eine Forderung an die Arbeit des Entwicklungsdienstes, die heute so aktuell ist wie damals.


Gemeinschaft der Barmherzigkeit, des Heilens und Teilens

Gerechtigkeit, Solidarität, Teilhabe sind Grundpfeiler der Gemeinschaftsaufgabe des Kirchlichen Entwicklungsdienstes. Und Barmherzigkeit? Barmherzigkeit hat den Geruch des Karitativen, des Gutmenschentums. Aber die Bibel handelt vom mitleidenden Gott, dem das Elend dieser Welt nicht gleichgültig ist. Der kennt den Schmerz der Hungernden, Geflohenen. Daraus entspringt für Christen die Kraft und die Pflicht, sich umfassend an die Seite der Armen zu stellen. Ohne den Willen, das Recht aller Menschen auf ein Leben in Würde zu stärken, geht das nicht.

Die meisten Hungersnöte entstehen nicht durch Fehlen von Nahrung, sondern durch das Versagen des Staates oder von Institutionen bei der Verteilung.12 Die vorhandenen ungerechten Strukturen müssen verändert werden. Das heißt ökumenische Weltverantwortung, die Selbstverständnis der evangelischen Kirchen ist. Aber diese Erkenntnis bedarf erneut der Verankerung gerade in Gemeinden und Gruppen, bei allen Christinnen und Christen.

Bischof Wolfgang Huber hat es bei der Gründung des Evang. Entwicklungsdienstes 1999/2000 so formuliert: Nach dem biblischen Auftrag gehören »Verkündigung, die zum Glauben einlädt, und Dienst in der Gesellschaft, missionarisches Zeugnis und Entwicklungsdienst im Handeln der Kirche« zusammen. »Die Arbeit des Evangelischen Entwicklungsdienstes wurzelt in dem Glauben, der die Welt als Gottes Schöpfung bezeugt, in der Liebe, die gerade in dem entrechteten und armen Nächsten ihrem Herrn begegnet, und in der Hoffnung, die in der Gewissheit des kommenden Gottesreiches handelt«.13

Kirche Jesu Christi ist eine weltweite Gemeinschaft des Heilens und Teilens. Das beginnt im Abendmahl. Darum ist die theologische Debatte zum Entwicklungsdienst eine unentbehrliche Ergänzung des menschenrechtlichen Ansatzes, der heute die Begründung entwicklungspolitischen Handelns dominiert. Denn geschätzt werden 85% aller Menschen in ihren Rechten eingegrenzt. Das widerspricht fundamental dem christlichen Menschenbild. Die theologische Überzeugung muss Praxis werden: Weil Gott Mensch geworden ist, lohnt es sich, diese Welt menschlicher und menschenwürdiger zu machen.


Wie kann ein Neuansatz in unserer Kirche auf dieser Basis gelingen?

Die Gründungsväter und -mütter hatten ein Konzept im Sinn, das als zukunftsweisend gelten kann: keine zusätzlichen Institutionen, sondern eine »Gemeinschaftsaufgabe«. Dieses Konzept ist vordergründig daraus entstanden, dass weder EKD noch Diakonie noch Mission eine große Entwicklungsinstitution wollten. Die AG KED hat lange gut funktioniert und eine Menge Synergien entwickelt. 1993 wurde die höchste KED-Einzahlung der Landeskirchen mit 132 Mio. DM verzeichnet. In den darauffolgenden Jahren aber hatten die Landeskirchen aufgrund der angespannten Haushaltslage ihre Beiträge gekürzt. Die Leitungsgremien der EKD fragten sich, ob die in der AG KED zusammengeschlossenen Organisationen nicht in einer gemeinsamen Organisation effizienter arbeiten könnten. Insbesondere die »unübersichtliche Gremienstruktur« waren der Kirchenkonferenz und dem Rat der EKD ein Dorn im Auge.

Die Fusion der Dienste zum Evang. Entwicklungsdienst wurde beschlossen. Hatten vorher Fachleute für Ökumene und Entwicklungsdienst die Gremien bestimmt, so bestand nun der Aufsichtsrat dieses neuen Werkes nur aus kirchenleitenden Persönlichkeiten. Brot für die Welt blieb Teil der Diakonie. Die Diakonie sah die Aktion Brot für die Welt als integralen Bestandteil des diakonischen Gesamtauftrages. Brot für die Welt in ein gemeinsames Werk auszulagern, hätte bedeutet, die Diakonie um ihren ökumenischen Zweig zu bringen. Erst ab 2012 entstand dann Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung in Berlin. Der Evang. Entwicklungsdienst hatte sich mit der Diakonie und damit auch mit Brot für die Welt zusammengeschlossen.

