Eine Standortbestimmung
Was stirbt in unseren Kirchen und was drängt ins Leben?

Von: Christina Bergmann
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Üblicherweise regieren Strukturentwürfe, Statistiken und Prognosen die Kirchenreformdebatten auf allen Ebenen. Für Christina Bergmann ist das nicht nur zu wenig, sondern auch aus theologischer Perspektive der völlig falsche Ansatz. Ausgehend von der österlichen Einsicht, dass Prozesse des Sterbens zwar schmerzhaft und traurig sind, aber keineswegs resignativ aufgefasst werden müssen, entwirft sie eine Vision von Kirche, die sich vor allem von Einsichten in die biblische Literatur sowie von der Lyrik Rilkes inspirieren lässt.*


Zu Beginn meines Synodalberichts zum Punkt »Vereinigung der Kirchenkreise« habe ich mich zuerst vertippt: »Vereinigung der Kirchenkrise«. Irgendwie gar nicht so verkehrt, dachte ich. Parallel zu unseren Mühen in den Projektgruppen, Regionaltreffen, Kreiskirchenamtsvereinigungsgottesdiensten und gemeinsamen Sitzungen lese ich in der »Westfalenpost« die Serie »Kirchensterben«. Vom Abriss der Kirchen bis hin zu Depots für ausgediente Heilige wird da berichtet. Wir versuchen den Spagat, Karfreitag und Ostern gleichzeitig zu »machen«. Meine Frage, die aus allen Aktionen des Struktur- und Projektbüros erwachsen ist, geht in die Richtung, was hinter und unter dem »Machen« ruht, trägt, birgt, wärmt, hält und liebt.


Lob des Niedergangs

Christian Lehnert schreibt: »Wie froh bin ich manchmal über das Schrumpfen, das Schwinden! Sage dann heimlich zu mir: Gelobt seien die Statistiken des Niedergangs! Der dunkle Schatten des Abschieds: Er bringt die Wahrheit des Christentums zur Geltung, die nicht in einer Gestalt liegt, nicht in einer Volkskirche, nicht in einer wie auch immer gebauten Institution, sondern in einer unsichtbaren Existenzform, die nicht quantitativ zu messen und nicht abgrenzbar ist, ein Sog und Sehnen, ein Wehen in eine andere Welt.«1 Denn mitten im Schwinden, so stellt er fest, erleben wir, dass es im vermeintlichen Totenfeld (Ez. 37) des Christentums sehr vital zugeht. »Wir erleben eine rasante Dynamik religiöser Transformationen, sie wird begleitet vom Knistergeräusch zerfallenden Schaums, welches von jeher der Grundklang aller christlichen Institutionalisierungen und Formgebungen war. Denn schon immer bildeten sich in Zeiten der Verhärtung und der inneren Ausdünnungen – der in sich verkrallten Statthalterschaft eines entzogenen Gottes in kirchlichen Strukturen und Ämtern und theologischen Mauerbauten – lebendige Gefühle von Ortlosigkeit und Unbehaustheit.«2 Hier jedoch, in der Ortlosigkeit der Verstörung, liegt der Ort überraschender Atembewegungen des Geistes. Es »knistert« eben. Da gilt es, still zu werden und genau zu hören, wahrzunehmen, was da knistert und klingt, denn in dieser knisternden Unabgeschlossenheit erst kann sich zeigen, was seit jeher das Christentum in all seiner Schönheit und Liebe »ausmacht« – also nicht, was wir »machen«, sondern was uns »ausmacht«, was wir sind: darum geht’s.


Eine Kirche, in der es knistert

Institutionelle Vorgaben und Strukturen sind das eine: der Rahmen. Das andere ist das, was darin knistern kann: der Inhalt, die Mitte, der Grund.

Im letzten Jahr hat die VELKD eine Pfarrstelle zum Gottesdienst ausgeschrieben. »Wie toll ist das denn?!«, dachte ich spontan. Und fing sogleich an, das Knistern eines Gottesdienstes zu belauschen, wie es lebendig werden kann, wenn sich das liturgische Gebein mit Fleisch und Sehnen überzieht. Aber was wurde erwartet? Eine Überarbeitung des Agendenwerks und der Perikopenordnung. So etwas bleibt vollkommen im »Rahmen«. Kann da noch Liebe, Freiheit, Weite und Tiefe knistern?! Wie heilsam berührend fand ich dagegen Christian Lehnert, der ja im Grunde so etwas wie eine – in meinen Worten – »Tiefenliturgie« entwickelt. Geht er doch die liturgischen Stücke durch und fragt, was »dahinter« und »darunter« ist, vom »Im Namen des Vaters« über Kyrie, ­Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei bis zum Segen.

Er geht in die Tiefe. Unsere Kirchen weichen vor Herausforderungen oft ins Äußerliche oder ins Oberflächliche aus. Wir setzen die Strukturen an die erste Stelle und fragen vielleicht gar nicht mehr nach der Vision, für die wir solche Strukturen benötigen. Auch nicht nach einer Strategie.

Die Frage nach Verwaltungsvereinigung, Fusion und Regionenbildung dient dem Sich-Ereignen des Knisterns. Das sollten wir nicht nur nicht vergessen, sondern in die Mitte rücken, aus der wir sind. Es geht – auch in den Strukturen – nicht um das Machen, sondern um das Sein. Um das, was uns ausmacht.

