18. November 2018, Offenbarung 2,8-11
Vorletzter Sonntag des ­Kirchenjahres (Volkstrauertag)

Von: Tabea Rösler
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»Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben«

Volkstrauertag

Das Kirchenjahr geht seinem Ende entgegen. Viele Menschen besuchen die Gräber ihrer Verstorbenen. Die dunkle Jahreszeit erinnert uns daran, dass alles Leben endlich ist und wir selbst einmal sterben müssen. Der Leitsatz aus Offb. 2,10b (s.o.) wird den Predigthörer*innen vertraut sein und ruft Erinnerungen wach.


Historische Situation

Der Seher Johannes schreibt diese Worte am Ende des 1. Jh. an die christliche Gemeinde von Smyrna, dem heutigen türkischen Izmir. Der Kaiserkult für den göttlich verehrten römischen Kaiser floriert. Die Christen verweigern die Teilnahme an den Kaiseropfern. Dies führt zu blutigen Konflikten mit der römischen Obrigkeit. Johannes weiß um das Leiden seiner Glaubensgenossen. Er kennt ihre Glaubensstärke und ermutigt sie zur Nachfolge Christi. Selbst wenn der »Teufel« ihnen das Leben nimmt (V. 10a), werden sie die »Krone des Lebens« ererben.


Denkmäler für die Gefallenen der Weltkriege

Treue zu Jesus Christus und Gehorsam der Soldaten zu ihrem Führer galten in Kriegen als ein- und dasselbe. Kirche und Politik erkennen inzwischen ihre Verwechslung von Gottes- und Führerglauben als Irrtum an. So dass wir den Volkstrauertag heute als Friedensgottesdienst feiern und uns unsere Verantwortung für Kirche, Politik und Gesellschaft neu bewusst machen.


Geleitwort bei Beerdigungen

Der o.g. Bibelvers begegnet uns am ehesten im seelsorglichen Kontext. Ältere Menschen dürften sich daran erinnern, dass verstorbene Familienmitglieder mit diesen Worten vom Pastor ausgesegnet und bestattet wurden. Das Bild von der »Krone« oder dem »Siegeskranz des Lebens« ist uns heute allerdings eher emotional fremd.


Konfirmationsspruch

In der Generation mittleren Alters wurde der Satz häufig als Konfirmationsspruch verwendet, in meinem Jahrgang allein dreimal. Unser Pastor ordnete uns den Spruch zu. Der Spruch hat für mich heute keine tragende Bedeutung. Allerdings freue ich mich, dass mein Vater, der auch Pastor war, bereits denselben Spruch hatte, den ihm wiederum mein Opa »vererbt« hatte. Hier wird ein Stück Familientradition weitergetragen, die mir wertvoll ist.


Wo stehen wir heute, in unserer Kirchengemeinde, in unserer Ortschaft?

Da der Volkstrauertagsgottesdienst von traditionell geprägten Gottesdienstbesuchern gefeiert wird, gehe ich davon aus, dass obiger Gang durch die Geschichte von Interesse ist. Die enge Verquickung von Religion und Politik, die das Bibelwort durchzieht, stößt uns zudem auf die Kernfrage des Volkstrauertages: Wie sind wir heute Christus treu, der seine Feinde liebte?


Gelebte Integration

Ich empfehle, in der Predigt auf Projekte vor Ort zu schauen. Ich denke an unsere neuen Mitbürger*innen, die aus der ganzen Welt zu uns gekommen sind. Anfangsängste haben sich vielfach gelegt. Wir erkennen bereits die Früchte gelebter Integration, welche beide Partner ergreift und bereichert. Allerdings gibt es auch geflüchtete Menschen, die um den Verlust ihrer Identität fürchten. Sie wollen nicht unserer schnell getakteten, z.T. religiös entleerten und politisch fehlgesteuerten Gesellschaft einverleibt werden. Sie setzen auf gelebte Tradition, aktives Gebet und konkrete Nächstenliebe. Sich mit diesen Mitmenschen zu unterhalten und von ihnen gedanklich und geistlich herausfordern zu lassen, tut uns allen gut.


Gottes Engel an unserer Seite

Gottes Geist in Gestalt seines Engels (V. 1) berührt uns im Wort und durch seine seelsorglich-emotionale Nähe. Johannes schreibt einen Trostbrief durch den Mund eines Engels. Wie stelle ich mir den Engel einer Gemeinde vor? Haben auch wir in unserer Kirchengemeinde, in unserer Ortschaft einen solchen Engel? Was bei uns geschieht, interessiert und bewegt Gott. Ob eine Gemeinde unter Verfolgung leidet, wie viele Gemeinden, aus denen die geflüchteten Menschen zu uns gekommen sind; ob eine Ortschaft lebendig ist und das Miteinander den Menschen wertvoll; oder ob Landschaften brach liegen und der Mut zur Innovation der Vergangenheit angehört. So verschiedenen die Gemeinden und Ortschaften sind, so verschieden sind auch ihre Engel.


Tabea Rösler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

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