Heute muss es um eine weitere Integration des gesamten kirchlichen Entwicklungsdienstes gehen. Die Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren, mit Missionswerken und regionalen KED-Arbeitsstellen und nicht zuletzt mit den Gemeinden muss intensiviert werden.


Blieben die Stimmen der Kirchen bisher zu leise?

Seit fünfzig Jahren treten die Kirchen für die Rechte der Armen ein und haben sich das Motto »Tu den Mund auf für die Stummen«14 zu eigen gemacht. KED fördert nach wie vor die Projektarbeit von Brot für die Welt in den Ländern des globalen Südens – 2016 mit 54,4 Mio. Euro.

Die Kirchen haben nicht nur Milliarden eingezahlt. Sie haben eine armutsorientierte Entwicklungspolitik eingefordert, die langfristig Stabilität und Frieden schafft. Sie haben ihre Partnerkirchen in den Ländern des Südens angeregt, sich für eine gerechte Entwicklung in ihren Gesellschaften einzusetzen und zugunsten der Armen öffentlich ihre Stimme zu erheben. Aber haben sie es offensiv genug getan?

Ohne ein entschiedenes Zusammenwirken von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weltweit werden die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals) bis 2030 nicht zu erreichen sein. Zu lange hat die europäische Öffentlichkeit ignoriert, dass Millionen Menschen in Afrika, Asien, Lateinamerika keine ausreichende Lebensgrundlage haben. Durch flüchtende Menschen und Migranten ist dies offensichtlich geworden. Noch heute ist der Beitrag Europas für die Herkunftsländer der meisten Flüchtlinge vollkommen unzureichend. Erst kürzlich hat man 500 Mio. Euro in den Krisenfonds eingestellt. Die deutsche und die europäische Finanzplanung entspricht nicht den großen Worten der Politik. Wirkliche Investitionen in die Zukunft Afrikas, die auch bei den Menschen ankommen, brauchen eine andere Dimension von Engagement seitens der europäischen Staaten.15

Die Kirchen müssen den politischen Dialog voranbringen, wenn sie ihr Ziel ernstnehmen. Deshalb wurde 1973 die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) ins Leben gerufen – als ökumenische, evangelisch-katholische Arbeitsgruppe zur Entwicklungspolitik. Sie ist bis heute ein ernstgenommener Gesprächspartner der Politik und gesellschaftlicher Verbände. Lobbydialog und Kamingespräche müssen sein, wenn es darum geht, die Mächtigen in Gesellschaft und Politik zum Umdenken zu bringen.

Doch diese Funktion wird in ihrer politischen Relevanz bis heute unterschätzt. Die Fachkompetenz von Brot für die Welt und Misereor muss sich mit der Meinungskraft beider großer Kirchen verbinden. Diese Chance sollte in Zukunft besser genutzt werden. Herausragende Beispiele bieten die Rüstungsexportberichte der GKKE, die erhebliche Wirkungen erzielt haben und in allen großen überregionalen Tageszeitungen erwähnt werden. Eine klare Haltung der Kirchen führt auch zu einer größeren Akzeptanz bei den eigenen Mitgliedern.

Ulrich Willems beklagte 1998 den »strukturellen Konservatismus« der kirchlichen Leitungsebene in der Entwicklungspolitik. Dieser zeige sich »im Fehlen geeigneter politischer Instrumente und ausreichender personeller Kapazitäten für die Durchsetzung entsprechender Positionen sowie vor allem in der mangelnden Konfliktbereitschaft«. Diese harte Kritik schießt übers Ziel hinaus, benennt aber Schwachstellen zu Recht. Zwar konnte bei den bisherigen Fusionen der Politikbereich bei Brot für die Welt personell gebündelt und aufgestockt werden. Das Engagement der EKD für den Bereich der entwicklungspolitischen Lobbyarbeit wurde aber mangels personeller Möglichkeiten stark reduziert. Dabei war das Zweite Ökumenische Dialogprogramm 1992 bis 1999, unter anderem mit einem Schwerpunkt »Problematik der Aluminiumgewinnung in Brasilien«, sehr erfolgreich. Es hat zu einem intensiven Dialog mit der Aluminiumindustrie geführt und dazu beigetragen, dass Autofirmen forderten, die Umweltbelastungen dieses Metalls zu reduzieren.