Rainer Maria Rilke, den ich so sehr liebe, weil er so nah am Ewigen ist, schreibt in einem Brief an Rudolf Bodländer vom 13. März 1922, was er sich von jungen Menschen erhofft, die seine Schriften lesen: »Vielmehr, dass sie in einer neuen Verträglichkeit das Gegebene, Zugemutete, unter Umständen Notwendige hinnähmen, vor ihm nicht nach auswärts, sondern ins Tiefere auswichen, dem Druck der Verhältnisse nicht so sehr widerstrebten, als vielmehr ihn ausnutzten, um durch ihn in eine dichtere, tiefere eigentümlichere Schicht der eigenen Natur eingesetzt zu werden.«3


Implodierende Kirchen

Nicht nach auswärts ausweichen, sondern in die Tiefe gehen. Das ist der Schutz gegen die »Implosion« von Kirche! Noch einmal Christian Lehnert (sechzigstes Blatt): »Implosion. – Die Kirchen in Europa fallen in sich zusammen wie Glasformen, die dem Außendruck nicht mehr standhalten Sie implodieren. Ihre innere Leere ist mit Händen zu greifen in jeden Gottesdienst: Wem gilt der Dienst? Wo ist der Gott? Der Knall dieser Implosion ist heilsam. Erlöst wird ein fragliches Gefäß von seiner Form. Am Punkt höchster Verdichtung im Sturz nach innen – will man dem Bild folgen – kehrt sich die Richtung um, und der Druck schlägt nun nach außen, ins Offene.«4

In die Tiefe gehen, nach innen, in die Mitte, auch in die Leere – das ist Mystik, die sich dann weder selbst erlöst noch verliert, sondern eine ungeahnte Kraft entfaltet, die eben nicht aus sich selbst kommt, sondern von woanders her: Aus dem Kraftfeld des liebenden Seins. Und von da aus drängt die Energie ins Offene.


Schwellensituation

Ulrike Wagner-Rau beschreibt dieses »Offene« in ihrem Buch »Auf der Schwelle. Das Pfarramt im Prozess kirchlichen Wandels«: »Mit der Transformation der Kirche gerät auch der Pfarrberuf in eine Schwellensituation: Vieles scheint noch zu sein, wie man es seit langem kennt, und vieles wird anders. Manche neuen Orientierungen werden sichtbar. Dazwischen gibt es Konflikte, Unsicherheit, Trauer, Chancen, kreative Freiräume. Der Übergang ist ein religionsoffener, potentiell spiritueller Ort, der fordert, nach dem zu suchen und zu fragen, was einen trägt und den Schritt ins Offene hinein ­wagen lässt.«5

Die »Schwelle« ist der Ort der Auflösung der Sicherheit. Hier werden der Mut und das Vertrauen gebraucht, die dazu verhelfen, vor der Erschütterung und dem Unbekannten nicht zurückzuweichen, sondern weiter zu gehen und die möglichen Schritte zu tun. Unterwegs ist es gut, sich daran zu erinnern, dass einem der Grund zu Mut und Vertrauen ins Zukünftige von vorne entgegenkommt. So verheißen es die Texte der Bibel.«6

Dazu aus den Briefen Rilkes an einen jungen Dichter: »Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.«7


Eine Theologie, die fragt

Das ist gut jüdisch. Eine Theologie, die fragt. Oft geht es im jüdischen Lehrhaus ja darum, die biblischen Texte als Antworten zu begreifen, die auf die dahinterliegenden Fragen (und Erfahrungen) abgeklopft werden. Auf welche Frage ist dieser Text eine Antwort? Abraham Heschel spricht hier – wunderschön! – von einer »Tiefentheologie«. Er sucht »vortheologisch« nach den Urfragen der Menschheit, auf die alle Religionen (!) ­eine Antwort versucht haben.8

So wird gerade nicht ins Äußerliche ausgewichen, sondern die Fragen und das Gegenwärtige ausgehalten und darin nach Tiefe gesucht. Zukunft wird nicht nur gemacht, sie kommt uns entgegen. Ein Konzept oder eine Konzeption ist ihrem Wortwesen nach eine »Empfängnis«, conceptio. Das Empfangen eines Entwurfes geschieht in der Tiefe. Sie fällt uns zu. Ereignet sich im Kairos. Es gilt zu hören, zu lauschen, offen zu werden, bereit zu sein, was Gott mit schenkt, in mich hineinlieben will.

Noch einmal Rainer Maria Rilke:

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;

daß du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
laß deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gieb dich, gieb nach,
er wird dich lieben und wiegen.

Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
daß dir das Leben gelinge,

breite dich wie ein Feierkleid

über die sinnenden Dinge.
9



Die Krankheit der Moderne


Ich möchte noch eine Weile bei Rilke bleiben, denn seine Zeit (1875-1926) war der unseren nicht unähnlich. Wittgenstein, Heidegger oder Benjamin suchten – wie Rilke – in der Zeit der Veränderung, des Niedergangs, des Wandels, des Untergehens nach Zeitlosem. Freud und Jung gingen in die psychischen Tiefen, Psychoanalyse und Tiefenpsychologie. Max Weber (1864-1920) wollte die Welt entzaubern. Rilke suchte hingegen die Wiederverzauberung der Welt.

