Ein Diskussionsbeitrag zum Thema des diesjährigen Deutschen Pfarrertags »Religion und Gewalt« in Augsburg
Glaube und Gewalt

Von: Ingrid Schneider
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Die Ereignisse in Frankreich, die politische Lage im Nahen Osten, aber auch die politische Stimmung in unserem Land und in ganz Europa rufen derzeit eine Diskussion hervor über die Beziehung von Glaube und Gewalt. Da viele der Gewalttäter, zumindest wenn sie aus einem islamistischen Umfeld stammen, ihre Taten religiös begründen, steht insbesondere der Islam im Fokus, jedoch zunehmend auch alle anderen monotheistischen Religionen. Denn, auch das machen die Kommentare in diesen Tagen deutlich, alle monotheistischen Religionen haben im Laufe ihrer Geschichte eine Phase durchlaufen, in der die Nähe zur Gewalt mit Händen zu greifen war. Wie kann das sein, fühlen sie sich von ihrem Grundsatz her doch einem Gott verpflichtet, dessen Qualitäten auch Barmherzigkeit und Mitgefühl sind?


»Spiral Dynamics« – ein Erklärungskonzept

Um die Dynamiken, die wir derzeit erleben und die uns scheinbar überrollen, besser verstehen zu können, lohnt es sich, Anleihe beim Konzept eines Entwicklungspsychologen zu nehmen, der vor gut 40 Jahren hiermit an die Öffentlichkeit trat, welches jedoch weitgehend unbeachtet geblieben ist. Es handelt sich um das Konzept von Clare W. Graves, Professor für Psychologie. Er fand durch langjährige Studien heraus, dass menschliche Werte sich in Abhängigkeit von Lebensumfeldern entwickeln und sich, je nach Veränderung des Lebensumfeldes, auch die Wertemuster und damit die Handlungsmuster verändern. Das Konzept wird in Kürze »Spiral Dynamics« genannt.

Auf dem Hintergrund dieses Konzeptes nehmen wir folgendes wahr: Die Entstehungszeit des Monotheismus und der monotheistischen Religionen liegt in einer Zeit, in der das Recht des Stärkeren darüber bestimmte, wer überleben durfte. Klare ethische Normen, die verlässlich für alle galten, gab es noch nicht. So bestimmten in der Regel einzelne Menschen darüber, was sie als Recht verstanden, und setzten das auch ggfs. mit Gewalt durch. Andere, Schwächere, hatten sich dem unterzuordnen. Wir kennen das historisch als feudalistische Strukturen.

Die Entstehung einer Religion, die klares Recht benennt (in Form der 10 Gebote), das verlässlich für alle gilt und definiert, was richtig und falsch ist, war demgegenüber ein immenser Fortschritt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Nur, dass es zunächst eben leider ein Glaubenskonzept war und die Umsetzung diesem Glauben deutlich hinterher hinkte. Denn dass es ein verlässlich geltendes Recht geben könnte (was für uns kaum vorstellbar ist, dass es das nicht gibt), gehörte nicht zur Lebenserfahrung der Menschen.


Der Stärkere wird göttlich belohnt

Diesen zwei Entwicklungsstufen gingen schon zwei weitere voraus, welche wir als das Grundmuster des Überlebens in archaischen Zeiten beschreiben können und die tribalistische Zeit, in denen Clanchefs das Zusammenleben des Stammes prägten. Die ersten drei Entwicklungsstufen zeichnen sich dadurch aus, dass die Menschen keine innere moralische Instanz haben, die in Form eines Gewissens ihnen Grenzen setzt. Grenzen werden hier immer als von außen auferlegt erfahren. In diesen Grundwertemustern sind Glaube und Gewalt keine Widersprüche, sondern Möglichkeiten des Überlebens in einer bedrohlich empfundenen Welt, als einzelne oder für den Stamm. Passend zu solchen Lebenssituationen entwickelt sich ein Gottesbild in den Menschen, das die Stärke und Überlebensfähigkeit des Gottes und derer, die auf seiner Seite sind, betont.