Wir brauchen eine integrative Struktur des kirchlichen Entwicklungsdienstes

Der Wettkampf um Aufmerksamkeit in unserer Medienwelt ist härter geworden. Ein neues ökumenisches Dialogprogramm in Verbindung mit der GKKE könnte in Vernetzung aller Akteure größere Öffentlichkeitswirkung entfalten und auch die Gemeinden mit Aktionen und Kampagnen einbeziehen. Ohne sie gibt es keine Breitenwirkung. Der entwicklungspolitische Dialog muss raus aus seinem Schattendasein.

Bei Brot für die Welt als dem Entwicklungswerk der evangelischen Kirche nehmen 580 Mitarbeitende (im Jahr 2016) hoch spezialisierte Aufgaben in den verschiedenen Sparten des Entwicklungsdienstes wahr. Brot für die Welt muss sich wie andere humanitäre und kirchliche Unternehmen auch in Zukunft »smart« und »agil« aufstellen. Denn auch in der Entwicklungszusammenarbeit ist der Wettbewerb trotz üppiger Staatsmittel gewachsen. Start-Ups im Entwicklungsbereich können durch moderne Kommunikationstechnik, problemloses Reisen und künstliche Intelligenz auf unbürokratischere Art Entwicklungszusammenarbeit leisten. Sie sind nicht nur flexibel, sondern gut darin, künftige Entwicklungen vorauszusehen und sich darauf schnell einzustellen und auf die Vorstellungen der Partnerkirchen und -organisationen einzugehen.

Die alte Idee der Gemeinschaftsaufgabe KED könnte neue Akzente setzen, um regionale und lokale Aktivitäten stärker zu verbinden: Um mehr Gruppen regional und in Gemeinden einzubeziehen, sollten flexible und projektorientierte Einheiten entstehen! Auch projektorientierte Angebote könnten verstärkt werden, um neue Interessenten im ehrenamtlichen Bereich zu gewinnen. Die evangelische Kirche verfügt über ein beachtliches Potential, das gezielter als bisher Wirkung entfalten muss. Die Frage aber ist: Wie kann dies in die Praxis umgesetzt werden?


Entwicklungsbezogene Bildung ist unverzichtbar

Kernbereich einer Vernetzungsstruktur ist eine verstärkte entwicklungspolitische Bildungsarbeit. Schon seit der EKD-Synode in Bremen 1973 galt: Förderung der Entwicklungszusammenarbeit in Übersee und Wahrnehmung der öffentlichen entwicklungspolitischen Verantwortung sind zwei Seiten derselben Medaille! Diese Erkenntnis war auch zentral für die Entwicklungsdenkschrift.

Deshalb ist es nur konsequent gewesen, im Inland einen Ausschuss für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik (ABP) einzurichten. Von seiner ersten Sitzung am 7. Februar 1977 an hat dieser Ausschuss eine qualifizierte Förderung der entwicklungspolitischen Bildungs-, Informationsarbeit und der Publizistik aufgebaut. Sie hatte Pionierfunktion und wurde Vorbild für andere kirchliche und staatliche Bildungs- und Förderungsprogramme.

Der ABP in seinen verschiedenen Organisationsformen hat bis heute zum entwicklungspolitischen Engagement im Umfeld der evangelischen Kirchen beigetragen, so z.B. bei entwicklungspolitischen Initiativen wie das Informationszentrum Dritte Welt in Dortmund, der BUKO-Pharmakampagne, Aktion Dritte Welt Saar und dem fairen Handel. Zeitschriften wie epd-Entwicklungspolitik (später in »Welt-Sichten« aufgegangen) wurden befähigt, in Deutschland eine entwicklungspolitische Publizistik aufrechtzuerhalten.

Ohne Konflikte blieb dies nicht. Bei Themen wie Apartheid, Rüstungsexporten, Agrarfragen wie Zucker beklagten sich Vertreter der Industrie und der Agrarlobby bei den Kirchenleitungen, dass mit KED-Mitteln kritische entwicklungspolitische Arbeit gefördert würde. Dank überzeugender Argumente und eines großen Sympathisantenkreises geriet diese Förderung nie in ernsthaft in Gefahr. Unter dem Dach von Brot für die Welt wird diese Arbeit fortgeführt, um Verhaltensänderungen in der Gesellschaft zu erreichen und eine zukunftsfähige Entwicklung möglich zu machen.16 Doch auch hier reicht es nicht, mit dem Erreichten zufrieden zu sein.


Wie können wir dem Lernen von Weltverantwortung in unserer Kirche neue Impulse geben?