Die Duineser Elegien sind Rilkes Schlussakkord. Elegie bedeutet »Klagegesang«. Rilkes Elegien klagen, aber nicht nur das. »Sie klagen über die Entfremdung des modernen Menschen von sich selbst, von der Natur, von der Einheit, aus der er herausgefallen ist. Sie beklagen die Moderne, die Anonymität der Städte, die Mechanik der modernen Arbeitswelt, die Beschleunigung des Lebens. Sie beklagen die Zweckrationalität, die Tatsache, dass der Mensch alles nach reduzierten Gesichtspunkten betrachtet – nach dem vordergründig kalkulierten Nutzen, sowohl ökonomisch als auch psychologisch, sogar sich selbst sehe der moderne Mensch so. Er instrumentalisiere und versklave sich selbst und werde daran krank, meinte Rilke. Aber die Elegien gehen auch Spuren nach, die noch sichtbar sind, Spuren einer Ganzheitlichkeit oder Einheit, die Rilke beim Kind, bei den Sterbenden oder jungen Toten, je nach Umständen auch bei Liebenden, vermutet, und bei einigen Tieren, dort aber unbewusst. […] Die Elegien besingen auch eine Haltung zur Wirklichkeit, die jenseits der Klage ein neues Verhältnis zu den Dingen abbildet, eine Verinnerlichung, eine Transformation vom Materiellen ins Geistige. Das ist die Bewusstseinshaltung, die er ersehnt und die in der Dichtung schon Gestalt gewinnen kann.«10 Da sind sie wie die Psalmen. »Du verwandelst meine Klagen in einen Reigen.« (Ps. 30,12)

Es geht um die »Vergeistigung« der endlichen Welt, in der diese ihre subtile, endgültige »zeitfreie Gestalt« findet, um die Integration von Tod und Leben als beiden Aspekten des einen Lebensprozesses. Im unendlichen Bezug besingt er die »Transformation« in einer neuen Geisteshaltung des Loslassens ins Offene.11 »Es ist der Versuch, die Spaltung von Immanenz und Transzendenz im Augenblick der Rühmung des Gegenwärtigen aufzuheben«.12


Das Leben im Hier und Dort

»Vergeistigung«, das Wort nach innen nehmen, es sich inkarnieren lassen, das ist mitnichten eine Weltflucht, sondern weist wieder zur Mystik. Und noch einmal: Nicht um ein vergeistigtes sich Zurückziehen aus der Welt geht es, sondern darum, im Einklang zu sein in und mit allen Gegensätzen, die ich in Gott aufgehoben weiß.

Das heißt auch, dass Transzendenz und Immanenz nicht »hier« oder »dort« – sondern »hier« und »dort« sind! Rilke sucht ja die Ganzheit, die Einheit. Rilke öffnet in seiner Poesie die Welt für die Transzendenz, das Hier für das Dort. Die hebräische Sprache veranschaulicht das sehr schön, finde ich: Es gibt in der hebräischen Grammatik eine Pluralform, den sog. »Dual«, also eine Zweiheit. Keinen Dualismus im entweder-oder, sondern in einer Einheit. Zum Beispiel: jedajim – die Hände; reglajim – die Füße, enajim – die Augen, schaddajim – die Brüste. Immer zwei. Das Leben nun, heißt hebräisch chajim – auch das Leben ist also ein Dual! Ich lebe im Hier und Dort. Sowohl als auch. Ich bin Bürgerin zweier Welten und das zugleich. Der Himmel heißt hebräisch schamajim – auch ein Dual. Übersetzt werden kann der Himmel mit dem Dual-Plural von scham – dort –; das heißt »zwei Dorte«. Das Zeiträumliche ist im Ewigen. Das Ewige geht ein in die Zeit. Es ist alles da, im Sein. Und in mir und in Gott. Da leuchtet sie auf: die Ganzheit, Einheit, das ewige Sein.


Das Sein Gottes und das Sein der Menschen

Jesus sagt von sich: »Ich und der Vater sind eins.« (Joh. 10,30) Er ist es, der hinter aller Entzweiung zwischen Gott und Mensch im Einen ist. »Ich bin« ist ja Gottes Name (Ex. 3,14). Und auch Jesus, der Sohn, sagt »ich bin«: »Ich bin das Brot des Lebens, ich bin die Tür, ich bin das Licht der Welt, ich bin der gute Hirte, ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, ich bin die Auferstehung und das Leben, ich bin der Weinstock, ich bin.« Er lebt und handelt aus dem Sein, aus Gott, der das Sein ist. Griechisch heißt »Sein« »ousia«. Jesus, »angeschlossen« an Gott, handelt »ex ousia«: aus dem Sein. Das Wort »exousia« aber wird mit »Vollmacht« übersetzt!

Der Gottesname im Tetragramm, JHWH, ist grammatisch eine Form von »sein«, hebräisch »howe«. In der hebräischen Sprache ist das zeitlos. Ich bin, der ich bin, der sich sein werde. Fügt man dem Hebräischen »howe«, Sein, den »Gottesbuchstaben« Alef hinzu, entsteht »ahawa« – und das ist das Wort für Liebe! Gott ist »Liebendes Sein«. Das ist unsere Mitte.

