Dem deutschlandweiten Pfarrer-Bashing energisch widersprechen

Von: Susanne Breit-Keßler
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Zum Bayerischen Festabend beim diesjährigen 75. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Augsburg am 18. September 2018 hat Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ein Grußwort gehalten. Ihr nachdrücklicher Einsatz für den »schönsten und freiheitlichsten Beruf der Welt« legt es nahe, ihre Grußadresse nachstehend zu dokumentieren.*


Liebe Schwestern und Brüder,

eine junge Frau, gerade einmal 30 Jahre alt, sitzt auf einer Schaukel und genießt den Augenblick. Das Schwingen des Körpers nach vorn und nach hinten, die Schwerelosigkeit, die Erinnerung an die glücklichen und ausgelassenen Tage der Kindheit. Übermütig flattert ihr Tuch im Wind. Glück.

»Dann ließ sie die Schaukel wieder langsam gehen und sprang herab und nahm wieder Niemeyers Arm. ›Effi, du bist noch immer, wie du früher warst.‹

Nein. Ich wollte, es wäre so. Aber es liegt ganz zurück, und ich hab’ es nur noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schön es war, und wie mir die Luft wohltat; mir war, als flög’ ich in den Himmel. Ob ich wohl hinein­komme? Sagen Sie mir’s, lieber Freund, Sie müssen es wissen. Bitte, bitte …‹ Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hände und gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte: ›Ja, Effi, du wirst.‹«

»Ja, Effi, du wirst.« – In nur vier Worten öffnet der alte Mann der jungen Frau den Himmel, schenkt ihr Trost und die Gewissheit, dass Gott sie bei sich haben will. Sie haben die Szene vielleicht erkannt. Die junge Frau ist Effi Briest. Todkrank ist sie, am Ende des Romans wird sie sterben. Mit ihren 30 Jahren schaut sie zurück auf ein Leben, das seine Bahn verloren hat, zerbrochen an den Konventionen der bürgerlichen Moral des wilhelminischen Zeitalters.

Effi heiratete auf Druck ihrer Mutter als 17-Jährige einen 21 Jahre älteren Mann. Der vernachlässigte seine Frau, die an ihrem hinterpommerschen Wohnsitz immer einsamer wurde. Effi ließ sich auf ein Techtelmechtel mit einem leichtfüßigen Offizier ein, das ein Ende fand, als die Familie nach Berlin zog. Jahre später erfuhr Baron von Innstetten von der Affäre, tötete im Duell den Ex-Liebhaber und ließ sich von seiner Frau scheiden – wohlwissend, dass er damit ihr wie sein Leben zerstörte.

Geächtet darf Effi erst, als sie todkrank ist, in ihr Elternhaus zurückkehren. Dort trifft sie den alten Pfarrer Niemeyer wieder. Dieser Pfarrer schafft es, alle bürgerliche Konvention zur Seite zu schieben. Er sieht die Not der Seele, die drängende Angst in der Frage: Ob ich wohl in den Himmel komme? Und beantwortet sie auf die einzige Art und Weise, die einem Pfarrer in einer solchen Situation zukommt: »Ja, Effi, du wirst.«

Das Evangelium für die junge Frau in einem einzigen Satz, in nur vier Worten, in einer Geste der Annahme. Theodor Fontane beschreibt mit dieser Szene gelungene Seelsorge. Seelsorge, die auch Sie, liebe Kolleg*innen, den Menschen zukommen lassen, die Gott Ihnen anvertraut. Egal, in welchen Kontexten Sie arbeiten, ob Sie in einer Gemeinde, als Klinikseelsorgerin oder in einem anderen überparochialen Dienst tätig sind.

Diese Seelsorge braucht unsere Gesellschaft auch heute noch. Bürgerliche Konventionen mögen überwunden sein. Die Not der Seelen ist es nicht. »Unter jedem Dach ein Ach.« Wer genau hinschaut, wer – wie wir – Einblick bekommt in das Leben der Menschen, der stellt mit Erschrecken fest, wie nah dieses Wortspiel an die Lebenswirklichkeit herankommt. Gelingende Seelsorge ist dabei nicht so einfach, wie es bei Theodor Fontane scheint.