Partnerschaftsarbeit ist in manchen Gemeinden in die Jahre gekommen. Ehrenamtliche werden knapp. Was tun? Große Einrichtungen investieren viel Geld in Projekte mit Hauptamtlichen, die jüngere Menschen für Entwicklungsarbeit ansprechen sollen. Warum aber nicht das Netzwerk stärken, über das die evangelische Kirche verfügt? Ich greife zwei Beispiele heraus, die mir besonders einleuchten. Sie bauen auf positive Erfahrungen auf, die mit Flüchtlingsinitiativen in Kirchengemeinden gemacht worden sind, für die sich schnell Ehrenamtliche fanden. Warum sollte dies nicht mit entwicklungspolitischer Bildungsarbeit zu verknüpfen sein?

Beispiel 1: Um Kleinprojekte zu stärken, unterhält Brot für die Welt, ausgelöst durch die Arbeit des Evang. Entwicklungsdienstes, den Partnerschaftsprojektefonds (PPF). Mit diesem Programm wird kirchlichen Partnerschaftsgruppen in Deutschland finanzielle Unterstützung, Projektberatung und Qualifizierung angeboten – und das globale Lernen und Handeln von Partnerschaftsgruppen in Nord und Süd gefördert.

Der PPF stärkt damit das kontinuierliche und verbindliche Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit, sich für die Überwindung der Armut einzusetzen. Er regt die Vernetzung und Abstimmung der Projektarbeit zwischen verschiedenen Akteuren der kirchlichen Entwicklungsarbeit an (Landes- und Freikirchen, Brot für die Welt, Missionswerke, andere Partnerschaftsinitiativen, Aktionsgruppen). So wird z.B. gemeinsam mit CVJM und der St. Petrus-Kirchengemeinde Stederdorf in Burkina Faso ein Bildungsprojekt durchgeführt und durch Brot für die Welt fachlich unterstützt. Insgesamt konnten dem Partner auch 80 Wasserpumpen durch Spenden aus der Region zur Verfügung gestellt werden.

Beispiel 2: Die Stiftung Ökumenisches Lernen in Braunschweig – die landeskirchliche Stiftung vergibt Stipendien an junge Menschen im Alter von ca. 16 Jahren. Diese umfassen einen kleinen Stipendienbetrag und die Teilnahme an einem vierjährigen Studien- und Austauschprogramm, das Begegnungsfahrten und Wochenendseminare umfasst. Auch ein Auslandsaufenthalt mit Freiwilligendienst in einem Projekt einer der Partnerkirchen der Evang.-luth. Landeskirche in Braunschweig ist vorgesehen. Die Rückmeldungen der jungen Leute zeigen, dass die intensive Auseinandersetzung des Kursprogramms mit christlicher Weltverantwortung außerordentlich positiv wirkt. Etliche der jungen Leute streben einen Beruf im Zusammenhang mit Kirche an oder betätigen sich als Ehrenamtliche in der Organisation von Veranstaltungen. Dieses Stipendienprogramm wird von einem Gemeindepfarrer nebenamtlich in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen geleitet. Ein Ausbau wäre wünschenswert, da in der Regel nur ein Drittel der Bewerbungen für ein Stipendium berücksichtigt werden können.

Das sind nur »Mikro-Beispiele« für die Chancen stärkerer Vernetzung der Akteure für Weltverantwortung in der Kirche!


Konsequenz: KED braucht mehr Öffentlichkeit!

Brot für die Welt weist im Jahresbericht die Beträge aus Kirchensteuermitteln aus, die für Entwicklungsdienst eingesetzt werden. Aber wer liest schon im Jahresbericht den Finanzteil? Selbst manche Synodale haben Schwierigkeiten, die Positionen im Haushalt ihrer Kirche richtig zu deuten. Dass die evangelische Kirche um Spenden für Brot für die Welt wirbt, ist selbstverständlich. Ich frage mich aber: Warum werben unsere evangelischen Kirchen nicht intensiver mit ihren Leistungen für Entwicklungsdienst, die aus Kirchensteuermitteln erbracht werden? 80% derer, die Kirchensteuer zahlen, nehmen normale kirchliche Dienste wenig oder gar nicht in Anspruch. Warum sagt man denen nicht deutlicher und offensiver, was sie mit ihrer Kirchensteuer Gutes tun – unter anderem für die Weltverantwortung der Kirchen?