Bin ich in meinem »ich bin« angeschlossen an das göttliche »Ich bin«, dann entfaltet sich aus diesem Sein jene ungeahnte Kraft, die eben nicht aus sich selbst kommt, sondern von woanders her, eine Kraft, die aus der Implosion eine Explosion werden lassen kann, eine Dynamis, den Heiligen Geist, den Erneuerer, Tröster, Umwandler, die Geistkraft, die Verwandlerin, Kümmerin, Gebärerin. Neues Leben. Immer wieder. Hinaus ins Offene. Das Liebende Sein ist Mitte der Trinität – und wir werden mit hineingenommen, hineingeliebt, mit einbezogen.


Leere vor Gott

Das Loslassen ins Offene bedeutet dabei auch, dass der Blick nicht zielgerichtet oder ausgerichtet sein muss oder soll, sondern alles umschließend ins Offene oder Leere geht, eine Leerheit, die wiederum alles enthält.13 Wie der Blick ins leere Grab … Eine Leere, die alles enthält. Das Offene ist für mich das Österliche. Liebendes Sein, mich hineinnehmend, sich gegenseitig durchdringend, alles in allem. Statt einer Lehre von Gott eine Leere vor Gott.

Für Rilke ist dieses Offene der »Weltinnenraum«.

Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen,
aus jeder Wendung weht es her: Gedenk!
Ein Tag, an dem wir fremd vorübergingen,
entschließt im künftigen sich zum Geschenk.

Wer rechnet unseren Ertrag? Wer trennt
uns von den alten, den vergangnen Jahren?
Was haben wir seit Anbeginn erfahren,
als dass sich eins im anderen erkennt?

Als dass uns Gleichgültiges erwarmt?
O Haus, o Wiesenhang, o Abendlicht,
auf einmal bringst du’s beinah zum Gesicht
und stehst an uns, umarmend und umarmt.

Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
Durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

Ich sorge mich, und in mir steht das Haus.
Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.
Geliebter, der ich wurde: an mir ruht
der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus.
14

Und ein anderes, Bekannteres, sein Herbstgedicht:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
15


Besonders hier wird deutlich, wie Rilke das Dasein deutet. Er nimmt wahr, was ist, auch und gerade die Endlichkeit der Welt, und schaut doch dahinter und darunter. Und findet etwas, das alles hält – »umarmend und umarmt«. »Die Vergänglichkeit stürzt überall in ein tiefes Sein.«16 Darin öffnet er das Immanente für das Transzendente. Ist das nicht Urauftrag von Kirchen? Wir sind in der Mitte angelangt. Zusammen. Evangelisch, katholisch, jüdisch, philosophisch, poetisch. Das »Hier« ins »Dort« tragen und umgekehrt das »Dort« ins »Hier« wie ein Fährmann – und das Boot ist die Sprache. »Wir sind Bienen des Unsichtbaren«17, sagt Rilke. Was für ein Bild! Wir naschen am Nektar des Ewigen und tragen den himmlischen Honig in die Welt. (Oder machen wir klebrigen Sirup ­daraus?!)


Vision – Strategie – Strukturen

Zurück zum Anfang: Was stirbt in unseren Kirchen und was drängt ins Leben? In unserer Ökumene-Runde mit Dechanten, Gemeindereferenten, Abtei, Bergkloster und Evang. Kirchenkreis haben wir in der Fastenzeit vorösterlich genau danach gefragt. Neben den schon erwähnten Gedanken von Christian Lehnert haben wir weiter gesagt: In allen strukturellen Überlegungen bleibt die Frage nach der geistlichen Mitte, nach unserem Bild von Gott, nach Seinem Willen für unsere Kirche und deren Auftrag. Kirche nur nach strukturellen Gesichtspunkten zu verändern, greift zu kurz, wenn die Frage nach Gott, nach der Vision verloren geht. (Am Anfang, so können wir von der Wirtschaft lernen, steht die Vision, wo wir hinmöchten, oder besser: Wo Gott uns haben will. Daraus erwächst eine Strategie wie das erreicht werden kann. Und erst danach werden die Strukturen entwickelt, um das zu erreichen.) Wir gehen meist von den Strukturen aus und vergessen darüber, wozu es uns gibt. Wir werden zu unserer eigenen »Ersatzreligion«.