In Distanz zu mir selbst zu treten, um dem Anderen Raum zu geben, die richtigen Worte zu finden, das Evangelium im Leben der Leute zum Leuchten zu bringen, die vielen Lebensgeschichten zu hören und im Herzen mit nach Hause zu nehmen, ist eine Herausforderung. Das Gebet zu Jesus Christus und Gottvater hilft uns. Voraussetzung ist aber auch eine gründliche und jahrelange Ausbildung in Studium und Praxis.

Nun ist die Seelsorge ja aber nur ein Bereich unseres vielfältigen Berufs. Jede und jeder von Ihnen ist zugleich Prediger, Lehrerin, diakonischer Helfer, Projektmanagerin, Verwaltungskraft usw. Ohne Sie und Ihr Engagement wäre Kirche schlicht nicht denkbar. Es ist an der Zeit, wieder einmal dem deutschlandweiten Pfarrer-Bashing energisch zu widersprechen. Pfarrersein ist ein akademischer Beruf, den eben nicht jeder erlernen oder ausüben kann.

Drei Sprachen werden neben der Muttersprache verlangt. Wir sollen und müssen umfassend sprachlich versiert sein, kommunikativ, teamfähig, integrativ, vertraut mit der Öffentlichkeit, politisch bedacht. Wir haben weithin Residenzpflicht zu wahren, uns meistens abzumelden, wenn wir Wochenenden woanders verbringen und immer für eine Vertretung zu sorgen. Unsere Familien werden mit in Haftung genommen für unseren Beruf.

Unser Leben, das berufliche und das private, steht unter Beobachtung. Wir sind öffentliche Person, Menschen von hohem Interesse für andere. Höchste Erwartungen werden auf uns gesetzt, erhebliche Ansprüche an uns gerichtet. Das ist verständlich und nachvollziehbar. Ich selbst finde es sogar richtig. Es entspricht der hohen Qualität der Aufgabe, die uns von der Kirche im Auftrag Gottes anvertraut ist. Und deswegen bin ich es sehr, sehr leid, dass innerkirchlich dagegen polemisiert wird: Wir hätten zu viele Privilegien.

Nein, das haben wir nicht. Wir geben unser Leben für diesen Beruf – oft genug ist das wörtlich zu nehmen. Unser Herz schlägt für das Wort Gottes – manchmal gerät es dabei außer Takt. Wir sitzen und hocken – die Bandscheiben melden sich. Auf der anderen Seite haben wir den schönsten und freiheitlichsten Beruf der Welt. Wir wissen das. Aber ich habe keine Lust, mir innerkirchlich anzuhören, was wir für vermeintliche Ansprüche stellen.

Denn in der Gesellschaft werden wir nach wie vor hochgeschätzt, auch wenn europaweit ein Bedeutungsverlust unseres Berufstandes zu verzeichnen ist. Dennoch: Pfarrer*innen wollen und sollen innerhalb ihrer eigenen Kirche geachtet und respektiert werden für das, was sie in ihren Arbeitsfeldern leisten. So, wie wir selbst die anderen Berufsgruppen für das hochschätzen, was sie mit ihrem jeweiligen Profil Großes tun. Wie wir dankbar sind für die Ehrenamtlichen, die mit ihren Charismen genauso Teil des Leibes Christi sind.

In Bayern beraten wir gerade wie in anderen Landeskirchen, wie wir die Versorgung der kirchlichen Beamtinnen und Beamten, mithin also auch die von weiten Teilen der Pfarrerschaft, für die Zukunft sichern können. Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, dass die Leistung der Pfarrer*innen dabei im Blick behalten und anerkannt wird. Denn ich möchte, dass auch weiterhin Menschen in seelischer Not auf ihre Frage »Werde ich in den Himmel kommen, Frau Pfarrerin, Herr Pfarrer?« die tröstliche und von Glaubensgewissheit getragene Antwort erhalten: »Ja, Kind Gottes, du wirst.«


Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler


Anmerkung:

* Übernahme aus dem Bayerischen Korrespondenzblatt, Oktober 2018. Von Martin Nicol, Grundwissen Praktische Theologie, Stuttgart 2000, 99f, habe ich die Anregung für den Einstieg mit Effi Briest bekommen.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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