Böses Erwachen

Von: Peter Haigis
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Vor 80 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Jüdische Geschäfte wurden geplündert und Juden in ihren Häusern und Wohnungen überfallen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November waren nationalsozialistische Kampfverbände von SA und SS mit härtester Brutalität in Geschäfte, Einrichtungen und Wohnungen jüdischer Mitbürger eingedrungen.

Vor zehn Jahren habe ich an dieser Stelle mit Augenzeugenberichten eines der Opfer eröffnet und den jüdischen Ingenieur Hans Berger aus Wiesbaden zitiert. Berger, der am Morgen des 10. November nichts ahnend in sein Büro fuhr und dabei an der brennenden Synagoge vorbeikam, erfuhr erst an seinem Arbeitsort von den gewaltsamen Übergriffen der zurückliegenden Nacht. Einen Tag später wurde er selbst in seinem Büro festgenommen und in ein Wiesbadener Gefängnis gebracht. Er berichtete später darüber: »Im Lauf des Nachmittags füllte sich die Zelle, bis wir schließlich eng gedrängt standen, etwa 35 Mann in einer engen Zelle. Ein Bekannter, den ich in der Zelle traf, erzählte, dass nicht nur die jüdischen Geschäfte, sondern auch viele Wohnungen in schrecklichster Weise demoliert worden seien. Man hatte die Möbel mit der Axt zu Kleinholz zerschlagen, Vorhänge und Bilder zerschnitten, ebenso Wäsche und Bettzeug. In keiner Wohnung war mehr ein Stück heil.«

Der Sachschaden ging damals in die Millionen. Doch es war keineswegs nur die Gewalt gegen Sachen, in der sich die hasserfüllte und propagandagetränkte Zerstörungswut paramilitärischer Schlägertrupps austobte – unter den duldsamen Augen einer schweigenden Mehrheit der Bevölkerung übrigens. Und schon dies wäre abscheulich genug! Doch wurden in jener Nacht auch 91 Juden im Auftrag des Staates ermordet und Tausende misshandelt. Berger hat seine Erinnerungen an jene Schreckensnacht später niedergeschrieben – um die grausamen Geschehnisse dem Vergessen zu entreißen, nachfolgenden Generationen zur Mahnung.

Aber wie gestaltet sich angemessenes Gedenken? – so habe ich vor zehn Jahren in meinem Editorial gefragt und auf zwei Beispiele nicht ganz geglückter Ansätze zur Vergangenheitsbewältigung verwiesen. Heute würde ich so nicht mehr dazu Stellung beziehen. Zu sehr haben sich die Zeiten seither gewandelt. Die Frage, wie angemessenes Gedenken zu gestalten ist, stellt sich aktuell nicht – jedenfalls nicht vorrangig. In unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Situation geht es nicht ums Erinnern, sondern ums Verstehen. Es stellt sich die Frage, ob und was wir aus vergangener Geschichte zu lernen bereit sind.

In einem geopolitischen Umfeld, das von äußerst besorgniserregenden Tendenzen ins rechtsextreme politische Lager gekennzeichnet ist, müssen wir nicht mehr darüber diskutieren, wie viel Wertkonservativismus und Heimatverbundenheit unserem Land gut tun. Wir müssen darüber reden, ob wir in einer demokratischen Gesellschaft leben wollen, die unterschiedliche politische Interessen und Positionen in klar geregelten rechtlichen Grenzen austrägt, Vielfalt nicht nur zulässt, sondern fördert und Minderheiten schützt – auf dem Boden eines Grundgesetzes, das sich 70 Jahre bewährt hat. Wir müssen darüber reden, in welchem Stil wir Meinungsverschiedenheiten, die in einer komplexen Gesellschaft selbstverständlich sind, austragen wollen und in welcher Form wir Respekt gegenüber unserem politischen Gegner bezeugen. Was wir nicht brauchen, sind polarisierende Scharfmacher und Tabubrüche, die schick sein sollen, weil sie ein bestimmtes politisches commitment verletzen.

Die Reichspogromnacht ist kein Thema der Vergangenheit. Der Anschlag auf die Synagoge in Pittsburgh zeigt an, wo wir heute politisch stehen. Es ist zu einfach, dies als Tat eines einzelnen Rechtsradikalen abzutun. Das politische Klima ist durch die Hassrhetorik des amerikanischen Präsidenten längst vergiftet. Und es ist vergiftet auch hierzulande, solange Abgeordnete mit antisemitischer Gesinnung in Parlamenten sitzen bzw. ohne erkennbare Konsequenzen rassistische Reden halten dürfen. Wenn uns die Erinnerung an die Reichspogromnacht etwas lehren kann, dann dies, dass Vorurteile, Feindschaft und Hassparolen gegenüber Minderheiten enden müssen. Dagegen gilt es aufzustehen – jetzt!


Peter Haigis 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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