Zukunftsbilder von Kirche zu entwerfen, das können wir nur aus der Mitte, und nur zusammen. Weil die Mitte unseren beiden Konfessionen gemeinsam ist. Einige Bilder haben wir bei unserem letzten Ökumene-Treffen mit den drei Dekanaten im Hochsauerlandkreis, der Abtei Königsmünster, dem Bergkloster Bestwig und dem Evang. Kirchenkreis Arnsberg besprochen:


Kirche transformiert sich in ihrem Sterben

Ein Kloster wird »Lebensort« genannt. Zugleich auch »Andersort«. Das ist etwas anderes als ein »Überlebensort«. Jesus lebt, und er wirkt ganz anders als jede Statistik. Jesus lebt in unseren Herzen, und da führt er aus Verengungen in Weite und Freiheit. Im Vorwort seiner Mönchsregel fragt Benedikt: »Wer ist der Mensch, der das Leben liebt?« Es geht darum, das Leben zu lieben und darin den zu suchen, der Ursprung und Erfüllung des Lebens ist.« Die Frage steht am Anfang führt in die Mitte. Genau in diese Mitte führt auch das »Sterben« in den Kirchen – österlich gesehen müsste das Sterben der Kirchen eigentlich noch radikaler werden. In der Kraft des Auferstandenen wächst der Kirche Freiheit und Weite zu. Ostern wächst aus Karfreitag. Leben aus dem Tod. Kirche neu aus ihrem Sterben. Ein »Andersort« eben. Kirche transformiert sich in ihrem Sterben.


Aufbrüche sind aggressive Akte

Auf unserer Nordhalbkugel fällt Ostern in den Frühling. Im Frühling wird gepflügt. Das Pflügen (»pflüget ein Neues«) ist aber auch ein aggressiver Akt. Nicht nur Abbrüche und Umbrüche sind schmerzhaft, auch Aufbrüche: Die Erde wird aufgebrochen, aufgerissen, was zuunterst ist, nach oben gekehrt. Das tut weh. Wir sind in unseren Aufbrüchen auch Sterbebegleiter. Strukturen funktionieren nicht mehr, wie es z.B. die Pfarrgemeinderäte zeigen, die nicht mehr besetzt werden können.


Ausflüge in eine andere Welt des Christseins

»Wer glaubt, dass Kirchreformen Kirchen reformieren, der mag auch glauben, dass Zitronenfalter Zitronen falten.« Papst Franzskus sagt: »Die große Herausforderung unserer Zeit ist, den Menschen zu helfen, sich der Transzendenz zu öffnen.« Das meint auch, sich die Fähigkeit zu unmittelbarer Erfahrung zu bewahren. Die Welt ist Gottes voll – wo kann ich Gott darin erfahren? Die Erfahrungen des Heiligen braucht Deutekompetenz, die das, was ich erlebt habe, zu Lebensdeutung im Horizont des Glaubens werden lässt: »Das, was du erlebt hast, ist etwas Transzendentes.« Was not tut, sind »Ausflüge in eine andere Welt des Christseins«. Ein Sich-Öffnen der Transzendenz. Das neue Lauschen auf das »Knistern« auf dem vermeintlichen Totenfeld des Christentums.


Knistern auf dem vermeintlichen Totenfeld des Christentums

Wo »knistert« es bei uns und um uns? Ein paar Beispiele:


Schöpfungsspiritualität

Es geht um »Natur«, und in ihr um die Zwischenbereiche von innen und außen, von dem, was ich mit allen Sinnen erlebe und um die inneren Bilder, die unterwegs ins Erleben kommen. In allem stoße ich auf das »Geheimnis«, das, was die Welt im Innersten zusammenhält und mir meinen Platz darin anweist. Darin erfahre ich Natur als Schöpfung Gottes.

Wir leben in einer Verbundenheit des Seins, in einer »universalen Geschwisterlichkeit« mit allem Geschaffenen (Papst Franziskus), die darum weiß, dass alles aufeinander bezogen und miteinander verbunden ist zu einem großen Ganzen, das der Mensch nicht beherrscht, sondern von dem er selbst ein Teil ist. Schöpfungsspiritualität ist ein erfahrungsbezogener und sinnlicher Zugang zum Glauben, der versucht die Schöpfung als »Liebesbrief Gottes«18 (Ernesto Cardenal) zu lesen, ohne das Dunkle ausblenden zu müssen. Die Erde ist nicht Gott, aber sie ist voll von ihm, Ort seiner Gegenwart. Und sie ist uns anvertraut.


Spiritueller Sommer

Im Sauerland gibt es seit einigen Jahren das Angebot des »Spirituellen Sommers«, das von den Touristikerinnen und Touristikern ins Leben gerufen wurde und sich inzwischen zu einem Netzwerk »Wege zum Leben«19 ausgeformt hat. In diesem Netzwerk arbeiten die Touristikverbände, Gastronomie und Hotels, aber auch die Kirchen evangelischer und katholischer Konfession, die Klöster, Einkehrhäuser, die Moscheegemeinden, buddhistische Zentren und Einzelanbieter zusammen! Der Tourismus bietet das »Setting« und fragt bei den Kirchen und Religionen nach Inhalten! Das finde ich absolut großartig und bemerkenswert, nimmt es doch damit diese Seinsverbundenheit allen Lebens auf dem einen Planeten in den Blick und versucht in verschiedenen Angeboten, persönliche Sinnfindung erlebbar zu machen.

Gemeinsam ist allen, dass es in irgendeiner Weise um Sinnfindung geht. Es sind wohl die uralten Fragen der Menschheit: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Daseins im Hier und Jetzt? Was würde fehlen, wenn es mich nicht gäbe? Und wohin komme ich, wenn ich einmal gehe?