In unserer westeuropäischen Welt liegen diese Entwicklungsstufen so weit zurück, dass wir uns an diese Weiterentwicklungen hin zu einem verbindlichen Rechtssystem nicht erinnern können als wirkliche Neuerungen. Sie werden überlagert von modernen Grundmustern in Werten und dem Lebensumfeld, worin wir verstandesorientiert strategisch die Welt gestalten, Entwicklung planen und voller Tatendrang nach neuen Erfindungen suchen, um das Leben angenehmer zu gestalten. Jedoch wohl wissend, dass es Grenzen der Menschlichkeit gibt. Leider scheint selbst das nicht mehr überall als kulturelles Wissen präsent zu sein. Der sog. Heuschreckenkapitalismus und andere, rein auf Gewinnmaximierung bedachte Weltanschauungen verabsolutieren ihre Sichtweisen und ordnen alles andere dem Materiellen unter.

Als Gegenreaktion auf diese Entwicklung konnten wir in den letzten 30 Jahren die postmoderne »grüne« Bewegung anwachsen sehen, eine Zeit, in der soziale Netzwerke, ökologisches Bewusstsein, Mitmenschlichkeit und allgemeine Menschenrechte mehr und mehr an Bedeutung gewannen.


Mehr im Blick als die eigene Sichtweise

Clare Graves beschrieb diese noch nicht als das Ende der Entwicklung, jedoch als eine Zäsur, folgt danach doch etwas grundsätzlich anderes. Verbindend für alle diese Lebensformen und Wertemuster ist nämlich, dass die Menschen, ihre Art zu leben, für die Lebensform halten, die richtig und angemessen ist, und sich nicht gut vorstellen können, dass andere Lebensweisen und Wertemuster ebenso wertvoll sind, weil sie ihren Beitrag zum Überleben im Alltag leisten. Die Gefahr des Fundamentalismus der eigenen Weltanschauung wohnt allen mehr oder weniger inne. Zudem ist die Angst ein wichtiger Trigger, um in uralte archaische Überlebensmuster zu geraten: Kampf oder Flucht, Angriff oder Rückzug, Regression oder Veränderung nach vorne hin zu mehr Komplexität.

Die Herausforderung, vor der wir gesellschaftlich stehen, liegt im nächsten Entwicklungsschritt: zu lernen, was die Menschen, bedingt durch ihre verschiedenen Lebenssituationen, brauchen, damit sie entspannt ihren Alltag meistern können. Denn erst dann wird es ihnen möglich sein, innerlich zu wachsen und zu reifen zu solchen verantwortungsvollen Menschen, die mehr im Blick haben als ihre eigene Sichtweise.

Dass das eine große Herausforderung ist, spüren wir immer mehr, denn die Bandbreite der Lebensbedingungen und damit auch der präferierten Lebensstile und Wertemuster unter Erwachsenen könnte in unserem Land kaum größer sein. Diese treffen in den Demonstrationen am Montagabend aufeinander, sie prallen in weiterführenden Schulen aufeinander, sie entladen sich in Rivalitäten zwischen Gangs oder in Fußballstadien, sie werden von mehr und mehr Jugendlichen als Überforderung der Orientierung erlebt. Am Erleben dieser Bandbreite wächst aber auch Unzufriedenheit, wächst Frust mit den jeweils vorhandenen Bedingungen, wächst unter denen, die materiell sowieso kaum etwas zu verlieren haben, auch die Bereitschaft, gewaltsam für Veränderung einzutreten.


