4. November 2018, Römer 13,1-7
23. Sonntag nach Trinitatis

Von: Angela Rinn
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Auf die Perspektive kommt es an

Der nackte Kaiser

»Aber er hat nichts an!« ruft das kleine Kind. Tatsächlich: Der Kaiser ist nackt! Statt um seine Regierungsgeschäfte hatte sich der Herrscher mehr um seine Garderobe gekümmert und war prompt auf zwei Betrüger hereingefallen. Sein Volk hatte aus Angst mitgespielt. Erst das kleine Kind ermöglicht den Perspektivenwechsel.

Der Apostel Paulus handelt ein wenig wie das kleine Kind in Hans-Christian Andersens Märchen. Er entmythologisiert die Obrigkeit. Er entkleidet den Staat aller göttlichen Herrschaftstitel. Als theologische Größe wird der Staat nicht mehr ernst genommen. Die Aufgabe des Staates besteht nämlich nicht in Gottebenbildlichkeit, sondern darin, die Infrastruktur aufrechtzuerhalten und den sozialen Frieden zu sichern. Dafür braucht es natürlich Steuern, denn wovon sollen sonst Wasserleitungen und Straßen gebaut werden. Es ist aller Ehren wert, wenn ein Staat diese Aufgaben meistert – übrigens hatte sie der Kaiser im Märchen sträflich vernachlässigt und es deshalb wirklich verdient, als lächerliche Figur enttarnt zu werden. Sollte ein Staat tatsächlich gottähnliche Größe und Verehrung verlangen, hat er den Apostel gegen sich und keine Ehre, sondern Widerstand verdient. Diese Haltung des Paulus war zu seiner Zeit nun wirklich mutig. Die Entmythologisierung des römischen Kaisers und des Imperium Romanum konnte den Kopf kosten – tatsächlich ist Paulus ja auch nicht friedlich im Bett gestorben.


Lob der Demokratie

In Zeiten, in denen Menschen sich in ehrabschneidender Weise über die vom Volk gewählte Kanzlerin einer Demokratie äußern, ohne sich vor Strafverfolgung zu fürchten – ja ohne dass ihnen überhaupt auffällt, das sich so etwas nicht gehört –, wird es neu darum gehen, das »Ehre wem Ehre gebührt« hervorzuheben. Die Demokratie, die wir genießen, die Gewaltenteilung, die Exekutive, Legislative und Jurisdiktion trennt und nicht dem gesunden Volksempfinden das Schwert in die Hand drückt, ist nicht hoch genug zu schätzen und zu würdigen. Das ist allemal besser als Faustrecht oder Anarchie.

Mag sein, ich würde mir manchmal ein anderes Urteil eines Gerichts wünschen – ich bin Gott sehr dankbar dafür, dass ich in einer Demokratie leben darf und nicht den Willkürentscheidungen machtgieriger Potentaten ausgeliefert bin, die nach Belieben Richter ein- und absetzen und verhaften lassen, wen sie wollen. Meinetwegen sollen sich auch andere Länder Könige und Prinzessinnen leisten, über deren Garderobe die Klatschpresse dann ausführlich berichten kann. Mir reichen gut und gerne unsere meistens bieder in Anzug und Kostüm gekleideten Volksvertreterinnen und Volksvertreter und eine glücklicherweise strapazierfähige Demokratie. Mich ärgern allerdings sehr die Leute, die die Vorteile dieser Demokratie genießen, ihre Steuern aber nicht zahlen wollen und lieber den ersten Wohnsitz in der Schweiz oder Monaco haben. Schulen und Brücken finanzieren sich eben nicht von Luft und Liebe. Wie schade, dass sich die steuerflüchtigen Superreichen wahrscheinlich nicht von Röm. 13,5-7 beeindrucken lassen. Mich freut daher jede CD mit Adressen, die beim Finanzamt landet.


Vorläufig, aber notwendig

Es ist peinlich, wie sich manche Kirchenvertreter nach dem »3. Reich« auf Röm. 13,1-7 berufen und herausgeredet haben. Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jh. scheint aber ein Perspektivenwechsel nötig. Der Widerstand sollte nicht dem Staat, sondern denen gelten, die seine Ehre missachten.

Wie schade, dass dieser gehaltvolle Text so selten die Chance hat, gepredigt zu werden. Seine Einordnung in das Ende des Kirchenjahres erscheint mir jedoch passend, denn auch Paulus argumentiert eschatologisch. Der Staat ist eine vorläufige, wenn auch notwendige Größe. Die jeweilige politische Situation fordert die Predigerin und den Prediger immer wieder neu heraus. Hätte es im Jahr 2000 einen 23. So. nach Trinitatis gegeben, hätte die Predigt sicher andere Perspektiven eingenommen als heute. Wenn ich es richtig sehe, wird Röm. 13,1-7 erst 2032 wieder auf der Agenda stehen – mit der Revision ist er in der Reihe VI gelandet. Dann sind die Konfirmandinnen und Konfirmanden von heute erwachsen und haben – hoffentlich – nicht die Aufgabe, über die Notwendigkeit eines Widerstands gegen einen Staat nachzudenken, der sich selbst gottähnliche Verehrung anmaßt.


Lieder

EG 150 »Jerusalem, du hochgebaute Stadt«
EG 428 »Komm in unsre stolze Welt«
EG 421 »Verleih uns Frieden«


Angela Rinn

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

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