Die Suchbewegung wächst, und Antworten werden überall gesucht. Nicht mehr nur in den Kirchen. Manche Suchende machen leider sogar die Erfahrung, dass gerade in der Kirche die Bewahrung der Schöpfung, die Versöhnung mit der Natur, die Heimat, die der Kosmos schenken kann, eher mit Misstrauen beäugt wird. Da wird Esoterik gewittert, Selbsterlösung oder Neuheidentum. Zumindest wird sogleich darauf verwiesen, was »richtige« und »falsche« Spiritualität ist. Dem haftet immer noch der Hauch alter Inquisition an. Ich finde das tragisch. Deshalb möchte ich die Versuche, unmittelbare Erfahrungen mit Gott zu machen, auf jeden Fall wertschätzen und unterstützen, statt schon das Bedürfnis danach zu entwerten! Wenn Menschen das Weite suchen, suchen sie eben das Weite. Können wir sie da nicht unterstützen?


Offene Kirchen

Am Samstag ist Markt in der Neheimer Fußgängerzone vor der katholischen Johanniskirche. Die Menschen schlendern oder hasten durch die Stände und die Marktschreier preisen lauthals Waldecker Spargel und deutsche Erdbeeren an. Als die »richtige«, also die offene Tür der vielen Eingänge gefunden war, und man in die Kirche ging, da »geschah« etwas. Man geht von draußen nach drinnen und zugleich von außen nach innen und es ist plötzlich ganz still. Es ist nur eine Tür, deren Durchschreiten diesen Wechsel vollzieht. Kirche ist Raum im Raum, und die Zeit verliert ihren Schrittmacher. Ein weiteres Plädoyer für offene Kirchen.

Am Altar brennen die Kerzen. Die dunklen Glocken des »westfälischen Doms« erklingen und haben etwas »Machtvolles« und zugleich Ruhiges. Die Liturgie ist schlicht: Begrüßung, Lied, Psalm, Lesung, Kurzmeditation mit einer stillen Zeit, Fürbittengebet mit Gebetsruf, Lied und Segen. 20 Minuten für mich, für Gott. 20 Minuten ohne Hast und Lärm. 20 Minuten außerhalb von »für« und »ohne«, sondern einfach »Sein«. Eigentlich braucht’s gar keine Liturgie. Die Symbole wirken: Tür, Glocke, Kerzen, Stille.


Interdisziplinäre Horizonte

Aus einer anderen Weite heraus: Jedes Jahr ruft der Heiligenfelder Kongress Menschen zusammen, um sich zu einem fundamentalen Thema des Lebens auszutauschen, wie zum Beispiel in den letzten Jahren zu »Spiritualität im Leben«, »Bewusstsein«, »Wir«, »Burnout und Resilienz«, »Liebe« und dieses Jahr über das Thema »Kairos – Den Wandel gestalten«. Dr. Joachim Galuska schreibt in seinem Veranstaltungskommentar dazu: »Während wir in der chronologischen Zeit wie gefangen wirken und uns den Mächten und Kräften und all den Entwicklungen ausgeliefert fühlen, wird immer wieder ›Kairos‹ spürbar. ›Kairos‹ ist eine besondere Zeitqualität voller Möglichkeiten, in der wir die Gelegenheit haben, das Leben zu gestalten. Kairos ereignet sich in unserem persönlichen Leben, aber auch in unseren Beziehungen und in unserem gesellschaftlichen Leben.

Wir befinden uns in einer kritischen Zeit, einer unübersichtlichen Zeit, einer bedrohlichen Zeit. Aber es ist auch eine Zeit voller Potentiale, neuer Ideen und neuer Entwicklungen, eine Zeit von neuem und umfassenderen Bewusstsein.

Wandel geschieht und wenn wir die besondere Zeitqualität dieses Wandels vergegenwärtigen, dann können wir den Wandel mitgestalten. Doch wo wollen wir ansetzen? Welchen Werten und Prinzipien wollen wir folgen, wenn es um unser persönliches Leben oder die Welt geht? Was bedeutet es, den Wandel zu gestalten in Politik, Wirtschaft, Religion, Bildung, Medizin und Psychotherapie?«20

Hier knistert es für mich besonders, auch weil sich der Kontext interdisziplinär weitet!


Was stirbt in unseren Kirchen?

Institutionelle Selbstbeschäftigung, eine Kultur des Machens und der Beschleunigung, Festhalten und Beharren, das Ausweichen ins Äußerliche und Oberflächliche (Kirche ist wie eine Pizza: bunt und flach!), Volkskirche, Alleinvertretungsansprüche und Hierarchien, Attitüden und goldene Kälber, Anbetung der Götzen Geld, Haben, Macht, Anerkennung und Unersetzbarkeit, Dogmatismus, Fundamentalismus – und manch andere -ismen hoffentlich auch.

Rilke an Friedrich Westhoff (1904): »Man muss nie verzweifeln, wenn etwas verloren geht, ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück; es kommt alles noch herrlicher wieder. Was abfallen muss, fällt ab; was zu uns gehört, bleibt bei uns, denn es geht alles nach Gesetzen vor sich, die größer als unsere Einsicht sind und mit denen wir nur scheinbar im Widerspruch stehen. Man muss in sich selber leben und an das ganze Leben denken, an alle seine Millionen Möglichkeiten, Weiten und Zukünfte, denen gegenüber es nichts Vergangenes und Verlorenes gibt.«21


Was drängt ins Leben?