Mit den KED-Mitteln können gemeinsam mit den Spenden erhebliche staatliche Leistungen der Entwicklungszusammenarbeit eingeworben werden. Im Jahr 2016 waren es insgesamt 141 Mio. Euro.17 Seit 1962 sind damit Milliarden aus staatlichen Mitteln an die Kirchen zugunsten der Projektförderung in Ländern des globalen Südens geflossen. Mehr attraktive Angebote zu aktiver Beteiligung an entwicklungspolitischen Aktionen könnten nicht nur das Leben der Kirchengemeinden und Gruppen bereichern, sondern auch die Werke und Einrichtungen kirchlicher Entwicklungsarbeit sowie die Missionswerke mit »Basisbezug« versehen. Deshalb wäre eine intensivere Vernetzung der entwicklungspolitischen Akteure für alle Beteiligten geboten.18

Grund genug, die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit für KED zu intensivieren. Damit stört man die Werbung für Brot für die Welt nicht, sondern – im Gegenteil – man unterstützt sie. Synergien in der Hilfe für Notleidende werden von den Menschen sehr positiv beurteilt. Und vor allen Dingen: Wir müssen verstärkt die »Mehrsprachigkeit des Kirchlichen Entwicklungsdienstes«19 praktizieren. Wir müssen die Sprache der Politik beherrschen, um die Rechte und die Würde aller Menschen einzufordern. Aber wir müssen auch die Sprache des Glaubens und der Barmherzigkeit, die Sprache der Hoffnung sprechen. Sonst fehlt uns die Kraft, an einer Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit für unsere Kinder und Kindeskinder zu bauen.


Anmerkungen:

1 Mit »Kirchlicher Entwicklungsdienst« (groß geschrieben) ist speziell die institutionalisierte Form der Gemeinschaftsaufgabe KED gemeint, die nach wie vor von den evangelischen Landeskirchen aus ihren Haushalten finanziert wird. Mit »kirchlicher Entwicklungsdienst« werden die vielfältigen Ausprägungen der Entwicklungsarbeit in der evangelischen Kirche benannt.

2 Christian Röther, www.deutschlandfunk.de/weltkirchenkonferenz-1968-revolution-in-namen-jesu.886.de.html.

3 Siehe Webseite Oikocredit: https://www.oikocredit.de/ueber-uns/geschichte/geschichte.

4 Günter Linnenbrink, Der Entwicklungsdienst der Kirche, Hamburg 1999, 103.

5 Helmut Gollwitzer, Die reichen Christen und der arme Lazarus, München 1968. Das Buch ist die ausgearbeitete Version seines Referates auf der Synode in Spandau.

6 Ausführlich dazu: Klaus Wilkens, Kirchlicher Entwicklungsdienst, in: Theodor Schober/Hermann Kunst/Hans Thimme, Oekumene – Gemeinschaft einer dienenden Kirche, 1983.

7 Gütersloh 1973.

8 Warner Conring, Das Besondere am Kirchlichen Entwicklungsdienst – Argumente für eine innerkirchliche Verständigung über die Gemeinschaftsaufgabe KED, in: EKD – Mitteilungen aus Ökumene und Auslandsarbeit, hg. vom Kirchenamt der EKD, Ausgabe 1996, 80ff.

9 Günter Linnenbrink, Frieden und Gerechtigkeit – eine Bilanz über zehn Jahre, in: Oekumene – Gemeinschaft einer dienenden Kirche, a.a.O., 354.

10 Siehe auch EKD-Texte 125 »Kirche sein in einer globalisierten Welt«, 2015, 21.

11 Linnenbrink, Der Entwicklungsdienst der Kirche, a.a.O., 134.

12 Abhijit V. Banerjee/Esther Duflo: Poor Economics, München 2011, 48.

13 Handschriftliche Notiz von Wolfgang Huber.

14 Nach Sprüche 31,8.

15 FAZ: http://plus.faz.net/faz-plus/politik/2018-07-04/03f9065e3ab759960036758a3c3d8bd3/?GEPC=s5%204/4.

16 Vgl. Barbara Riek, Jubiläen, in: Förderbericht Inland 2016, Brot für die Welt, 15ff.

17 Siehe Jahresbericht Brot für die Welt 2016.

18 Vgl. auch die Empfehlungen von »Kirche sein in einer globalisierten Welt« (EKD-Texte 125).

19 Dietrich Werner/Christine Gühne, Arbeitspapier Brot für die Welt: Zum Mehrwert kirchlicher Entwicklungsarbeit – 14 Thesen zur Diskussion, These 12.

 

Über die Autorin / den Autor:

OKR i.R. Wilfried Steen, Jahrgang 1944, Studium der evangelischen Theologie in Heidelberg und Göttingen, Pfarramt in Braunschweig, Landesjugendpfarrer, Geschäftsführer des Kirchlichen Entwicklungsdienstes der EKD, Vorstand des Evang. Entwicklungsdienstes e.V. bis 2009.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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