Wenn das Heiligste verteidigt werden soll

Was bedeutet das alles für die Auseinandersetzung mit dem Thema »Glaube und Gewalt«? Wenn die Theorie der Entwicklungsstufen stimmt – und weltweit können wir sehen und erleben, dass sie menschliche Lebensformen und Veränderung sehr präzise beschreibt – dann entwickeln wir ein Verständnis dafür, dass Glaube und Gewalt eine Nähe zueinander aufweisen. Dies aber nicht, weil Glaube zur Gewalttätigkeit ermutigt, sondern weil in unserem Glauben Dinge angesprochen und berührt werden, die uns wichtig, oftmals sogar heilig sind. Das liegt in der Definition von Glauben, der im erweiterten Sinn beschrieben wird als »das, was uns im Innersten angeht« (Paul Tillich). Mit unserem Glauben verknüpfen wir Wertvorstellungen, mit unserem Glauben verbinden wir Lebensformen, mit unsern Glaubensvorstellungen (egal, wie sie geprägt sind) suchen wir einen Wert des eigenen Lebens. Wenn andere aber das in Frage stellen, kommt es sehr schnell zu Konflikten im zwischenmenschlichen Bereich.


Glaube und Gewalt gehen historisch zusammen

Glaube und Gewalt gehören also nicht per se zusammen, aber immer wieder im Laufe der Geschichte haben Menschen den Glauben als Legitimation genutzt, um gewaltsam gegen andere vorzugehen, insbesondere dann, wenn sie sich mit ihrem Glauben in Frage gestellt oder ihre Auslegung des Glaubens gefährdet sahen. Dieses Phänomen kennen wir aus der Geschichte des Judentums, des Christentums und des Islam.

Dies wird akut umso deutlicher, je mehr in der westlichen Welt die historische Bedingtheit der Heiligen Schriften betont und um eine zeitgemäße Auslegung dieser Texte gerungen wird. Wo dies unterbleibt und die wörtliche Auslegung ungeachtet der kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten festgeschrieben wird, müssen fast unüberbrückbare Konflikte auftauchen. Dann kommt es zum Kampf der Wertekulturen, die fast unweigerlich gewaltsam enden. Denn wer die wortwörtliche Auslegungsform absolut setzt, der wird auch andere Lebensformen nicht akzeptieren können, für den sind die Errungenschaften der modernen Zivilisation in Form von Menschlichkeit nicht erstrebenswert. Das ist ein Kampf, der derzeit mit großer Härte in vielen arabischen Ländern ausgefochten wird und im Zuge der Globalisierung nach Europa gelangt ist.



Glaube und Gewalt gehören nicht zusammen

Glaube und Gewalt – nein, sie gehören nicht zusammen. Und der Glaube an eine transzendente Macht darf auch keine Legitimation für Gewalt gegenüber anderen sein. Aber da wir Menschen unsere Vorstellungen des Lebens unbewusst eben (leider) auch auf unser Gottesbild übertragen, kommt es zu solchen Äußerungen, wie wir sie derzeit erleben: aufgeklärte Menschen, die ohne Respekt vor der Würde anderer Lebenseinstellungen sich über diese lustig machen in der Annahme, Freiheit der Meinungsäußerung rechtfertige alles; Menschen, die Gott benutzen, um ihre Ziele durchzusetzen, im Zweifel auch gewaltsam; Menschen, die für die eine richtige Sichtweise kämpfen und sich darin verhärten, dass es nur diese Sichtweise geben darf; Menschen, die per se Monotheismus mit Dogmatismus gleichsetzen und lieber alle Glaubensformen über Bord werfen als sich kritisch mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Es stimmt, die großen institutionellen Religionen haben im Laufe der Geschichte einiges dazu getan, dass es schnell zu solchen Engführungen kommen kann. Doch wahrzunehmen, dass es eben eine Projektion unserer eigenen Lebenserfahrungen ist, mit der wir auf den Glauben schauen, kann schon ein Beitrag zur differenzierten Wahrnehmung sein. Die Herausforderung liegt dann wohl darin, mit dieser differenzierten Haltung für Regeln einzutreten, die allen ein Recht auf Leben geben in unserer so klein gewordenen Welt.


Ingrid Schneider

 

Über die Autorin / den Autor:

Ingrid Schneider, Theologin und Mitarbeiterin des Center for Human Emergence, Düsseldorf.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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