Staunen

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit (Ps. 111,10). Wieso eigentlich »Furcht«? Im Hebräischen kommen die Wortwurzeln von »sehen« und »erschauern« zusammen, und das kann man am besten übersetzen mit »staunen«. Ich zitiere aus Jesus Sirach 1,11ff und übersetze die Gottesfurcht mit »staunen über Gott«: »Das Staunen über Gott ist Ehre und Ruhm, Freude und eine schöne Krone. Das Staunen über Gott macht das Herz fröhlich und gibt Freude und Wonne und langes Leben. Das Staunen über Gott ist der Anfang der Weisheit und seinen Getreuen ist es in Herz gelegt. Das Staunen über Gott geht einher mit auserwählten Frauen (!), und man findet es bei den Gerechten und Gläubigen. Das Staunen über Gott ist der rechte Gottesdienst …«


Atmen

Enge und Weite hat mit dem Atem zu tun. Spiritualität ist das, was uns atmen lässt. Wir atmen im Atem. Und darin spüren wir Weite. Atmen ist Teilhabe am Atem, am großen Atem, dem Odem des Lebens. Atmen ist die Verwebung eines großen und zugleich subtilen Zusammenhangs aller Lebewesen einschließlich der Bäume und (Grün-)Pflanzen. Die Luft, die ich einatme, hat soeben ein anderes Wesen ausgeatmet und die Luft, die ich ausatme, geht in das große Luft-Kontinuum hinein, das von anderen Wesen eingeatmet wird. Hier ist das »Ganze« spürbar, das alles umschließt. Religionen lehren den Spürsinn für den Atem, üben ihn – auch die christliche. Hebräisch ruach heißt übersetzt »Geist«, »Wind«, »Atem«. Ich bin im Atem und ich atme und es atmet mich. Hier ereignet sich In-Spiration, hier ist das Energiefeld der »überraschenden Atembewegungen des Geistes«, die es knistern lassen.


Erfahrungen

Johann Baptist Metz: »Wir brauchen Menschen, die von ihren Erfahrungen mit Gott erzählen, damit die Kirche nicht an ihren eigenen Begriffen verhungert.« Den Glauben ins Erleben bringen, in die Erfahrung, unmittelbar – darum geht’s. Die Texte der Heiligen Schrift wollen nicht nur ausgelegt, sie wollen geliebt sein. Sie wollen nicht nur gelesen, sie wollen gelebt sein. Sie wollen nicht begriffen werden, sondern ergreifen.


Sinnlich

Die ignatianischen Exerzitien beginnen mit der Fundament- oder Schöpfungsphase, das heißt mit dem ganzheitlichen Erleben der Welt, deren Teil ich bin. Sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen – letztlich das Wecken der Herzvernunft. Christoph Quarch spricht vom »erotischen Beten« und vom »Flirten mit Gott«!


Unmittelbar

Mir ist Freiheit geschenkt, die Würde meines Gewissens, der Respekt vor meiner Meinung, die Freude an meinem Sein. Es geht um Freilegung, nicht um Belehrung. Ich darf meinem Herzen folgen, denn da hat Gott sich eingeschrieben. Ich muss mein Herz nicht formen lassen von Menschen, die meinen zu wissen, was Gott schreiben will. Nein, mein Herz sagt mir, was Gott geschrieben hat – und ich bin einer seiner Liebesbriefe in die Welt. Ich bin.

Gott verbündet sich direkt und unmittelbar mit meinem Innersten, mit meinem Herzen. Ich brauche keinen Mittler, niemand, der Bedingungen stellt, keinen Wächter. Ich brauche nur Vertrauen. Auch das Vertrauen in mich selbst, dass alles da ist, was mich einen guten Weg ins Leben gehen lässt. Gott hat mein Wandern auf sein Herz genommen.


Zweckfrei – ohne »um zu«

Sich austauschen, über der Heiligen Schrift sitzen und in sie eintauchen, Zusammenhänge entdecken, sprachverliebt sein – das ist die Freude an der Thora! Haben wir Hauptamtliche Zeit für Freude an der Thora? Sie drängt ins Leben, sie drängt uns ins ­Leben.


Andere Orte

Wir geben Kirchen auf und trennen uns von Steinen. Andere Orte bleiben. Wir haben sie nur noch nicht für uns entdeckt. Oder doch – wir sind dabei. Im Friseursalon, in der Fußgängerzone, an der Ruhrquelle und in den Sauerländer Wäldern, zu besonderen Zeiten, früh morgens, spät abends und bei Mondschein.


Immer neues Öffnen der Welt auf das Geheimnis Gottes hin

Reden über existenzielle Fragen und das in einer Sprache, die aus der Mitte fließt. Die Bilder der Bibel halten die Wirklichkeit für das Verborgene offen, ohne es festlegen zu können; sie entgrenzen sie zu »jener Welt, die unsichtbar sich um uns weitet« (Bonhoeffer). Solche Sprache führt ins Geheimnis Gottes und zugleich in jenes Geheimnis, das der Mensch in ihm immer schon ist. Das Geheimnis jedoch bleibt Geheimnis.

