28. Oktober 2018, Römer 7,14-25 (8,2)
22. Sonntag nach Trinitatis

Von: Antje Fetzer
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Was berührt an der soteriologisch angelegten Anthropologie des Paulus?

I

Röm. 7,14-25 ist aufgespannt zwischen sachlicher Selbstbeobachtung (»Ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich«, V. 15) und emphatischer Verzweiflung (»Ich elender Mensch! …«, V. 24). Dazwischen breitet Paulus seine Diatribe über das Hin- und Hergerissensein des Menschen zwischen Geist und Sünde aus. Eindringlich stellt er die Versklavung der menschlichen Natur unter die Sünde vor Augen. Dieser misslichen Lage kann niemand aus eigener Kraft entkommen, alles Nachdenken mündet in Verzweiflung. Nur von außen, von Christus her, ist Erlösung möglich.

Eine merkwürdig schwankende und verwirrende Rolle spielt Paulus’ Gebrauch des Wortes »Gesetz«. Einmal bezeichnet nomos das von Gott gegebene Gerüst des Lebens (V. 14), ein andermal eine bloß subjektiv wahrgenommene Gesetzmäßigkeit (V. 21). In der Gegenüberstellung von Sünde und Geist kann Paulus sogar vom »Gesetz der Sünde« sprechen (V. 23), so als ob Sünde und Regelverstoß nicht an sich etwas Unordentliches seien.

Parallel dazu überblendet der Apostel das griechische Menschenbild von Geist und Körper, das von Platon herkommend eine Hierarchie des Geistes über den Körper vorsieht, mit der jüdischen Tradition der Leib-Seele-Einheit (näfäsch). Wo diese Hintergründe nicht mitvollzogen werden, entsteht durch die Verwendung des Begriffes nomos mehr Verwirrung als Klarheit.


II

Zentrales Thema der Perikope ist der Zwiespalt des Menschen zwischen Geist und Sünde. In mehreren Schleifen intensiviert Paulus dieses Ringen, wobei er sich nicht streng an das von ihm favorisierte ganzheitliche Menschenbild hält. So deutet V. 23 eine größere Nähe des nous zum Gesetz Gottes an, obwohl laut V. 14 und 24 die Machtsphäre der sarx mitnichten nur den Körper, sondern alle Vermögen des Menschen betrifft. Das ganze Ich ist unter die Sünde versklavt, sein Wollen bleibt ihr gegenüber machtlos (V. 14-16).

Paulus nutzt also die Dichotomie des griechischen Menschenbilds, das innere Ringen des Menschen zu veranschaulichen. Dabei kann er jedoch nicht stehen bleiben, weil sonst nicht plausibel wird, warum es Erlösung braucht. Erst das vollkommene Ausgeliefertsein der »Leib-Seele-Einheit« an die Sünde macht die Befreiung von außen unverzichtbar: »Ich elender Mensch! …« Die Spannung steigt hier ins Unerträgliche. Inhaltlich drängt sie zur Auflösung in Kap. 8,1f, rhetorisch will diese jedoch nicht ganz überzeugen. Es bräuchte deutlich mehr Pathos, um V. 14-25 aufzufangen.


III

Kehren wir zurück zur Ausgangsfrage: Was interessiert, was berührt Menschen unserer Zeit, die Predigthörerinnen und -hörer, an diesem Text? Zwei Brennpunkte der hermeneutischen Ellipse zeichnen sich ab: Als Anknüpfungspunkt bei der menschlichen Erfahrung bietet sich das Hin- und Hergerissensein, die Inkonsistenz zwischen Wollen und Handeln an. Inhaltlich wird es um die schier unglaubliche Möglichkeit der Vergebung gehen müssen, die vom Text nur angerissen wird.

Bei der Vertiefung des Themas Vergebung zeigt sich die Stärke des ganzheitlichen Menschenbilds: Wo Leib und Seele sich in ihrer Einheit nach Erlösung sehnen, ist Vergebung nicht nur eine kleine Reparatur am Ego, sondern eine veritable Reanimation des ganzen Menschen.

Doch wie ist Vergebung möglich? Einzig durch die größere Liebe, die uns gibt, was wir selbst uns nicht geben können. Für gläubige Menschen, deren Selbstwertgefühl stark an der Gewissheit hängt, das Richtige zu tun, wird diese Erkenntnis nur schwer erträglich sein. Wer kann es aushalten, so abhängig zu sein, nicht selbst aktiv werden zu können! Die Predigt müsste hier ebenso behutsam wie unnachgiebig sein.


Lieder

EG 627, 1-4 (Württ.) »Ich werfe meine Fragen hinüber«
Gotteslob 909, 1-4 »Da wohnt ein Sehnen tief in uns«


Antje Fetzer

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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