Papst Franziskus macht es vor. Er spricht über Barmherzigkeit oder über das Paradies – Begriffe, die in seinen Worten wieder lebendig und sättigend werden. Und Dag Hammarskjöld:

Gott stirbt nicht an dem Tag,
an dem wir nicht länger an eine persönliche Gottheit glauben,
aber wir sterben an dem Tag,
an dem das Leben für uns nicht länger
von dem stets wiedergeschenkten Glanz des Wunders
durchstrahlt wird,
von Lichtquellen jenseits aller Vernunft.


Mystik, Stille und Schweigen, Demut, Offenheit, Wertschätzung, Empfängnis, Präsenz, Kairos, Tiefe, Weite, Loslassen ins Offene …

Zukunft der Kirche geschieht immer JETZT. Im Augenblick, im Kairos, im Atemzug. Hier geschieht Inspiration. Zukunft der Kirche fließt aus der Achtsamkeit des Augenblicks, aus dem Erfassen einer Bewegung des Geistes, einem Impuls, aus dem Idee wächst. Es geht also weniger darum, neue Ideen zu suchen und zu erfinden, sondern zu hören und zu spüren, wo und wie sie sich gerade ereignen wollen. Das ist eigentlich revolutionär.

Wir sind entweder zu flüchtig, unachtsam und mit Oberflächlichem beschäftigt, oder aber wir verweilen einfach, haften am Vergangenen fest und wagen den Aufbruch nicht. Beides lähmt und hindert uns daran, uns auf ein organisches Mit-Wachsen mit den Kräften einzulassen, die den Kosmos bewegen und Leben ermöglichen.22 Diese Kräfte aber sind die Segenskräfte Gottes, die überraschenden Atembewegungen des Geistes, die Entdeckungen der Zusammenhänge der Heiligen Schrift, die Lichtquellen jenseits aller Vernunft, die Transzendenz in der Immanenz, die Spurensuche Gottes in der Welt (denn sie ist Gottes voll!), die Dynamiken der Begegnung, Inspiration, die Kräfte der Liebe, aus der wir ursprünglich SIND und in die wir wieder eingehen, die Kräfte Liebenden Seins.

Um mit diesen Kräften wieder und immer wieder neu in Kontakt zu kommen, hilft uns das eben Gesagte, das so revolutionär einfach ist: Staunen und atmen, spüren und erfahren, sinnlich und unmittelbar sein, zweckfrei und ohne um zu, offen für Gott, der um uns und in uns ist. Gott kommt von innen nach außen auf uns zu.


Anmerkungen:

* Vortrag bei der Dekanatspastoralkonferenz Hochsauerlandkreis Mitte, 6. Juni 2018.

1 Christian Lehnert: Der Gott in einer Nuß. Fliegende Blätter von Kult und Gebet. Berlin 2017, 166.

2 Ebd., 189.

3 Rilke, Rainer Maria: Hiersein ist herrlich. Gedichte, Erzählungen, Briefe. Ausgewählt von Vera Hauschild. Berlin 2010, 208.

4 Lehnert, 166f.

5 Ulrike Wagner-Rau: Auf der Schwelle. Das Pfarramt im Prozess kirchlichen Wandels. Stuttgart 2009, 32f.

6 Ebd., 135.

7 Rilke, Briefe an einen jungen Dichter. An Franz Xaver Kappus, 16. Juli 1903. In: Hiersein ist herrlich, 17.

8 Vgl. Abraham Joshua Heschel: Erneuerung des Protestantismus. Eine jüdische Stimme. In: Die ungesicherte Freiheit. Essays zur menschlichen Existenz (Information Judentum. Hg. Yehuda Aschkenasy u.a., Bd. 6) Neukirchen 1985, 143.

9 Rainer Maria Rilke: Die Gedichte. Frankfurt/M.-Leipzig 2006, 166.

10 Brück, Michael von: Weltinnenraum. Rainer Maria Rilkes »Duineser Elegien« in Resonanz mit dem Buddha. Freiburg - Basel - Wien 2015, 48f.

11 Vgl. ebd., 28.

12 Ebd., 29.

13 Vgl. ebd., 48.

14 Hiersein ist herrlich, 28.

15 Hiersein ist herrlich, 124.

16 An Witold Hulewicz, 1925. In: Hiersein ist herrlich, 165.

17 Ebd., 167.

18 Zit. bei Jürgen Moltmann, Schöpfung, 77: »In der ganzen Natur finden wir die Initialen Gottes, und alle erschaffenen Wesen sind Liebesbriefe Gottes an uns.«

19 Vgl. http://www.wege-zum-leben.com/wege-zum-leben/; http://www.sauerland-wanderdoerfer.de/Service/EFRE-Projekt-Sauerland.Inspiration.

20 http://www.dia-seminare.org/dia-partner/akademie-heiligenfeld/508-kongress-kairos-den-wandel-gestalten.html.

21 Hiersein ist herrlich, 108.

22 Vgl. Brück, 197f.

 

Über den Autor

Pfarrerin Christina Bergmann, Pfarrerin im Struktur- und Projektbüro des Evang. Kirchenkreises Arnsberg in Westfalen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

1 Kommentar zu diesem Artikel

31.10.2018
Ein Kommentar von Ds


Guut

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